Ehrlich gestellt.
Unsere Tochter ist vor Kurzem 3 Jahre alt geworden. Sie ist schon immer ein absolutes Mama-Kind und weist den Papa teilweise sehr stark zurück. Für den Papa ist es schon immer sehr verletzend und auch für mich als Mama sehr schwierig, da ich nicht immer alles machen kann und sie dann entsprechend auch abweisen muss.
Nun haben wir seit 6 Monaten ein weiteres Familienmitglied, Tinas kleinen Bruder. Tina liebt ihn sehr und hat ihn gut aufgenommen. Aber wie Babys so sind, haben sie natürlich auch ein sehr hohes Bedürfnis nach Mama und so muss ich jede Einschlafbegleitung des Babys machen, da es den Papa ebenfalls noch nicht akzeptiert (grundsätzlich für uns okay, daran wollen wir mit der Zeit arbeiten).
Jetzt häufen sich allerdings die Konfliktsituationen, da Mama nicht mehr so massiv zur Verfügung steht wie zuvor und unsere Tochter das verständlicherweise sehr schwierig findet. Der Papa wird in solchen Situationen sehr heftig angeschrien und sogar teilweise getreten, damit er weg geht.
Und als Anmerkung noch: Der Papa hat schon immer sehr viel Zeit mit seiner Tochter verbracht, er bringt sie jeden Abend ins Bett (öfter eben mit vielen Tränen und Geschrei), geht mit ihr schwimmen und sie haben schon oft ganze Wochenenden miteinander verbracht. Aber Papa wird abgelehnt, sobald Mama irgendwie in der Nähe ist. Auch Sticheleien gegen ihn im Alltag sind an der Tagesordnung.
Wie kann man dem Kind die Trennung von der Mama erleichtern und gleichzeitig daran arbeiten, den Papa besser zu akzeptieren?
unserer Expertin.
Vielen Dank für deine Frage und deine Offenheit. Als Allererstes: Ihr seid damit nicht alleine! Es gibt so viele Familien, in denen ein Kind ein Elternteil stark bevorzugt. Das muss nicht immer die Mama sein, trifft aber nach meiner Erfahrung häufiger zu als umgekehrt. Und das macht es oft besonders schwer für Papas, die – so wie Du es auch beschreibst – von Geburt an viel Zeit mit ihren Kindern verbringen und ihre Vaterschaft bewusst anders gestalten wollen als die vorherige Generation. Sehr verständlich also, dass er verletzt und wahrscheinlich auch frustriert ist, und die Situation für dich auch belastend ist.
Gleichzeitig will ich Euch aber als Erstes aus tiefstem Herzen sagen: Herzlichen Glückwunsch! Ihr begleitet ein Kind in die Welt, das weiß, dass es nein sagen darf! Was für ein Kompliment an Euch als Eltern! Ihr seid ein sicherer Hafen, wo sie sich traut, so zu sein, wie sie ist!
Die elterliche Gefühlswelt
Jetzt kommen wir jedoch zu dem schwierigen Teil, nämlich dem, was das Verhalten unserer Kinder in uns auslöst. Oft sind das bewertende Gedanken der Situation, wie beim Papa möglicherweise: „Was mache ich falsch, dass mein Kind mich ablehnt?“ Und das sind dann die Gedanken, die zu unangenehmen Gefühlen führen können.
Das Verhalten des Kindes hat diese Reaktion zwar ausgelöst, die Ursache liegt aber in uns! Wir könnten das Verhalten des Kindes ja auch ganz anders bewerten, indem wir das Kind zum Beispiel als eigenes Individuum sehen, das schon mit einer bestimmten Persönlichkeit und transgenerationalen Prägungen auf die Welt gekommen ist. Wir könnten sehen, dass das Kind sich durch sein Verhalten ein Bedürfnis erfüllt und damit etwas für sich tut und nicht gegen uns. Den meisten Eltern fällt diese Haltung noch sehr schwer, weil der innere Kritiker immer wieder übernimmt. Der sagt uns dann gerne mal, dass wir schuld sind, dass wir etwas falsch machen. So wie wir es vielleicht selbst als Kinder oft gehört haben und woraus sich unsere innere Stimme entwickelt hat. Die gute Nachricht: Das können wir ändern. Und zwar mit Selbstmitgefühl. Wir können üben, die abwertenden Gedanken uns selbst gegenüber durch solche zu ersetzen, die wir einem guten Freund, einer guten Freundin in so einer Situation sagen würden. Ich bin mir sicher, das wäre nicht nur inhaltlich etwas ganz anderes, sondern auch der Tonfall wäre viel freundlicher. Und die Wissenschaft zeigt mittlerweile eindeutig, dass Selbstmitgefühl das Tool ist gegen Stress im Familienalltag. Weil unser Nervensystem dadurch nicht hochfährt, sondern sich reguliert. Wir können also viel besser mit unseren eigenen Gefühlen umgehen.
Wir sprechen immer davon, dass wir Gefühle von Kindern begleiten sollen. Lasst uns bitte nicht vergessen, dass wir in diesen Momenten versuchen, unsere Kinder bei etwas zu unterstützen, was wir mit großer Wahrscheinlichkeit selbst noch am Lernen sind! Weil wir es als Kinder nicht gelernt haben. Dass wir da immer wieder überfordert sind, ist sehr verständlich.
Und dann gibt es noch so einige andere Dinge, die die Selbstregulation erschweren können, wie zum Beispiel eigene Glaubenssätze. Also wenn Du Dir als Mutter in Trennungssituationen unbewusst innerlich sagst „Mein Kind hat ein Bedürfnis nach Mama“, dann wird das unangenehme Gefühle in Dir auslösen und die Trennung für dich und dein Kind erschweren. Und ich bin sehr froh, dass Du dieses „Bedürfnis nach Mama“ ansprichst, das einfach ein weit verbreiteter Mythos ist.
Das ist ein vom Patriarchat geprägtes Bild, in der die Mutter in der Hauptverantwortung für die Kinder gesehen werden sollte. In Wirklichkeit brauchen Kinder für eine gesunde Entwicklung eine feinfühlige und responsive Bezugsperson – völlig egal welchen Geschlechts.
Liebevolle Klarheit
Und so wie du es beschreibst, kommen deine Tochter und dein Partner ja gut miteinander aus, wenn du zum Beispiel übers Wochenende weg bist. Sie akzeptiert ihn also aus meiner Sicht durchaus. Wenn sie es sich allerdings aussuchen kann, möchte sie lieber zu dir. Und das ist ja ihr gutes Recht, zu sagen, was sie möchte. Und es ist dein gutes Recht, auf deine Grenzen zu achten und dadurch gut für dich zu sorgen. Immer in dem Wissen: es ist der Wunsch deiner Tochter, viel Zeit mit dir zu verbringen, nicht ihr Bedürfnis. Bedürfnisse sind immer unabhängig von einer Person und könnten in diesem Fall beispielsweise sein: Verbindung, Nähe, Geborgenheit.
Selbst wenn du ihr lieber wärst, kann sie diese Bedürfnisse auch beim Papa nähren. Und in diesem Wissen kannst du mit ganz viel liebevoller Klarheit für deine Grenzen einstehen und dich zurückziehen.
Ganz konkret unterstützen könnt Ihr die Übergangssituationen dadurch, dass Ihr zum Beispiel extra Zeit einplant, feste Rituale habt, ein Kleidungsstück von dir bei deiner Tochter bleiben darf oder ähnliches. Es kann für den Anfang Sinn machen, dass du bei Trennungen so oft es geht das Haus verlässt. Im vollen Vertrauen in Deinen Partner, dass er es auf seine (!) Art und Weise machen wird. Dein Kind braucht keine Kopie von dir, sondern ihren Papa, so wie er es mit ihr macht. Selbst wenn dir das schwerfällt, dürfen auch diese Gefühle gefühlt werden.
Und damit komme ich zu einem letzten wichtigen Punkt. Ich erlebe es in meiner Arbeit mit Eltern und kenne es auch von mir selbst nur zu gut: Wir haben das Gefühl, es gibt da draußen irgendwo einen Knopf, wo „Lösung“ draufsteht und wir finden ihn einfach nicht. Ich glaube, wir Eltern dürfen uns darin üben, Dinge auszuhalten. Wegzugehen von Lösungen und hinzugehen zum Fühlen. Wir als Eltern dürfen sein mit all unseren Gefühlen und unser Kind genauso. Und wir schaffen das alle gemeinsam. Und vergessen vor allem nicht, uns dafür zu feiern, was wir jeden Tag als Familie leisten!
Ich wünsche Euch alles Gute!
Maria