Ehrlich gestellt.
Ich bin Mutter zweier Mädchen, die Ältere ist dreieinhalb Jahre und die Jüngere vier Monate alt. Seit 2 Monaten hat mein Mann, ihr Vater, wieder eine Depression, dieses Mal sogar mit Panikattacken. Ich frage mich, wie ich meine ältere Tochter am besten begleiten kann.
Die letzte depressive Episode meines Mannes war sehr kräftezehrend für mich. Er konnte zwar noch arbeiten gehen, war aber emotional abwesend und hat sich viel zurückgezogen. Unsere Tochter, damals um die zwei Jahre, hat sich ganz auf mich fixiert und ihn teils sogar ganz abgelehnt.
Dieses Mal ist er viel präsenter, aber die ständigen Angstzustände ermöglichen quasi keine richtige Teilnahme am Familienleben. Wenn es ihm abends einigermaßen gut geht, bringt er die Große ins Bett. Ansonsten liegt er mittags im Bett und schläft, hat wenig Geduld und ist sehr empfindlich für Lautstärke und Hektik und mehr als ein paar Minuten kann er auch nicht mit ihr spielen. Sie nimmt das alles ziemlich unhinterfragt hin, fordert aber seine Aufmerksamkeit ein, wenn es möglich ist.
Er hat eine Therapie begonnen, ich halte es aber für notwendig, dass er in eine Klinik geht.
Ich versuche, meiner Tochter manche Situationen zu erklären, zum Beispiel dass Papa eben ungeduldig war, weil er durch seine Krankheit nervös ist. Oder sich wegen der Krankheit ausruhen muss, ihm laute Musik zu viel wird, er nicht mitkommt, weil er müde ist etc. Dass es an der Krankheit liegt und nicht an ihr, ihrer kleinen Schwester oder mir. Und dass es auch wieder anders werden wird, wenn er wieder gesund ist. So bespreche und erkläre ich mit ihr auch andere Situationen, in denen wir Erwachsene oder Kinder mit großen Gefühlen erlebt haben. Zu ihrem Papa kommen dazu aber entgegen meiner Erwartung eigentlich keine Rückfragen wie „Wann wird Papa gesund?“. Manchmal sagt sie allerdings, dass sie ihren Papa vermisst (beispielsweise wenn wir ohne ihn unterwegs sind) und ich merke ihr auch an, wie gut es ihr tut, wenn er einen guten Mittag hat und ein bisschen Zeit mit ihr verbringt.
Diese Situation triggert mich, da ich selbst eine depressive Mutter hatte, und bis heute an den Folgen davon arbeiten darf. So wichtig es mir ist, dass mein Mann sich Hilfe in einer Klinik holt, so sehr fürchte ich auch, was das für meine große Tochter bedeutet und mit ihr macht, wenn Papa 6-8 Wochen nicht da ist. Andererseits bin ich mir auch nicht sicher, wie sich der Zustand jetzt langfristig auf sie auswirkt.
Ich selbst versuche jeden Tag mit Zuversicht und Leichtigkeit zu nehmen, wie er kommt. Ohne mir Sorgen zu machen. Strukturierte Tage helfen mir dabei. Aber wenn die Kinder im Bett sind, kommen die Sorgen halt doch. Dabei bin ich zuversichtlich, dass mein Mann seine Themen aufarbeiten kann, aber die Frage ist, wie lange das dauert und ob ich so lange alles halten kann. Und vor allem, was es mit meiner Tochter macht.
Ich bin mir zudem unsicher, wie offensiv ich das Thema „Papa ist krank, es liegt nicht an uns und er wird wieder gesund“ anschneiden soll. Mein Mann hat schon mal mit ihr geredet und es ihr erklärt, aber wenn ich sie frage, erinnert sie sich nicht mehr. Und das ist auch meine Wahrnehmung, dass sie das schnell wieder vergisst. Sie ist für ihr Alter schon sehr verbal und versteht auch sehr viel. Manchmal vergesse ich, dass sie erst 3 ist.
Was empfehlen Sie in meiner Situation? Ich will es auch nicht überdramatisieren oder meine eigenen Themen mit einbringen.
unserer Expertin.
Ich lese aus deinen Zeilen einen Fragenkatalog, für den ich dir danke, denn er betrifft eine große Anzahl an Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil.
Was euch bereits gelingt
Zunächst möchte ich Dir meinen Respekt dafür ausdrücken, dass du es offensichtlich bisher sehr gut geschafft hast, diese Herausforderung, die die Krankheitsepisoden deines Mannes für die Familie bedeuten, zu meistern. Und so möchte ich zuerst herausstellen, wo ich das Gelingende in eurer Familie sehe, denn ich denke, dass davon auch andere betroffene Familien sehr profitieren können:
Dein Mann hat sich in psychotherapeutische Behandlung begeben und begibt sich vielleicht auch noch in eine Klinik. Damit übernimmt er Verantwortung für seine Erkrankung, und so lernt eure Tochter, dass er für sich sorgt und es einen Weg gibt, mit schwierigen Situationen im Leben umzugehen. Außerdem scheint ihr es zu schaffen, die Kontakte zwischen ihm und eurer Tochter so zu regulieren, dass sie möglichst nur dann mit ihm zusammen ist, wenn es für ihn auch einigermaßen zu schaffen und er auch kontaktfähig ist.
Du scheinst mit deinen eigenen Kindheitserfahrungen mit deiner depressiven Mutter so gut im Kontakt zu sein, dass du in der Lage bist, vorausschauend zu reflektieren, was deine Tochter braucht und wovor du sie schützen willst.
Eure Tochter hat in dir neben dem erkrankten Vater eine Bezugsperson, die Stabilität und Verlässlichkeit gibt und an die sie sich mit ihren Gefühlen, Bedürfnissen und Fragen wenden kann.
Deine Tochter spürt, wie es ihrem Vater geht. In der ersten Episode hat sie sich daher stark auf dich bezogen, weil sie wahrgenommen hat, dass du diejenige warst, die sie versorgen konnte. Heute zeigt sie ihm gegenüber auch ihre Bedürfnisse und fordert ihn so auf, mit ihr in Beziehung zu gehen. Kinder in ihrem Alter leben ganz im Moment, vergleichen nicht, und so nimmt sie die Umstände so hin, wie sie sind, und stellt daher auch keine Fragen oder vergisst eure Erklärungen. Zudem kann sie ja noch nicht erfassen, was da vor sich geht.
Ihr sorgt als Eltern dafür, dass die Erkrankung deines Mannes kein Geheimnis ist. Die Familientherapeutin und Autorin Karen Glistrup hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Sag mir die Wahrheit“. Darin beschreibt sie die Wichtigkeit, offen mit Kindern über Erkrankungen und Krisen in der Familie zu sprechen. Die dänische Originalausgabe heißt „Was Kinder nicht wissen, tut ihnen weh“ – das sagt eigentlich alles: Indem ihr das Thema der depressiven Erkrankung offen und früh ansprecht, sorgt ihr dafür, dass ihr miteinander verbunden bleibt, Gefühle benannt werden können und so möglichst keine Schuldgefühle entstehen. So schaffst du die Möglichkeit, dass deine Tochter ihre eigenen (Schmerz-)Gefühle aus Rücksicht auf die Eltern nicht unter Verschluss halten muss. So kann sie sich mit der Bandbreite ihrer Gefühlswelt angenommen und geliebt fühlen und ein stabiles Selbstgefühl entwickeln. Und dadurch, dass sie Erklärungen dafür bekommt, was in der Familie passiert, fühlt sie sich als vollwertiges Mitglied. Gleichzeitig ist es für die ganze Familie erleichternd, nimmt Spannungen und trägt zur psychischen Gesundheit bei, wenn man offen reden kann.
Mir ist es wichtig, dir diese bereits vorhandenen Ressourcen aufzuzeigen, weil ich aus meiner Erfahrung in der Beratung von erschöpften Eltern weiß, dass sie sich häufig nicht bewusst sind, was sie bereits sehr gut machen und sich daher auch nicht genügend als selbstwirksam und handlungsfähig fühlen. Dieses Selbstbewusstsein ist aber wichtig, um an Kraft zu gewinnen und bei Kräften zu bleiben!
Mögliche Impulse zur Unterstützung
Deine Tochter scheint bisher zumindest äußerlich mit der Situation gut klarzukommen, da deine Begleitung ihr Sicherheit und Halt gibt. Wir können aber nicht hundertprozentig wissen, was in ihr vorgeht, denn die meisten Kinder im Alter deiner Tochter zeigen kaum Signale von inneren Konflikten, da sie unbewusst versuchen, ihrerseits für Stabilität in der Familie zu sorgen. Das kann bei eurer Tochter der Fall sein, muss es aber nicht. Da du mit dir selbst und ihr empathisch umgehst, kannst du immer wieder versuchen, wachsam zu sein, ob sie vielleicht unangemessen ernst oder angepasst wirkt oder ob sie versucht, Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Eltern zu übernehmen. Dann (und immer wieder neu) ist es notwendig, ihr zu sagen, dass der Papa sich um seine Erkrankung kümmert, dass er zu einem Arzt oder in ein Krankenhaus geht, damit es ihm bald wieder besser geht und niemand an der Erkrankung schuld ist (so wie auch niemand daran Schuld ist, wenn das Kind Fieber hat).
Gut ist es natürlich auch, wenn der Vater das persönlich zu ihr sagt. Fragt euch auch, wie viel Erklärung eurer Tochter nützt, denn zu viele Worte können die Grenze des Kindes überschreiten.
Für Kinder ist es auch nicht primär wichtig, die Inhalte von Erklärungen genau zu verstehen (sie hören auch weg, wenn Informationen ihr Verständnis überfordern), sondern es geht darum, sie ernst zu nehmen, Vertrauen zu schaffen und eurer Tochter zu vermitteln, dass sie geliebt und wahrgenommen wird.
Der Kinder- und Jugendpsychiater Schulte-Markwort empfiehlt, das Kind zum Experten seiner selbst zu machen, indem man es fragt: Wie geht es dir? Oder: Brauchst du meine Hilfe?
Hier sind noch ein paar Inspirationen für mögliche Formulierungen (von deiner Seite aus betrachtet, aber selbstverständlich ist es auch sehr gut, wenn auch dein Mann mit eurer Tochter spricht):
„Papa ist krank und es geht ihm deswegen nicht gut. Er geht zu einem Arzt, der sich gut mit der Krankheit auskennt. Und dann wird er wieder gesund. Mir ist ganz wichtig, dass du weißt, dass du nichts falsch gemacht hast. Papa hat dich noch genauso lieb wie vorher. Er ist nur im Moment krank und kann nicht so lachen wie sonst. Das ist vielleicht so, wie wenn man schlimme Bauchschmerzen hat.“
Wenn deine Tochter Ärger und Wut auf den Vater empfindet, könntest du zu ihr sagen: „Dass du sauer auf Papa bist, weil er nicht mit dir spielen möchte, verstehe ich und das ist in Ordnung.“
„Papa ist krank und oft sehr müde. Dann kann er nicht mit dir spielen. Er ist dann aber nicht sauer auf dich.“ Oder: „Das ist aber nicht wegen dem Streit, den ihr hattet.“ Oder: „Du bist nicht schuld daran, dass es Papa nicht gut geht!“
Um sich kindgerecht über die Erkrankung auszudrücken, könntest du auch kreativ sein und darauf Bezug nehmen, was gerade in der Welt deiner Tochter interessant ist: „Wie ein Ritter, der gerade keine Rüstung trägt. Wie eine Fee, die gerade nicht mehr zaubern kann und sich nicht mit anderen Feen treffen möchte oder ähnliches.“
Es gibt mittlerweile gute Kinderbücher, die das Thema der psychischen Erkrankung eines Elternteils altersgerecht behandeln und in denen man dann auch gute Formulierungen finden kann.
Sollte dein Mann sich in stationäre Behandlung begeben, könnt ihr bei der Wahrheit bleiben und keine Geschichten erfinden, warum Papa jetzt nicht da ist. Das Kind würde den Betrug spüren, es würde dadurch verwirrt und das Vertrauen in euch als Eltern könnte leiden.
Du beschreibst, dass dein Mann häufig nicht am Familienleben teilnehmen kann. Daher teile ich deine Einschätzung, dass eine angemessene und umfassende Behandlung notwendig ist. Je besser er seine Erkrankung bewältigt, desto geringer sind die Auswirkungen auf euch als Familie und vor allem auf die Kinder. Gerade Depressionen und Ängste lassen sich mit Psychotherapie, stationärer Therapie und Medikamenten sehr gut behandeln. Das erhöhte Risiko, dass Kinder von psychisch erkrankten Eltern ebenfalls erkranken können, kann dadurch minimiert werden. Vor allem dann, wenn die psychiatrische Versorgung auch euch als Familie im Blick hat und mit einbezieht.
Darüber hinaus möchte ich dir Mut machen, dass ihr euer soziales Netzwerk so aufbaut, dass ihr „Inseln“ schafft, wo ihr auftanken könnt und Unterstützung von außen findet, damit sich keiner überfordert. Die psychische Erkrankung eines Elternteils betrifft das gesamte familiäre Zusammenleben. Daher benötigen auch alle Mitglieder Unterstützung von außen. Meine Überzeugung ist: Wir können uns nicht allein helfen, wir brauchen Gemeinschaften, die uns tragen. Unterstützung, Stärkung und Entlastung kann vielfältig sein: Präventionsgruppen für erwachsene Angehörige und Kinder, Kontakte zu Verwandten, innerfamiliäre Hilfen durch das Jugendamt, Austausch mit Freunden, Paten (-familien), Therapeut*innen, Ersatz-Großeltern… All dies natürlich zum richtigen Zeitpunkt und richtig dosiert. Und es ist natürlich wichtig für alle, durch Hobbys, Sport, Kita oder Kontakte zu Freunden unbeschwerte Auszeiten zu erleben.
Sollte dein Kind im Laufe der Zeit Symptome wie Rückzug, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Ängste, Besorgtheit um den Vater, Versuche, die Erwachsenen aufzumuntern, Schuldgefühle, verstärkte Wut, Scham oder auch Loyalitätskonflikte in einem auffälligen Ausmaß zeigen, könnten das Indizien für einen seelischen Schmerz sein, die vielleicht von einem Kinderpsychologen eingeschätzt werden sollten.
Vermutlich hast du als Tochter einer depressiven Mutter die Erfahrung machen müssen, quasi im „toten Winkel“ zu leben und nicht wirklich gesehen zu werden mit deinen Bedürfnissen. Heute möchtest du deinen Kindern diese Erfahrung ersparen und gehst empathisch auf deine Tochter ein. Das ist eine deiner Ressourcen! Du kannst diese Quelle immer wieder aufsuchen und dich fragen: „Was hätte ich damals gebraucht?“ Bedenke aber auch, dass deine Tochter ein Individuum ist, das nicht unbedingt alles so erlebt, wie du damals und dass sie auch ihre eigenen Lösungen findet. Wenn sie dich dabei als wachsame Begleiterin an ihrer Seite hat, stehen die Chancen sehr gut, dass sie resilient durch diese immer mal wieder auch turbulenten Familienphasen hindurchkommt. Wenn du dann auch auf dich achtest, deine Erholungsinseln aufsuchst und dir Unterstützung im sozialen Netzwerk holst, damit du „es halten“ kannst, stehen die Zeichen gut für eine tragfähige Basis.
Und als Fazit: Wie gut ein Kind zurechtkommt, hängt davon ab, wie es über sich und über die Realität in der es lebt, denkt und fühlt. Dieses „Selbstgefühl“ wird davon beeinflusst, wie die Erwachsenen mit ihm umgehen, ob sie wertschätzend zuhören, das Kind ernst nehmen, ob sie ehrlich und zuversichtlich sind. Daraus entwickelt sich beim Kind das Kohärenzgefühl: Gefühle, Gedanken und Wahrnehmungen sind im Einklang, das Leben ist verstehbar und zu meistern. Diese Faktoren entscheiden über die psychische Gesundheit, und nicht allein die genetische Disposition! Sie sind sozusagen die Impfung gegen psychische Erkrankungen.
Ich wünsche dir, deinem Mann und deinen Kindern gutes Gelingen, Kraft und Zuversicht!