Darum geht es
Bin ich emotional bereit für die Eingewöhnung? Ich weiß, dass ich dann bestimmt loslassen muss, aber ein Teil von mir will das vielleicht einfach noch nicht?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo! Bei uns steht die Eingewöhnung an und meine größte Sorge ist ehrlich gesagt, wie mein Mamaherz das aushalten soll, mein Kind auf einmal nicht mehr den ganzen Tag zu sehen. Die Nähe und gemeinsame Zeit der letzten anderthalb Jahre habe ich sehr genossen, aber spätestens im Oktober muss ich nunmal zurück in die Arbeitswelt. Ich weiß, dass ich dann bestimmt loslassen muss, aber ein Teil von mir will das vielleicht einfach noch nicht? 

Zugleich habe ich solche Angst, dass meine Tochter sich alleine gelassen oder sogar abgeschoben und verlassen fühlt. Und ich will nicht, dass unsere Bindung gestört wird. Verliert sie das Vertrauen zu mir, wenn ich sie jeden Tag weggebe?  Und wie kann ich ihr zeigen, dass ich das sehe und auch besorgt bin, ohne dass meine eigene Unsicherheit sie noch mehr verunsichert und ich am Ende alles nur noch schwieriger mache? 

Irgendwie wünsche ich mir, dass sie versteht, warum wir sie in die Betreuung geben und dass sie das nicht als Ablehnung oder so empfindet. Vielleicht habt ihr dazu ein paar Tips?

Ich habe Angst, dass die Trennung für mich sehr schwierig wird und zugleich möchte ich mein Kind nicht damit belasten. Die eigentliche Herausforderung hat ja meine Tochter.

Die Antwort
unserer Expertin.
Eingewöhnung: Wie gehe ich mit meinen eigenen Gefühlen um?
Rena Graf — FamilyLab Deutschland

Liebe Mama,

sein eigenes Kind in einer Kita einzugewöhnen und abzugeben ist sicherlich für die meisten Eltern, oft die Mamas, eine emotionale Achterbahn der Gefühle. Damit bist Du nicht allein. 

Bindungsaufbau

Zunächst tragen wir das kleine Wesen 9 Monate in unserem Bauch, bringen es auf die Welt und verbringen dann, wie Du schreibst, eine erste, sehr intensive Zeit mit unseren Kindern, geprägt von emotionaler und körperlicher Nähe, tiefer Liebe und in erster Linie Bedürfnisbefriedigung. Ohne uns kann das Kind seinen Grundbedürfnissen nach Essen, Trinken, Schlaf und Nähe noch nicht nachkommen, es braucht uns unbedingt. In dieser ersten Zeit entsteht das Urvertrauen, das Vertrauen in die Welt, die Menschen, die uns umgeben und in uns selbst. Es entsteht die Bindung zu unseren Kindern.

Dein Bedenken, dass die plötzliche Distanz, nach dieser großen Nähe etwas mit Dir machen wird, ist also vollkommen nachvollziehbar und normal. Wir erfahren in dieser Zeit einen intensiven Zugang zu unseren eigenen, manchmal längst vergessenen oder verdrängten Emotionen.

Du schreibst, dass Du Angst hast, dass sich Deine Tochter abgeschoben und allein gelassen fühlen könnte oder sogar Eure Bindung gestört wird.
Ich lese aus Deinen Worten eine tiefe Verbundenheit und Liebe zu Deiner Tochter heraus. Die Eingewöhnung in der Kita kann diese Bindung zwischen Euch nicht einfach so beeinträchtigen. Sie ist vergleichbar mit einem Schiffstau, das stark in sich verwoben und sehr stabil und belastbar ist.

Die Erfahrung zutrauen

Bereits ein Baby ist in der Lage, unterschiedliche Bindungen einzugehen. Mit der Kita erweitern sie ihr Bindungsnetz und können dort lebendige, soziale Beziehungen mit anderen Menschen eingehen, was in den meisten Fällen eine positive Erfahrung für sie ist.

Ich selbst habe drei Kinder und meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass sie vor allem das Vertrauen und die Sicherheit von uns brauchen, dass es gut ist, was nun passiert und dass wir ihnen die neue Erfahrung zutrauen. Wir geben ihnen die Sicherheit, dass wir einen schönen, geborgenen Ort für sie ausgesucht haben und die ganze Familie nun das Beziehungsnetzwerk erweitert. Deswegen ist es aus meiner Sicht auch wichtig, dass die Kinder sehen, dass die Erwachsenen eine gute Beziehung aufbauen, also Ihr Eltern mit den pädagogischen Kräften.  Darauf würde ich sehr achten, dass die Atmosphäre zwischen den Großen stimmt, denn die überträgt sich automatisch auf die Kinder. 

Gibt Deine Tochter denn bereits Hinweise, die deine Besorgnis, dass sie sich zurückgestoßen fühlen wird, begründet oder kommt das Gefühl aus Dir heraus?

Du schreibst, Du wünschst Dir, dass eure Tochter versteht, warum Ihr sie in die Betreuung gebt, und dass sie keine Ablehnung empfindet. Hier kommen wir zum Kern der Sache. Denn Eure Tochter muss es und wird es vielleicht auch nicht verstehen, warum sie plötzlich woanders hin muss. Wir Erwachsenen rechtfertigen oft, warum wir wieder arbeiten gehen müssen, wie etwa: um Geld zu verdienen, damit alle was zum Essen haben, damit wir ein Dach über dem Kopf haben und damit die Familie in den Urlaub fahren kann.

Wir erwarten hier die Einsicht unserer Kinder und hoffen insgeheim auf Ihr Verständnis, denn das wäre leichter für uns.

Wir Eltern haben hier die Verantwortung für unsere Entscheidungen zu übernehmen, wie auch bei der Frage, ab wann das Kind in die Kita geht. Mit liebevoller Führung und Klarheit unsererseits gehen auch die Kinder diesen Schritt in Vertrauen mit.

Raum für Gefühle

Emotional für das Kind verfügbar zu bleiben, ist die Herausforderung, also mit den eigenen Emotionen zurechtzukommen und gleichzeitig denen des Kindes Raum zu geben. Es kann gut sein, dass Eure Tochter frustriert sein wird, nicht in die Kita will, weint, haut, kratzt oder beißt.
Mein ältester Sohn hat zum Beispiel mit 2 Jahren in der Krippe angefangen zu beißen und ist damals zu seiner Erzieherin gegangen und hat gesagt: „Ich habe gebissen.“ Er wollte darauf aufmerksam machen. In seinem System war viel los, neue Umgebung, Sprachentwicklung und so weiter. Aber die wohl größte Veränderung in seinem Leben war sein kleiner Bruder, der damals auf die Welt kam und den Thronstoß gewagt hat. Ich habe mir auch viele Gedanken gemacht damals und doch war es so offensichtlich, was der kleine Mensch schon alles zu bewältigen hatte. Die Kita an sich war gar nicht das Problem.

Ich will damit sagen, dass die Kinder auf ihre Art zeigen, was in ihnen vorgeht und wir ihnen hier die Möglichkeit geben können, all Ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Sei es Angst, Aggression, Trauer, Wut, Freude, Liebe – wichtig ist, dass ihre Grundgefühle nicht eingeschränkt, bewertet oder klein gemacht werden. Sie sind unser Grundstein, besonders für unsere Beziehungen. Insgeheim sagen wir uns doch manchmal „Du darfst wütend sein, aber nicht schlagen.“, „Du darfst traurig sein, aber nicht weinen.“, „Du darfst lachen, aber sei kontrolliert.“

Unsere größte Herausforderung ist wohl, die Gefühle der Kinder tatsächlich zuzulassen und anzunehmen, wenn es auch noch so schwer ist, weil die Gefühle unserer Kinder mit den unseren resonieren und umgekehrt und unsere Punkte wie nichts anderes zu drücken vermögen.
Deswegen ist es mir wichtig, Dich und uns Eltern zu ermutigen, die eigenen Gefühle anzuschauen und zuzulassen. Was mir damals geholfen hat, war, mich mit anderen Erwachsenen auszutauschen über meine Ängste, vielleicht als Mama zu versagen oder nicht alles gegeben zu haben oder mein Kind gar abzuschieben? 

Manchmal führt es uns auch in unsere eigene Kindheit zurück und wir machen nun mit unseren eigenen Kindern wertvolle Erkenntnisse über unsere Beziehungen und über uns selbst.

Ratschläge

Du hast noch nach ein paar Tipps gefragt. Das Wichtigste ist wahrscheinlich, dass Du Dir Zeit für Dich selbst nimmst und Dir Gutes tust, dann wirst Du auch in der Eingewöhnung, die sicher emotional herausfordernd wird, ein stabiler Hafen sein können für Deine Tochter. Oder vielleicht übernimmt sie auch Dein Mann? 

Das kann oft auch eine gute Lösung sein, wenn einer der beiden sich schwerer tut und die Möglichkeit besteht, dass das Kind dann mit der Trennungsangst des Elternteils zu sehr kooperiert, diese also bedient und sich genau so verhält, wie man als Erwachsener selbst fühlt.

Ganz pragmatisch gesehen noch ein paar wichtige Dinge aus meiner Sicht, auf die Du achten kannst:

  1. Sichere und stabile Bezugspersonen seitens der Kita: konsistente und liebevolle Präsenz in der Nähe des Kindes
  2. Langsame Eingewöhnung: Geht in Eurem Tempo. Druck egal von welcher Seite ist nicht förderlich
  3. Verlässlichkeit: feste Abholzeiten und Rituale!
  4. Emotionale Verfügbarkeit: Seid offen für die emotionalen Bedürfnisse des Kindes, dadurch fühlt es sich sicher und verstanden!
  5. Passt gegebenenfalls eure Alltagsroutinen an: mehr Zeit einplanen bei morgendlichen Ritualen zum Beispiel, oder auf Verabredungen und einen straffen Zeitplan am Nachmittag verzichten, da das Kind am Anfang mit der neuen Umgebung genug zu tun hat 
  6. Offene Kommunikation: Redet mit den pädagogischen Fachkräften über Eure Anliegen und geht eine Beziehung mit den betreuenden Personen ein. Diese wirkt sich positiv auf alle Beteiligten im Dreieck aus Eltern, Kind und Fachkräften aus.

Ich wünsche Euch eine gute Eingewöhnung, vor allem Vertrauen in den Prozess. Er hält viele schöne neue Erfahrungen für Euch bereit.
Dazu gehört besonders auch das Vertrauen in Euch selbst, dass Ihr als Eltern Euer Bestes gebt und Eurem Kind damit nicht schaden werdet. Der neue Lebensabschnitt darf sich in Eurem Tempo entwickeln. Gebt Euch und Eurer Tochter dabei die Zeit und den Raum für Eure Emotionen und tauscht Euch aus. Manchmal hilft die Schulter zum Anlehnen am Abend, wenn das Kind schläft, bereits schon aus. Es ist schön, gesehen und gehört zu werden. Das gilt für alle Beteiligten im Prozess.