Darum geht es
Mein Kind wird gehauen, aber reagiert eher schüchtern. Soll ich eingreifen oder den Dreijährigen selbst lernen lassen, Konflikte auszutragen?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Ich habe einen sehr sensiblen und schüchternen 3 -jährigen Sohn. Wenn er in einem Konflikt mit einem anderen Kind ist und dieses andere Kind ihn wirklich unbegründet haut, wie reagiere und agiere ich dann richtig?

Insbesondere da er schon sehr sensibel und schüchtern ist. Greife ich ein oder lasse ich ihn in der Situation, um sich Konflikten zu stellen; besonders wenn er in der Situation nach mir fragt und mich darauf hinweist, was das andere Kind getan hat?!

Ich bin verzweifelt. Er ist so toll und einfühlsam. Ich habe das Gefühl, dass ich ihn durch meine Erziehung zu sensibel für diese Welt erzogen habe, denn andere Kinder begeben sich eben nicht auf Augenhöhe und gehen auf ihn ein.

Ich hoffe, ich kann euren Blickwinkel auf die Situation hören. Das würde mir sehr viel bedeuten.

Vielen lieben Dank

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind wurde gehauen
Dr. Nicole Wilhelm — FamilyLab Deutschland

Für mich ist es wie bei allen anderen gefährlichen, herausfordernden, angstmachenden Situationen auch:

Ich bin da, solange mein Kind mich braucht.

Doch woran erkenne ich, ob mein Kind mich wirklich braucht? Und wann helfe ich „zu viel“ und verhindere dadurch wichtige Lernerfahrungen?

Wenn Kinder kommen und um Hilfe fragen, ist es einfach. „Der hat mich geschubst!“, ist für mich eine Einladung, in seine Welt zu kommen und zu schauen, was los ist: „Möchtest du mir das nur sagen, oder soll ich etwas tun?“ Denn manchmal wollen Kinder keine aktive Hilfe, sondern sie wollen es einfach nur erzählen, gesehen sein.

„Der soll Ärger kriegen“, war einmal die Antwort meines 3-jährigen Sohnes auf meine Frage, nachdem ein Kind ihm seine Planierraupe weggenommen hatte. Und das wollte und will ich ja nicht tun. Weder will ich Kinder schimpfen, und auch nicht als Richterin auftreten, nach dem Motto: „Das macht man nicht, gib ihm sein Spielzeug zurück.“ 

Ich biete Kindern gerne Resonanzprozesse an.

Was ist gerade bei dir los? Was brauchst du, damit es dir gut geht? Wie geht es wohl dem anderen Kind? Was wollt ihr jetzt tun?

Ich habe zu dem anderen Kind gesagt: „Er möchte seine Planierraupe wiederhaben“. Das Kind hat die Raupe an sich gedrückt und sich leicht weggedreht. Ich sage: „Und es scheint, als wolltest du sie gerne auch mal haben.“
Und dann kommt aus meiner Sicht etwas ganz Wichtiges: Den Kindern Zeit geben, Zeit zum Spüren, Zeit zum Überlegen. Wir sind oft so schnell und wollen eine Lösung haben. Doch Kinder brauchen mehr Zeit. Und wenn wir diese Ruhe und Entspanntheit einbringen und einfach abwarten, was geschieht, geschieht oft Erstaunliches. Kinder beeindrucken mich dabei immer wieder.

Und wenn ich mir nicht sicher bin, ob ein Kind Hilfe will, frage ich nach. Bei jüngeren Kindern in der Situation: „Wollt ihr Hilfe haben beim Streiten?“ Bei älteren gerne auch erst im Anschluss: „Ich war mir eben bei eurem Streit nicht sicher, ob du gerne von mir Hilfe gehabt hättest. War es gut für dich, dass ich mich rausgehalten habe, oder hättest du gerne Hilfe gehabt?“

Und ich schalte mich ein, wenn mir selbst der Streit zu heftig ist, wenn ich befürchte, dass jemand zu Schaden kommt. 

Zum Beispiel:

Auf einem Schulhof fragte ein Junge einen anderen: „Darf ich mit Fangen spielen?“  „Ja, du kriegst mich eh nicht, du fette Sau.“ In solchen Situationen schalte ich mich ein: „Ich will nicht, dass du ihn fette Sau nennst.“ Diesen Satz muss man sich gesprochen vorstellen als Information über mich, nicht als Vorwurf gegen den Jungen. Dabei ist es mir sehr wichtig, wirklich über mich zu sprechen (ich will nicht, dass jemand beschämt wird), und nicht über ihn zu urteilen (nach dem Motto: Wie fies bist du denn?). „Ja, aber der ist ja dick.“, war seine Antwort. Und da hatten wir einen Anfang für ein gutes Gespräch.

Kann man auch zu viel helfen? Klar, kann man.

Gerade bei älteren Kindern habe ich den Eindruck, Erwachsene greifen zu früh und zu oft ein, bevor die Kinder daraus lernen konnten. Kinderstreit ist ja eine ganz elementare Form des sozialen Lernens. Kinder bilden dabei lernende Gemeinschaften, in der das eine Kind lernt, seine Grenze deutlich zu zeigen und einzufordern, und das andere lernt, diese zu respektieren. Dieses von- und miteinander Lernen gelingt am besten ohne Erwachsene.

Doch aufgrund des Alters deines Sohnes und auch deiner Art, dein Handeln zu hinterfragen, glaube ich nicht, dass du „zu viel“ hilfst. Zu lernen, wie er Konflikte ohne dich lösen kann, dafür ist noch sehr viel Zeit. Kinder lernen ja nicht nur durch eigenes Handeln, sondern auch durch Beobachtung. Wenn er erlebt, was du tust, wenn er gehauen wird – auch dadurch lernt er Konzepte, wie man sich selbst behaupten kann. Und er erfährt: Wenn ich ein Problem habe und es selbst nicht lösen kann, dann ist jemand für mich da, der mir hilft. Das finde ich auch eine ganz wichtige Lernerfahrung, denn viel zu viele Erwachsene haben das Gefühl, alleine irgendwo durch zu müssen.

Ich möchte noch etwas zu deinem Gedanken schreiben, dass du deinen Sohn vielleicht zu sensibel für diese Welt erzogen haben könntest.

Also ich finde es wunderbar, wenn Kinder in einer Weise begleitet werden, bei der sie ihre natürliche Empfindsamkeit spüren und bewahren dürfen. Wenn Kinder dann auf eine raue Außenwelt treffen, sind sie oft schockiert und empört. Das ist aus meiner Sicht etwas sehr Gutes.

Einer meiner Söhne hatte eine gute Kindergarten- und Grundschulzeit. Doch als er in die fünfte Klasse kam, kam er mit Tränen in den Augen nach Hause und fragte: „Mama, warum dürfen die Lehrer uns so behandeln?“ Diesen Qualitätsstandard in sich zu tragen, noch lebendig zu spüren, empört und schockiert und verletzt zu sein, wenn man nicht anständig behandelt wird, das anzusprechen, gemeinsam zu schauen, was man tun kann und wie man damit umgehen will – das sind, finde ich, so wichtige Qualitäten, um unsere Gesellschaft voranzubringen.

Deshalb, und auch für deinen Sohn, freue ich mich, dass du ihn auf eine Weise begleitest, sodass er all diese menschlichen Qualitäten bewahren kann.