Darum geht es
Unser bald 2-jähriges Kind wirft mit Essen. Wie können wir damit umgehen, gerade wenn unser Sohn eigentlich noch Hunger hat und wir die Mahlzeit nicht einfach beenden können?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo liebes Beratungsteam,

mein Sohn ist knapp 19 Monate alt und isst natürlich bei uns am Tisch mit. Wir versuchen, das Abendessen gemeinsam als Familie einzunehmen.

Seit einiger Zeit möchte der Kleine absolut nicht mehr gefüttert werden und er bekommt seinen eigenen Teller und kann mit Besteck üben oder mit den Fingern essen. Leider passiert es oft, dass er anfängt mit seinem Essen zu werfen. Grundsätzlich würde ich dann davon ausgehen, dass er satt ist und ich den Teller beiseite stellen kann, aber teilweise steckt er sich ein Stück in den Mund und das nächste Stück fliegt wieder durch den Raum. Und er nörgelt, wenn der Teller weg kommt. Also scheint er nicht satt zu sein und ich will seine Mahlzeiten nicht beenden, obwohl er noch Hunger hat.

Wie können wir in einer solchen Situation am besten reagieren und ihm beibringen, dass man nicht mit Lebensmitteln spielt?

So langsam sind wir von den Mahlzeiten schon gestresst und fangen während des Essens schon das Putzen an.

Über ein paar Tipps würden wir uns sehr freuen.

Vielen Dank und liebe Grüße!

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind wirft mit Essen
Lucie Scharfenberger — FamilyLab Deutschland

Liebe Familie,

wie schön, dass ihr dieses Bild des gemeinsamen Familientisches in euch tragt und jetzt schon versucht zu leben. Tatsächlich sind die jungen Kinder im Übergang vom Gefüttertwerden zum „Anteil nehmen am Familientisch“ in einem intensiven Prozess, in sehr viel Neues hinein zu wachsen. Da gibt es unglaublich viele Regeln, allein nur auf das gemeinsame Essen bezogen: Das Brot soll auf dem Teller liegen und nicht auf dem Tisch. Es soll mit der Butterseite nach oben liegen und nicht umgekehrt. Vom Brot soll man abbeißen, es aber nicht abschlecken oder den Belag einzeln essen. Der Teller soll nicht zu nah am Tischrand stehen, aber auch nicht zu weit hinten. Und so geht es weiter und weiter. Jemand hat einmal 200 Regeln rund um das Essen gezählt. Dazu gehört natürlich auch euer Thema, dass das Essen zum Essen und nicht zum Werfen, Runterfallen-lassen oder purem Zermatschen da ist. Und gleichzeitg gibt es in anderen Kulturen andere Regeln und man benutzt generell seine Hände oder lernt den Umgang mit Stäbchen. Im Alter von anderthalb Jahren ist euer Kind gerade ganz am Anfang dieses Lernprozesses und bringt quasi kaum Vorwissen mit. Denn dieses „richtige Verhalten“ am Tisch ist nicht natürlich, nicht instinktiv. Stattdessen geht es da um eine Mischung aus Tradition, praktischem Erfahrungswissen und den ganz individuellen Regeln, die ihr als Eltern festlegt. All das muss euer Kind erstmal erleben und lernen; und das wird einige Zeit dauern. Das als Ausgangslage im Kopf zu behalten, ist hier grundsätzlich hilfreich.

Tatsächlich wird es durch die Gehirnentwicklung Kindern mit etwa 3 Jahren möglich, Regeln zu verinnerlichen. Das Lernen von euren Werten und Grenzen gelingt durch viele Erlebnisse, durch die Erfahrung dessen, was ihr jeweils ermöglicht oder was eben nicht. Wenn ihr beim Essen immer wieder mit eurer Grenze auf das Fallenlassen reagiert, lernt euer Kind mit der Zeit, dass das eine Regel ist, die immer gilt. Es braucht also viele Wiederholungen und eure Ausdauer und Geduld. Dabei könnt ihr beispielsweise sagent: „Du kannst hier sitzen und essen oder ich lasse dich runter. Hier am Boden ist dein Korb mit den Bällen, die kannst du fallen lassen oder werfen.“

Alternative Angebote

Die Wahlmöglichkeit der Bälle erwähne ich an dieser Stelle aus einem bestimmten Grund. Dass euer Sohn sein Essen immer wieder fallen lässt, hat auch mit seiner Spielentwicklung zu tun. Er erlebt die Schwerkraft auf unserer Erde. Er lässt aktuell sicherlich nicht nur sein Essen fallen, sondern auch gerne andere Spielsachen. Um diese Erfahrung zu ermöglichen, sind in diesem Alter viele Bälle, Tücher und andere weiche Gegenstände gut geeignet. Wenn euer Sohn das Werfen und Fallenlassen mit geeigneten Materialien im Spiel ausleben kann, wird es ihm leichter fallen, das Gleiche nicht auch mit dem Essen am Tisch zu tun. Dennoch ist dieses Bedürfnis für seine Spielentwicklung essenziell. Kinder müssen das erleben und verfolgen nicht die Absicht, uns dadurch zu ärgern. Durch das Angebot einer Wahl, wie: „Entweder weiter essen oder spielen dürfen“, gelingt es oft leichter, dass die Kinder sich in ihren Bedürfnissen gesehen fühlen und leichter kooperieren können.

Ähnlich ist es mit dem Thema, wenn Kinder mit dem Essen spielen, damit Matschen und sich oder den Tisch damit „bemalen“. Das sinnliche und sensomotorische Erleben von unterschiedlichen Materialien gehört zu den natürlichen Lernprozessen von Babys und Kleinkindern. Wir Menschen verinnerlichen durch dieses Spiel die Qualitäten der Dinge und der Wirklichkeit. Wir fassen auch als Erwachsene gerne noch einen Pulli genauer an, bevor wir entscheiden, ihn zu kaufen. Wir haben ein Gefühl entwickelt, ob wir Baumwolle im Gegensatz zu Polyester auf unserer Haut mögen oder nicht.

Aber nur weil wir den Sinn ihres Verhaltens nachvollziehen können und unterstützen, heißt das nicht, dass wir Kindern diese Erfahrungen beim Essen am Familientisch gewähren müssen.

Wir können auch für das Erleben von sinnlichen Reizen andere Materialien für das Spiel der Kinder anbieten.

Der Klassiker dafür ist Wasser und Sand – damit darf man schütteln, rieseln und matschen. Es gibt einfache Rezepte, um Salzteig zum Experimentieren zu mischen. Manchmal probieren kleine Kinder diesen auch einmal selbst zu essen, aber meist lassen sie wegen dem Salzgeschmack davon ab. Auch Sand oder Kreide wird mindestens einmal zwischen den Zähnen zerknirscht. Da ist nun der Lernprozess umgekehrt, wie beim Essen am Familientisch. Hier sollen die Kinder die sinnlichen Spielmaterialien nicht essen und schlucken. Auch das kann manchmal für Kleinkinder noch eine Überforderung an Regeln darstellen.

Wenn alternative Materialien ausprobiert werden, ist es oft leichter, beim Essen mit gutem Gewissen zu sagen: „Du kannst nachher in der Badewanne mit dem Wasser schütten, aber nicht hier am Tisch mit deinem Trinken.“ So erleichtert ihr es euch, am Esstisch klare Grenzen zu setzen, weil ihr wisst, dass ihr auf eine andere Gelegenheit zum Spielen verweisen könnt.

Wann ist das Essen vorbei?

Oft zeigt das Kind durch sein Spiel am Tisch auch, dass es satt ist oder dass es eine Pause braucht. Es darauf anzusprechen, könnte auch im folgenden Dialog zur Entspannung für alle am Familientisch beitragen: „Wenn du noch hungrig, aber schon ein bisschen müde bist, kann ich dir helfen. Möchtest du bei mir auf dem Schoß noch fertig essen?“ Falls das an diesem Tag gerade nicht die gute Lösung ist, könnte ein Kind am Ende auch ein Stückchen Brot oder Reiswaffel in die Hand bekommen, um auf seinem Platz weiter mit dabei sein zu können, ohne Überforderung von allen. Wenn dann dieses Brot auf dem Boden landet, erlebt euer Sohn, dass es nun am Tisch nichts Weiteres für ihn gibt. Vielleicht ist er dann an diesem Punkt auch leichter bereit zu enden und kann das letzte Stück noch unten am Boden auflesen und dann für sich spielen.

Falls euer Kind jedoch weiterhin nörgelt, könnt ihr an diesem Punkt nun sicher sein, dass nicht sein Hunger der Grund dafür ist. Vielleicht stellt ihr dann fest, dass bei einem zu späten Abendessen, das mit der Müdigkeit einhergehende Bedürfnis nach Nähe alles überlagert, und reagiert auf das Nörgeln dann darauf bezogen?

Manche Familien warten mit dem Essensbeginn der Erwachsenen, bis das Kind teilweise selbst und noch mit Unterstützung gegessen hat, und lassen es anschließend mit einem Fingerfood weiter am Tisch dabei sitzen. Für mich ist immer eine wichtige Frage: Was brauchen Kinder UND Erwachsene, damit sie sich beim Essen wohlfühlen? Daraus kann auch folgen, dass für ein kleines Kind das Essen mit dem Löffel alleine noch zu schwierig ist. Bis es mit dem Löffel selbständig zu essen gelernt hat, könntet ihr ihm am Familientisch das Essen als Brei in einem kleinen Gläschen anbieten. Ein Gläschen, das bestenfalls gerippt ist und unten schmaler wird, lässt sich sogar schon von Babys im ersten Lebensjahr als erste Beikost-Erfahrung mit Unterstützung vom Erwachsenen ergreifen. Mit der Zeit kann das Gläschen vom Kind gut selbst gehalten und zum Mund geführt werden. Schon Babys fühlen sich kompetent, selbstwirksam und selbständig, wenn sie mitwirken dürfen. Diese Art, aus einem Gläschen pürierte Dinge als ausreichend flüssigen Brei zu „trinken“, könnte auch am Familientisch mit einem flüssigen Apfelmus oder Ähnlichem zur Nachspeise werden. Dann wäre die Alternative zum Werfen am Tisch zu sagen: „Möchtest du schon aufstehen oder magst du nun am Ende noch aus dem Gläschen den Apfelbrei trinken?“

Wenn als Abschlussritual, beispielsweise mit einem Waschlappen, Mund und Hände sauber gewischt werden, was das Kind mit der Zeit gerne ganz allein übernimmt, dann entwickelt sich ein gleichbleibender Ablauf mit Anfang und Ende. Ein Kind, das wirklich noch hungrig ist, wird sich noch nicht abwischen wollen, wenn es erlebt, dass sein Teller zuvor weggeschoben oder abgeräumt wird. Kinder, die mehrmals hin und her laufen, zwischendurch spielen und das Essen über längere Zeit immer wieder fortsetzen können, machen auch das zu ihrer Gewohnheit. Je nachdem, was ihr ermöglicht und vorlebt, spielen sich diese Abläufe mit der Zeit ein. Auch die gute Verdauung und Nahrungsverarbeitung gelingt bei möglichst wenig Stress beim Essen natürlich am Besten.

Ich wünsche euch und allen anderen Leser*innen, dass die Freude beim Essen erhalten bleibt und ihr in jeder neuen Phase wieder zur Entspannung miteinander findet.

Alles Gute!

Lucie Scharfenberger