Ehrlich gestellt.
Guten Morgen,
seit meine Tochter vier Monate alt ist, treffen wir uns wöchentlich mit fünf anderen Mamas, die ich aus einer Krabbelgruppe kenne. Inzwischen sind unsere Kinder alle drei Jahre alt. Ich liebe den Austausch mit den anderen Mamas! Natürlich macht jede von uns es ein bisschen anders, aber es ist immer auf Augenhöhe und ich bin sehr froh, sie zu haben.
Auch unsere Kinder verstehen sich eigentlich total gut und dass sie so eng miteinander aufwachsen, ist sehr schön zu sehen. Allerdings stehe ich gerade vor einer kleinen Herausforderung: Meine Tochter ist sehr sensibel und die anderen Kinder in ihrem Alter sind alles Jungs. Da kann ein laut gerufenen „Du Kakkaloch“, das ein Kind aus dem Kindergarten mitgebracht hat, zu minutenlangen Emotionen führen.
Jetzt kam es schon öfter vor, dass die anderen sich „miteinander verbünden“ und meine Tochter ausschließen oder sagen, sie dürfe nicht mit ihnen spielen, weil sie ein Mädchen sei oder so viel weine. Sie schreien sie dann auch manchmal an oder schicken sie weg. Meine Tochter reagiert dann sehr emotional. Sie ist sowieso sehr empfindsam und lässt ihre Gefühle durch sehr lautes Weinen heraus. An sich ja gar nicht schlimm, gerade bin ich aber bei unseren Play-Dates oft nur mit Trösten und Begleiten beschäftigt – gestern habe ich sogar abgebrochen, weil ich das Gefühl hatte, es ist ihr alles zu viel.
Natürlich sagen die anderen Mamas auch, dass der Spielplatz für alle da ist oder versuchen einzugreifen, andererseits kann man ja auch niemanden zwingen, mit jemandem zu spielen. Ich würde meine Tochter gerne bestärken und ihr das Gefühl geben, dass sie genauso gut ist wie sie ist. Vielleicht auch damit sie solche Situationen irgendwann nicht mehr bis ins Mark treffen oder sie „gemäßigter“ reagiert (wahrscheinlich ein egoistischer Wunsch von mir). Ihre heftige Reaktion stachelt andere Kinder (auch im Kindergarten) gefühlt manchmal sogar noch mehr an, weil sie es spannend finden, oder sie sind davon „genervt“. Ich bin ehrlich gesagt ein wenig ratlos, wie ich gut mit dieser Situation umgehen kann. Wir sprechen viel mit ihr darüber, wie sie sich dabei fühlt und dass sie auch immer sagen kann: „Stopp! Ich mag das nicht!“ und dann die Situation verlässt.
Und natürlich, dass sie genauso gut ist wie sie ist.
Letztens hat sie aber sogar gefragt, ob sie auch mal ein Junge wird, damit die anderen wieder mehr mit ihr spielen. Das trifft mein Mamaherz dann ehrlich gesagt schon sehr. Habt ihr vielleicht einen guten Tipp?
unserer Expertin.
Erstmal vielen Dank für deine Frage. Ich lese deinen Text und bin ganz berührt, wie du mit deiner Tochter umgehst. Was für ein Geschenk, eine Mutter zu haben, die so intensiv reflektiert und ihr Bestes gibt, ihre Tochter so anzunehmen, wie sie ist. Und ich verstehe sehr gut, dass es weh tut zu sehen, dass unser innig geliebtes Kind von anderen Menschen eine andere Rückmeldung erfährt. Und dieser Schmerz darf auch auf unserer Seite gefühlt werden.
Gleichzeitig kann es hilfreich sein, dass wir uns bewusst machen, worum es uns eigentlich in der Begleitung unserer Kinder geht. Klar, wir wollen, dass sie spüren, dass sie gut sind, so wie sie sind und einen starken Selbstwert entwickeln. Im Gegensatz zu dem, wie es vielen heutigen Erwachsenen geht, die in ihrer Kindheit anderes erlebt haben.
Und was wir möglicherweise auch wollen, sind Kinder, die im Laufe ihres Lebens Resilienz entwickeln.
Dann ist es natürlich wichtig, im Blick zu haben, wie hoch die Herausforderung für unser Kind ist. So würde ich die beiden Situationen, die du beschreibst, unterschiedlich einordnen. Wenn es während der Spielverabredungen ab und an zu einer Beschimpfung kommt („Du Kakkaloch“) und deine Tochter daraufhin über mehrere Minuten starke Gefühle erlebt, bei denen sie von dir liebevoll begleitet wird, würde das für mich definitiv in die Kategorie „Zumutbare unangenehme Erfahrung“ fallen. Auch wenn deine Tochter diese Gefühle aufgrund ihrer hohen Empfindsamkeit sehr intensiv erlebt.
Wenn sie allerdings bei jedem Treffen kontinuierlich ausgeschlossen wird, stellt es sich aus meiner Sicht anders dar. In diesem Fall finde ich es wichtig zu handeln. Als Erstes könntest du bei deiner Tochter nachfragen, wie es ihr in Bezug auf diese Spielverabredungen geht. Wenn sich bestätigt, dass es für sie belastend ist, sie aber weiterhin dabei sein möchte, könntest du in aufkommenden Konfliktsituationen folgendes tun:
Als Erstes könntest du deine Tochter fragen, ob sie Unterstützung möchte. Wenn sie damit einverstanden ist, könntest du versuchen, die Aussagen der Kinder zu übersetzen. Immer in dem Wissen, dass wir diese „Übersetzungsmomente“ in jungem Alter so kurz wie möglich halten dürfen. Und dass wir damit erst anfangen, wenn sich die starken Gefühle bei den Kindern etwas gelegt haben, weil der kognitive Teil ihres Gehirns ansonsten gar nicht zugänglich ist.
So könntest du zum Beispiel zu dem Kind, das nicht mit ihr spielen möchte, sagen: „Ah, Du findest das unangenehm, wenn jemand in deiner Nähe laut weint? Ist das anstrengend für dich? Ok.“
Und zu deiner Tochter: „Und dich macht es traurig, dass du nicht mitspielen darfst? Mhm.“
Im besten Fall fühlen sich nach der „Übersetzung“ erstmal alle Seiten gesehen und gehört. (Der große Stolperstein könnte hier sein, dass es dir wahrscheinlich viel leichter fällt, dich in deine Tochter einzufühlen als in ein fremdes Kind. Und wenn du diese Situationen, wo deine Tochter ausgeschlossen wird, mittlerweile schon sehr oft erlebt hast und die Themen „Ausgeschlossen zu werden“ oder „Nicht so angenommen zu werden, wie man ist“ möglicherweise zusätzlich auch noch eine alte Wunde in dir berühren, kann es nochmal schwieriger sein. All das dürfen wir sehen – und vor allem fühlen.)
Und dann würde der Teil kommen, wo du deine Sichtweise mit reingeben könntest: „Also mir ist es total wichtig, dass es allen gut geht. Habt ihr eine Idee, was wir machen können?“ Und je jünger die Kinder sind, desto eher geben wir eigene Vorschläge rein.
Soweit die Theorie. Wenn dann die Realität reingrätscht und die Jungen zum Beispiel während des Gesprächs weglaufen und deine Tochter weinend zurücklassen, könntest du ihr erst Mitgefühl zeigen und sie dann fragen, was sie braucht. Ob sie zum Beispiel etwas anderes spielen oder auf deinem Schoß sitzen möchte. Und auch du darfst gerne bei dir einchecken, wie es dir mit der Situation geht und ob eine Situationsveränderung nicht vielleicht für alle eine gute Entscheidung wäre. Du beschreibst, dass du ein Treffen abgebrochen hast, weil es deiner Tochter zu viel wurde – und das darfst du genauso auch tun, wenn es dir zu viel wird.
Und deshalb fühlt es sich so unfassbar anstrengend an.
Außerdem möchte ich in diesem Zusammenhang auf den Begriff des „Emotional Load“ (als Teilmenge des „Mental Load“) hinweisen. Gerade bei sehr feinfühligen Kindern, die häufig starke Gefühle entwickeln, kann die Masse der emotionalen Aufgaben Eltern schier erdrücken. Und ich finde es wichtig, dass wir uns nicht immer wieder fragen, warum die Begleitung gerade von hochsensiblen und/oder gefühlsstarken Kindern so anstrengend ist. Sondern uns immer wieder sagen:
„Ja, klar, fühlt es sich so an. Wie sollte es auch anders sein bei diesem „Emotional Load“, den ich tagein, tagaus erlebe?“
Nicht, um dadurch ins Selbstmitleid zu fallen, sondern ins Selbstmitgefühl. Und das brauchen wir ganz besonders bei Kindern mit diesen Persönlichkeitsmerkmalen. Denn Fähigkeiten, wie Selbstregulation, werden sich mit zunehmendem Alter verbessern, aber die Persönlichkeit und in deinem Fall die Sensibilität deines Kindes wird bleiben.
Und damit komme ich zu etwas allgemeineren Ideen zu deiner Lage. So könnte es aus meiner Sicht Sinn machen, zu überlegen, welche Umgebung und welche Aktivitäten die besten Voraussetzungen für die aktuelle Situation bieten. Gab es in der Vergangenheit Orte, an denen es weniger Konflikte gab, wo es leichter war? Gibt es Spiele, die alle fünf Kinder gerne spielen? Und wenn du oder ihr verschiedene Dinge ausprobiert habt und die Dynamik verändert sich nicht und es ist jedes Mal aufs Neue sehr anstrengend für dich und dein Kind, dann könntest du auch überlegen, ob du dich zum aktuellen Zeitpunkt erstmal lieber alleine mit deinen Freundinnen triffst. Und sich deine Tochter möglicherweise mehr mit Kindern trifft, die mehr mit ihr harmonieren – egal ob Junge oder Mädchen. Denn es gibt auch reizoffene Jungen und reizunempfindliche Mädchen.
Und solltest du dich um den Selbstwert deiner Tochter sorgen, kann ich nur sagen: Mach weiter genauso wie du es bisher machst. Jedes Mal, wenn sie spürt, dass ihre Gefühle – und damit auch ihre Person als Ganzes – in Ordnung sind, so wie sie sind, wird es sie in ihrem Selbstwert stärken. Sie ist nicht besser und nicht schlechter als andere Kinder. Sie ist gut, so wie sie ist und das spürt sie bei dir. Zusätzlich kannst du – auch über entsprechende Kinderbücher – immer wieder ins Gespräch darüber gehen, dass Menschen unterschiedlich sind. Und wie bereichernd das für unsere Gesellschaft ist.
Und Situationen aus dem Kindergarten zu besprechen und sie zu unterstützen, wie sie reagieren kann, ist ein ganz wunderbarer Umgang. Und wenn dann auch noch ein regelmäßiger Austausch mit den pädagogischen Fachkräften stattfindet, hilft es umso mehr. Dann könnte nur noch ein letzter Aspekt fehlen, zu dem wir uns als Eltern vielleicht auch einfach in kleinen Schritten weiterentwickeln dürfen und der lautet: meinem Kind sein Leben zuzutrauen. Gerade bei einem sehr empfindsamen Kind kann das manchmal schwerfallen – und ist gleichzeitig so wichtig für die Entwicklung. Das Kind merkt dann: „Wenn ich Hilfe brauche, sind meine Eltern da. Aber sie kommen nicht bei jeder Kleinigkeit gelaufen, sondern trauen mir erstmal zu, dass ich es alleine schaffe.“ Und auch das ist enorm wichtig für seinen Selbstwert.
Alles Liebe für dich und eure gesamte Familie!
Maria