Darum geht es
Das zweite Kind wird nicht kommen. Wie begleiten wir unser Einzelkind gut – und wie gehe ich selbst mit dieser Entscheidung und dem gesellschaftlichen Druck um?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo liebes Beratungsteam,

ich habe eine Frage, die mich immer in den letzten Wochen sehr rumtreibt, und zwar, wie wir damit umgehen sollen, dass unsere Tochter (5) ein Einzelkind bleiben wird. Wir haben uns nach langer Überlegung und vielen Gesprächen sehr bewusst dafür entschieden, kein weiteres Kind zu bekommen. Das hat viele verschiedene Gründe, aber kurz gesagt fehlen uns einfach in den unterschiedlichsten Bereichen die nötigen Ressourcen dafür. Von außen kommen immer wieder Nachfragen oder fast schon Druck im Sinne von:

„Die Kleine braucht doch ein Geschwisterchen.“

Als Paar sind wir uns unserer Entscheidung aber sehr sicher.

Nur habe ich eben irgendwie aus mir selbst heraus ein schlechtes Gewissen. Ich bin mit drei Geschwistern im Haus aufgewachsen, meine Frau war auch kein Einzelkind und die Beziehungen zu unseren Geschwistern waren und sind für uns sehr wichtig. Wir haben so viel miteinander gespielt und auch gestritten und einfach gemeinsam erlebt, weil meine Geschwister halt immer mit am Start waren, in jeder Lebensphase. Ich möchte nicht das Gefühl haben, meiner Tochter mit unserer Entscheidung gegen ein zweites Kind etwas vorzuenthalten.

Zugleich empfinde ich es aber leider genau so und frage mich eben, ob wir das irgendwie kompensieren sollen oder können? Gibt es Dinge, die wir tun können, um ihr als Einzelkind das Leben zu verschönern? Können wir ihr als Eltern irgendwie das geben, das unsere Geschwister uns in der Kindheit gegeben haben? Keine Ahnung, ob die Frage vielleicht auch falsch gestellt ist. Ich würde mich wahrscheinlich einfach freuen, zu wissen, ob es konkreteTipps für Einzelkinder gibt?!

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind wird Einzelkind bleiben
Astrid Draxler — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern einer fünfjährigen Tochter,

zuerst möchte ich sagen, dass ich beim Lesen Ihrer Fragen wieder all die Fragezeichen vor mir sah, die auch mich, die ich selbst mehrere Geschwister habe, in den ersten Lebensjahren unseres Kindes sehr beschäftigt haben. „Und da drin, sitzt dann meine kleine Schwester!“, sagte mein 5 jähriges Kind einmal zu mir und deutete auf den ausklappbaren Sitz im Einkaufswagen. Und ich wusste, diesen Wunsch werden wir nicht erfüllen können. 

Zum Anfang ein kurzer Blick auf den Familienreport 24 und die Entwicklung in Europa. Der Report beginnt mit dieser Aussage:

„Personen mit Kindern im Haushalt sind insgesamt zufriedener als Personen ohne eigene Kinder. Familiäre Beziehungen geben Halt in Zeiten des Umbruchs. Gefragt danach, wer ihnen in schwierigen Zeiten helfen kann, sagen im Bevölkerungsdurchschnitt 82 Prozent, dass sie diese Personen in der Familie finden würden.“

Dies bezieht sich nicht auf eine bestimmte Anzahl an Kindern!

Weiter heißt es:

„In der Mehrheit der Familien leben (Stand 2022) ein Kind (49 Prozent) oder zwei Kinder (38 Prozent) […] Mit der amtlichen Geburtenrate von 1,46 Kindern pro Frau im Jahr 2022 liegt Deutschland nach wie vor im europäischen Mittelfeld. Rückgänge der Geburtenraten sind auch in anderen Ländern Europas zu beobachten und kein deutsches Phänomen.“

Aufschlussreiche Studien zur Entwicklung von Einzelkindern gibt es kaum. Manches Wissen bezieht sich auf Quellen aus den 1990ern. Oft wurden und werden darin Einzelkinder mit Attributen bewertet, wie: Einzelkinder seien verwöhnt und egozentrisch oder verhalten sich oft unsozial. Wissenschaftler*innen finden heute keine messbaren Nachteile beispielsweise für Schwierigkeiten in der sozialen Entwicklung.

Dennoch beschäftigen Eltern noch immer etliche Mythen über die Vorteile des Lernens und Lebens mit Geschwisterkindern, die in den heutigen Lebenswelten unnötigen Druck aufbauen.

Ihre Fragen sind daher sehr nachvollziehbar und wichtig, denn jede Familie hat besondere Ressourcen und Wünsche. Jede Familie ist einzigartig. Jede fühlt sich in anderer Zusammensetzung komplett. In den Beratungen erlebe ich ähnliche Themen, die Eltern umtreiben, und sehe mit Begeisterung die vielen individuellen Ressourcen der Familienmitglieder, mit denen sie den Herausforderungen begegnen.

Kinder spüren, wenn ein wichtiges Thema in der Familie herumgeistert. Sie reagieren darauf auf verschiedenste Weise, beziehen unklare Stimmungen auf sich selbst, oder verstärken das Thema durch Wünsche oder Nachfragen (z.B. nach einem Geschwisterchen).

Nun haben Sie Ihre Entscheidung als Paar gemeinsam getroffen. Und es kommt dennoch ein komisches Gefühl auf. Sie schreiben: „Ich habe aus mir selbst heraus ein schlechtes Gewissen, dem Kind etwas vorzuenthalten“. Ihre Reflexion ist so ehrlich und hilfreich, gut, dass Sie das Gefühl nicht wegwischen. In Ihrem Familiensystem sind nun Sie selbst an der Reihe, die Zukunft der eigenen Familie zu bestimmen und die Verantwortung dafür zu tragen. 

Wenn wir Erwachsenen durch das Elternsein in neue Lebensfelder hineinwachsen, helfen uns oftmals die Erinnerungen an die eigene Geschichte, und wir schöpfen Sicherheit aus dem damals als Kind erlebten Guten. Das, was wir unserem Kind von Herzen ebenso wünschen und ermöglichen wollen, fühlt sich dann schwer an, wenn wir uns anders entscheiden, oder das Schicksal es für uns tut, wenn es trotz Versuchen zu keiner weiteren Schwangerschaft kommt.

Als Geschwister haben Sie vieles voneinander gelernt und, wie Sie schreiben, überwiegend positive Erlebnisse miteinander gehabt. Noch dazu schöpfen Sie auch heute noch aus der Nähe und Freundschaft untereinander. Das ist auf jeden Fall eine gute Nachricht, denn zu Onkel und Tanten gibt es manchmal ein weiteres Kind oder Kinder, die für Sie und Ihre Tochter wertvoll sein werden.

Gemeinsame Zeiten miteinander zu pflegen und die Kinder unter sich Erfahrungen machen zu lassen, wird Ihrer Tochter viele soziale Kontakte und das Potential zu langjährigen, tragfähigen und freundschaftlichen Beziehungen ermöglichen. Dies gilt auch für Ihren Freundeskreis, alle Begegnungen in nahen oder engen Beziehungen sind ein wunderbares Lernfeld für Ihr Kind.

Das Gefühl „Ihrer Tochter etwas vorzuenthalten“ kann auch aus Überlegungen entspringen, ob Ihre Tochter etwas vermissen wird. Es kann natürlich sein, dass sie früher oder später nachfragen wird, warum sie keine Geschwister hat. Und wenn Ihre Antwort klar und ohne schlechtes Gewissen bei ihr ankommt, kann sie damit umgehen. Wichtig ist: Ihr Kind ist nicht „Opfer“ Ihrer Entscheidung! Auch wenn es sich vielleicht für Sie manchmal so anfühlt.

Ihr Kind kennt Ihre Erfahrungen mit Geschwistern nicht, kann Ihren Schmerz oder die Trauer nicht nachvollziehen (schon gar nicht im jetzigen Alter), jedoch wird sie wahrnehmen, dass Sie manchmal irgendwie anders sind, wenn Sie sich diesen Gedanken hingeben. Daher ist es als Eltern wert, zu prüfen, welche Mythen oder Vorurteile über „Einzelkind sein“ man selbst noch in sich trägt. Was daran macht Sorgen? Kann es sein, dass wir uns vor Ausgrenzung fürchten, weil Familie oder Freunde es anders erwarten? Oder selbst noch der Meinung sind, dass ein Bruder oder eine Schwester das Leben lebenswerter macht?

Hinter manch Dahingesagtem wie „die Kleine braucht doch ein Geschwisterchen“ vermuten wir einen Vorwurf, der bewirkt, dass wir uns schämen und unsere Entscheidung vielleicht als egoistisch bewertet wird. Alle wichtigen Entscheidungen erfordern ein Abwägen des inneren Bedürfnisses, also der Integrität, auf der einen Seite, und der gesellschaftlichen Erwartungen und Verhaltensweisen, also der Kooperation, auf der anderen Seite. Vielleicht haben wir immer von mehreren Kindern geträumt und das geht jetzt nicht. Ja, das kann schmerzen und ich kann das ab und zu bedauern. Ob Ihr Einzelkind einmal ein Geschwisterkind vermissen wird, ist nicht sicher. Manche Kinder wünschen sie sich, andere gar nicht.

Ihre Tochter, beziehungsweise Kinder generell, leben meist im Hier und Jetzt Aus den gemachten Erfahrungen heraus starten sie ihre weiteren Schritte in die Zukunft. Durch Versuche und Niederlagen, durch Erfahrungen mit sich und der Umwelt wachsen sie in das Erwachsenenleben hinein. 

Alles was Sie selbst als Kind unter Geschwistern gelernt haben, steht Ihnen im Beziehungsaufbau mit Ihrer Tochter zur Verfügung. Wie leben Sie zuhause die familiären Werte, wer hat welche Aufgaben, welche Streitkultur leben Sie als Paar, wie gehen Sie mit Konflikten um, etc.? Aus dem vorbildhaften Erleben in der Familie geht Ihre Tochter in die Welt und bringt die dort gemachten Erfahrungen mit anderen Kindern und Erwachsenen nach Hause. Auf ihre Art wird sie Ihnen Erlebtes, das sie nicht ganz versteht, oder das von Ihren Werten zuhause abweicht, „servieren“, und wird neugierig beobachten, wie Sie nun darauf eingehen werden. Das ist lebenslanges Lernen mit dem Bild von elterlicher Führung als Leuchtturm. Die Führung liegt in den Händen der Eltern, mit Geschwistern könnten andere Erfahrungswelten gelebt werden. Diese wären anders, aber nicht unbedingt besser, und sind zum Erwachsenwerden nicht zwingend nötig. Ein gleichwürdiger Umgang in Ihrer Familie wird sie sozial kompetent werden lassen und ihr Selbstgefühl stark machen. Das nimmt sie mit ihn ihr weiteres Lebensumfeld.

So sind Sie alle mit Neuem herausgefordert. Und da verstehe ich Ihre Fragen nach Möglichkeiten der Kompensation und weiteren Tipps:

Gibt es Dinge, die wir tun können, um ihr als Einzelkind das Leben zu verschönern? 

• Wie gesagt, Ihr Kind erlebt es wahrscheinlich gar nicht als Verlust. Sie bedauern, ihr etwas für Sie Wertvolles nicht anbieten zu können. Und das sollte bei Ihnen als Paar bleiben. Die Entscheidung, bei einem Kind zu bleiben, die zur Zeit ca. 50% der Eltern in Deutschland wählen, darf sich für Sie gut und richtig anfühlen, denn Sie können sich sicher sein, dass Sie Ihrem Kind auch so alles geben können, was es von Ihnen als Eltern braucht. Wenn das Kind spürt, dass Sie sich wegen irgendetwas (kompensatorisch) besonders anstrengen, kann es die Beziehung eher belasten. Das kann dazu führen, dass sie sich „nicht richtig“ fühlt.

Kein Kind lernt Gutes, wenn es zum „Projekt“ der Eltern wird.

Richten Sie Ihr Leben nicht nur auf die Bedürfnisse der Tochter aus. Jede und jeder Einzelne braucht Zeit für sich. Zeigen Sie ihr, was Sie im Leben interessiert, Ihre Hobbys, Sport etc. und geben Sie ihr die Wahl und die Zeit, ihre eigenen Interessen herauszufinden.

• Prüfen Sie, ob übertriebene Besorgnis Einzug gehalten hat, die Sie oder ihr Kind verunsichern könnte. Es versteht Besorgnis eher als Vertrauensverlust in die bereits gewachsenen Kompetenzen.

Sie fragen: „Können wir ihr als Eltern irgendwie das geben, das unsere Geschwister uns in der Kindheit gegeben haben?“ 

Woran erinnern Sie sich gerne? War es das Spielen, die Nähe oder vielleicht das Aushandeln?

• Finden Sie gemeinsam mit ihr heraus, was ihr liegt, woran sie Freude hat, und ermöglichen Sie ihr manches auszuprobieren (Singen, Tanzen, Werkeln etc.)

• Nehmen Sie Ihre Tochter wahr, ohne zu bewerten. Einzelkinder streben nicht unbedingt nach vielen Kontakten, zu viele Gruppen können auch Druck machen

• Seien Sie zuhause Sie selbst: „So bin ich – wer bist du?“

Als einziges Kind im Haushalt im Scheinwerferlicht zu stehen, kann anstrengend sein und verführt dazu, Rollen zu spielen. Geben Sie Ihrem Kind die Chance, sich zuhause mit Ihnen zu regulieren. Das bringt manche Herausforderung mit sich, denn jede und jeder ist aufgerufen, die eigenen Grenzen deutlich zu machen, sichtbar zu sein und mit den eigenen Bedürfnissen und Wünschen ehrlich umzugehen.

Ich danke für Ihre Anfrage, es war bereichernd, durch die verschiedenen Perspektiven zu reisen. Ich hoffe es war hilfreich für Ihre Überlegungen.

Ich wünsche Ihnen Zuversicht und ein zufriedenes gemeinsames Leben,

Herzlich

Astrid Draxler