Ehrlich gestellt.
Liebes Beratungsteam,
mich beschäftigt zur Zeit eine Frage – oder eine Herausforderung –, mit der ich so auch nicht gerechnet hätte. Mein ältester Sohn ist jetzt 11 Jahre und seit einem viertel Jahr habe ich die Sorge, dass mein Kind auf dem besten Weg ist, dicker zu werden. Er war immer ein sehr aktives Kind, auch in der Schule hatte er beste Möglichkeiten, viel Fußball zu spielen, er spielt auch jetzt noch im Verein – allerdings haben die Angebote für Bewegung in der Schule stark abgenommen. Er ist also wirklich keine „couch potato” (was wahrscheinlich kaum ein Kind ist). Er hatte schon immer großen Appetit – zur Zeit sind die Portionen aber doch eher imposant – und die Menge an Energie, die er zu sich nimmt, ist deutlich über der Menge, die er verbraucht.
Neulich war ich schon etwas „erschrocken” darüber, wie viel Winterspeck er sich angefuttert hat. Ich war selber ein eher dickeres Kind und habe erst im Erwachsenenalter gelernt, gut darauf zu achten, wie viel ich brauche und wo der Unterschied zwischen Appetit und Hunger ist. Ich glaube, dass mir mein zusätzliches Gewicht als Kind die Lust an Sport und auch das Vertrauen in meinen Körper genommen hat – ich habe Sorge, dass es meinem Kind ähnlich geht – denn zunehmen ist leicht, den Körper aber wieder fit zu bekommen, schwieriger. Ich kenne die Abwärtsspirale, die damit einhergehen kann.
Bisher hatten wir noch kein Gespräch darüber, weil ich es sehr schwierig finde. Ich möchte ihn nicht in seinem Selbstbild verunsichern, denn er fühlt sich sehr wohl in seinem Körper, das sagt und zeigt er auch – und das ist ja das größte Geschenk. Und doch habe ich Sorge davor, wie sich die Sache vielleicht ändert, wenn er weiter so viel isst – und die Bewegung eventuell auch noch weniger wird, denn beispielsweise interessiert er sich jetzt mehr und mehr für Spiele auf Smartphone und Konsole.
Ich möchte nicht auf seine großen Portionen schielen und denken: „Uff.” Ich möchte nicht sagen: „Das finde ich jetzt ganz schön viel.” Ich habe überlegt, ob ich seine Begeisterung für Fußball nutzen kann, um ihm die Vorteile einer ausgewogenen Ernährung näher zu bringen. Leider machen Fußballer auch ständig Werbung für Nutella. Da bin ich also noch auf der Suche.
Ich brauche einen Anstoß, wie ich meine eigene Perspektive ändern kann. Ich brauche Anregungen, wie ich ein Gespräch mit meinem Kind führen kann, denn irgendwann wird er einen Blick von mir bemerken (wenn er es nicht eh schon getan hat) – und dann vielleicht ein subtiles Gefühl von „Was stört Papa denn an mir?” entwickeln. Da gehe ich lieber in ein offenes Gespräch.
Ich kann mich noch gut an eine Situation erinnern, als ich selbst im gleichen Alter war. Meine Mutter sagte mir, als gerade Besuch da war: „Na du hast ja auch ganz schöne Paus-Bäckchen bekommen.” Ich habe mich total geschämt und es hat mich sehr verunsichert. Solche Erfahrungen will ich meinem Sohn ersparen.
Ich freue mich über eine Antwort, viele Grüße.
unserer Expertin.
Lieber Papa,
es ist schön zu lesen, wie sehr Du Deine eigenen Kindheitserfahrungen im Rahmen des Themas, das Dich beschäftigt, mitreflektierst. Unsere eigenen Erfahrungen prägen uns und wirken sich auch auf die Wahrnehmung aus, die wir heute von unseren Kindern und ihren Erfahrungen haben. Auch die Bewertungen der Wege, die unsere Kinder gehen, werden dadurch stark beeinflusst. Du möchtest Deinem Sohn ähnliche Erfahrungen ersparen, wie Du sie mit Deiner Mutter erlebt hast und dabei Scham empfandest. Zugleich hast Du dieselbe Sorge, die womöglich auch Deine Mutter damals um Dich hatte: Dass das eigene Kind an Gewicht zunimmt.
Die Sorge hinter der Sorge
Nun ist für mich ein wenig die Frage, was die Sorge hinter dieser von Dir ausgedrückten Sorge ist. Bei Gewichtszunahme können ja ganz verschiedene Faktoren und diese zu unterschiedlicher Gewichtung eine Rolle spielen, zum Beispiel Gesundheit, Bewegungsfreude und Fitness, Lebensqualität und viele weitere. Einige Punkte benennst Du konkret und diese beziehen sich auf Deine eigenen Erfahrungen früher:
Schwierig für Dich war, dass Du selbst erst im Erwachsenenalter gut sortieren gelernt hast, wie viel an Essen Du brauchst und Dir gut tut und wie viel zu viel für Dich ist. Eine weitere Sorge von Dir ist, dass er (wie Du damals) das Vertrauen in seinen Körper und die Lust am Sport, am Fußball, verlieren könnte. Das sind Deine Erfahrungen, die Du gemacht hast, die einen Schmerz mit sich brachten und die Du nun Deinem Kind ersparen möchtest. Das ist nur allzu verständlich! Wenn wir selbst ein Thema hatten, das uns Kummer bereitet hat, möchten wir unser Kind davor gerne schützen.
Zugleich dürfen wir in solchen Situationen immer bei uns schauen: Wie bewusst trennen wir unsere Gefühle und Deutungen, die sich auf unsere Erfahrungen richten, von unserem Kind und dessen eigenem Erfahrungsraum? Es geht schnell, dass wir unseren Schmerz auf das Kind übertragen und um jeden Preis die Wiederholung des Schmerzes vermeiden möchten. Es ist wichtig, dass wir hier gut sortieren, sonst sehen wir durch unsere alte Schmerzbrille auf unser Kind und sehen es dabei oft nicht so wie es eigentlich ist. Wenn wir von diesen Sorgen geleitet auf unser Kind schauen und mit ihm sprechen, kommt zumeist nicht viel Konstruktives dabei heraus.
Meine Erfahrung, deine Erfahrung
Trennen wir nun Deine Erfahrungen und Sorgen von Deinem Sohn, lese ich, dass Dein Sohn sich – ganz anders als Du damals – in seinem Körper „sehr wohl“ fühlt und dies auch „sagt und zeigt“. Du bewertest das als größtes Geschenk und darfst hier die große Differenz zu Dir früher bewusst wahrnehmen und Dir ganz bewusst machen: Er ist ein ganz anderes Kind als Du es warst. Er fühlt sich wohl, es ist sein Körper, es ist mit 11 Jahren seine Entscheidung, wie viel er isst.
Zugleich habt Ihr als Eltern Spielraum, darauf einzuwirken, was er isst, also wie er sich ernährt. Im Endeffekt entscheidet ihr als Eltern, was im Kühlschrank steht, und könnt so sichergehen, dass Essen vorhanden ist, das er mag und von dem ihr gleichzeitig guten Gewissens sagen könnt, dass er so oft nachholen kann, wie er will. Wenn Du selbst und Ihr Euch in Eurer Familie bewusst, ausgewogen und gesund ernährt, dann seid Ihr das beste Vorbild, das Ihr Eurem Sohn schenken könnt und tut, was Ihr tun könnt. Indem Ihr Euch entscheidet, bewusst und gesund im Rahmen Eurer Ernährung mit Eurem Körper umzugehen, genau hinein zu fühlen, wie viel Ihr braucht und essen möchtet und zudem Ihr es seid, die entscheiden, wie gesund Eure Mahlzeiten ausfallen, bietet Ihr einen großen und bedeutsamen Erfahrungsraum für Euer Kind.
Was er mit diesem Raum und Euren Werten, Euren Entscheidungen, wie Ihr Euch ernähren möchtet, macht, liegt bei Eurem Sohn und sollte auch dort bleiben. So wie Du ihn schilderst, könnte es ja durchaus auch sein, dass er an Gewicht und Körperfülle zunimmt und sich zugleich damit wohlfühlt und weiterhin gerne Fußball spielt, also ganz andere Erfahrungen mit den Themen Ernährung, Sport und der Verbindung zum eigenen Körper macht als Du früher. Diese Erfahrungen darf er selbst machen und sich dabei der wohlwollenden, aber nicht bewertenden Rückendeckung seines Vaters sicher sein.
Auch bei dem Thema Smartphone und Konsole und wie viel Zeit am Tag er in der physischen Bewegungslosigkeit an den Geräten verbringt, könnt Ihr Eltern durchaus mitreden und ihm Eure Werte vermitteln, indem Ihr mit ihm besprecht, wie viel Zeit am Tag Ihr hier angemessen findet und mit ihm in einen gleichwürdigen Dialog eintreten, ihn also fragen, wie er dies sieht und Eure Perspektiven abgleichen und annähern. Auf diese Weise fühlt er sich gesehen und Ihr könnt Lösungen finden, die sich im besten Fall für beide Seiten gut anfühlen.
Erfahrungen sind immer auch individuelle Lernprozesse, in denen wir subjektive Schlüsse für uns ziehen. Das heißt, dieses Lernen aus Erfahrungen kann man sich nicht gegenseitig abnehmen, weil sich die Erfahrung eben für jeden Menschen anders anfühlt und jeder Mensch auch auf seine eigene Art etwas anderes davon lernt. Wenn Dein Sohn den Weg geht, große Portionen zu genießen und an Gewicht zuzunehmen, dann braucht er vielleicht diese Erfahrung und alles, was damit für ihn einhergeht, was sehr anders oder auch ähnlich zu Deinen Erfahrungen sein kann. Dennoch: Deine Erfahrungen sind nicht seine.
Die Frage, die Du Dir also selbst stellen darfst, ist: Möchtest Du Deinen eigenen Schmerz von damals noch einmal bewusst sehen, ihm Raum geben, Dich darin versorgen und dann Deinen Sohn loslassen und seinen Weg gehen lassen, im Vertrauen, dass er gute Wege für sich finden wird? Vielleicht sind diese anders als Du dachtest, doch er ist ja auch nicht Du, sondern ein ganz eigener Mensch.
Wenn ihr also das nächste Mal am Tisch sitzt und dein Sohn sich die dritte Portion auftut, kann dir vielleicht folgender Gedanke helfen, in entspannter Verbindung zu dir selbst, zu deinem Kind und zu der dritten Portion zu bleiben: „Mein Sohn fühlt sich wohl in seiner Haut und genießt das Essen. Wie schön, dass er einen Vater hat, der wohlwollend hinter ihm steht und ihm Sicherheit gibt, während er seine eigenen Erfahrungen in der Welt macht.“