Darum geht es
Mein Kind will nicht in den Kindergarten: Wie können wir damit umgehen, wenn sich kein eindeutiger Grund dafür erkennen lässt, das „Gejammer“ aber jeden Morgen von Neuem losgeht und die ganze Familie belastet?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Bereits seit Wochen (oder sind es Monate?) gibt es jeden Morgen ein ähnliches Drama mit unserer 3,5-jährigen:  Mein Kind will nicht in den Kindergarten. Manchmal ist das einer ihrer ersten Sätze in der Früh. Manchmal fängt das Gejammer oder Geheule erst an, wenn der Papa zur Arbeit fährt. Es zieht sich oft den ganzen Morgen hin – während des Anziehens, Frühstückens, Zähneputzens.

Ich weiß nicht, wie ich „richtig“ reagieren soll. Auf meine Fragen wie: „Warum nicht? Was gefällt dir dort nicht?“, kommen nur Antworten wie: „Die Bücher, Bauecke und so weiter gefallen mir nicht“. Also kein ernstzunehmender Grund. Hin und wieder hilft nochmal Mama-Kuscheln in der Garderobe. Hinein in den Kindergarten geht es manchmal unter Tränen, manchmal ohne.

Im Kindergarten hat sie jeden Tag Spaß. Und eine beste Freundin. Ihre Erzieherin hat, abgesehen von der Bring-Situation in der Früh, auch kein Problem erkannt (keine ärgernden Kinder oder so).

Ich habe schon mehrere Vermutungen/Theorien, was dahinter stecken könnte:

1. Es hat sich einfach „eingebürgert“, dass sie morgens einfach mal behauptet, dass sie nicht in den Kindergarten gehen möchte.

2. Die Mittagessen-Situation (Sie ist sehr heikel beim Essen und will seit ein paar Wochen immer nur bei ihrer Erzieherin sitzen. Die gesamte Essen-Situation hat sich angeblich aber schon verbessert laut Erzieherin)

3. Sie vermisst mich (Mama) und kleinen Bruder (1,5 Jahre) ODER ist eifersüchtig, dass er den ganzen Tag bei Mama bleiben darf.

Noch eine interessante Info am Rande. Neuerdings geht sie auch alleine zur Nachbarin spielen oder (seit langer Zeit wieder gerne) alleine zur Oma.

Braucht sie mehr Nähe oder will sie Abstand und unabhängig sein?

Wie reagiere ich am besten beim morgendlichen Gejammer? Ich will keinen Druck erzeugen, dass sie in den Kindergarten gehen muss. Sie soll ja gerne hingehen. Aber ich weiß irgendwann auch nicht weiter. Manchmal ignoriere ich ihr Gejammer und ihre Fragen dann einfach.

Bitte um Ratschläge!

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind will nicht in den Kindergarten
Wolfgang Bergmann — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern,

die Situationen und Momente, die Sie beschreiben, erleben wohl die meisten Eltern, wenn es um das Thema Kindergarten geht. Mama oder Papa haben es morgens eilig – schnell noch den Haushalt auf Vordermann bringen, Frühstück vorbereiten und ach ja, da ist ja noch das Kind, das in den Kindergarten soll! Anziehen, Frühstücken, Zähneputzen – gerade in der Morgenroutine sind die Zeitfenster oftmals knapp bemessen. Die meisten Kinder spielen da nicht mit. Kinder und Zeit passen oft nicht zusammen. Kinder sind im Moment und „planen“ noch nicht ihren Tagesablauf, wie wir Erwachsenen es tun. Deshalb gibt es schon morgens die ersten Konflikte: „Ich will nicht in den Kindergarten“, „Ich hab‘ Bauchschmerzen“, „Die Bauecke gefällt mir nicht“.

Ein Alltag voller Kooperation

Wie Erwachsene lebt auch das Kind in einem Spannungsfeld zwischen Integrität und Kooperation. Wenn das Kind sich an den Ablauf der Erwachsenen anpasst, oder Rücksicht nehmen muss, also seine Bedürfnisse zurückstellen muss, dann kooperiert es mit seiner Umgebung. Gleichzeitig „kämpfen“ Kinder aber auch für ihre Integrität: Ich will ich sein, ich will das tun, was mir gefällt, ich will mich nicht anpassen.

Wenn Kinder über einen längeren Zeitraum kooperieren, dann wird es für sie anstrengend, dann zeigen Kinder ihren Unmut. Manche Kinder werden leise, ziehen sich zurück, wollen allein sein, um aufzutanken. Andere Kinder werden laut, kämpfen sprichwörtlich für ihre Integrität – meist noch nicht konstruktiv.

Was Eltern nicht vergessen dürfen: Auch die Kindergartenzeit ist für das Kind anstrengend. Auch dort muss das Kind kooperieren, Rücksicht auf die anderen Kinder nehmen, kann es nicht machen, was es will. Über den Tag gesehen verbringt das Kind genauso wie die Erwachsenen also viel Zeit im Feld der Kooperation.
Kooperation gehört natürlich zum Leben dazu. Kinder haben den natürlichen Wunsch nach Zugehörigkeit. Dazu gehört auch die Anpassung, und sie lernen Stück für Stück damit umzugehen. Sie erleben dies in den Momenten, in denen Ihre Tochter gerne in den Kindergarten geht, sie will Teil der Gemeinschaft sein.

In Ihrem Fall kommt noch hinzu, dass Ihre Tochter seit 1,5 Jahren einen kleinen Bruder hat. Das bedeutet, sie muss auch dort „teilen“ und Rücksicht nehmen. Mama und Papa haben nicht mehr nur für mich Zeit, mein Bruder ist auch noch da… schon wieder Kooperation!

Ihre Tochter möchte mit ihren 3,5 Jahren natürlich auch immer selbstständiger werden und Dinge alleine machen. Ein Besuch bei der Nachbarin, alleine zur Oma und so weiter. Dies ist auch ein Aspekt, der in das Feld Integrität fällt –„Ich will autonom sein, das tun, was mir gefällt“.

Gemeinsam entschleunigen

Was können Sie tun? Die schnelllebige Welt, die das Kind umgibt, lässt sich vielleicht nicht komplett ändern. Sie als Eltern haben Aufgaben und Verantwortung, müssen auf Arbeit und Geld verdienen. Deshalb geht Ihre Tochter in den Kindergarten. Zudem benötigen Sie Zeit für Ihren kleinen Sohn. Wenn es Ihnen gelingt, dann nehmen Sie sich mal Zeit für Ihre Tochter – Zeit, in der Sie beide entschleunigen können. Vielleicht ist so ein Moment abends auf der Bettkante. Ein Gespräch könnte in etwa so beginnen: „Liebe Tochter, ich hab‘ mal nachgedacht. Du gehst ja tagsüber in den Kindergarten, das ist bestimmt auch mal anstrengend für dich. Dann hast du seit einiger Zeit auch einen Bruder. Ich und dein Papa haben also nicht mehr so viel Zeit für dich, wie es mal war. Ich weiß eigentlich gar nicht, wie das wirklich für dich ist.“
Vielleicht erzählt Ihre Tochter an dieser Stelle etwas, vielleicht auch nicht.

Halten Sie inne, hören Sie zu und stellen Sie keine Fragen!

„Warum, Wieso, Weshalb?“, braucht es in so einem Dialog nicht. Sie könnten auch von sich sprechen: „Weißt du, für mich ist das auch manchmal anstrengend, ich muss auch viel arbeiten, habe nicht so viel Zeit für euch. Das tut mir sehr leid.“ Und dann nehmen Sie sich noch viel Zeit für Nähe – kuscheln Sie, vielleicht rollen auch ein paar Tränen…

Dann erlebt Ihre Tochter, wer Sie sind, und sie bekommt das Gefühl, nicht verkehrt zu sein. Für die Entwicklung eines starken Selbstwertgefühls ist das besonders wichtig: Ihre Tochter ist ok, so wie sie ist! Dies bildet für Ihre Familie ein wertvolles Fundament.