Ehrlich gestellt.
Liebes familylab-Team,
Unser Sechsjähriger hat sich wie die meisten Kinder auf die Grundschule gefreut.
Nach ein paar Tagen kam dann wohl die erste Enttäuschung, da es gar nicht alles so spannend ist, wie Familienmitglieder und Freunde es angekündigt hatten. Die Umstellung vom freien Spiel im Kindergarten zum Sitzen und Zuhören fiel wohl nicht sehr leicht. Schon begannen also die ersten Diskussionen um die Hausaufgaben.
Wir versuchten, die Sinnhaftigkeit zu erklären und gaben uns Mühe, es ihm auf eine spielerische Art schmackhaft zu machen. Dazu kamen diverse zwischenmenschliche Themen, über die wir mit ihm aber schon sehr gut reden können. Wir haben also im Normalfall einen guten Draht und besprechen auch häufig Situationen im Nachgang.
Nun kam es zum zweiten Mal vor, dass er morgens sagte, er habe Kopfschmerzen und könne nicht in die Schule gehen. Beim ersten Mal habe ich dies zugelassen, da ich es auch ehrlich gesagt nicht einzuschätzen wusste. Er hat aber am Nachmittag von sich aus gesagt, also zugegeben, dass er nur nicht zur Schule wollte.
Jetzt, nach dem langen Wochenende, versucht er es also wieder.
Da sind bei mir die Alarmglocken angesprungen. Ich konnte dies weder in dem Moment noch im Nachgang reflektieren. Ich war einfach nicht im Moment und total außer mir. Es folgten also Gemecker und Drohungen, bis sich das Kind einfach im Bad einschloss, was im Nachhinein total verständlich war, mich aber in dem Moment noch mehr zum Kochen brachte. Für mich war es einfach noch eine Last zusätzlich zu den vielen anderen, die ich bereits trage.
Ich konnte dann irgendwann einen Schritt zurück machen und wir kamen nochmal ins Gespräch. Heraus kam, dass der Kontakt zu seinem besten Freund, wegen dem er die Schule ausgewählt hat, nicht so gut läuft, weil der sich jetzt neuen Freundschaften öffnet. Dazu kommt eine anscheinend sehr große Angst zu versagen und den Schulstoff nicht zu schaffen. Er fühlte sich offensichtlich auch als Versager, weil er ab jetzt eine Stunde Förderunterricht machen soll. Diese Ängste und Sorgen verspürte ich auch am frühen Morgen.
Warum ist die Angst und Sorge um das Versagen des Kindes in der Schule so groß?
Wie viel spielt da mein eigenes Schulthema eventuell rein? Ich war leider eine total führungslose Jugendliche und tat mich schwer in der Schule.
Wie schafft man es, einen lockeren, aber disziplinierten Umgang zu finden?
Muss er in der Freizeit noch mehr Aufgaben machen oder braucht er am Nachmittag mehr Freiraum zum Spielen für den Ausgleich?
Die Tage sind gefühlt auch einfach zu kurz für alles.
unserer Expertin.
Vielen Dank für deine Nachricht. Die Situation, die du schilderst, kenne ich sehr gut. Meinem jüngsten Sohn fiel der Einstieg in die Grundschule ebenfalls schwer, und wir als Eltern hatten Mühe, den herausfordernden Gefühlen unseres Sohnes zu begegnen.
Ein neues Level an Druck
Die Umstellung vom Kindergarten in die Schule ist eine große Anpassungsleistung für Kinder. Im Kindergarten standen Spiel und Freude am Miteinander im Vordergrund, während die Schule einen engeren Rahmen vorgibt, der weniger Freiräume bietet. Bereits in der 1. Klasse wird viel Disziplin und Kooperation erwartet. Wenig Bewegungszeit und der Mangel an Möglichkeiten, eigene Interessen auszuleben, können bei Kindern nach der anfänglichen Euphorie „Ich bin ein Schulkind!“ zu Widerstand führen. Gleichzeitig erleben sie den gesellschaftlichen Druck: sei brav, mach deine Aufgaben ordentlich – dann bist du okay.
Diese Glaubenssätze wirken oft unbewusst in uns Eltern weiter und erzeugen zusätzlichen Stress. Wir fürchten, den Erwartungen nicht gerecht zu werden, verlieren schneller die Geduld oder versuchen, unser Kind gefügig zu machen. Das ist völlig normal und passiert sehr vielen Eltern. Dass du dein Handeln reflektierst, ist bereits sehr wertvoll. Und vergiss nicht: Niemand muss alles perfekt machen. Wichtig ist, dass du die Verantwortung übernimmst, wieder in Kontakt zu kommen, wenn etwas schiefläuft.
Du hast erwähnt, dass du als Jugendliche wenig Führung erfahren hast. Vermutlich war Schule für dich eine Herausforderung, und du hast dir liebevolle Begleitung gewünscht. Es liegt nahe, dass diese Erfahrungen deiner Jugend Einfluss darauf haben, wie du deinem Sohn Orientierung und Unterstützung geben möchtest. Es ist verständlich, dass du dir wünschst, er fühle sich wohl in der Schule. Du bist auf einem guten Weg, indem du mit ihm sprichst und seine Erlebnisse ernst nimmst.
Es macht also Sinn, weiterhin mit deinem Sohn im Gespräch zu bleiben. Du kannst dabei Verständnis für seinen Unmut und seine Widerstände zeigen, ohne diese rational erklären oder auch relativieren zu müssen. Stattdessen empfehle ich dir, im Gespräch seinen Gefühlen Raum zu geben und sie anzunehmen. Wir Eltern müssen dabei keine Lösungen präsentieren, sondern können uns vorerst darauf konzentrieren, unsere Kinder in ihrem Frust zu begleiten. Sätze wie „Ich sehe, dass es dir schwerfällt, in die Schule zu gehen. Ich bin für dich da und überzeugt, dass wir einen Weg finden.“, signalisieren Sicherheit. Frage nach, was ihm konkret schwerfällt, und höre zu – auch wenn er keine Antwort hat. Es geht weniger um Inhalte als darum, wie ihr miteinander umgeht und wie ihr mit den Gefühlen umgeht, die entstehen.
Stabilität durch verlässliche Beziehungen
Dein Sohn braucht in dieser Phase eine stabile Bezugsperson, die ihn annimmt und ihm zeigt, dass er nicht allein ist. Deine Zuversicht und Gelassenheit helfen seinem Nervensystem, sich zu regulieren. So kann er sich nach und nach wieder den schulischen Anforderungen zuwenden.
Eine zusätzliche Herausforderung für Schulanfänger ist die neue Klassengemeinschaft. Kinder fragen sich: Wie reagieren die anderen auf mich? Wer gibt mir Sicherheit? Am Anfang hilft es oft, wenn vertraute Freunde aus dem Kindergarten dabei sind. Doch auch diese Freunde müssen sich neu orientieren, was dein Sohn möglicherweise als Abwendung empfindet. Es kann sein, dass ihn das nochmal zusätzlich verunsichert. Hier gilt ebenfalls: Du musst nichts reparieren. Du darfst darauf vertrauen, dass dein Sohn nach einer Orientierungsphase seinen Platz finden, neue Freundschaften schließen und bestehende vertiefen wird.
Du schreibst, dass es dir schwerfällt, gelassen zu bleiben, wenn dein Sohn Sorge und Schmerz zeigt. Es könnte sein, dass deine eigene Geschichte hier eine Rolle spielt und alte Ängste aktiviert. Es kann hilfreich sein, mit professioneller Unterstützung diese Muster zu reflektieren. Gleichzeitig darfst du dir bewusst machen, dass dein Sohn seine eigene Geschichte schreiben wird – unabhängig von deinen Erfahrungen. Behalte dir die Neugier auf sein Leben und die Freude an seinem Wesen.
Noch ein Gedanke zur Situation, bei der sich dein Sohn im Bad einschließt und verweigert in die Schule zu gehen. Dass dich dieses Verhalten sehr herausfordert, ist verständlich und die meisten Leserinnen und Leser werden ähnliche Situationen kennen, in denen die Nerven überstrapaziert sind und neben Wut ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit entsteht. In solchen Momenten stellt dein autonomes Nervensystem auf Kampf oder Flucht um. Überwältigende Gefühle entstehen, die nur schwer unter Kontrolle zu halten sind.
In dieser Situation ist es hilfreich, die Erregung deines Nervensystems liebevoll in den Fokus zu nehmen. Du könntest dich beispielsweise neben die Badezimmertür auf den Boden setzen und mehrmals tief durchatmen. Zusätzlich kannst du deine Augen langsam durch den Raum wandern lassen, um alles um dich herum bewusst wahrzunehmen. Atem- und Orientierungsübungen können dir helfen, dein Nervensystem zu regulieren und mit der nötigen Ruhe und Klarheit präsent zu bleiben und wieder in den Dialog mit deinem Sohn zu finden.
Mir hilft es in schwierigen Phasen, den Fokus auf die Beziehung zu meinen Kindern zu lenken.
Solange die Bindungen innerhalb der Familie stabil sind, kann dein Sohn auch mal einen Pausentag einlegen, wenn es ihm nicht gut geht. Wenn er innerhalb der Familie Sicherheit und Verständnis erfährt, kann er die Herausforderungen im Außen in seinem eigenen Tempo angehen.
Zuletzt sei noch gesagt, dass es sich in solchen Phasen auch sehr lohnen kann, mit der Lehrkraft in Kontakt zu treten, beispielsweise mit einer kurzen Mail darüber, dass euer Sohn sich selbst ganz schön Druck macht und morgens bisweilen nicht in die Schule will. Das kann der Lehrkraft helfen, euren Sohn und dessen Motivation besser einzuschätzen und signalisiert noch dazu eure Bereitschaft, mit der Lehrkraft als Team an einem Strang zu ziehen. Schon diese Grundhaltung kann eine wichtige Basis dafür legen, bei zukünftigen Elterngesprächen oder neuen Herausforderungen gut auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Sich da als Eltern gemeinsam mit Kind und Lehrkraft in einer guten Kommunikation zu befinden, ist langfristig wertvoll für die weitere Schullaufbahn.
Und wie ihr es ja selbst gerade erlebt, ist der Übergang vom Kindergarten in die Schule eine wirklich große Veränderung und Herausforderung für unsere Kinder. Das ist ein langer Prozess und es kann mehrere Jahre dauern, bis ein Kind wirklich angekommen ist in diesem Alltag, der das nächste Jahrzehnt seines Lebens so stark prägt. Diese Herausforderung können wir unseren Kindern nicht abnehmen, aber indem wir mit Geduld für sie da sind und ihren Gefühlen Raum geben – den angenehmen wie auch den unangenehmen –, bieten wir ihnen in der Eltern-Kind-Beziehung einen sicheren Hafen.
Ich hoffe, dir mit diesen Gedanken Impulse und Ermutigung gegeben zu haben, und wünsche dir und deiner Familie alles Gute auf eurem Weg.