Darum geht es
Unser Kind will bestimmen und wenn ihm etwas nicht passt, wird gehauen, geschrien, mit Sachen geworfen. Wir fühlen uns, als wären wir seine Diener und fragen uns ernsthaft, ob wir ihn zu häufig verwöhnt haben.
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Mein Kind ist der König. Unser Sohn ist bald 3, das Baby gerade 1. Mir geht es darum, dass unser großer so forsch und im Befehlston mit uns spricht, aber das ist nicht alles. Er kann sich mittlerweile super ausdrücken und spricht sehr gut. Nur leider fühlen wir uns oft so, als wären wir seine Diener und fragen uns ernsthaft, ob wir ihn zu häufig verwöhnt haben, obwohl es doch Quatsch ist, man kann ein Kind doch nicht mit Liebe und Fürsorge verwöhnen?

Er schreit, sobald er zum Beispiel nach der Badewanne auf dem Sofa kuschelt:

„Ich will eine Milch! Eine MIiiiiIiiiiiLcH!!!!“

Wenn wir ihm sagen, dass es nun aber erstmal Abendessen gibt, schreit er nur noch lauter, dass er jetzt eine Milch will. Er befiehlt uns so oft, was zu tun ist. Das nur als Beispiel. Kaum Toleranz für Dinge, die nicht so laufen, wie er sich das vorgestellt hat. Er hat dann zwar keine Wutanfälle oder sehr, sehr selten – nein, er wird aggressiv. Beschmeißt uns mit Gegenständen und haut seinen Bruder einfach, weil der ihm im Weg steht oder zufällig in der Nähe ist.

Allgemein geben wir uns sehr viel Mühe mit den Kindern, dass niemand zu kurz kommt und alle auf Augenhöhe kommunizieren. Mein Mann ist viel zuhause, durch Umzug zur Familie haben wir viel Unterstützung, aber sobald unser Sohn nicht die alleinige Aufmerksamkeit von mindestens einem Erwachsenen hat und zwar die ganze Zeit, macht er Unfug. Heute erst den Fußball auf den Kaffee-Tisch bei Oma im Garten geschossen mit Absicht und Oma hat sich den heißen Kaffee aufs Hemd gekippt dabei. (Nichts weiter passiert, Glück gehabt) Aber er tut uns einfach gerne weh. Kneifen, Kratzen, Kopfnüsse. Als ob er keine andere Möglichkeit sieht, Aufmerksamkeit zu erlangen oder Frust rauszulassen. Dabei sehen wir schon zu, dass er so oft wie möglich eins zu eins von uns oder einem Familienmitglied „betreut“ oder bespielt und bespaßt wird. Sobald ihm langweilig wird, ärgert er den Hund oder macht Sachen kaputt. Er muss nonstop beschäftigt sein..

Klar, er wird drei, aber meine ganze Familie ist ratlos, weil er so gemein ist, haut und schubst. Seinen Bruder piesackt er bei jeder verfügbaren Situation. Vielleicht ist es nur eine Phase, aber die geht schon ziemlich lange und wird immer intensiver. 

Natürlich gibt’s auch die andere Seite, das liebe Kind, das zwar auch Autonomie einfordert – logisch – aber nicht so Aggro. Ist nur leider seltener geworden. Wird man als Narzisst geboren? Das frage ich mich oft. So schlimm ist es manchmal.

Wir sagen immer unser kleines Herrscherchen.. das trifft es genau.

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind will alles bestimmen
Sabine Hertwig — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern,

erstmal vielen Dank für eure Offenheit und euer Vertrauen! Und gleich vorab: Ihr seid mit diesem Thema nicht allein, es begegnet mir in meiner Praxis ständig.

Verwöhnt durch Liebe?

Viele Eltern geben heute alles, um die Bedürfnisse ihrer Kinder zu befriedigen. Und ihr fragt euch ja auch, ob man sein Kind mit Liebe und Fürsorge verwöhnen kann. Meine Antwort dazu ist zweigeteilt: Mit Liebe kann man keinen Menschen verwöhnen, sehr wohl aber mit Fürsorge. Jesper Juul hat gesagt:

„Liebe ist nicht mit Service zu verwechseln.“

Viele Eltern verstehen die bedürfnisorientierte Erziehung so, dass man alle Wünsche des Kindes erfüllen soll und maximalen Service gibt. Das ist ein Missverständnis. Entscheidend zu wissen ist: Lust ist nicht dasselbe wie ein Bedürfnis. Lust kann man auf vieles haben, Milch, Bonbons, permanente Bespaßung, etc. Das ist aber nicht lebensnotwendig. Es gibt ein paar Grundbedürfnisse, die ein kleiner Mensch hat und die erfüllt sein MÜSSEN: Liebe und Zuwendung, Versorgung mit Nahrung, Kleidung, Pflege und Schlaf, Autonomie und Spielraum, Sicherheit und Orientierung. Mit den ersten Punkten tun sich Eltern leicht, bei „Sicherheit und Orientierung“ wird es etwas komplizierter.

Du schreibst: „Mein Kind ist der König“. Wenn ein Kind ein „kleines Herrscherlein“ ist und die Familie die Dienerschaft, darf am Aspekt Sicherheit und Orientierung deutlich nachjustiert werden. Das heißt nämlich, dass euer Kind die Führung in der Familie übernommen hat. Das passiert immer dann, wenn Eltern zu wenig Führung übernehmen, das Kind kooperiert nur mit dem, was die Eltern vorgeben. Wenn Eltern in guter Absicht versuchen, alle Wünsche des Kindes zu erfüllen, sind sie als Führungspersonen mit ihren eigenen Bedürfnissen und Grenzen verschwunden. Manchmal geben wir auch die Führung aus der Hand, weil wir den Frust unseres Kindes oder sein Verhalten, wenn es frustriert ist, nicht aushalten (wollen oder können).

Wir erfüllen die Wünsche des Kindes, weil es für uns kurzfristig angenehmer ist, den Konflikt zu vermeiden, auch wenn wir dabei eigentlich unsere eigenen Grenzen vernachlässigen. Da es in einer Familie kein Führungsvakuum geben kann, nehmen die Kinder zwangsläufig das Ruder in die Hand. Das ist für niemanden gesund, auch für die kleinen „Herrscher“ nicht.

Das Ruder wieder in die Hand nehmen

Was tun? Wie übernimmt man Führung? Indem man sehr deutlich auf seine eigenen Grenzen und Bedürfnisse achtet und natürlich auch die des Kindes im Blick hat (aber das habt ihr ja ohnehin).

Heißt an eurem Beispiel:

„Nein, ich möchte dir jetzt keine Milch geben, es gibt gleich Abendessen.“
„Stopp! Ich will nicht, dass du mich haust!“
„Nein, ich will jetzt nicht mit dir spielen.“
„Ich will nicht, dass du deinen Bruder haust.“

Ja, ich meine, was dort steht: „Ich will!“ Wenn einem etwas wichtig ist, ist ein freundliches „Ich möchte aber gerne…“ nicht sehr wirksam. Die Stimme sollte bei diesen Aussagen übereinstimmend sein mit den Worten. Ihr dürft euch trauen, mit klarer Stimme zu sprechen. Ich erlebe oft, dass bei Eltern zu viel schlechtes Gewissen mitschwingt und sie sich bemühen, das Kind ihren Ärger nicht spüren zu lassen. Das verschleiert jedoch wieder die eigene Botschaft. Kinder brauchen auch die „Melodie des echten Ärgers und der echten Grenze“.

Jetzt sagt ihr bestimmt wie viele Eltern: „Ja, das haben wir ja schon alles 1000 Mal gesagt.“

Wichtig ist, dass ihr es wirklich so meint! Mit aller Entschiedenheit. Eltern, die der Meinung sind, dass sie ständig für ihre Kinder da sein müssen, schaffen es oft nicht, ihre Wünsche und Bedürfnisse klar und deutlich zu vertreten. Da schwingt immer eine Unsicherheit in der Stimme mit, die nach dem Einverständnis des Kindes sucht. Sobald das Kind ein bisschen frustriert guckt, knickt die Stimme ein und ist nicht mehr deutlich. Dann suchen viele Eltern nach Ausreden, „Ich kann doch jetzt nicht, ich muss kochen“, „Es gibt doch jetzt gleich Abendessen.“, und so weiter und so fort. Das sind alles keine klaren Aussagen. Kinder brauchen kurze und knappe und vor allem klare Sätze begleitet von einem guten Gewissen. Unbedingt formuliert als Ich-Botschaften und NICHT als pädagogische Sätze wie: „Du musst jetzt auch mal lernen, allein zu spielen.“ Ihr dürft eurem Kind auch mal ein Nein zumuten. Ein Kind braucht keine Nonstop-Bespaßung. Im Gegenteil:

Sich selbst zu beschäftigen und zu regulieren, lernen Kinder vor allem dann, wenn wir das nicht für sie übernehmen.

Wenn ihr mehr Führung übernehmen wollt (und das würde ich dringend empfehlen), wird das zunächst für noch mehr Frust bei eurem Sohn sorgen. Dann braucht es zwei Dinge.

Entschiedenheit und Klarheit eurerseits sowie Hilfe zur Spannungsregulation für euren Sohn.

Mit drei Jahren ist es noch nicht so leicht, Frust zu regulieren. Dann wird gehauen, geschubst, geworfen, geschrien. Dann brauchen Kinder Hilfe:

Die erste Hilfe ist, RUHE zu bewahren und das Gefühl des Kindes in Worte zu fassen: „Das ärgert dich, dass du noch ein bisschen warten musst.“ „Ich verstehe, dass du soooo gerne mit mir spielen willst, aber ich will jetzt wirklich nicht.“

Wenn das Kind dann aggressiv wird, ist es gut, klar zu sein: „Stopp, nicht werfen. Das will ich nicht, auf keinen Fall.“ Manchmal hilft es bei kleinen Kindern auch, den Ärger umzulenken. „Du kannst das Kissen werfen, aber nicht das Glas.“ Oder: „Schau mal, da draußen fährt gerade das Müllauto vorbei.“ Auch wenn Ablenkung keine nachhaltige Technik der Konfliktlösung ist und nicht zum alltäglichen Standard werden sollte, kann sie manchmal wirklich hilfreich sein, eine aufgeheizte Situation zu deeskalieren.

Ich empfehle sehr, dass die ganze Familie ihre Grenzen deutlich macht, einschließlich der Oma und anderen. Damit Kinder Empathie mit anderen erlernen können, ist es wichtig, dass sie deren Grenzen spüren können. Wenn die Erwachsenen immer freundlich lächeln, auch wenn der Kaffee über sie geschüttet wird, kann das Kind nicht erkennen, dass das weh getan hat. Das ist für die Entwicklung ein ernstes Thema, weil man Empathie braucht, um auch mit Gleichaltrigen angemessen zu agieren. Ich habe Kinder erlebt, die nach dem Konzept der Bedürfnisorientierten Erziehung groß geworden sind und es als Jugendliche nicht schaffen, Freundschaften einzugehen, weil sie keine Kompromisse machen können und nur ihrer eigenen Lust folgen. Deshalb ist es wichtig, früh damit zu beginnen, die eigenen Grenzen deutlich zu machen und dem Kind eine Möglichkeit zu geben, den Umgang mit Frust zu lernen.

Einen Punkt möchte ich auch noch in Betracht ziehen: Wenn ich es richtig verstehe, ist euer 3-Jähriger der Erstgeborene und es gibt noch ein Geschwisterchen. Hier brauchen Kinder manchmal auch Hilfe, den Schock zu verarbeiten, wenn sie nicht mehr auf Platz 1 bei den Eltern sind. Das ist ja so, als wenn der Partner eine neue Frau mit nach Hause bringt und sagt: „Die wohnt jetzt auch hier, freundet euch schon mal an.“ Kinder müssen damit gesehen werden: „Puh, das ist echt nicht so einfach für dich, immer hat die Mama nur Augen für das Baby. Ich kann verstehen, dass du darüber traurig bist. Und ich habe dich trotzdem noch ganz doll lieb, auch wenn wir nicht mehr so viel Zeit haben.“ Und dann ist es gut, auch wirklich mal die ganze Aufmerksamkeit dem Erstgeborenen zu geben, aber dann, wenn es wirklich für euch passt und nicht, weil er laut genug schreit.

Und zu eurer letzten Frage: Nein, ich glaube nicht, dass man als Narzisst geboren wird, aber ich bin keine Psychiaterin, das ist nur meine persönliche Einschätzung. Ich glaube an die Entwicklung von Menschen und an ihren Willen, sozial zu sein. Ich bin sicher, dass euer Kind damit kooperieren wird, wenn ihr euch traut, eure Grenzen mit einem guten Gewissen zu zeigen! Also nur Mut!