Darum geht es
Diese Nähe erdrückt mich! Er kann nicht alleine einschlafen und ist auch sonst unendlich anhänglich. Ich wünsche mir so sehr, dass mein Kind etwas unabhängiger wird…

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Mein Kind ist gerade 6 Jahre alt geworden. Das Thema Schlafen ist gerade für mich sehr anstrengend. Er war noch nie der gute Schläfer, ob als Säugling, Kleinkind oder eben jetzt als bald Schulkind. 

Er kann nicht alleine einschlafen. Das ist gar kein Problem für mich, ich begleite ihn gerne in den Schlaf. Wir lesen, wir kuscheln und er schläft ein, dann wacht er irgendwann in der Nacht auf, weint und ich hole ihn zu uns ins Bett, dort schläft er direkt ein. So war das immer gut. Nun ist es aufeinmal anders. Das einschlafen klappt, aber er weint vorher schon und sagt, er glaubt das klappt nicht und er hat so ein komisches Gefühl. Ich rede ihm gut zu, sage ihm dass ich da bin, wenn er aufwacht, komme ich und er ist nicht alleine. Dass sein Gefühl ok ist und er weinen darf, aber dass ich eben trotzdem gehe wenn er schläft. Ist es dann so weit, schleiche ich mich raus. Es dauert maximal 30 minuten, manchmal auch kürzer dann schreit er und weint. Ich gehe also wieder hoch, dann schläft er nicht mehr ein. Es dauert und dauert und dauert. Wenn ich ihn dann wenigstens in unser Bett bringen könnte und er dort alleine schlafen würde. Aber er schläft eben nur ein, wenn ich bei ihm liege. Das stresst mich. Ich liege dann da eine Stunde und er schläft nicht…. Also heißt das für mich, ich muss auch ins Bett, werde ja auch müde und hab dann auch keine Geduld mehr. 

Ich kann mit meinem Mann keinen Abend verbringen, kein Gespräch führen, nicht in Ruhe noch essen, nichts erledigen, einfach nichts. Das macht mich mürbe. Wenn ich mal weg bin, ist es bei meinem Mann genauso. 

Letztens hat er nach mir gerufen wie verrückt und gesagt „Mama komm, lass mich mit Papa nicht alleine“ das wiederum hat meinen Mann getroffen, er hat aufgegeben und ich war wieder um 21 Uhr im Bett. 

Ist das normal? Ich denke, er hat gerade viel. Drei Wackelzähne, ist 6 geworden, weiß dass er in die Schule kommt. Wir waren gerade 5 Wochen auf Reisen. 24/7 zusammen. Wahrscheinlich müsste ich einfach Geduld aufbringen, aber mir fehlt manchmal die Luft zum Atmen. Ich habe das Gefühl, dass diese Nähe mich erdrückt. Er ist sehr sehr anhänglich. Schläft nirgends (zum Beispiel bei Oma), will nirgends alleine hin gehen, traut sich in keinen Verein oder sonstiges. Ich bin echt überfragt.

Er braucht doch auch diese Unabhängigkeit, das würde ihn stärken. Wie soll das in der Schule werden? 

Kommt das alles von alleine? Was kann ich tun, um ihn darin zu unterstützen?

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind schläft nicht alleine ein
Astrid Draxler — FamilyLab Deutschland

Liebe Mutter,

deine Gedanken, Fragen und Sorgen zur momentanen Begleitung deines Sohnes sind sehr berührend. Dein Vorgehen klingt für mich stimmig und routiniert, du gehst offen und feinfühlig auf die individuellen Bedürfnisse deines Kindes ein und gleichzeitig ist die wohlwollende, gleichwürdige Umsetzung so unglaublich anstrengend für dich und deinen Mann.

Umgang mit Ängsten

Ich biete dir an, ein wenig zu sortieren.

Auch wenn du sagst, dein Sohn war oder ist ein schlechter Schläfer, so hast du ihm immer eine sichere und beruhigende Begleitung in den Schlaf anbieten können. Und damit hat es recht rasch geklappt mit dem Einschlafen. 

Neuerdings kommen Ängste ins Spiel, und du spürst, dass etwas anders ist. Danke für deine Frage, denn Ängste im Kindesalter sind es wert, sie ernst zu nehmen und nicht mit „er will mich nur nicht gehen lassen“ abzutun.     

Im Alter von 5-11 Jahren sind bestimmte Ängste sehr typisch, wie zum Beispiel Ängste vor Tieren, Naturkatastrophen, Verletzungen, Schul-Angst, Leistungsversagen in der Schule oder beim Sport, sowie medienbasierte Ängste. 

In ihrem Kinderbuch „Ein gutes Team“ rät die Kinder-und Jugendärztin Dr. Christine Kleber dazu, mit der Angst ins Gespräch zu kommen. Das ist natürlich in den verschiedenen Altersstufen unterschiedlich und könnte sich für dich und deinen Sohn so gestalten: du gibst ihm Sicherheit, wenn du die Angst nicht als störendes Gefühl, sondern als Signal wahrnehmen kannst, das einen wichtigen Hinweis gibt.

So kann die Angst zum Verbündeten werden, um über das Gefühl zu sprechen. „Wo im Körper spürst du die Angst? Hat sie eine Farbe, eine Form? Hat sie einen Geruch oder schmeckt sie nach etwas Besonderem? Hat sie einen Namen? Was meinst du will sie denn?“ Und dann kannst du einfach nur zuhören, vielleicht Fragen stellen oder verhandeln. Und auch Danke sagen, dass sie da ist und dein Kind schützt, weil es wertvoll ist, auf dieses innere komische Gefühl zu achten. Kinder haben meist einen ganz leichten Zugang zu dieser Art der Imaginationen. Damit wird sich dein Kind ernst genommen fühlen und es kann sich etwas verändern. Vielleicht ist das schon hilfreich? 

Es gibt sehr viele verschiedene Meinungen, ab wann und wie ein Kind zum selbständigen Schlaf finden, beziehungsweise gebracht werden kann. Die Evolutionsforschung beschreibt zum Beispiel, dass die Fähigkeit, selbständig einschlafen zu können, nicht zu den altersbezogenen Entwicklungsmeilensteinen gehört. Sie betont eher die Umstände, die wir kleinen und großen Menschen brauchen, um einschlafen zu können. Und dazu zählen neben dem selbständigen Erkennen von Müdigkeit, auch die Fähigkeit sich ruhig und zuversichtlich vom Tagesgeschehen lösen zu können. Dafür entwickeln sich zwischen Eltern und Kindern ganz individuelle Einschlafroutinen, die Kindern den Weg zur Beruhigung zeigen, bis sie es aus sich selbst heraus können. Die Nähe und Zuwendung der Erwachsenen gehört ganz selbstverständlich über lange Zeit dazu. Erlebt das Kind diese Routine, entsteht Geborgenheit und ein Gefühl der Sicherheit. Und das habt ihr lange miteinander gut hinbekommen. Und jetzt ist etwas anders, schreibst du. Dein Kind ist ängstlich und kann gar nicht mehr ohne dich sein. 

Möglichkeiten, woher die Unruhe oder die Angst kommen könnte, hast du schon aufgezählt. Aus seiner Sicht könnte nun, nach eurer längeren Reise, die ihn sicherlich beeindruckt hat und während der er wahrscheinlich sehr viel kooperiert hat, die Verarbeitung der Eindrücke starten. Er hat nicht nur eine andere Umgebung erlebt, sondern auch euch als Familie im „Reisemodus“, den du als „sehr nah“ beschreibst. Das war bestimmt oft sehr magisch für ihn, toll und aufregend, anstrengend und vielleicht auch manches irritierend.

Zur Verarbeitung brauchen Kinder meist länger als wir Erwachsenen.

Und da hilft an manchen Abenden erst wieder das Spüren der ganzen Familie (lass mich mit Papa nicht allein…) damit er runterfahren kann. Erinnerungsfetzen, Fragen oder Fantasien tauchen auf, die gerade in der Phase vor dem Einschlafen erzählt oder gestellt werden wollen. Auch wenn sich tagsüber schon wieder alles ganz normal anfühlt. 

Eine Phase voller Veränderungen

Wenn ich auf eure Elternperspektive wechsele, stelle ich mir vor, dass ihr diese große Reise ganz bewusst noch vor den Schulbeginn gelegt habt. Das ist für viele Eltern verlockend und schön. Damit beginnt auch oft schon die Auseinandersetzung, dass dann danach ein neuer Abschnitt im Familienleben beginnen wird. Was mit sehr ambivalenten Gefühlen einhergehen kann.

Haben wir unser Kind gut vorbereitet auf das Neue?
Müsste er nicht selbständiger sein, um den Schulalltag meistern zu können?
Haben wir etwas versäumt, wenn er immer noch nicht selbständig einschlafen kann?

Diese Gedanken kann ich gut nachvollziehen. Die haben wir Eltern, die plagen uns und machen uns manchmal so unsicher, dass die Kinder es spüren und merken, „Mama und Papa sind komisch, da brauche ich sie ganz nah“

In vielen Beratungen erlebe ich kurz vor solch großen Veränderungen wie dem Schulstart, dass Eltern unsicher oder sogar ängstlich auf ihr Kind schauen. Dann bekommen Themen wie die Begleitung der Selbständigkeit eine „pädagogische Färbung“. Aus dem Druck entsteht die Idee, gewisse Fähigkeiten oder Entwicklungsschritte anzuschieben. Es liegt nahe, mit dem Kind zu üben oder etwas vorzubereiten. Manche Kinder finden das anfangs ganz gut, andere werden unruhig, sie fühlen sich bewertet, dass sie besser oder anders sein sollten, und der wohlgemeinte Anschub aus erwachsener Sicht löst genau das Gegenteil aus. Alle werden nervös. 

Du schreibst nichts dazu, vielleicht trifft es bei dir nicht zu, aber ich möchte folgendes dennoch mit erwähnen, weil es in vielen Familien in dieser Phase eine große Rolle spielt: Ein zusätzlicher Stressfaktor für den Elternteil, der bis zum Schuleintritt des Kindes bisher in Teilzeit gearbeitet hat oder beruflich pausiert hat, beginnt oder erweitert nun die eigene berufliche Ausrichtung, zum Beispiel durch den Sprung in die Selbständigkeit oder die Rückkehr in die Vollzeitanstellung. Somit muss sich die ganze Familie neu balancieren, Carearbeit will neu verteilt werden, Hilfe von Großeltern, Freunden oder Nachbarn wird gebraucht. Um sich darauf vorbereiten zu können, bräuchte es einen freien Kopf, besonders abends, Zeit für Gespräche der Eltern etc. Manchen helfen die Fragebögen zu Mental Load für die Familie oder für den Beruf. (https://equalcareday.org/mental-load/) Diese Belastung spürt das Kind, und es ist gut, auch darüber zu sprechen. Zum Beispiel könnte die Mutter sagen: „Ich mache mir gerade sehr viele Gedanken über meine Arbeit, das merkst du glaube ich. Möchtest du mich dazu etwas fragen?“ Auch dadurch kann das Kind mehr zur Ruhe finden, wenn es merkt, dass es nicht die Ursache für die Unruhe der Mama ist. 

Routinen sind für alle da

Wenn das Kind so bedürftig ist, wie du es beschreibst, wird einem alles zu eng und es geht die Geduld verloren. Seine Vorsicht, seine Ängste sind passend für die Zeit der Wackelzähne. Er hat mit euch auf Reisen viel erlebt und gemeistert und signalisiert durch seine Vorsicht und Zurückhaltung, dass er gerade nichts Neues braucht, keine Abenteuer bei Oma, keinen neuen Verein, um Selbständigkeit zu lernen. Ich möchte dich ermutigen, euch eine Pause zu gönnen. Nehme dir zur Schlafbegleitung etwas für dich mit. Setze dich dazu und höre oder lese etwas, was dich beschäftigt und zufrieden macht. Schenke ihm Nähe und dir Zeit zu planen oder aufzutanken.

Damit kann ein richtiges Umdenken einhergehen:

Dass dein Kind noch lange deine Nähe braucht, bevor es einschlafen kann, heißt nicht, dass du stumm im Dunkeln neben ihm im Bett liegen musst.

Du kannst diese Zeit wirklich für dich nutzen und „das Beste draus machen“, also beispielsweise bei gedimmtem Licht einen Roman lesen, die To-Dos für den kommenden Tag planen, während eine ruhige Playlist läuft und vieles mehr. Wenn deine oberste Priorität in diesem Moment nur ist, dass dein Sohn möglichst schnell einschläft, ist fast unvermeidlich, dass du unter Druck stehst. Aber wenn du in der Zeit etwas für dich angenehmes oder produktives machst, dann kann sich auch deine Haltung zu dieser Routine grundlegend ändern. Dein Sohn spürt trotzdem deine Nähe – vielleicht nur mit den Füßen unter der Decke – und profitiert zugleich davon, dass sich die Erwartungshaltung an sein Einschlafen entspannt. 

Das muss jedoch nicht jeden Abend so sein, denn ihr Eltern seid ja zu zweit und gut geübt im Übernehmen der Verantwortung. Wenn euer Sohn die gemeinsamen Abende im Urlaub so sehr genossen hat, dass er dies weiter einfordert, ist es für ihn wichtig zu hören, dass nun im sicheren Zuhause auch wieder andere Anforderungen und Bedürfnisse für euch Eltern da sind. Und daher bekommt er die Sicherheit, dass immer eine/r da sein wird. Und das kann ganz ehrlich besprochen werden. „Bald kannst du alleine einschlafen, aber bis dahin begleiten wir dich“.

Für sein weiteres Wachstum und für den neuen Übergang zum Schulkind hat er so viel Gutes von euch mitbekommen, dass er Schritt für Schritt mehr Autonomiebestreben zeigen wird. Ein wenig wird es wohl noch dauern, bis er das selbstständige Einschlafen schaffen wird. Mit der wohlwollenden Begleitung seiner Ängste kann er stabiler und sicherer werden.
Vielleicht findest du andere Zeitinseln für dich und für euch als Paar, um Kraft für die Abende zu schöpfen, bis er es dann gut kann. Die Basis dafür habt ihr schon all die Jahre aufgebaut.

Ich wünsche dir und deinem Mann Vertrauen in eure elterlichen Kompetenzen und in die eures Kindes,

mit herzlichen Grüßen

Astrid Draxler