Ehrlich gestellt.
Hallo liebes Team der Elternberatung,
Wie kann ich es schaffen, dass mein Kind nicht zum Außenseiter wird?
Mein Sohn ist 3 1/2 Jahre alt, und war schon immer vorsichtiger im Umgang mit anderen Kindern. Er lässt sich schnell Dinge wegnehmen, gibt immer eher nach, anstatt für sich selbst einzustehen. Dies ist im Umgang mit uns Eltern ganz anders (klar, wir sind natürlich sein sicherer Hafen), trotzdem ist es mir unerklärlich, warum er sich nicht auch mal bei anderen Kindern durchsetzt.
In den letzten Wochen erzählt er vermehrt, dass keiner in der Kita mit ihm spielen möchte, und ihn auch niemand mitspielen lässt, wenn er nachfragt. Diese Thematik macht mich so unfassbar traurig, weil ich in meiner Kindheit und Jugend sehr viel in der Außenseiterposition war und massives Mobbing erfahren habe. Allerdings weiß ich nicht, was wir tun können, um ihn diesbezüglich zu stärken, damit er im schlimmsten Fall einfach drüber stehen kann, wenn ihn die anderen Kinder tatsächlich so ausschließen.
Ich erhoffe mir, Tipps zu bekommen, um meinen Sohn vor dem Leid zu bewahren, welches mir viel zu lange widerfahren ist.
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
vielen Dank für Ihre Frage. Ich kann gut verstehen, dass Sie sich Sorgen um Ihren Sohn machen und ihm gerne helfen möchten. Gerade wenn Sie selbst leidvolle Erfahrungen gemacht haben. Sehr gerne möchte ich Ihnen ein paar Anregungen aus verschiedenen Blickwinkeln mitgeben.
Unterschiedliche Temperamente
In unserer Gesellschaft gelten Menschen als stark, die sich behaupten und zur Wehr setzen können. Soziale Kompetenz und Durchsetzungsfähigkeit sind angestrebte Fähigkeiten. Jedoch gibt es unter uns Menschen unterschiedliche Temperamente. Wenn Kinder sich zurückhaltend verhalten, muss das nicht heißen, dass sie nicht sozial kompetent sind oder sich bei Bedarf nicht durchsetzen können – es kann stattdessen ein Ausdruck ihres eigenen Temperaments, Entwicklungstempos und eben ihres individuellen Bedarfs an sozialem Kontakt sein. Nicht immer ist es die sinnvolle Wahl, in den Kampf zu gehen. Manchmal kann ein Rückzug die weisere Lösung sein.
Deshalb wäre im Fall Ihres Sohnes die Reflexion wichtig: Leidet er selbst unter seinem Verhalten oder ist es Ihre Sorge, dass er zu wenig wehrhaft ist? Gerade wenn Eltern selbst Erfahrung mit Mobbing haben, ist es wichtig zu unterscheiden, ob es leidvolle eigene Erinnerungen sind oder das Kind real leidet. Zur Klärung dieser Frage kann auch ein Gespräch mit der Erzieherin helfen.
Dieses Gespräch wäre auch wichtig, um einschätzen zu können, ob es sich um eine zeitlich begrenzte oder durchgehende Äußerung Ihres Sohnes handelt, dass niemand mit ihm spielen möchte.
Das Selbstwertgefühl stärken
Wenn kleinen Kindern Unrecht geschieht, haben Erwachsene oft den starken Impuls, Kindern zu helfen und sie aus ihrer Notlage zu befreien. Das ist ein sehr verständlicher und liebevoller Drang. Dennoch ist es gut zu schauen, wie diese Hilfe aussehen kann. Viele Eltern schlagen ihren Kindern vor: „Wehr dich doch mal, du musst dir nicht alles gefallen lassen. Hol dir das Spielzeug zurück. Warum wehrst du dich denn nicht?“ Oder so ähnlich. Dem Kind vermittelt dies: „Ich kann es alleine nicht, meine Eltern wissen es besser.“
Um sich im Leben behaupten zu können, egal ob laut oder leise, braucht es ein gutes Selbstwertgefühl. Dieses entsteht durch die liebevolle Spiegelung der Erwachsenen. Kinder lernen durch diese Spiegelung, sich selbst wahrzunehmen. Schauen Eltern sorgenvoll auf den Charakter ihres Kindes, erlebt das Kind sich als schwach: „Um mich muss man sich Sorgen machen, etwas stimmt nicht mit mir.“ Wenn Eltern von einem Vertrauen durchdrungen sind, dass ihr Kind gute Lösungen für sich finden wird, stärkt dies auch das Vertrauen des Kindes in sich selbst.
Ein gutes Selbstwertgefühl heißt auch:
Dazu braucht es Hilfen von den Eltern, um sich selbst kennenzulernen: Sie könnten sagen: „Wir wissen, du lässt es eher etwas ruhiger angehen. Du magst Konflikte nicht so gerne.“ Und vielleicht: „Manchmal macht es dich ein bisschen unsicher, wenn Kinder dir etwas wegnehmen, oder?“
Wenn das Kind erlebt, dass sein Charakter für die Eltern okay ist, dann kann es sich selbst auch gut fühlen. Und das macht den Weg frei, eigene Lösungen zu finden.
Konkret heißt das: Wenn Ihr Sohn sagt: „Niemand spielt mit mir.“, wäre es gut, seine Gefühle in Worte zu fassen, um ihm damit einen Zugang zu seiner eigenen Innenwelt zu verschaffen: „Oh, das klingt so, als würde dich das traurig machen.“ Statt: „Warum spielt denn niemand mit dir? Hast du denn auch gefragt?“ oder so ähnlich.
Und dann kommt die große Kunst: Warten! Was antwortet Ihr Sohn auf diese Aussage?
Vielleicht kann er auch gar nichts dazu sagen, das ist auch nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass er sich von seinen Eltern verstanden fühlt. Und dass in deren Stimme mitschwingt: „Wir vertrauen dir.“
Statt Lösungen anzubieten, könnten Sie fragen: „Brauchst du Hilfe von uns?“ Dann bleibt die Aktivität auf seiner Seite. Und damit komme ich zum nächsten wichtigen Punkt:
Selbstwirksamkeit
Selbstwirksamkeit ist das Gegenteil von Ohnmachtserleben. Die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können, stärkt unser Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und ist ein wesentlicher Faktor für Resilienz, also die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen seelisch unversehrt zu bleiben.
Eltern können diese Fähigkeit bei ihrem Kind unterstützen, indem sie ihm möglichst viel Eigenverantwortung für die Belange überlassen, die das Kind selbst regeln kann. Zum Beispiel beim Anziehen, bei der Wahl des Essens vom gedeckten Tisch, beim Auftun des Essens, beim Schlafen und bei der Wahl der Kleidung.
Das „Nein“-Sagen stärken
Für Eltern ist es leichter, wenn das Kind mitmacht. Dafür werden Kinder oft akzeptiert und gelobt. Ihr Sohn braucht offensichtlich noch eine Prise Stärkung für sein „Nein“ und das kann er tatsächlich mit Ihnen am besten üben. Wenn er also Nein sagt zu Dingen, die Sie von ihm wollen, könnten sie mal sagen: „Okay, heute willst du wirklich nicht, wir hoffen, dass du später wieder mitmachen kannst (beim Zähneputzen, anziehen, etc.).“ Für ein „Nein“ gewürdigt zu werden, ist für uns Menschen sehr wichtig. Viele Eltern werden eher ärgerlich, wenn Kinder nein sagen.
Und Sie sind Vorbild für Ihren Sohn: Es ist sehr wertvoll für ihn, wenn er auch von seinen Eltern ein authentisches und persönliches Nein erfährt, wenn sie etwas nicht wollen oder umgekehrt: Wenn er erlebt, dass Sie für die Dinge einstehen, die Ihnen wirklich wichtig sind, kann er dieses Verhalten mit der Zeit von Ihnen abschauen und in sein eigenes Verhaltensrepertoire übernehmen. Viele Eltern sagen heute zu viel Ja, weil sie ihr Kind nicht verletzen wollen. Aber diese „Jas“ sind unehrlich. Ein ehrliches „Nein“ stärkt die Beziehung eher als ein unehrliches „Ja“.
Gespräch mit der Kita
Neben diesen grundsätzlichen Gedanken möchte ich gerne noch einen Hinweis geben. Als gelernte Erzieherin und Fortbildnerin, die viel in Kitas unterwegs ist, empfehle ich Ihnen in jedem Fall das Gespräch mit der Erzieherin zu suchen, sollten Sie weiter das Gefühl haben, dass Ihr Sohn keine Freunde in der Gruppe findet. Leise Kinder gehen in dem oft sehr lauten und hektischen Kita-Alltag bisweilen unter. Schnell passiert es dann, dass Fachkräfte sich automatisch eher um die lauteren Kinder kümmern, die mit ihrem Verhalten mehr Aufmerksamkeit beanspruchen. Das ist menschlich. Deshalb braucht es dann einen Hinweis von den Eltern: Unser Sohn braucht Hilfe.
Zunächst ist ein Austausch darüber wichtig, wie die Fachkräfte Ihr Kind erleben. Oft gibt es hier überraschende Beobachtungen, die von dem abweichen, was die Eltern zuhause erleben. Und wenn sich dann herausstellt, dass Ihr Sohn tatsächlich keine Freunde hat und darunter leidet, braucht er unabdingbar Hilfe von den Fachkräften. Manchmal gibt es einfach gerade eine ungünstige Gruppenkonstellation oder andere Gründe, aus denen ein Kind nicht ausreichend integriert ist. Dies liegt oft gar nicht an der Person des Kindes.
Freundschaftliche Beziehungen sind ein Grundbedürfnis und manchmal braucht es etwas Unterstützung, um in die Gruppe zu finden und sich dort behaupten zu können. Die Fachkraft könnte helfen, indem sie die Kontaktwünsche des Kindes erkennt oder erfragt und ihm dann hilft, Kontakt zu den anderen Kindern aufzunehmen. Oder sie spielt selbst eine Zeitlang mit einer kleinen Kindergruppe, indem sie Ihren Sohn mit dazu nimmt und sich entfernt, wenn er sicher im Spiel angekommen ist. Falls ihr Sohn von sich aus Spielimpulse zeigt, könnte sie diese groß machen und den anderen Kindern zeigen: „Schaut mal, er spielt so toll mit dem Konstruktionsmaterial, wer hat Lust mitzuspielen?“
Sollte die Fachkraft beobachten, dass ein anderes Kind Ihrem Sohn etwas wegnimmt und er sich nicht wehrt, könnte sie dies moderieren: „Du wolltest das jetzt unbedingt haben. Schau mal, er sieht jetzt traurig aus.“ Und zu Ihrem Sohn: „Du wirkst überrascht, dass dir der Junge das weggenommen hat.“ Und an beide: „Was könnt ihr nun tun?“
Wichtig bei solch einer Moderation ist, dass niemand als Opfer oder Täter definiert wird, weil Rollen und damit verbundene Gefühle festgeschrieben werden. Das hilft auch dem vermeintlichen Opfer nicht, weil Opfer sein immer heißt: Ich bin ausgeliefert.
Oftmals reichen solche kleinen Hilfen, um dem Kind den Start in Spielkontakte und Freundschaften zu erleichtern.
Also: Begegnen Sie Ihrem Sohn mit Vertrauen und Zuversicht, auch wenn – oder gerade weil – es durch die Erfahrungen Ihrer Kindheit erschwert wird, den sorgenvollen Blick abzulegen. Er spürt, dass er auch mit einem eher ruhigen, zurückhaltenden Temperament wertgeschätzt wird und Sie seine Fähigkeit, „Nein“ zu sagen, respektieren und unterstützen. So bieten Sie gute Voraussetzungen dafür, dass Ihr Sohn mit der Zeit ein stimmiges Gefühl für seine eigenen Grenzen und Bedürfnisse entwickelt – und lernt, diese authentisch zu zeigen. So wird er auch Anschluss unter Gleichaltrigen finden; in seinem eigenen Tempo und in dem Rahmen, der sich für ihn gut anfühlt.