Ehrlich gestellt.
Liebes Familylab-Team,
meine Tochter ist drei Jahre alt. So wie ich sie mittlerweile kenne und wahrnehme, ist sie ein sehr gefühlsstarkes Kind. Ich denke, dass das auch der Grund dafür ist, dass sie teilweise weinerlich, jammernd spricht, wenn sie Unterstützung braucht.
Ich muss ehrlicherweise gestehen, dass es mir persönlich nicht immer auffällt, in welchen Situationen sie jammernd spricht. Ich versuche meist, ihr Bedürfnis zu erkennen und ihr zu helfen. Ich versuche, in diesen Momenten nicht zu erziehen.
Diese jammernden Fragen fallen mir ganz bewusst nur im Beisein meines Mannes auf. Denn er akzeptiert das Jammern nicht und versucht unserer Tochter klar zu machen, dass er auf das weinerliche Fragen nicht reagiert. Ich bin jedes Mal hin und hergerissen, welcher Weg nun der „Richtige“ ist.
Ein Beispiel: Sie versucht, ihre Jacke selbst auszuziehen. Schon zuvor fragen wir, ob sie Hilfe braucht. Sie verneint noch freundlich und sagt, dass sie es selbst versuchen möchte, doch dann klappt es doch nicht und sie verzweifelt, jammert, fragt aber nicht nach Hilfe. Mein Weg ist der, dass ich zu ihr gehe und zu ihr sage, dass das mit den Ärmeln ganz schön schwer ist und ich ihr gerne helfe. Der Weg meines Mannes ist, dass er sagt, dass man mit ihm normal reden muss und er dann gerne hilft.
Versteht mich nicht falsch, ich möchte keine Absolution für das Verhalten von einem von uns. Denn wir haben beide dasselbe Ziel. Mein Mann und ich wollen nicht den Moment verpassen, unsere Tochter zu erziehen. Schließlich soll sie irgendwann wissen, dass sie uns jederzeit um Hilfe fragen kann. Und auch bei anderen wahrscheinlich mehr erreicht, wenn sie freundlich um Hilfe bittet. Ich selbst bin der Meinung, dass das irgendwann von selbst kommt und nicht anerzogen werden muss. Wobei es gleichzeitig natürlich auch um Frustrationstoleranz geht.
Wie unterstützen wir unsere Tochter am besten? Auch im Hinblick darauf, bestmöglich mit Frustration umzugehen?
unserer Expertin.
Liebe Mama,
vielen Dank für deine Frage. Du beschreibst eine Alltagssituation, die viele Eltern nur zu gut kennen – und du tust das mit bemerkenswerter Klarheit und Selbstreflexion. Man spürt, wie sehr dir das Wohl deiner Tochter am Herzen liegt und wie sehr du versuchst, nicht nur zu reagieren, sondern auch in Beziehung zu bleiben. In deiner Frage schilderst du das unterschiedliche Vorgehen von dir und deinem Mann und die Frage, was denn nun „richtig“ sei. Leider gibt es, wenn es um Familien und die Beziehungen zueinander geht, nicht den „richtigen“ oder für alle gültigen Weg, sondern es stellt sich die Frage: Wie wollen wir Familie leben? Welche Werte sind uns wichtig? Was bringt jeder von uns aus seiner eigenen Kindheit mit – vielleicht als etwas, das gut getan hat und weitergegeben werden soll? Und was hat uns vielleicht verletzt oder gefehlt – und soll in unserer Familie keinen Platz mehr haben?
Sobald wir uns als Paar darüber austauschen, beginnen wir, unsere Familie bewusst zu gestalten – nicht als Erziehungsprojekt, sondern als lebendigen Raum für Beziehung, Entwicklung und auch Unterschiedlichkeit.
Auch Widersprüche können wertvoll sein
Wie du in deinem Beispiel beschreibst, begegnet ihr der Frustration eurer Tochter auf zwei verschiedene Weisen: Du mit Empathie und einem sofortigen Hilfsangebot, dein Mann mit dem Wunsch nach klarer Kommunikation ohne „Jammern“.
Auf den ersten Blick wirkt das vielleicht widersprüchlich – doch für euer Kind kann gerade diese Unterschiedlichkeit ein Geschenk sein. In diesen Situationen erlebt eure Tochter:
Mama und Papa sind verschieden, jedoch in Beziehung mit mir (jeder auf seine eigene Art) – das ist in Ordnung und darf sein
Es gibt nicht nur eine Art, auf Herausforderungen zu reagieren und mit ihnen umzugehen
Ich darf mich in verschiedenen Beziehungssituationen erleben, zurechtfinden und dabei lernen, wer ich selbst bin.
Wenn Kinder erleben, dass Verschiedenheit nicht bedeutet, sich entscheiden zu müssen, sondern dass sie sein darf, dann ist das ein großes Geschenk. Vielleicht wollt ihr in diesem Zusammenhang auch noch reflektieren, was hinter der Reaktion deines Mannes steckt und was hinter deiner? Was möchtet ihr erreichen? Wollt ihr eurer Tochter bestimmte Umgangsformen beibringen? Oder wollt ihr einfach mehr Harmonie im Alltag? Und auch die Frage: Woher kommt eure Reaktion? Wie habt ihr selbst als Kind solche Situationen erlebt? Wie haben eure Eltern euch begleitet? Durftet ihr „jammern“ oder „schwach“ sein?
Frustration zulassen
In deinem Beispiel schilderst du, dass deine Tochter ihre Jacke selbst ausziehen möchte – damit kommt sie ihrem Bedürfnis nach Autonomie und Selbstwirksamkeit nach. Wir als Eltern tun gut daran, diese Entwicklungsimpulse zu unterstützen und zuzulassen. Eure Tochter kann mit 3 Jahren schon vieles selber, aber eben nicht alleine. Dass sie dabei an eine Grenze kommt, frustriert ist, jammert und (noch) nicht konkret um Hilfe bittet, zeigt vor allem eins:
Du gehst dabei sehr feinfühlig auf sie ein, bleibst präsent und bietest deine Hilfe an, wie wunderbar.
Gleichzeitig möchte ich euch aber noch einen kleinen, aber vielleicht hilfreichen Impuls geben:
Du erwähnst, dass ihr sie vorher fragt, ob sie Hilfe braucht. Auch wenn das gut gemeint ist, kann diese Frage manchmal ungewollt den Eindruck vermitteln:
„Mama und Papa glauben, ich schaffe das eh nicht allein.“
Gerade wenn Kinder sich ausprobieren wollen, kann zu frühes Eingreifen – sei es durch Hilfe oder durch das Angebot dazu – ihre innere Motivation verunsichern. Sie erleben dann nicht das Gefühl von Stolz bei Gelingen oder die natürliche Grenze des Scheiterns, sondern ein vorweggenommenes „Du brauchst bestimmt Hilfe“.
Im Sinne von „so wenig wie möglich, so viel wie nötig“ könnte es also hilfreich sein, ihr in solchen Situationen zunächst erst einmal einfach Raum zu lassen. Vielleicht kommentarlos daneben zu bleiben, ohne Hilfe anzubieten – und erst dann aktiv zu werden, wenn sie zu jammern oder weinen beginnt und deutlich sichtbar in ihrer Frustration steckenbleibt.
Ein unterstützendes Angebot von euch als Eltern könnte in so einem Moment zum Beispiel ganz niederschwellig und begleitend sein – etwa: „Ich halte dir hier mal den Ärmel fest, dann geht’s vielleicht leichter.“ Damit bleibt ihr im Kontakt, ohne die Aufgabe komplett zu übernehmen. Eure Tochter erlebt: „Ich darf es selbst probieren – aber ich bin nicht allein damit.“ Ihr Bedürfnis nach Unterstützung und Verbundenheit wird dadurch erfüllt.
So lernt sie nicht nur, dass Hilfe da ist, wenn sie gebraucht wird, sondern auch, dass sie selbst etwas ausprobieren darf – mit Vertrauen in ihre Fähigkeit. Und genau diese Erfahrung stärkt langfristig Selbstwirksamkeit und Frustrationstoleranz.
Und falls eure Tochter doch mal emotional in einer Sackgasse landet – weil der Ärmel einfach nicht raus will, die Frustration überhand nimmt oder Tränen kommen – dann seid ihr da; nicht, um das Problem sofort zu lösen, sondern um sie emotional zu begleiten. Zum Beispiel mit einem ruhigen, verständnisvollen Satz wie: „Das ist gerade echt schwer, oder? Ich bin da. Wir kriegen das zusammen hin.“ So erlebt euer Kind: Ich darf frustriert sein, meine Gefühle sind okay, ich bin okay und ich bin damit nicht allein.
Und genau das ist Co-Regulation: Eure emotionale Präsenz hilft ihr, sich wieder zu beruhigen – und das stärkt langfristig ihre Fähigkeit, mit solchen Gefühlen selbst umzugehen. Je älter und reifer euer Kind wird, desto mehr wird es auch in der Lage sein, seine Bedürfnisse klarer und genauer auszudrücken, sowie die Gefühle zu benennen und zu kanalisieren. Was heute vielleicht noch in Tränen oder Jammern endet – eure Tochter ist ja erst 3 Jahre alt – wird mit der Zeit durch eure zugewandte und liebevolle Begleitung zu einem ruhigen und klaren Bitten um Hilfe. Habt Vertrauen in diesen Entwicklungsprozess.
Abschließend möchte ich euch noch ein paar Impulse und Gedanken zum Thema „Erziehung“ mitgeben: Viele Eltern machen sich Gedanken darüber, wie sie ihr Kind „richtig“ erziehen können, was sie alles tun müssen, um zu erziehen. Doch am meisten Eindruck machen wir auf unsere Kinder, wenn wir uns dessen gar nicht bewusst sind, denn Erziehung findet, wie Jesper Juul es so schön benennt, „zwischen den Zeilen“ statt. Dies geschieht zum Beispiel, wenn mein Kind beobachtet, wie ich mit anderen Menschen im Alltag freundlich spreche und wie ich mich in unterschiedlichen Situationen verhalte: wenn ich müde bin, mich freue, wenn ich zugebe, dass ich einen Fehler gemacht habe, mich entschuldige und wenn ich in Konfliktsituationen bin oder wenn ich ehrlich sage: „Ich bin gerade überfordert“. In diesen Momenten findet „Erziehung“ statt, ganz leise und gerade deshalb so kraftvoll. Kinder machen das, was wir tun und vorleben, viel mehr, als das, was wir sagen.
In diesem Sinne wünsche ich euch von Herzen alles Gute und bleibt im Vertrauen!
Sandra Kleber