Darum geht es
Unser dreijähriger Sohn haut seine kleine Schwester – völlig aus dem Nichts und während wie direkt daneben stehen. Da sie noch so klein ist, überfordert es uns total. Was können tun, um die Situation zu verbessern?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Ende November wurde unsere Tochter geboren. Unser Sohn ist zwei Jahre und neun Monate älter.

Er liebt seine Schwester sehr und ist ein toller großer Bruder. Allerdings kommt es nach wie vor zu „Ausrastern”, vor denen wir ratlos stehen. Uns ist bewusst, dass seine Welt Kopf steht und dass es ein normaler Prozess ist, dass er (und auch wir) unsere neuen Rollen kennenlernen und uns einfinden müssen.

Dennoch passieren Dinge, bei denen wir bezüglich des Begleitens an unsere Grenzen stoßen:
Er haut seine kleine Schwester (auch auf ihren Kopf) – völlig aus dem Nichts, unvorhersehbar und oft sind wir, obwohl wir genau daneben sind, nicht schnell genug, um es zu verhindern. Eine weitere Sache ist, dass er sie aufweckt, wenn sie schläft. Er quietscht so lange, bis sie aufwacht, sagt: „Ich hab sie aufgeweckt!“

Was können wir machen? Wie können wir ihm mehr Sicherheit geben und ihn besser begleiten?

Wir geben ihm „Exklusiv-Zeiten” sowohl mit Papa als auch mit Mama, er darf bei allem dabei sein, wickeln, stillen und so weiter.

Doch wie gesagt, stoßen wir auch an unsere Grenzen und wissen in den oben genannten Situationen nicht so wirklich weiter.

Die Antwort
unseres Experten.
Mein Kind haut seine kleine Schwester
Mario Kappenstein — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern,

es ist deutlich spürbar, wie sehr Sie sich um das Wohlergehen Ihrer Kinder bemühen und nach Wegen suchen, um Ihren Sohn in seiner neuen Rolle als großer Bruder besser zu unterstützen. Die Situation, die Sie schildern, ist keineswegs ungewöhnlich und viele Familien durchleben ähnliche Schwierigkeiten, wenn ein neues Geschwisterkind geboren wird.

Kommunikation mit begrenzten Mitteln

Wie wirkt sich die familiäre Veränderung für Ihren Sohn aus? Er hatte Sie als Eltern für mehr als zwei Jahre komplett für sich alleine. Plötzlich muss er Sie mit seiner Schwester teilen. Das sorgt in ihm für enormen Frust. Wäre Ihr dreijähriger Sohn ein reflektierender Erwachsener, würde er vielleicht sagen: „Liebe Eltern, plötzlich muss ich meine Bedürfnisse nach Exklusivität hintenanstellen. Das verunsichert mich, weshalb ich dies zum Ausdruck bringen muss. Ich habe Sorge, nicht genug von eurer Aufmerksamkeit und Zuneigung zu erhalten.“ Eigene Bedürfnisse hinter unserem Verhalten wahrzunehmen und zu formulieren, fällt uns Erwachsenen schon recht schwer. Für einen Dreijährigen ist das noch nicht möglich. Er nutzt die Art und Weise, die ihm aktuell möglich ist, um sich auszudrücken: seinen Körper (Hauen, Treten, Kratzen, Beißen, Schubsen…) und seine Stimme (Schreien, laut Rufen, Weinen…).

Warum ist das so? Sein Verhalten ist ein entwicklungsgerechter Ausdruck seiner Unsicherheit mit der neuen Situation. Entwicklungsbiologisch ist im Alter von drei Jahren der präfrontale Kortex im Hirn (sozusagen das Zentrum für unsere Impulskontrolle) noch nicht ausreichend entwickelt, um das eigene Verhalten in Bezug auf das Gegenüber differenziert einstimmen zu können.

Die Fähigkeit, (ehrlich) zu teilen, entwickelt sich erst zwischen drei und sechs Jahren. Deshalb müssen wir als Eltern das Verhalten unserer Kinder übersetzen und schauen, welches Bedürfnis dahintersteckt. Strafe und Zurechtweisung sind hier wenig hilfreich, da einem Dreijährigen die Auswirkungen seines (unerwünschten) Verhaltens nicht klar sind. Machen wir Kinder falsch, im Sinne, dass wir ihr Verhalten verurteilen, schaden wir ihrem Selbstwert und ihrer authentischen Ausdrucksweise, die sie um der sicheren Bindung willen mehr und mehr aufgeben müssen.

Wie also in solchen Situationen reagieren?

Lassen wir uns (gerne schmunzelnd) auf ein Gedankenexperiment ein: Ein Erwachsener kommt nach Hause und verkündet: „Mein Schatz, das hier ist der Mensch, der ab heute bei uns wohnen wird und den ich ebenso liebe wie dich. Da er noch ganz neu bei uns ist, wird er erstmal bei mir im Ehebett schlafen.“ Ihr autonomes Nervensystem wird vermutlich ähnlich reagieren wie das Ihres Sohnes: mit Stress und Widerstand.

Dass Ihr Sohn bei allem dabei sein darf, wie Stillen und Wickeln, ist wunderbar und sinnvoll. Grobes Verhalten sollten Sie jedoch nicht hinnehmen. Sie dürfen ihm mitteilen, dass Sie das nicht wollen. Freundlich und bestimmt: „Ich will nicht, dass du deine Schwester schlägst und ich werde dir helfen zu lernen, anders mit deinen Gefühlen umzugehen.“ Finden Sie Ihre eigenen authentischen Worte. Ein klares „Nein, ich will nicht, dass du das tust“ ist die persönliche Sprache, die es an dieser Stelle braucht. Ihr Kind wird sich in diesen Situationen genau merken, wie Sie mit ihm umgehen. Kinder lernen mehr durch unser Verhalten als durch unsere Worte. Deshalb ist es so wichtig, dass wir Verantwortung für unser Verhalten als Eltern sowie für die Beziehung zu unseren Kindern übernehmen.

Bei unerwünschtem Verhalten sind wir als Eltern besonders gefordert. Nicht zuletzt, weil es uns nicht immer gelingt, unsere eigenen Impulse gut zu regulieren. Bisweilen werden wir selbst wütend oder reagieren genervt: „Jetzt hat er das schon wieder getan!“ Wenn Sie in sich Frust, Angst oder Wut aufkommen spüren, kümmern Sie sich zunächst um Ihre eigenen Gefühle. Erst wenn Sie Ihr eigenes Nervensystem wieder in Regulation gebracht haben, können Sie Ihrem Kind als stabiles Gegenüber koregulierend zur Seite stehen. Nehmen Sie sich Zeit, um Mitgefühl für sein Verhalten und Ihre eigene Reaktion aufzubringen. Dies braucht Übung und vor allem:

Geduld, Geduld und noch mehr Geduld

Und nicht zuletzt das tiefe Vertrauen und die absolute Zuversicht, dass Ihr Sohn mit der Zeit und altersentsprechender Entwicklung lernen wird, mit seiner kleinen Schwester behutsam umzugehen.

Suchen Sie das Gespräch mit ihm: „Wie geht es dir mit deiner Schwester? Was findest du gut, was nicht?“ Diese kurzen Forschungsreisen in die Welt Ihres Sohnes können ganz beiläufig, zum Beispiel beim Abholen vom Kindergarten oder auf dem Weg zum Spielplatz, passieren. Er benötigt Ihr Vertrauen und das Gefühl, dass Sie ihn lieben, auch wenn er ein Verhalten zeigt, das von Ihnen begrenzt wird.

Ich ermutige Sie, Zuversicht zu behalten, während Sie sich gemeinsam als Familie durch diese Phase der Veränderung bewegen. Zögern Sie nicht, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen, wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie als Eltern selbst nicht mehr so richtig weiterkommen.

Herzliche Grüße
Mario Kappenstein