Darum geht es
Mein dreieinhalbjähriges Kind haut mich immer öfter, was vorher nie ein Thema war. Was steckt hinter dem Verhalten und wie begleite ich mein Kind, wenn seine Wut immer, immer stärker wird?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo, ich bin Lisa und Mama von Henry (3,5 Jahre).

Zurzeit haben wir beide sehr mit großen Gefühlen zu tun. Mein Partner, Henrys Papa, kann uns da leider nicht viel helfen, weil er dann selbst in große Gefühle kommt und mit Druck und Wut reagiert, was bei Henry nicht förderlich ist. Er reagiert dann noch mehr und ich spüre seine Verzweiflung. Er haut mich jetzt vermehrt, was vorher nie ein Thema war. Wenn er das macht, fängt er dann auch bald an zu weinen und bekommt noch mehr „Wut“. Ich fühl mich sehr oft hilflos in solchen Situationen. Ich bin dann oft einfach da, weil er keine Nähe will. Irgendwann will er dann die Nähe und weint ganz doll. Mir fällt es wirklich schwer, so lange durchzuhalten, weil es mir die Kraft zieht, ihn so lange dabei zu begleiten und ich das immer allein machen muss.

Am schwierigsten ist es jedoch für mich, das zu machen, wenn jemand anderes (Oma, Opa, Freunde, …) in der Nähe ist. Da werde ich mir meiner Sache so unsicher und fühl mich manchmal richtig überwältigt und ohnmächtig in der Situation. Ich weiß dann gar nicht, was ich machen soll. Das setzt mich sehr unter Druck, wodurch ich auch manchmal Kontakte vermeide, um nicht in so eine Situation zukommen.

Ich will nicht, dass er mich haut, vor allem nicht ins Gesicht. Ich denke, er will es auch nicht, nur in den Momenten, wo es passiert, kann er einfach nicht anders, ich hab ihm schon ein Kissen angeboten oder stampfen, aber da wird er noch wütender.

Ich hab Angst, dass er mir entgleitet

Ich weiß, dass ich in ihn co-regulieren muss und auch die Führung übernehmen sollte, weil er ja total überfordert ist in den Momenten, wo er frustriert oder wütend ist, nur bin ich es leider in diesen Momenten auch, eben weil er auch solange darin hängt, das bringt mich in die Verzweiflung.

Ich möchte, dass er alle Gefühle erfahren kann und lernt, wie er damit umgehen kann, nur komm ich aktuell extrem an meine Grenzen, das allein zu regeln.

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind haut mich im Wutanfall
Beate Kuhlmann — FamilyLab Deutschland

Liebe Lisa,

du sprichst für viele Eltern, die sich in dem Dilemma befinden, eigentlich zu wissen, dass sie ihr Kind in der Wut verständnisvoll begleiten wollen, aber unter den kritischen Augen der anderen den Mut verlieren, dazu zu stehen.

Was passiert in einem Wutanfall?

Um dich zunächst einmal in deiner Haltung zu bestärken, dass Kinder in Henrys Alter die Regulierung der Erwachsenen brauchen, lass uns einen kleinen Ausflug in die Hirnforschung unternehmen: Wenn Henry einen Wutanfall bekommt, weil etwas nicht nach seinen Bedürfnissen läuft, dann ist er von seinen Frustgefühlen so überwältigt, dass sein 3-jähriges Gehirn puren Stress erlebt. Denn bei Frust werden dieselben Hirnareale aktiviert, die auch bei körperlichem Schmerz aktiv sind.

Wir Erwachsenen sind in einer solchen emotionalen Anspannung in der Lage, uns selbst zu regulieren. Kinder müssen das in den ersten 10 Jahren erst lernen, und dabei brauchen sie unsere Hilfe, vor allem, wenn sie wie Henry noch nicht in der Lage sind, ihren inneren Konflikt sprachlich zu äußern. Nur so können sie lernen, mit ihrer Wut umzugehen und sich zu beruhigen. Wenn wir die Wut des Kindes als Problem sehen, dann werden wir wahrscheinlich Dinge tun oder sagen, die ihm deutlich machen, dass es gerade eine Belastung ist, wie Schimpfen, Drohen oder Belehren. Das Kind reagiert darauf meistens mit noch mehr Frust: hauen, schreien, weglaufen. Versuchen wir aber, die Wut des Kindes als Signal (Jesper Juul nennt es „Ausrufungszeichen“) dafür zu sehen, dass es ihm gerade nicht gut geht, können wir eher oder öfter oder immer mal wieder mit Verständnis und ruhiger Klarheit reagieren (es gelingt nicht immer, wir dürfen unperfekt sein). Denn wütende Kinder trotzen nicht, sie wollen uns nicht provozieren oder ihren Willen durchsetzen – sie wollen in ihrer Verzweiflung wahrgenommen werden.

Der Blick der Anderen

Warum fällt es uns eigentlich so schwer, unter „Beobachtung“ anderer den Wutanfall des Kindes mit Empathie zu begleiten?

Mein Eindruck ist, dass kindliche Wut generell wenig willkommen ist. Sie passt häufig nicht in das pädagogische Bild der Erwachsene:

Das Zusammenleben soll möglichst Friede, Freude, Eierkuchen sein…

Daher scheint es immer noch einen gesellschaftlichen Konsens darüber zu geben, dass Strafen, Drohungen und Belehrungen akzeptable Methoden sind, um Kindern „beizubringen“, dass „Wutzwerge” unerwünscht sind. Und wenn du Henry in Gegenwart anderer nicht schnell beruhigen kannst, bist du verständlicherweise mit Gefühlen von Hilflosigkeit und Scham konfrontiert und möchtest dich manchmal am liebsten verstecken.

Je nachdem, wie wir selbst großgeworden sind, haben wir vielleicht auch das Bedürfnis entwickelt, die Erwartungen anderer zu erfüllen, um akzeptiert zu werden. Dann kann es uns als Eltern schwerfallen, uns am eigenen inneren Kompass zu orientieren, der uns sagt, dass unser wütendes Kind jetzt verständnisvollen Trost und wohlwollende Klarheit braucht.

Tipps für die nächsten Male

Und hier kommen meine Mutmacher-Impulse, die dir hoffentlich bei den nächsten Wutanfällen (und die kommen ganz sicher, wenn Henry sich zu einem normalen autonomen Menschen entwickeln wird) helfen werden:

Deine innere Ruhe und Gelassenheit tragen dazu bei, dass Henry die Intensität seiner Impulse verringern kann. Das gibt ihm einen sicheren Rahmen, in dem er die Wut auch besser aushalten kann. Du selbst könntest ein paar tiefe Atemzüge nehmen oder einen eigenen kurzen Moment der Pause einlegen, bevor du dich ihm zuwendest.

Falls du dir wünschst, dass Henry sich möglichst schnell beruhigt, mach dir klar, dass er gefangen ist in seinem Zustand und dass erzieherischer Druck diese Ausweglosigkeit nur verschärft. Außerdem erreichen kluge Worte sein Gehirn nicht. Daher begrenze dich auf wenige wohlwollende, verständnisvolle Aussagen: „Du bist ganz wütend, weil ich du nicht zu Ende bauen kannst… Das verstehe ich!“ Dann warte ab. Vielleicht drückst du nochmal dein Mitgefühl aus: „Das ist total blöd, ach Mann!“  Dann warte einfach ab. „Wenn ich dich in den Arm nehmen soll, kannst du kommen.“ In der Regel wirst du beobachten können, wie sein Körper sich entspannt, das Toben sich beruhigt und er dann zu dir kommt. Doch das kann dauern.

In der ersten Anspannung will Henry wahrscheinlich zunächst auf Abstand bleiben, um sich selbst besser spüren zu können. Dann ist es wichtig, diese Grenzen zu wahren. Gleichzeitig braucht er deine Gegenwart, um sich sicher zu fühlen. Du könntest sagen: „Du bist gerade stinksauer. Wenn du möchtest, kannst du kommen. Ich bin hier.“ 

Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit, einen Kompromiss anzubieten: „Du bist zu müde zum Weiterlaufen, ich kann dich tragen.“

Wenn er dich schlägt, kannst du verständnisvoll bleiben und klar deine Grenze deutlich machen: „Du bist total wütend, weil… – das verstehe ich.“ Pause. Und dann: „Ich will nicht, dass du mich schlägst, das tut mir weh. Hör auf!“ (Und dann vielleicht: „Du kannst dafür fest auf das Kissen oder Sofa hauen.“)

Wenn er sich etwas beruhigt hat und wenn es passt, könntest du die Wut-Energie umlenken: „Komm´ drück mich mal richtig weg, das schaffst du!“ Oder: „Komm, wir rennen mal!“

Wenn Henry sich beruhigt hat und nicht erschöpft ist, oder aber auch erst einige Zeit später, kannst du die Situation nochmal aufgreifen: „Mir gefällt es nicht, wenn du mich schlägst. Trotzdem möchte ich gerne wissen, was dich so wütend gemacht hat.“ Henry braucht deine Frage gar nicht unbedingt zu beantworten. Wichtig ist, dass er spürt, dass du an ihm interessiert bist, und ihm gerne helfen möchtest. So wird er sich weiter geliebt fühlen.

Wenn Henry spürt, dass er nicht alleine und sein Gefühl ok ist, dann geht der „Anfall“ vorbei und die Entspannung tritt ein. Wenn er das so immer wieder erlebt, entwickelt er die Überzeugung, dass Wut wieder vergeht und dass er damit umgehen kann.

Liebe Lisa, vielleicht habe ich dir gar nicht viel Neues sagen können, aber vielleicht können die Impulse dich für die nächsten herausfordernden Situationen positiv „aufladen“ und dir die Sicherheit geben, dass die Beziehung zu Henry stabil ist und du einen eigenen inneren Kompass hast, der dich unabhängig macht von äußerer Bewertung. Vielleicht kannst du mit dieser inneren Sicherheit andere sogar inspirieren.