Darum geht es
Mein 10-jähriges Kind hält sich nicht an Vereinbarungen. Egal ob wegen Medienzeit, Aufgaben im Haushalt oder Alltagsabsprachen: Wir geraten immer wieder in Streit, weil sie sich nicht an die Regeln hält.
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Liebes Team,

ich komme aktuell bei meiner Tochter 10 Jahre oft an meine Grenzen, leider oft schon darüber hinaus. Sie hat einen kleinen Bruder (16 Monate) und muss sicherlich oft zurückstecken. Generell ist sie aber gerne eine große Schwester und oft auch unterstützend. Es steht auch ein Schulwechsel nach den Ferien an, also es ist gerade viel los, abgesehen davon, dass die Pubertät anklopft. 

Obwohl ich all dieses Wissen habe und mich auch mit meinen eigenen Themen versuche auseinanderzusetzen, haben wir immer wieder die Situation, dass wir etwas vereinbaren und sie sich nicht daran halten kann (z.B. 30 min Serie ansehen und dann abdrehen, Spielsachen wegräumen, Schultasche herrichten etc.).

Ich weiß, dass es für Kinder oft schwierig ist, sich an zuvor Gesagtes zu halten, aber ich merke, dass je älter sie wird, wieder meine alten Glaubenssätze im Kopf erscheinen „Es ist egal, was du sagst“, „Du wirst hier nicht ernst genommen“, „Du bist nicht wichtig“.

Das führt dann dazu, dass ich ziemlich schnell wütend werde und eine Schimpftirade loslasse. Meine Tochter wird erst bockig, dann fühlt sie sich jedoch meistens schlecht, weil sie merkt, dass ich enttäuscht bin. Das möchte ich so auch nicht. Wie kann ich diesen Kreislauf durchbrechen? Noch gelingt es mir in der Situation leider nicht, die Gefühle rechtzeitig zu erkennen und im Erwachsenen-Ich zu bleiben. Ich möchte das unbedingt vor der richtigen Pubertät besser schaffen, ich möchte mit meiner Tochter in Beziehung bleiben und nicht wegen selbstgemachten „Regeln“ ständig streiten. Wie kann hier eine Balance gelingen?

Über ein paar praktische Tipps wäre ich sehr dankbar!

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind hält sich nicht an Vereinbarungen
Sabine Hertwig — FamilyLab Deutschland

Hallo!

Erstmal herzlichen Dank für deine Offenheit. Es freut mich zu lesen, wie viele Gedanken du dir bereits um die Beziehung zu deiner Tochter gemacht hast und vor allem auch deine eigenen Themen im Blick hast.

Ich finde es sehr wertvoll, das Wechselspiel zwischen Eltern und Kindern als Chance für die persönliche Weiterentwicklung zu sehen, denn die Beziehung zu unseren Kindern ist keine Einbahnstraße. Kinder bieten uns immer die Möglichkeit, mit ihnen zu wachsen und eigene Themen leichter zu machen. Kinder treffen dabei oft mit seismographischem Spürsinn genau die Punkte, an denen wir uns entwickeln dürfen.

Was ist eine Vereinbarung?

Du fragst nach praktischen Tipps, um wieder in die Balance zu kommen. Hier zunächst meine Gedanken und Impulse aus meiner täglichen Praxiserfahrung. Denn das Thema, dass Kinder sich nicht an Vereinbarungen halten, begegnet mir quasi täglich. Wir starten mit dem Blick darauf, was eigentlich eine Vereinbarung ist:

Eine Vereinbarung ist nach meiner Definition eine Absprache, die im gegenseitigen Einvernehmen getroffen wurde von zwei Menschen, die idealerweise abschätzen können, ob sie das Gesagte tatsächlich einhalten können.

Dies erfordert eine gute Selbsteinschätzung, vorausschauendes Denken und eine gute Selbstregulation. Wenn wir unsere Beziehungen zwischen Erwachsenen betrachten, gelingt es selbst da nicht immer, dass Vereinbarungen eingehalten werden. In meinen Paarberatungen erlebe ich sogar sehr oft das Gegenteil: „Du hast versprochen, deine Sachen nicht mehr auf unserem Bett zu deponieren – jetzt muss ich wieder erst alles wegräumen bevor ich mich ins Bett legen kann.“ Oder „Du wolltest heute pünktlich nach Hause kommen, jetzt warst du wieder eine Stunde länger im Büro.“ 

Wie viel schwerer fällt es Kindern, sich an Abmachungen zu halten. Immer kommt etwas dazwischen, die Sendung ist gerade so schön, das Aufräumen so anstrengend. Wir Menschen sind lustgesteuert und es kostet Überwindung, Dinge zu tun, die keine Freude bereiten. Das geht kleinen und großen Menschen so und hat nichts damit zu tun, dass Kinder ihre Eltern nicht ernst nehmen. Es kostet einfach sehr viel, den ganzen Tag zu kooperieren. Eltern übersehen oft, wie viele Kooperationen Kinder am Tag eingehen: Um 6 Uhr aufstehen (völlig gegen den Biorhythmus), Zähne putzen, waschen (alles ungeliebte Tätigkeiten), frühstücken, obwohl man keinen Hunger hat, zur Schule gehen, obwohl heute eine Klassenarbeit ansteht und der langweilige Englischunterricht bei der ungeliebten Lehrerin, und so weiter und sofort. Wenn Kinder morgens in der Schule oder im Kindergarten ankommen, haben sie schon ca. 15 Mal kooperiert; alles ihren Eltern zuliebe.

5 Tipps

Das ist mein Tipp Nummer 1: Schaue darauf, wo deine Tochter überall mit dir kooperiert. Ich bin sehr sicher, dass dies sehr viel häufiger geschieht, als dass sie sich nicht an Abmachungen hält. Du hast es schon treffend beschrieben, sie kooperiert mit einem kleinen Geschwisterchen, was ihr viel Aufmerksamkeit nimmt. Und mit der beginnenden Pubertät, wo alles ins Wanken gerät.

Tipp Nummer 2: Verzichte auf Vereinbarungen! Wenn wir mal ehrlich hinschauen, sind die meisten Vereinbarungen keine, weder unter Erwachsenen noch mit Kindern. In der Regel sind es einseitige Wünsche und Forderungen, zu der ein anderer Mensch halbherzig Ja sagt – in der Regel, um endlich Ruhe zu haben und damit die leidliche Diskussion zu Ende ist.

Deshalb werden Vereinbarungen auch so oft nicht eingehalten, weil sie eben nicht auf einem wirklichen Einverständnis beruhen. Oft sind es ja sogar Erpressungen: „Du kannst erst fernsehen, wenn du aufgeräumt hast.“ (kann man machen, ist aber keine Vereinbarung)

Effektiver ist es, wenn Eltern klar sagen, was sie erwarten und sich wünschen und ihre ganze Energie darauf verwenden, sich zu erlauben, mit ruhiger und bestimmter Stimme zu sagen, was sie von ihren Kindern erwarten. Ohne schlechtes Gewissen, ohne Vorwurf, ohne Betteln in der Stimme und in dem Vertrauen, dass das, was sie sagen, beim Kind Eindruck macht. Scheinbare Vereinbarungen oder „Wenn-dann-Sätze“ schwächen die eigenen Aussagen und vermitteln dem Kind: „Ich gehe sowieso davon aus, dass du nicht auf mich hörst.“ Ich habe oft von Eltern das Feedback bekommen, dass sie viel mehr Eindruck bei ihren Kindern machen, wenn sie sich auf klare Ich-Botschaften fokussieren.

Tipp Nummer 3: Es hilft, wenn das Kind noch eine Wahlmöglichkeit hat: „Wann denkst du, kannst du dein Zimmer aufräumen?“ „Möchtest du heute lieber den Tisch decken oder die Spülmaschine ausräumen?“ Bei Medienzeiten empfehle ich eher Wochen-Kontingente, die die Kinder sich selbst in kleine Medienkonsum-Häppchen einteilen können. Dann fällt es leichter, den magischen Faden zum Gerät durchzuschneiden.

Tipp Nummer 4: Wisse, dass es in der Regel Widerstand gibt, wenn eine unangenehme Tätigkeit gefordert wird. Das hat etwas mit unserer Grundausstattung zu tun: „Unangenehmes vermeiden, Lust erhöhen.“ Du kannst sagen: „Ja, ich weiß, das ist jetzt sehr unangenehm. Ich hoffe, du kannst dich trotzdem gleich entscheiden, es zu tun.“ Und dann am besten weggehen und dem Kind ein bisschen Zeit lassen, um Anlauf zu nehmen, das Geforderte zu tun. Falls das dann auch nach 10-15 Minuten gar nicht klappt, kann man sagen: „Ich sehe, heute ist es zu schwer für dich, dann übernehme ich es und mache jetzt den Fernseher aus.“ Wichtig ist, dabei freundlich und klar zu bleiben und das Verhalten des Kindes nicht persönlich zu nehmen.

Und plane ein, dass es nicht immer gelingt. Das ist normal und kein elterliches Versagen. Dann musst du dich auch nicht schlecht fühlen.

Womit ich bei Tipp Nummer 5 ankomme: Du schreibst es ja schon selbst, deine Tochter ruft dein inneres Kind auf den Plan, das sich nicht gehört fühlt. Das geht allen Eltern so, nur ist es vielen nicht bewusst. Und dann befinden sich oft zwei Kinder im Wettstreit, ein „echtes“ und ein „inneres Kind“. Eltern verlieren dann ihr erwachsenes Ich, wie du es auch schreibst. Das ist sehr menschlich und wird immer wieder passieren. Hier empfehle ich den milden Blick auf sich selbst: „Oh, da ist es wieder, ich sitze im Altersfahrstuhl und werde gerade 4 Jahre alt.“ Statt: „Wieder nicht geschafft, ich bin eine schlechte Mutter.“ Je mehr wir gegen etwas in uns ankämpfen, desto mehr Macht bekommt es. Und wenn du diese Dynamik bemerkst, kannst du wieder aussteigen. Und sonst eben beim nächsten Mal.

Zusammengefasst heißt das: Nimm es nicht persönlich, wenn deine Tochter sich nicht an die vermeintlichen „Vereinbarungen“ hält (die ja nicht wirklich welche sind). Es fällt ihr einfach schwer, gegen die Unlust anzukämpfen.

Und wenn du willst, dass sie dich ernst nimmt, sprich mit fester, freundlicher Stimme und gutem Gewissen das aus, was du dir wünscht und was dir wichtig ist: „Du weißt, für mich gehen nur 30 Minuten Fernsehen am Tag, danach musst du leider ausmachen. Ich bin eine nervige Mutter. Und ich komme wieder und helfe dir, wenn du es nicht schaffst.“

Und dann vertraue darauf, dass sie allermeistens kooperieren wird, auch wenn sie manchmal ein bisschen Zeit dafür braucht (wie wir Erwachsenen auch).

Schlussendlich noch ein kleiner Tipp: Bedanke dich ab und zu bei deiner Tochter dafür, was sie alles mitmacht und wo sie überall kooperiert, zum Beispiel mit dem kleinen Geschwisterchen oder dass sie jeden Tag zur Schule geht. Und sag ihr, dass sie dein Leben bereichert, auch ohne dass sie irgendwelche Aufgaben erfüllt. Das stärkt eure Beziehung und gibt euch beiden das Gefühl, wertvoll füreinander zu sein.