Darum geht es
Ich kann machen, was ich will – mein Kind gibt den Ton an. Egal ob Kindersitz, Zahnbürste oder Schlafanzug: Ich schaffe es nicht, meine Tochter zu überzeugen, mitzumachen. Stattdessen passe ich mich ihrem Tempo an uns es vergehen Stunden.

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Meine Tochter ist 2 1/2 und ein echter Wildfang. Ich liebe es so sehr, denn sie weiß, was sie möchte und ist sich häufig schon extrem klar in ihren Vorstellungen. Sie kann diese auch gut äußern, weil sie sprachlich weit ist. 

Ich bin in Elternzeit und meine Tochter hat sozusagen eine Rundumbetreuung durch mich. Ich lasse ihr extrem viel Freiheit in der Tagesgestaltung, da ich wenige Verpflichtungen habe. Es gibt wenige Regeln, die mir aber wichtig sind und die ich trotz Gefühlsstürmen, die ich dann begleite, durchsetze. 

Seit geraumer Zeit ist das Zubettgehen ein einziger K(r)ampf. Sie zögert das Abendbrot über eine lange Zeit heraus und hat dann immer wieder „Hunger“ – ich vermute um nicht Zähne putzen zu müssen. Selbst wenn wir Zähne geputzt haben, dann möchte sie doch noch eine Banane essen und wir müssen wieder putzen. Auch der Schlafanzug ist der Feind. Erst wenn sie gegen 21 Uhr so richtig k.o. ist, zieht sie sich absolut schnell und freiwillig um und dann schläft sie auch innerhalb von Minuten im Bett ein.

Ein weiteres schlimmes Problem ist der Kindersitz. Wenn wir unterwegs sind, beispielweise bei den Urgroßeltern zu Besuch oder beim Einkaufen, dann steigt sie nicht mehr in den Kindersitz ein, um nach Hause zu kommen. Ich kann machen, was ich will. Eine Zeit lang hatte ich wöchentlich das Problem, dass ich unter 2 h (!) keine Möglichkeit habe, sie in den Sitz zu bewegen, um wieder nach Hause zu kommen. Sie möchte dann lieber ewig Ein- und Aussteigen oder noch Mal schauen, „was da überall so los ist!“. 

Ich probiere extrem viel, es funktioniert nichts. Ich habe das Gefühl, der Liebestank ist gefüllt. Vielleicht braucht sie Führung, die ich ihr aber offensichtlich nicht geben kann. Spielerisch sie zum Bettfertig-Machen oder zum Einsteigen zu bewegen, ist manchmal möglich, aber überwiegend nicht. Klare Anweisungen wie: „Mir ist das wichtig. Bitte steig ein/zieh dich an“ kommen nicht an. Wenn ich sie ihren Kram machen lasse und es dann wiederholt erneut probiere, führt das auch nicht zum Erfolg. Sie hat letztens 1.5 h nichts anderes gemacht als in das Auto ein- und auszusteigen. Sie ist unermüdlich. Ich persönlich sehe mich nicht, sie mit Gewalt in den Kindersitz zu drücken und sie zwangsanzuschnallen. Das halte ich für zu gefährlich und ich möchte nicht so körperlich sein. Ich habe aber bereits die Autotüren geschlossen und uns gemeinsam eingeschlossen und sie 45 Minuten durch einen Gefühlssturm begleitet, danach ging das Anschnallen dann ohne Probleme. Aber das ist ermüdend für alle Beteiligten. 

Aktuell lässt unser Alltag das alles zu. Ich bin zwar genervt und am Limit, aber ich habe die Zeit, die sie braucht. Ab September ist sie im Kindergarten. Mir graut es jetzt schon davor, sie dort täglich pünktlich hinzubringen, damit ich arbeiten kann. Das ist unerlässlich. Auch wenn ich zum Beispiel wichtige Arzttermine habe, schwitze ich schon Wochen vorher, ob sie „mitspielt“ und bereite sie am Tag vorher schon mal darauf vor. Das kann doch so nicht weitergehen. Ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Wie gehe ich damit nur richtig um, wenn es WIRKLICH mal laufen muss? Wie kann ich die Führung übernehmen, ohne übergriffig und autoritär zu sein?

Vielen Dank und liebe Grüße

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind gibt den Ton an
Britta Peitz — FamilyLab Deutschland

Zunächst mal vielen Dank für Ihre ehrlichen und offenen Worte. Sicherlich erkennen sich in Ihrer Frage viele Eltern wieder! 

Ihre Tochter ist 2 1/2 Jahre und in diesem Alter sind Kinder meist sehr entdeckungsfreudig und willensstark. Sie werden autonomer, möchten ihre eigenen Ideen umsetzen und „selbst bestimmen“. Diese Entwicklungsphase, auch Autonomiephase genannt, ist für Eltern oftmals sehr anstrengend – und Sie sind damit nicht allein, wie Sie selbst schon geschrieben haben.

Das Bedürfnis, an Grenzen zu stoßen

Kinder kommen bereits autonom auf die Welt. Sie bringen bereits ein Wissen darüber mit, was sie brauchen, dazu gehört auch Kontakt und Verbundenheit. Sie bauen nach und nach Beziehungen auf und gewinnen dadurch Vertrauen und Sicherheit. Kinder in dem Alter Ihrer Tochter suchen aber auch nach Grenzen, beziehungsweise benötigen in ihrem Umfeld Menschen, die Grenzen haben. Dies ist sehr wertvoll, damit Kinder viel über andere Menschen erfahren, besonders aber über sich selbst. Dadurch können sie zum Beispiel ihr Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl weiterentwickeln: „Was mag ich, was mag ich nicht? Wozu sage ich „Ja“ und wozu „Nein“, und auf welche Art kann ich es ausdrücken? Wie gehe ich mit meinen Gefühlen um, was freut mich und was ärgert mich?“

Stück für Stück wächst das Wissen über sich selbst, und damit das Selbstwertgefühl des Kindes.

Dafür, und nun nähern wir uns den von Ihnen genannten Beispielen, braucht das Kind auch ein Gegenüber, das sich zeigt, das seine persönlichen Grenzen, sein „Nein“ formuliert, seine Gefühle und eine gewisse Klarheit zeigt: „Das ist mir wichtig, das will ich und das nicht.“ Fehlt diese Klarheit beim Erwachsenen, dann entsteht ein „Führungs-Vakuum“. Dann übernehmen automatisch die Kinder die „Führung“, doch das tut ihnen gar nicht gut, denn damit sind sie schlichtweg überfordert. Sie brauchen hingegen im Erwachsenen einen „Leuchtturm“, der Orientierung und Halt gibt.

Die Führung übernehmen

Sie schreiben, dass Sie in Elternzeit sind und Ihrer Tochter eine „Rundumbetreuung“ ermöglichen. Außerdem geben Sie ihr viel Freiheit und es gibt wenig Regeln. Sie schreiben auch, dass ihre Tochter vielleicht Führung braucht. Dies möchte ich deutlich bestätigen. Eine Führung, die sich nicht gegen Ihre Tochter richtet – sondern für ihre Orientierung sorgt.

Haben Sie als Mutter ruhig den Mut, sich zu positionieren! Zeigen und äußern Sie Ihrer Tochter gegenüber deutlich, wo Ihre persönlichen Grenzen liegen und was Ihnen wichtig ist. Dadurch kann Ihre Tochter sich innerlich entspannen und fühlt sich gut begleitet. Auch wenn Ihre Tochter gegebenenfalls zunächst frustriert reagiert: Elterliche Führung gibt Kindern Halt und Sicherheit. 

Nehmen wir das Beispiel Kindersitz, Ihre Führung könnte so oder ähnlich lauten: „Ich weiß, Du willst dich nicht anschnallen lassen. Anscheinend ärgert dich irgendwas. Ich kann aber nicht warten. Ich will losfahren und ohne Anschnallen geht das nicht.“ Und dann schnallen Sie Ihre Tochter an. Auch wenn sie sich wehrt, bleiben Sie so ruhig wie möglich. „Ja, ich weiß, du willst das gerade nicht. Ich will aber losfahren, deshalb schnalle ich dich jetzt an.“ Kurze, deutliche Informationen als „Ich-Botschaften“. Führen Sie Ihre Handlungen ruhig fort, gehen Sie nicht auf Ablenkungen ein. Eventuell können Sie dabei Ihre Tochter berühren und ihre Bewegungen mit ein wenig Deutlichkeit „führen“: „So, ich helfe dir beim Einsteigen, die Arme durch die Schlaufen und so weiter.“ Strahlen Sie eine „persönliche Autorität“ aus.

Dies hat nichts mit Gewalt und Zwang zu tun, das wird heutzutage oft verwechselt.

Ihre „Ich-Botschaften“ verleihen Ihnen Präsenz und Klarheit und geben damit Orientierung. Vermeiden Sie „Du-Botschaften“, damit würden Sie das Verhalten Ihrer Tochter kritisieren und abwerten: „Sei nicht so bockig! Immer musst du dich so anstellen. Wenn Du jetzt nicht sofort aufhörst dich zu wehren, dann lese ich heute Abend keine Geschichte vor!“ Drohungen, Strafen und Verurteilungen würden das Selbstwertgefühl Ihrer Tochter verletzen und kreieren womöglich noch mehr Gegenwehr. 

Auch wenn Ihre Tochter gegebenenfalls zunächst frustriert reagiert: Elterliche Führung gibt Kindern Halt und Sicherheit. 

Vielleicht hilft auch beim Ins-Bett-bringen statt spielerischer Begleitung etwas mehr Klarheit: „Ich möchte heute Abend noch Zeit haben für meine Yoga-Übungen. Daher starte ich jetzt mit deinem Abendprogramm. Komm, nun putze ich dir deine Zähne und dann lese ich dir noch eine Geschichte vor.“ Eventuell wird Ihre Tochter dem nicht sofort folgen, hier braucht es ein paar Abende und einige Wiederholungen. Manche Kinder reagieren darauf aber überraschend kooperativ, da sie spüren, dass sie Verantwortung abgeben können und sich dadurch innerlich entspannen. Sprechen Sie ruhig und klar. Und teilen Sie auch Ihre Bedürfnisse und Grenzen mit. Damit sind Sie ein gutes Vorbild für Selbstfürsorge! Hier lernt Ihre Tochter, dass sie nicht allein ist: „Mama ist auch noch da, hat Wünsche und Bedürfnisse und Grenzen, die ich beachten muss.“ Spätestens wenn Ihre Tochter in den Kindergarten geht, wird sie sich auch dort anpassen müssen und Grenzen anerkennen müssen.

Sie darf lernen, dass dies in Gemeinschaften dazu gehört.

Viele kleine Momente und Situationen, die so wertschätzend ablaufen wie oben beschrieben, helfen Ihnen beiden, über die Zeit eine stabile, vertrauensvolle und sichere Beziehung aufzubauen. Geben Sie sich selbst und Ihrer Tochter ein wenig Zeit für diesen Veränderungsprozess und bleiben Sie zuversichtlich. Alles Gute!