Darum geht es
Egal ob bei Freunden oder bei den Großeltern: Unser vierjähriger Sohn dreht bei Besuchen regelrecht durch. Wir verzichten immer öfter auf Treffen… ist das die Lösung?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Ich bin so langsam sehr verzweifelt und hoffe nun auf neue Anreize von euch. Mein Sohn ist mittlerweile 4 Jahre alt. Ich hatte eine eher gewaltvolle Kindheit, in der Schreien und Streit an der Tagesordnung war. Schläge gab es auch, wenn es mal richtig eskaliert ist. Mir war daher sehr wichtig, dass ich es bei meinem Kind anders mache und habe meine Kindheit in einer Therapie aufgearbeitet. 

Ich habe sehr viel Energie und Zeit investiert, um Kinder zu verstehen und entsprechend reagieren zu können. Zugegeben, ich bin regelmäßig über meine eigene Grenzen gegangen, nur damit es mein Kind besser hat. Mein Mann und ich merken seit einigen Monaten, dass unser Sohn ausgiebig Grenzen testet, schreit und haut, wenn ihm etwas nicht passt. Damit kommen wir noch gut klar. 

Was uns aber seit gut zwei oder drei Monaten den letzten Nerv raubt, ist, dass er bei Besuch regelrecht durchdreht. Er wird wild, schreit rum, rennt durch die Wohnung und hört nicht mehr, wenn man ihn bittet, es langsamer angehen zu lassen. Ich nehme ihn oft aus der Situation raus, das bessert es für kurze Zeit, dann geht es von vorne los. Ich kann keine Besuche bei Freunden, die teilweise auch Kinder haben, verbringen, ohne dass er eskaliert. Selbst bei Oma und Opa sind Besuche schwierig. Nicht selten brechen wir ab und gehen wieder. Und das frustriert uns – es gibt keine Besuche oder Play Dates, nach denen wir ohne eine schärfere Situation wieder rausgehen. Er konnte mir in einem ruhigen Moment sagen, dass es ihm zu viel ist, er dann wütend wird und dann „ausrastet“. Mein Mann und ich haben schon viel probiert, über gehen, schimpfen, erklären, kurz aus der Situation nehmen.. es hilft nichts. 

Wie lernt unser Sohn sich zu regulieren, wenn es ihm zu viel wird? Wie können wir Besuche gestalten, ohne dass er so aufdreht? Es soll ja auch für ihn schön und nicht „zu viel“ sein. Er fragt auch nach Besuch und ist traurig, wenn wir nichts unternehmen. Aber uns wird es einfach auch zu viel und wir wollen nicht die ganze Zeit ermahnen müssen. Könnt ihr uns neue Impulse geben? Wir wären unglaublich dankbar für eine Antwort hierzu.

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind dreht bei Besuchen immer durch
Lena Appel — FamilyLab Deutschland

Liebe Mama,

es ist beeindruckend mit wie viel Einsatz du deinen Sohn begleitest. Gleichzeitig wird deutlich, wie frustriert du momentan bist. Aus der Entfernung und ohne die Möglichkeiten, Rückfragen zu stellen, kann ich nur Vermutungen anstellen. Gerne möchte ich meine Ideen mit dir teilen und ich hoffe, dass hilfreiche Impulse für dich dabei sind.

Mit 4 Jahren befinden sich Kinder in einer intensiven Phase des sozialen Lernens. Soziale Kontakte werden wichtiger, Freundschaften entstehen, die Fähigkeit zur Empathie entwickelt sich, das Miteinander und die eigene Rolle innerhalb eines Gruppengeschehens werden exploriert. Gleichzeitig ist das Nervensystem noch unreif, fehlende Impulskontrolle und starke Gefühlsausbrüche sind normal. Wenn zu diesem Paket dann noch viele Reize oder Stress dazu kommen, kann es schnell wild werden. Mit diesem Wissen im Hintergrund würde ich gerne auf eure Besuchsproblematik blicken. Das beschriebene Verhalten deines Sohnes belastet dich sehr. Das kann ich gut nachfühlen.

Kommunikation durch auffälliges Verhalten

Ich lade dich dazu ein, dieses Verhalten als Botschaft zu verstehen. Dein Sohn signalisiert, dass für ihn etwas nicht passt. Wunderbarer Weise hat er euch bereits einen deutlichen Hinweis gegeben, was das sein könnte. Er hat selbst geäußert, dass es ihm „zu viel“ ist. Wie kompetent und was für eine Ressource! Ich finde es eine gute Idee, uns das als Anhaltspunkt zu nehmen, genauer hinzuschauen.

Hier tauchen einige Fragen bei mir auf, mit Hilfe derer man zunächst offen und neugierig ins Erforschen gehen könnte:

Eskaliert es nur, wenn ihr woanders seid, oder auch wenn Besuch zu euch nach Hause kommt?
Ab welchem Zeitpunkt wird es schwierig?
Wann läuft es gut?
Wie sieht euer Tag vorher aus, war da schon viel los?
Geht es draußen besser als drinnen?

Auch ohne die Antworten auf all diese Fragen zu kennen, nehme ich an, dass die beschriebenen Besuchssituationen möglicherweise großen Stress für deinen Sohn bedeuten. Nimmt man die Kinderperspektive ein, ist das durchaus nachvollziehbar. Denn hier kann manches viel fordernder sein, als wir Erwachsene denken. Besuche sind eine Ausnahmesituation: Es ist anders als sonst, eventuell weiß das Kind nicht genau, was im Laufe des Besuchs passiert, vielleicht gelten andere Regeln als sonst. Wenn Erwachsene miteinander im Gespräch sind, sind sie beispielsweise weniger verfügbar und reagieren nur verzögert.

Manche Kinder scheinen das ohne weiteres gut wegzustecken, andere sind reizoffener und sensibler. Für sie sind Besuche anstrengender und sie sind schneller überfordert, ohne dass mit ihnen etwas falsch wäre. Die Grenze, ab wann es „zu viel“ wird, verläuft sehr individuell, die normale Bandbreite ist groß. Vermutlich gehört dein Sohn zu eben den Kindern, die hier eher sensibler reagieren. Fühl gerne mal in dich hinein, ob du mit meiner Vermutung in Resonanz gehen kannst. 

Trotzdem ist euer Wunsch nach sozialen Kontakten total verständlich und es geht auf keinen Fall darum, dass ihr aus Rücksicht auf euren Sohn niemanden mehr besuchen könnt. Wie könnt ihr also jetzt eure Besuche gestalten, dass sie für alle Beteiligten entspannter und positiver verlaufen? 

Problembewusste Planung

Als erstes würde ich vorschlagen, schon bei der Planung den Stress möglichst rauszunehmen. Überlegt, ob es eine reizärmere Umgebung gibt, als bei euch oder jemand anderem zu Hause. Wäre es denkbar, dass ein Treffen draußen stattfindet, beispielsweise auf einem Spielplatz oder im Wald? Darüber hinaus wäre es hilfreich, sich schon vorher einen Plan für Pausen oder eine Rückzugsmöglichkeit zurechtzulegen. Nicht als Notnagel, falls nichts anderes mehr geht, sondern proaktiv als Fürsorge, wenn du frühzeitig Signale der Überforderung bemerkst.

Schaut, dass ihr gut versorgt startet, dass dein Sohn ausgeruht, satt und idealerweise nicht schon voller Eindrücke vom Tag ist (z.B. kein Einkaufen zwischen Kindergarten und Besuch). Vielleicht kannst du auch als Mama kurz bei dir einchecken: Bin ich selbst gut versorgt? Wie viel Energie habe ich heute, einen eventuell anstrengenden Besuch zu begleiten?

Zum Abschluss: Bereite deinen Sohn darauf vor, was ungefähr passieren wird und was er erwarten kann. Wer wird da sein? Welche Regeln gelten? Wann geht ihr wieder? Darüber hinaus könnte es entlasten, eine kurze Vorab-Info an die Gastgeber rauszugeben, dass euer Besuch gegebenenfalls etwas kürzer ausfallen oder zwischendurch ein wenig Rückzug nötig sein könnte.

Noch wichtiger: Schaut behutsam darauf, was euer Sohn im Moment leisten kann und was noch nicht. Wenn ihr von vornherein eure Erwartungen entsprechend anpasst, kann das viel Frust aus der Situation nehmen. Der Anspruch an einen gelungenen Besuch ist dann vielleicht tatsächlich erst einmal nicht, dass er ruhig und entspannt verläuft, sondern dass ihr zusammen gut durch die „wilden“ Phasen kommt und du Wege findest, deinen Sohn gut zu begleiten.

Keine Frage, auch wir Eltern brauchen soziale Kontakte und Begegnungen, bei denen wir uns auf Erwachsenenebene austauschen und auftanken können. Falls dieser Aspekt für dich auch wichtig ist, kann es entlastend sein, die gemeinsamen Besuche mit deinem Sohn als Übungsfeld zu sehen, das du begleiten darfst und bewusst von deinem Wunsch nach Verbindung mit anderen Erwachsenen zu entkoppeln. Vielleicht gibt es andere Gelegenheiten dafür, beispielsweise ein Treffen mit einer Freundin, bewusst ohne Kind. 

Begleitung im Moment

Während des Besuchs ist dann die Co-Regulation von großer Bedeutung. Dein Sohn braucht dich, deine Zugewandtheit und deine ruhige Präsenz. Wenn du ihm mit einer ruhigen Stimme, über eine Berührung (wenn er das zulässt) oder einfach deine Anwesenheit zeigst: „Ich bin da und bei dir“ – und wenn du dabei selbst reguliert bist, vermittelst du Ruhe und Sicherheit. Dabei ist wichtig, dass du eventuell auftauchende starke Gefühle deines Sohnes nicht verhindern oder „wegmachen“ musst. Bleib einfach da, auch gedanklich: In der Situation, bei deinem Sohn, mit seinen Gefühlen. Dadurch hilfst du ihm sowohl im Moment seiner Überforderung, als auch langfristig. Denn so wird auf Dauer seine Fähigkeit, sich selbst zu regulieren, gestärkt. 

Manchmal ist das natürlich gar nicht so leicht und eventuell bedeutet das für dich, dass du selbst erst einmal herausfinden musst, wie das geht: Selbst reguliert sein. Vielleicht hilft hier ein bewusstes Atmen, oder das bewusste Hinstellen mit beiden Füßen auf den Boden (Erdung) oder auch eine gedankliche Neuausrichtung. Es geht dabei gar nicht darum, dass dir das immer und in jeder Situation zu 100% gelingen muss, sondern dass du es immer wieder versuchst. 

Weiterhin beschreibst du, dass du eine schwierige Kindheit hattest und es für deinen Sohn besser machen möchtest. Es ist wundervoll, wie reflektiert und engagiert du dieses Vorhaben angehst. Auch mit einem weniger turbulenten Hintergrund geht es vielen von uns Eltern ähnlich:

Wir wollen es besser und „anders“ machen und unter allen Umständen Gewalt und Druck in der Erziehung vermeiden. Und dann kann es passieren, dass wir denken, wir dürften keine Grenzen mehr setzen oder müssten über unsere eigenen Grenzen gehen. Das ist jedoch ein Missverständnis. Kinder brauchen Orientierung und Grenzen. Damit meine ich keine willkürlich aufgestellten Regeln, sondern authentische, persönliche Grenzen, die im Miteinander entstehen.

Auch in Besuchssituationen möchte ich dich also ermutigen, deine Grenzen und den Rahmen für euer Miteinander aufzuzeigen. Du kannst dabei klar und gleichzeitig liebevoll sein, zum Beispiel: „Mir ist das zu wild, schau mal, hier kannst du etwas anderes, ruhigeres spielen.“

Das ist jedoch mit einem großen Aber verbunden. Grenzen funktionieren nur dann gut, wenn sie entwicklungsgerecht sind.

Das bedeutet, wir können von unseren Kindern nur etwas verlangen, was sie ihrem aktuellen Entwicklungsstand entsprechend auch leisten können.

Es ist durchaus wichtig und sinnvoll, Verhalten zu begrenzen und unseren Kindern zu zeigen, wie das Zusammenleben und das Miteinander mit anderen funktioniert. Also beispielsweise zu fordern, dass sie leiser sein oder woanders spielen sollen, wenn es uns zu laut ist. Gleichzeitig wäre es jedoch zu viel verlangt, von einem 4- jährigen Kind einzufordern, sich zusammenzureißen, wenn es sichtbar überreizt ist. 

Wenn du also spürst, dass deinem Sohn gerade alles zu viel ist und er nicht mehr kann, ist es kein Scheitern, dein Kind aus der Situation zu nehmen oder den Besuch zu beenden, sondern ein Ausdruck von deiner Fürsorge und Verantwortung. Auch das ist eine Grenze, aber nicht mehr auf der Verhaltensebene. 

Zusammenfassend möchte ich deine Frage noch einmal aufgreifen: Wie lernt dein Sohn, sich besser selbst zu regulieren? Wie so oft, gibt es hier nicht die eine, richtige Antwort. Aber mit der Zeit, seiner zunehmenden Entwicklung, deiner zugewandten Begleitung und der wiederholten Erfahrung „Wenn mir alles zu viel wird, ist da jemand, der mir hilft, mich zu beruhigen, der das mit mir aushält und bei mir bleibt.“ wird es leichter und entspannter für ihn und auch für dich werden. Wahrscheinlich braucht es viel Geduld und viele Übungsmomente, sowohl für euch als Eltern, als auch für euren Sohn, aber das sind die Bausteine, aus denen er seine Fähigkeit zur Selbstregulation entwickelt.

Falls ihr euch jedoch im Alltag an vielen Stellen massiv eingeschränkt fühlt oder so gar keine Entspannung eintritt, ist es sicher auch eine gute Idee, zum Beispiel im Rahmen einer Familienberatung oder mit einer anderen Fachperson nochmal genauer auf eure Situation zu blicken.

Ihr seid jetzt schon unglaublich engagiert unterwegs und vieles von dem, was du schilderst, zeigt, wie achtsam und liebevoll du deinen Sohn begleitest. Vertraue darauf, dass ihr gemeinsam mit der Zeit immer sicherer werdet und Besuchssituationen mehr und mehr gelingen können. Entwicklung ist ein Prozess. Und ihr seid mittendrin und macht das wunderbar!