Ehrlich gestellt.
Hallo liebes Team,
erstmal vielen herzlichen Dank für eure tollen Tipps und Impulse! Wir lernen sehr viel von euch und sind super dankbar für die zahlreichen Informationen.
Nun zu unserem Anliegen: Unser Sohn, 3,5 Jahre alt, ist schon immer sehr klein. Ob auf dem Spielplatz, im Kindergarten oder im Sportverein: Überall sticht er heraus und wird teils selbst darauf angesprochen, was ich nebenbei gesagt von Erwachsenen unglaublich unsensibel und übergriffig finde. Vor Kurzem sagte eine ältere Dame „Du bist aber noch nicht 2, oder?“ Ich habe nur: „Doch, ist er!“, geantwortet, obwohl er ja schon über 3 ist, was ich aber nicht vor ihm thematisieren wollte.
Mittlerweile sagen auch andere Kinder, dass er ja so klein sei, was unseren Sohn sehr traurig macht. Er sei doch schließlich auch schon so groß! Wir sagen dann „Er ist genau richtig!“ und haben ihn dazu ermutigt, es uns gleichzutun. Jetzt stellt sich uns die Frage, wie wir unseren Sohn vor Übergriffen oder Hänseleien etc. bestmöglich schützen beziehungsweise vielmehr ihn in seinem Selbstwert stärken und Antwortmöglichkeiten anbieten können? Er kommt ja erst noch in die Schule, wo seine Größe mit Sicherheit noch mehr auffallen wird …
Wir möchten ihm vermitteln, dass er gut und richtig ist, wie er ist, und dass Kleinsein nichts Negatives ist. Habt ihr dazu vielleicht Impulse für uns?
Vielen Dank vorab!
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
erstmal herzlichen Dank für euer Vertrauen und eure wertschätzende Rückmeldung.
Ich kann eure Sorge gut verstehen, weil es weh tut, wenn das eigene Kind nach seinem äußeren Aussehen beurteilt und damit in seinem wahren Wesen nicht gesehen wird. Leider sind andere Kinder und auch manche Erwachsene mit diesem Thema oft nicht sehr feinfühlig. Um so wichtiger ist es, dass ihr euren Sohn in seinem Selbstwertgefühl stärkt. Denn ihr als Eltern seid der wichtigste Spiegel für ihn und sein Bewusstsein über sich selbst.
Ich möchte vorab gerne etwas Grundsätzliches zum Thema Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sagen, weil wir beides irrtümlich oft synonym verwenden und es aber einen wichtigen Unterscheid gibt. Diesen Unterschied zu kennen, ist wichtig, um zu wissen, aus welchen Quellen das Selbstwertgefühl wirklich gestärkt wird.
Selbstvertrauen meint das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das heißt:
Ich weiß, was ich gut kann, worin ich gut bin und was ich leisten kann. Selbstvertrauen entsteht durch Erfahrung und basiert auf Erfolg und Wiederholung. Eltern können das Selbstvertrauen ihres Kindes unterstützen durch:
- Ermutigung
- Durch echte Herausforderungen, die das Kind bewältigt
- Durch konkretes Feedback: „Das hast du allein geschafft!“
- Durch sachliche Verbesserungsvorschläge
Das Selbstwertgefühl hingegen beschreibt die existenzielle Ebene unseres Seins: „Bin ich in Ordnung, so wie ich bin?“ Mit all meinen Fehlern, Schwächen, meinem Charakter, meinem speziellen Aussehen? Auch dieses wird in erster Linie durch die Spiegelung der Eltern gespeist, weil Kinder genau spüren, wie ihre Eltern sie ansehen.
Es entsteht durch bedingungslose Annahme und Liebe der Eltern.
Warum beschreibe ich euch das so genau? Weil Eltern oft den Fehler machen, die Ebene des Selbstwertgefühls mit dem Selbstvertrauen kompensieren zu wollen. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn ihr sagt, „Du bist zwar klein, du kannst aber ganz schnell rennen.“ Solche Sätze verwenden viele Erwachsene. Hier werden die Ebenen „Was ich kann“ und „Wer ich bin“ in einen Topf geworfen. Das führt dazu, dass das Kind sich nicht gesehen fühlt.
Was könnt ihr stattdessen tun:
- Zeigt echtes Interesse an eurem Kind und vor allem an dem, wie es ist. Gebt ihm dazu Rückmeldungen, die frei sind von Bewertungen: Zum Beispiel: „Wir wissen, du lässt es beim Essen gerne langsam angehen.“ oder: „Du spielst gerne mit Autos.“ Das gilt im Grunde für alle Eigenschaften oder Gefühle, die ihr an eurem Sohn wahrnehmt. Oder auch auf seine Größe bezogen: „Es ist doof für dich, auf deine Größe angesprochen zu werden.“ „Du hast gerade dem Kind gesagt, dass du dafür ganz schnell rennen kannst. Du sahst dabei sehr zufrieden aus.“
- Fühlt euch in die Welt eures Kindes ein und gebt ihm eine authentische Rückmeldung: „Ich habe gerade gesehen, dass dich das traurig gemacht hat, als die Frau gesagt hat, dass du wie 2 aussiehst.“ Und dann darf man auch gerne persönlich sein und sagen: „Ich mag das nicht, wenn Leute so etwas zu dir sagen. Für mich bist du mein Großer!“ Wichtig ist, nicht abzulenken oder zu bagatellisieren: „Ist doch nicht so schlimm, mach einfach deine Ohren zu.“
Weitere Hilfen für euren Sohn können sein:
- Antworten zusammen überlegen: Kindern kann es helfen, zu wissen, wie sie in unangenehmen Situationen reagieren können: „Ja, mein Körper ist etwas kleiner, aber mein Gehirn ist riesengroß.“ Oder so ähnlich!
- Richtet den Fokus auf die Stärken des Kindes: „Du bist ein schlauer Fuchs!“, „Du bist ein schneller Renner!“ Auch wenn ich weiter oben geschrieben habe, dass dies eher das Selbstvertrauen stärkt als das Selbstwertgefühl, so ist es doch eine wichtige Ergänzung, um neben der Körpergröße auch andere Aspekte der Persönlichkeit zu betonen.
- Vorbilder finden: Je älter euer Kind wird, desto mehr könnt ihr Helden suchen, die selbst körperlich klein sind, aber Großes vollbracht haben. Diese findet man in Bilderbüchern oder in der Geschichte. Es ist immer ermutigend für uns Menschen, wenn wir andere mit ähnlichem Schicksal sehen, die einen guten Weg für den Umgang mit ihrer persönlichen Herausforderung gefunden haben. Außerdem lieben Kinder Heldengeschichten.
- Eure eigene Haltung: Für Kinder ist es unangenehm, wenn sie mitbekommen, dass ihre Eltern sich um sie Sorgen machen. Deshalb ist es gut, wenn ihr selbst möglichst gelassen und offen mit der Körpergröße eures Sohnes umgeht und ihm zutraut, einen guten Weg damit zu finden. Dies wird ihn stärken und ihm vermitteln, dass er Powerkräfte hat, mit denen er seine Probleme selbst lösen kann. Wenn er euren Stolz auf ihn spürt, stärkt das sein Selbstwertgefühl.
Ein starkes Selbstwertgefühl ist wie eine innere Säule, die uns auch dann hält, wenn etwas nicht gelingt oder andere uns kritisieren. Wenn ihr eurem Sohn helft, eine möglichst hohe Selbstwert-Säule zu entwickeln, kann er auf die Kommentare zu seiner Größe gelassener reagieren und bleibt seelisch intakt.
Kinder, die sich geliebt fühlen, wachsen – vor allem im Herzen!