Ehrlich gestellt.
Hallo liebes Team,
ich bräuchte mal einen Rat von der Familylab Familienberatung. Unsere Tochter 2,5 beißt und kneift sehr häufig andere Kinder, sowohl im Kindergarten in ihrer Gruppe, als auch die Kinder, wenn wir bei Freunden sind. Ganz oft kommt es einfach aus dem Nichts, ohne dass vorher eine Streit-Situation vorangegangen ist, wo sich zum Beispiel um Spielzeug gestritten wurde, sodass es für uns in dem Moment auch nicht vorhersehbar ist oder auch für die Erzieherinnen im Kindergarten.
Wenn es dann passiert ist, rede ich zunächst mit dem verletzten Kind (sofern ich dabei bin und wenn es sich auch von mir beruhigen lässt) und dann rede ich mit meiner Tochter und sage ihr, dass ich das nicht schön finde und das dem anderen Kind das weh tut. Ich weiß, dass in dem Alter das Empathieverständnis noch nicht da ist. Für uns ist die Situation trotzdem immer sehr unangenehm den anderen Eltern gegenüber, weil häufig nur unser Kind das ist, was andere ärgert.
Und wir wissen einfach nicht, was die Ursache für ihr Verhalten ist oder welches Bedürfnis da dahinter stecken könnte und wie wir am besten mit der Situation umgehen sollten, denn so wie wir es bisher gehandhabt haben, scheint es keine Wirkung bei ihr zu haben. Wir sind langsam wirklich am verzweifeln
Ich hoffe sehr, dass ihr uns irgendwie helfen könnt.
Liebe Grüße
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
Wie schön, dass ihr eure Frage und vor allem eure Sorge um das Beißen hier stellt. Auch ich wurde einmal von meinem fünfjährigen Sohn mit viel Kraft in den Bauch gebissen – jedoch aus einem anderen Grund, als man vielleicht erwartet. Dazu gleich mehr. Ich weiß ganz sicher, dass ihr nicht allein seid, mit euren Zweifeln, die entstehen, wenn Kinder beißen, schlagen oder kratzen. Gefühle wie Scham, Zweifel, Druck oder Wut scheinen uns dann zu überrollen. Es fühlt sich schrecklich an, wenn wir das Gefühl haben, nichts hilft gerade. Erziehung ohne Schimpfen, Strafen und willkürliche Konsequenzen wird immer dann schwer, wenn in uns die alten Glaubenssätze unserer Kindheit wirken. Sätze wie: Ich bin nicht gut genug! Ich kann mich nicht durchsetzen! Häufig werden diese inneren Sätze lauter und lauter, wenn uns Blicke oder Kommentare anderer Eltern treffen, deren Kinder sich gerade nicht so verhalten.
Ich will versuchen, euch ein paar Gedanken zu dieser Entwicklungsphase eurer Tochter zu schreiben, damit eure Sicherheit und euer Vertrauen wiederkehren kann. Sicherheit und Vertrauen darin, dass ihr als Eltern genauso gut seid, wie ihr seid. Und dass eure Tochter genau so richtig ist und all dies zum Wachsen dazugehört. Und wie wunderbar: nicht nur eure Tochter wächst gerade, sondern ihr als Eltern gleich mit. Dadurch, dass ihr euch mit ihrer Wahrnehmung und ihren Gefühlen auseinandersetzt, werden sich auch eure Gefühle und eure Wahrnehmung in den schwierigen Situationen mit eurer Tochter verändern und ihr werdet sie immer besser dabei begleiten können. Also, herzlich Willkommen in eurer ganz persönlichen Wachstumsveranstaltung!
Ein Nebeneffekt kindlicher Entwicklung
Das Beißen ist erst einmal ein natürliches und normales Reifungsphänomen. Die Fähigkeit zur Selbstregulation ist bei unseren Kindern in diesem Alter noch überhaupt nicht vollständig ausgebildet. Die Hirnreife von Kindern unter drei Jahren lässt es einfach noch nicht zuverlässig zu, dass sie bei Wut, Freude, Trauer, Scham oder auch absoluter Begeisterung so (sozial) angemessen reagieren können, wie wir Erwachsenen es können. Und auch uns gelingt das ja hin und wieder nicht so gut. Kinder in diesem Alter reagieren immer direkt und meist impulsiv. Das Verhalten unserer Kinder, das manchmal sehr herausfordernd für uns Eltern sein kann, hat immer zum Ziel, ihre kindlichen Bedürfnisse zu erfüllen.
Kinder haben dabei wunderbare und sehr intuitive Strategien: beim Schauen eines Films im Fernsehen regulieren Kinder die Spannung, die sich erst in ihrem Nervensystem und dann spürbar im ganzen Körper aufbaut, manchmal durch spontanes Springen oder einen Purzelbaum auf dem Sofa. Die Bewegung dient dem kindlichen Körper dazu, für den schnelleren Abbau der Anspannung zu sorgen. Sehr klug, finde ich. Ganz ähnlich ist es mit dem Beißen. Aus lauter Wut in etwas mit viel Kraft zu Beißen, dient häufig dazu, ein Gefühl von Druck und Anspannung im Körper abzubauen. Hinzu kommt, dass auch die Zähne wachsen und sich im kleinen Kiefer ihren Platz suchen. Auch das macht ein Druckgefühl. Kinder in diesem Alter haben zudem erst einen geringen Wortschatz, um ihre Gefühle ausdrücken zu können.
Sie müssen erst lernen und auch trainieren, ihre Körperreaktionen wahrzunehmen und zu verstehen. Aha, mein Herz schlägt ganz stark, ich bin aufgeregt. In meinem Bauch zieht sich alles zusammen, ich merke, dass ich wütend werde. Erst, wenn Kinder sich gut wahrnehmen, können sie auch mit für sie herausfordernden Situationen immer besser umgehen.
Unsere Wahrnehmung ist sehr individuell. Eine Situation, die für uns Erwachsene oder ein anderes Kind kaum bemerkenswert ist, kann für eure Tochter etwas sehr Beeindruckendes sein. Daher lohnt sich aus meiner Sicht die Frage, wie geht eure Tochter mit Sinneserfahrungen in ihrer Umgebung sonst um? Ist es ihr schnell zu viel oder mag sie es gerne wild und laut? Mag sie gerne Nähe zu anderen oder ist sie eher zurückhaltend und beobachtet erst einmal? Vielleicht findet ihr auch hier einen Hinweis, für den guten Grund ihres Verhaltens.
Ein weiterer Gedanke ist, dass das Beißen gar nicht immer unbedingt ein Zeichen für Aggression oder Wut ist, sondern auch Ausdruck von Freude und Begeisterung sein kann. Auch diese Gefühle fühlen sich im Körper mächtig an. (Der Spruch: „Ich habe dich zum Fressen gern!“ oder „Das ist zum Reinbeißen“, zeigen, wie tief verknüpft große Emotionen mit dem Erleben des Beißens schon immer waren.) Vielleicht ist eure Tochter manchmal auch einfach sehr glücklich gerade und schwupps, muss sie einmal in das andere Kind hineinkneifen oder ganz fest in den Arm beißen. Ich werde nie den Schmerz vergessen, den der Biss meines damals 5-jährigen Sohnes in meinem Bauch verursacht hat, als er mich umarmte, vor lauter Glück darüber, dass ich endlich wieder zuhause war.
Was könnt ihr also tun, um diese herausfordernde Phase eurer Tochter zu begleiten?
Ein paar Dinge finde ich wichtig:
Auf Beißen, Kratzen oder Schlagen ist eine sofortige verbale und authentische Reaktion wichtig. STOPP! NEIN! – Keine langen Sätze, keine Fragen nach dem Warum. Einfach NEIN! Etwas anderes, kann das kindliche Gehirn in einer solchen Situation gar nicht verarbeiten. Hierbei ist es wichtig, dass unsere Reaktion wirklich echt ist. Also kein gesäuseltes „Nein, bitte hör auf, ich mag das nicht“, sondern sehr klar und deutlich. Nicht die Lautstärke ist entscheidend, sondern mit welcher Überzeugung wir diese Worte sagen. Unsere Mimik und Gestik helfen unserem Kind zusätzlich, uns zu verstehen. Ich meine keine drohenden Gebärden, sondern eine sofortige Reaktion:
In einer solchen Situation brauchen immer unbedingt beide Kinder Unterstützung. Das vielleicht verletzte Kind braucht sicher Trost, ein kaltes Tuch oder sogar ein Pflaster. Das beißende oder schlagende Kind braucht jedoch auch Unterstützung. Dass Beißen und Schlagen nicht richtig sind, das wissen unsere Kinder ganz sicher bereits. Das müssen wir nach einem deutlichen NEIN! nicht noch zum hundertsten Mal besprechen.
Erst einmal braucht unser beißendes Kind Hilfe dabei, die starke Emotion, die es zum Beißen veranlasst hat, wieder auf ein erträgliches Maß zu regulieren. Körperkontakt und eine ruhige, unaufgeregte Stimme regulieren das Nervensystem meist schnell wieder. Ganz entscheidend ist es, dass wir die großen Gefühle, die gerade da sind, anerkennen. Ein hilfreicher Satz, in einem solchen emotionalen Notfall, kann sein: „Oh ich sehe, wie wütend du gerade bist!“. Das ist ein erster Schritt und wütende oder traurige Kinder sind dann schon nicht mehr so allein mit ihrem großen Gefühl. Da ist eine Mama, ein Papa, die sehen, wie es mir gerade geht. Ich bin damit nicht allein. Das gibt Sicherheit und beruhigt das aufgeregte Nervensystem. Manchmal nicht so schnell, wie wir es uns wünschen würden, aber das darf auch sein. Unsere Kinder dürfen ihre Gefühle fühlen und wir alle haben unser eigenes Tempo, uns wieder zu beruhigen. Je ruhiger wir als Eltern dies begleiten können, umso schneller wird sich die Situation wieder entspannen. Wichtig ist, dass wir unsere Kinder nicht falsch machen für ihr Verhalten. Es war gerade das Beste, was sie tun konnten. Und: Sie tun alles für sich – nicht gegen uns!
Unterstützend beim Lernen, mit den eigenen Emotionen umzugehen, können Bilderbücher oder Geschichten über große Gefühle sein. Das eigene Vorleben, Erlebbarmachen und Benennen von Emotionen in der Familie ist jedoch die beste Unterstützung. Wie gehen wir mit unseren Gefühlen um? Mache ich auch im Eifer vielleicht einmal etwas, was ich dann später bedauere, und erfährt mein Kind, dass ich mich dafür entschuldige? Unser Vorbild zählt viel mehr als tausend mahnende Worte.
Zuversicht
Wir dürfen das Vertrauen darin haben, dass unsere Kinder diese Entwicklungsphase irgendwann beendet haben werden. Die zunehmende Hirnreife ermöglicht unglaubliche Entwicklungsschritte. Es braucht keine Strafen und keine ausgedachten Konsequenzen. Unser Verhalten als Eltern, unser Umgang miteinander, das sind die Momente, die bei Kindern das Lernen und die Entwicklung im Umgang mit Emotionen prägen.
Beim ersten Treppensteigen springen wir eine Zeit lang auch immer auf und helfen sofort, wenn es brenzlig wird. Ähnlich ist es auch, wenn erlernt wird, mit Emotionen umzugehen. Das braucht noch lange elterliche Begleitung, bevor Kinder es ganz allein können. Da beim Beißen und Kratzen immer auch ein anderer Mensch beteiligt ist, dem – zwar unbeabsichtigter, aber dennoch spürbarer – Schmerz zugefügt wird, müssen wir in diesen Situationen ebenso schnell sein und nach der Deeskalation und dem unmissverständlichen „Nein!“ unserem Kind dabei helfen, seine Emotionen zu regulieren. Das ist kein Prozess, der nach zwei, drei oder auch fünfzehn Mal einfach abgeschlossen ist. Sondern er dauert so lange an, bis es irgendwann ganz wunderbar von allein gehen wird. Auch das Treppensteigen ist am Anfang eine große Herausforderung, bei der wir Eltern mit voller Aufmerksamkeit dabei sein müssen, damit unser Kind sich beim Lernen nicht verletzt. Aber ein paar Jahre später rufen wir ohne Sichtkontakt aus zwei Stockwerken Entfernung nur noch: „Kommst du bitte?“ und haben volles Vertrauen, dass unser Kind souverän Treppensteigen kann. Ihr könnt also zuversichtlich sein.
Eure Tochter ist einzigartig in ihrer Wahrnehmung und in ihrem Fühlen und genau richtig, so wie sie ist!