Darum geht es
Wir hatten schon sehr früh den Eindruck, dass er ein sehr genauer Beobachter war. Er saugte seine Umgebung regelrecht auf, wie ein kleiner Schwamm… Wir empfinden diese hohe Empathie als ein Geschenk, aber gleichzeitig ist es uns wichtig, dass er lernt, dass er nicht für Andere verantwortlich ist und lernt, sich abzugrenzen. Wie können wir ihn dabei unterstützen?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Liebes Beratungsteam,

unser Sohn ist 6 Jahre alt und geht seit diesem Sommer in die 1 Klasse. Er hat einen kleinen Bruder, 3 Jahre alt. Wir hatten schon sehr früh den Eindruck, dass er ein sehr genauer Beobachter war. Er saugte seine Umgebung regelrecht auf, wie ein kleiner Schwamm. Er hat schon früh das Sprechen begonnen und konnte sich unglaublich viel merken und die Erinnerungen bei vermeintlich unscheinbaren Situationen oder Gegenständen wieder ins Gedächtnis rufen und erzählen. 

Er hatte nebst den „normalen“ Autonomieausbrüchen aber doch ein teilweise sehr extremes Gefühlserleben. Bei sich, aber auch wenn andere gerade starke Gefühle zeigten. Er konnte sich dann teilweise nur schwer abgrenzen, versuchte mit verschiedensten Methoden das Gegenüber zu „regulieren“. Wir hatten da schon eine Ahnung, dass er eher sensibel war und seine Umwelt, aber auch sich selbst mit sehr feinen Antennen wahrnimmt. 

Nun ist die Schulzeit angebrochen und er ist der jüngste in der Klasse. Nun zeigt sich, dass das Thema Abgrenzung bei ihm sehr im Vordergrund steht. Ein Junge aus seiner Klasse, mit dem er zwar schon im Kindergarten war aber nicht wirklich befreundet ist, wird von einem anderen Jungen sehr geärgert, verbal mit Beleidigungen sowie auch körperlich. Er direkt ist zwar nicht betroffen, jedoch ist dies regelmäßig Thema beim Mittagessen nach der Schule. Er äussert sich sehr empathisch ggü. dem Kind, das geärgert wird. „Er kann doch nicht so mit ihm umgehen! Merkt der denn nicht wie schlimm das für ihn ist!“ usw. Wir können ihn da gut abholen und seine Gefühle (Ungerechtigkeit, Mitgefühl, auch Wut) validieren. Jedoch scheint diese Klassendynamik mit heftigen Konflikten gerade überhand zu nehmen und viele Verhaltensweisen und Wörter landen mittlerweile auch zu Hause. Wir sind teilweise richtig erschrocken welche Wörter unser Sohn zu Hause im Konflikt verwendet und wie körperlich aggressiv er uns, aber auch z.B. seinem kleinen Bruder gegenüber, geworden ist. Wenn sich die Situation beruhigt hat, äußert er oft, dass dies andere Kinder in der Schule auch so machen. Wir machen ihn dann auf unsere Familienregeln aufmerksam und welche Konfliktlösungen wir zu Hause haben. Er erkennt dies dann, aber wenn die Emotionen dann wieder hochkochen, haben wir wieder die gleiche Situation, sodass wir teilweise körperlich eingreifen müssen. 

Wir haben das Gefühl, dass das einerseits mit dem Mitgefühl zu tun hat, bei dem er sich schwer tut, sich aus dem Konflikt abzugrenzen und überfordert damit ist, aber auch das Verhalten der anderen übernimmt. Wir beobachten auch vermehrt, dass wenn wir als Eltern im Alltag an unsere Grenzen kommen (laut werden, die Geduld verlieren) er versucht dies abzufedern. Er möchte helfen, den kleinen Bruder zu regulieren, macht Vorschläge, was bei seinem Bruder dann zu einer noch größeren Gefühlsausbruch führt. Dies hat dann zur Folge, dass er komplett ausflippt, aggressiv reagiert oder alles auf sich bezieht und das Gefühl hat, er mache alles falsch und die Aggression dann gegen sich richtet und auf sich richtig wütend wird. 

Wenn wir beobachten, dass er in solch einen „Helfermodus“ kommt, versuchen wird dort schon eine Grenze zu ziehen, formulieren, dass wir seine Hilfsbereitschaft sehen, aber es nicht seine Aufgabe ist, sich um uns Eltern oder seinen kleinen Bruder zu kümmern und dass es ok ist, wenn jemand wütend, traurig etc. ist. Wir empfinden diese hohe Empathie als ein Geschenk, aber gleichzeitig ist es uns wichtig, dass er lernt, dass er nicht für Andere verantwortlich ist und lernt, sich abzugrenzen. Wie können wir ihn dabei unterstützen, sich von deren Verhaltensweisen und dem Mitgefühl zu anderen abzugrenzen und wie gehen wir mit dem aggressiven Verhalten zu Hause um?

Vielen Dank und Liebe Grüsse

Die Antwort
unserer Expertin.
Wie lernt mein feinfühliges Kind, sich abzugrenzen?
Sara Badawi — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern,

beim Lesen eurer Zeilen wird sehr deutlich, wie aufmerksam und liebevoll ihr euren Sohn beobachtet – und da geht mir als ebenfalls feinfühliger Mensch und Mama eines feinfühligen Mädchens das Herz auf.

Ihr beschreibt ein Kind mit sehr feinen Antennen. Einen Menschen, der seine Umgebung aufmerksam wahrnimmt, sich viel merkt und Gefühle – die eigenen und die anderer – sehr intensiv erlebt. Diese Fähigkeit ist sehr wertvoll. Empathische Kinder nehmen oft Dinge wahr, die anderen entgehen. Es ist wundervoll, wie gut ihr all das erkennt.

Ungefähr 20 % aller Menschen haben diese feinen Antennen und nehmen ihre Umwelt besonders intensiv wahr. Begriffe wie Hochsensibilität, Gefühlsstärke, Feinfühligkeit oder Empathie werden dafür oft mehr oder weniger synonym verwendet.

Genau diese Feinfühligkeit kann aber auch herausfordernd sein, weil die vielen Eindrücke und Gefühle schnell zu viel werden können.

Empathie zu haben bedeutet nicht, sie immer einsetzen zu müssen. Ich kann lernen, meine Empathie zu leben oder nicht. Das dauert aber oft ein halbes oder ganzes Leben 😉

Empathie ist komplex und entwickelt sich in Stufen: 

Euer Sohn ist erst 6 Jahre alt und erlebt, wie sehr es ihn innerlich berührt, wenn etwas ungerecht ist oder wenn andere Kinder leiden.
So könnt ihr euch das vorstellen:
Bei manchen Menschen bleibt die beschriebene Szene aus der Schule eher an der Oberfläche. Man hat kurz eine Meinung dazu – und dann geht der Tag weiter. Bei eurem Sohn aber „diffundiert“ das Erlebte nach innen und wirkt da. Es sickert tief ein und hallt lange nach. Das ist eine große soziale Fähigkeit. Aber auch sehr kräftezehrend. 

Das ist einer der Gründe, warum feinfühlige Menschen (ich sage bewusst „Menschen“, nicht nur „Kinder“, denn diese Eigenschaft bleibt ein Leben lang) oft sehr deutlich ihre Grenzen zeigen müssen – oder sich einmischen und Verantwortung übernehmen. Manchmal tun sie das, um das, was sie innerlich so stark mitreißt, überhaupt aushalten zu können.

Ein wichtiger Lernschritt für empathische Kinder lautet daher:

„Ich darf mitfühlen – aber ich muss es nicht lösen.“

Das ist eine große Entwicklungsaufgabe, die häufig erst in der Pubertät oder sogar im Erwachsenenalter wirklich abgeschlossen ist.

Empathie entwickelt sich nämlich in mehreren Stufen – von der „emotionalen Ansteckung“ im Kleinkindalter bis zu einer reifen Empathie mit Perspektivübernahme. Erst dann kann ich mitfühlen und mich gleichzeitig gesund abgrenzen. Neurobiologisch ist diese Fähigkeit frühestens in der Jugend vollständig ausgebildet.

Euer Sohn ist mit seinen sechs Jahren gerade in der Phase, in der Kinder beginnen zu verstehen: Es gibt Gefühle, die anderen Menschen gehören – und nicht mir. Mehr kann er im Moment noch gar nicht leisten.

Ein zentraler Merksatz für empathische Kinder könnte daher sein:

Empathische Kinder müssen nicht weniger fühlen lernen.
Sie müssen lernen, dass ihre eigenen Grenzen genauso wichtig sind wie die Gefühle anderer.

Sein wichtigstes Werkzeug dafür lautet im Moment, wie du in deiner Anfrage schon vermutest:

Abgrenzen. Abgrenzen. Abgrenzen.

Grenzen sichern den grünen Bereich. 

Grenzen helfen empathischen Menschen, ihren „grünen Bereich“ zu schützen – also den inneren Zustand, in dem es sich noch stimmig und reguliert anfühlt.

Gerade für feinfühlige Kinder sind Grenzen deshalb besonders wichtig. Sie schützen vor Überforderung.

Und Grenzen zu verteidigen braucht eine gewisse Portion Aggression.

Stellt euch einmal ein anderes Säugetier vor – zum Beispiel einen Hund oder eine Katze. Wenn ihr das Tier immer weiter piesackt oder am Schwanz zieht, wird es zunächst knurren oder fauchen. Wenn ihr weitermacht, versucht es vielleicht wegzugehen. Und wenn die Grenze weiterhin überschritten wird, folgt irgendwann ein Biss oder ein Tatzenhieb.

So ähnlich funktioniert es auch bei uns Menschen.

Wenn wir solche Situationen mit Kindern besprechen, höre ich häufig, dass sie vorher auch „knurren“ oder „fauchen“, also sprachlich zeigen, dass es ihnen zu viel wird. Das können Sätze sein wie:

„Lass mich.“
„Sei leise.“
„Mir egal.“
„Weiß nicht.“

Für Erwachsene klingt das manchmal trotzig oder respektlos.

Oft steckt dahinter aber etwas anderes:
Ich bin gerade schon über meiner Grenze und kann nicht noch mehr Anforderungen oder Auseinandersetzungen aushalten.

Wut ist hier ein wichtiges Signal. Sie ist der Bote, der sagt:
„Achtung – Grenze überschritten.“

Ob ein Kind von der Schule reizüberflutet ist, das Geschwister nervt oder die Anforderungen von Mama und Papa gerade zu viel werden – manchmal ist einfach alles gleichzeitig zu viel.

Und: Schimpfwörter sehe ich persönlich oft als das lautere Knurren mit Nachdruck. Denn gleichzeitig hören Kinder ja ständig, dass sie nicht hauen, kratzen oder beißen dürfen.

In meinen Augen sind Schimpfwörter häufig ein Entwicklungsschritt – weg vom körperlichen Grenzen verteidigen hin zu einer sozial „verträglicheren“ Form von Aggression. Deshalb bin ich bei Schimpfwörtern eher liebevoll großzügig.

Vielleicht möchtet ihr eure Familienregeln rund um Konflikte einmal gemeinsam reflektieren: Unterstützen sie euer Kind wirklich dabei, seine Grenzen zu zeigen – oder fällt ihm das dadurch vielleicht sogar schwerer?

Auch Geschwisterstreit ist übrigens ein sehr wichtiger Trainingsplatz für Grenzen.

Ein Kind piesackt, nimmt etwas weg oder ärgert – und das andere sagt (oder zeigt 😉):
„Stopp. Bis hierhin und nicht weiter.“

Wenn ihr euer Kind darin bestärken möchtet, sich abzugrenzen, dann darf dieses Lernen nicht nur außerhalb der Familie stattfinden – sondern auch zu Hause. Denn zu Hause ist der sichere Raum. Da sind die Beziehungen, die mich halten und auch aushalten. Wenn euer Sohn zu Hause aggressiv reagiert, versucht zunächst zu verstehen, was gerade dahinter steckt: 

Ist er überreizt? Müde? Sind es zu viele Anforderungen auf einmal?

Der Helfermodus – wenn empathische Kinder Verantwortung übernehmen

Die feinen Antennen sind natürlich auch zu Hause weiter auf Empfang.

Das muss nichts Schlechtes sein – im Gegenteil: Wenn man gut hinschaut, kann ein feinfühliges Kind manchmal auch ein Spiegel für das Familiensystem sein.

Ihr erinnert euch vielleicht an die Not, die entstehen kann, wenn euer feinfühliges Kind große Gefühle, wie Traurigkeit, aber auch Hilflosigkeit oder Überforderung anderer aufnimmt. 

(Übrigens ein kleiner Fakt am Rande: Ich spreche mit diesen Kindern auch oft darüber, dass sie nicht nur die Gefühle ihrer Mitschüler wahrnehmen, sondern auch die der Lehrpersonen. Häufig merken sie sehr genau, wenn ein Lehrer „schwimmt“ oder seine Klasse gerade nicht gut führen kann. Dann werden diese Kinder schnell zu kleinen „Hilfssheriffs“, Streitschlichtern oder Kümmerern – eine Rolle, die für sie eigentlich viel zu groß und oft überfordernd ist.)

Also: Euer Kind spürt nicht nur Frust und Schmerz seines Geschwisterkindes, als wären es seine eigenen Gefühle – sondern manchmal auch eure Anspannung oder Überforderung.

Sobald ihr spürt, dass euer Kind in die Verantwortung geht und sich um die Stimmung und um Emotionen, die nicht seine sind, kümmert, kann es euch helfen, zu erkennen: Da hat sich gerade eine Lücke aufgetan, die es versucht zu füllen. 

Gerade wenn wir Eltern am Limit sind, nicht gut geschlafen oder nicht genug Pausen gemacht haben, fällt es uns schwer, zu regulieren und unsere Erwachsenen-Verantwortung zu tragen. 

Also, vielleicht hilft es euch, statt euren Sohn in seine Grenzen zu weisen, für euch zu sagen: „Oh Mann, da hat er wieder unseren Job übernehmen müssen, weil wir es gerade nicht gut geschafft haben.“ 

Und zu ihm: „Danke. Ich weiß, dass das eigentlich mein Job ist.“

Und hey, so ist Familie! Wir sind nie perfekt. Aber wir können uns solche Zusammenhänge bewusst machen und dann verstehen, was unter der Oberfläche abläuft. So könnt ihr für euch alle bestmöglich sorgen. 

Und damit komme ich zu meinem wichtigsten Punkt, den ich euch unbedingt mitgeben möchte: 

Die Begleitung eines feinfühligen Kindes kostet oft mehr Energie als bei vielen anderen Kindern. Da sind größere Gefühle, tiefergehende Fragen – und manchmal auch ein überwältigender Weltschmerz über das „große Ganze“. Dieses Kind wird zum Beispiel mit seinen feinen Antennen sofort spüren, wenn ihr nur so tut, als ob ihr zufrieden oder fröhlich seid. 

Also: Nutzt euer Kind auch als Spiegel für euch und werdet darin immer authentischer. Seid Vorbilder darin, eigene Grenzen zu erspüren und zu benennen. Dann kann es euer Kind auch.  

Und zuletzt: Feinfühlige Kinder, die in ihrem grünen Bereich sind, sind ein Geschenk.

Ich bin mir sicher, dass ihr viele Momente erlebt, in denen ihr über euren Sohn staunt.

Genießt diese Momente.

Und wenn es einmal schwerer fällt, helft ihm einfach dabei, wieder ein Stück mehr in seinen grünen Bereich zurückzufinden. 💛