Ehrlich gestellt.
Ich habe heute ein Anliegen, bei dem ich einfach nicht weiterkomme.
Überall liest man, dass Papa abgelehnt wird und das kleine Kindchen nur zu Mama will. Auch hier gab es schon einen schönen Beitrag dazu.
Bei uns ist es genau umgedreht und manchmal reißt es mir das Herz raus.
Eigentlich lief es bei uns eher traditionell. Mein Mann ging Vollzeit arbeiten und ich war anderthalb Jahre mit meiner Tochter daheim. Dann haben wir langsam mit der Kita gestartet und sie hat sich sehr wohl gefühlt.
Kurz bevor sie 2 wurde, bin ich dann wieder ins Studium eingestiegen. Vorteil war da natürlich die Flexibilität und so konnte ich jeden Nachmittag mit ihr Sachen unternehmen.
Und da habe ich wirklich viele Sachen mit ihr gemacht (spazieren, Spielplatz, Kuchen backen, kleine Wanderung, Familienzentren, Spiel-Dates, aber auch viele ruhige Nachmittage daheim – je nachdem, was die Kleine gebraucht hat).
Abends (und während der Prüfungsvorbereitung auch vormittags am Wochenende) musste ich dann recht viel lernen, weshalb Papa z.B. das Einschlafen begleitet hat oder sie mal mit auf den Spielplatz genommen hat. Den Großteil der Zeit war sie aber trotzdem noch bei mir.
Schon vor 2 Monaten hat es angefangen, dass Papa bevorzugt wurde und Papa viele Dinge machen sollte.
Nun bin ich vor 5 Tagen per Notfall in die Klinik gekommen und musste dort 4 Nächte bleiben.
Mama darf nicht trösten, Mama soll rausgehen, Mama soll nicht mit auf den Spaziergang. Es ist wirklich zum Verzweifeln…
Ist so etwas normal? Es scheint mir doch sehr über eine Papa-Phase hinauszugehen und auch die Vehemenz, mit der Mama rausgeschickt wird, macht mir Sorgen. Ich habe immer großen Wert auf Bedürfnis- und Bindungsorientierung gelegt und habe manchmal das Gefühl, dass diese Bindung gerade irgendwie angeschlagen ist.
Ich hoffe, es kann uns irgendjemand helfen.
unserer Expertin.
Alle Eltern werden von ihren Kindern auch mal abgelehnt, Mütter wie Väter; das ist absolut normal und gehört zu ihrer gesunden Autonomieentwicklung dazu. Zugleich schmerzt es und das ist okay. Wir dürfen uns diesem Schmerz in uns liebevoll zuwenden.
Ablehnung als Ausdruck von Selbstbestimmung
Es ist Teil des Bindungsverhaltens eines sicher gebundenen Kindes, wenn ein Kind seine engsten Bezugspersonen auch ablehnt. Ein Kind, das wirklich in Sorge um die Bindung ist, zeigt in der Regel anderes Verhalten als das deines Kindes.
Lass uns dieses Verhalten deiner Tochter, das sich für dich wie Ablehnung anfühlt, einmal näher betrachten: Sie wählt, dass Papa bestimmte Dinge mit ihr tun soll und bringt zum Ausdruck, dass du dabei außen vor bleiben sollst. Gerade weil du sonst viel Zeit mit ihr verbracht hast, sie sich der Bindung zu dir sicher sein kann und offenbar sicher ist, fühlt sie sich in einer solchen inneren Sicherheit, dass sie sich traut, „Nein“ zu dir zu sagen. In diesem Nein entfaltet sich ihr autonomer Raum, den sie für ihre gesunde Entwicklung dringend braucht, wie alle Kinder.
Sie lehnt deine Anwesenheit in spezifischen Situationen ab und möchte gerne exklusive Zeit mit ihrem Papa verbringen und seine volle Aufmerksamkeit. Sie genießt die Zeit mit ihm, die sie in der Form in der Vergangenheit so intensiv nicht hatte wie mit dir. Du kannst ihre Aussagen auch als Ausdruck davon begreifen, dass sie „bindungssatt“ ist: Sie muss um die Bindung zu dir nicht bangen, sie weiß, dass sie diese aktivieren kann. Was sie von dir braucht, ist, dass du da bist, wenn sie will, dass du für sie da bist.
Perspektivwechsel
Ich möchte dir noch eine etwas tiefergehende Lesart des Verhaltens deiner Tochter anbieten und dich dazu ermutigen, einmal tiefer hineinzuspüren, wenn du dich in sie hineindenkst und fühlst. Dazu möchte ich gerne die Perspektive deiner Tochter in den Mittelpunkt stellen und tue dies, indem ich aus ihrer Wahrnehmung heraus, die ich aus deinen Zeilen lese, einen fingierten Brief von ihr an dich schreibe, mit einigen Ideen und Impulsen, die für euch hilfreich sein könnten:
„Liebe Mama, die erste Zeit mit Dir war so schön. Du hattest viel Zeit für mich und ich habe mich warm und geborgen mit Dir gefühlt. Dann fing es an, dass Du weniger da warst und gelernt hast. Das war neu für mich. Papa war dann für mich da und wir hatten auch viel Spaß zusammen. Ich hab dadurch mehr Zeit mit Papa verbracht und fand das dann auch schön.
Irgendwie konnte ich nicht selbst entscheiden, wann ich was mit Dir mache und wann mit Papa. Das habt Ihr bestimmt, je nachdem, wann wer arbeiten oder lernen musste. Ich habe dann bemerkt, dass es mit Papa echt viel Spaß macht und hab Euch dann auch angefangen zu sagen, was ich will, mit wem ich zusammen sein will oder wer Sachen für mich machen soll. Für mich ist das etwas sehr Persönliches, wer was mit mir macht oder wer etwas für mich macht und ich mag gerade jetzt öfter, dass Papa die Sachen macht. Ich mag das auch total, wenn ich mit ihm alleine bin. Genauso wie ich das auch vorher bei Dir total mochte (und immer noch mag!). Ich hab Dich immer unendlich lieb, das darfst Du nicht vergessen. Papa natürlich auch. Es geht mir nur darum, mit wem ich in dem Moment lieber was machen mag. Wenn ich lieber mit Papa sein will, dann, weil ich einfach Lust darauf habe und das ist nicht gegen Dich.
Was für mich dann doch schwierig war: Als Du plötzlich ganz weg warst, im Krankenhaus! Es hat sich richtig lange angefühlt und ich konnte wieder überhaupt nicht mitbestimmen, mit wem ich was mache. Plötzlich war nur noch Papa da. Ich war echt traurig darüber und wütend; das war neu für mich. Ich habe das gar nicht selbst so gemerkt, aber als Du dann wieder kamst, wollte ich gar nicht mehr, dass Du da bist oder was mit mir machst, weil es mir so weh getan hat, dass Du vorher so plötzlich weg warst. Ich hab das nicht verstanden, warum Du plötzlich weg warst und es hat mir weh getan.
Ihr seid die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Du brauchst keine Sekunde daran zu zweifeln.
In mir war so viel auf einmal! Traurigkeit, ein bisschen Wut, etwas Überraschung – erst darüber, dass Du plötzlich weg warst, dann darüber, dass Du dann wieder da warst – und Du wolltest Sachen mit mir machen, obwohl ich gerade total dran gewöhnt war, alles mit Papa zu machen. Das hat mich ganz durcheinander gebracht und ging alles so schnell. Und dann warst Du auch noch traurig darüber, dass ich nur mit Papa sein wollte, als Du wieder zurückkamst. Das hab ich auch gemerkt. Ich will nicht, dass Du traurig bist.
Ich will nur, dass Ihr beide immer da seid. Und ich will gerne mitentscheiden, wann ich mit wem was mache und nicht nur, dass Ihr entscheidet. Ihr seid die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Du brauchst keine Sekunde daran zu zweifeln, das ist in jedem Moment so und wenn ich sage, Du sollst rausgehen, hat das andere Gründe, als dass ich Dich ablehne. Ich hoffe, Du kannst mich ein bisschen verstehen. Ich brauche einfach manchmal etwas Zeit, um meine Gefühle zu verarbeiten. Ich brauche auch Zeit dafür, mich wieder auf Dich einzulassen, nach so einer Phase, in der Du urplötzlich weg warst. Und vor allem brauche ich dafür Deine Hilfe: Es hilft mir, wenn Du mich verstehst, Dich in mich einfühlst (auch wenn Du mich gerade nicht verstehst)😊. Vielleicht kannst Du dann einfach für mich da sein? Vielleicht kannst Du Dein Gefühl, Dich von mir abgelehnt zu fühlen, alleine sortieren und danach wieder ganz offen für mich sein? Das wäre grandios, Mama! Und weißt Du was, wenn das nicht so klappt, macht es auch nichts! Ich liebe Dich immer, egal, was Du tust.
Deine Dich liebende Tochter.“
Wenn unsere Kinder sich also auf eine Art und Weise verhalten, die uns stark irritiert, in uns starke Gefühle auslöst, uns ratlos und mit einem Gefühl von Hilflosigkeit zurücklässt, ist das immer eine Einladung an uns Eltern, neue, innovative Ideen zu finden, uns radikal in unser Kind einzufühlen mit der Frage: Wie fühlt sich unser Kind, warum verhält es sich so und wie können wir mit ihm fühlen, es verstehen und von hier ausgehend eine Antwort auf sein Verhalten finden, die uns wieder in Verbindung bringt? Das ist einfach Übung, Ausprobieren, Experimentieren.
Ich wünsche euch dabei viel Freude und Mut, neue Wege zu gehen 🙂