Darum geht es
Das Geschwisterkind ist da – und das große Kind will nichts mit der kleinen Schwester zu tun haben. Wie begleiten Eltern die Ablehnung eines Geschwisterkindes mit Geduld und Klarheit?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Liebes Beratungsteam

Wir brauchen dringend Hilfe.

Mein Sohn (4,5 Jahre) ist total unglücklich darüber, dass er eine kleine Schwester (14 Monate) hat. Bis die Kleine ca. 6 Monate alt war, hat er sie sehr innig geliebt, mit ihr geschmust und mit ihr gespielt. Seit sie mobil geworden ist, ihm Spielsachen wegnehmen kann und tagsüber weniger schläft – also mehr Zeit und Aufmerksamkeit von uns Eltern „einfordert“ – ist er sehr unglücklich zuhause. Er sagt immer öfter, er wäre lieber alleine mit uns Eltern und dass wir zu wenig mit ihm spielen. Er war immer schon ein sehr anhängliches und sensitives Kind, wollte kaum alleine spielen und würde beispielsweise am liebsten immer noch gefüttert werden. Er braucht viel Aufmerksamkeit und viel körperliche Nähe. Dies können wir natürlich mit zwei Kindern nicht mehr gleich wie vorher bieten.

Wir versuchen im Alltag und ganz besonders an den Wochenenden Exklusivzeit mit ihm zu verbringen. Dies genießen wir alle sehr und er wirkt dann sehr glücklich und ausgeglichen – wie früher eben. 
Doch kaum sind wir wieder im 4er-Setting ist er schlecht gelaunt, redet richtig böse mit uns und schlägt uns Eltern wie auch seine Schwester. Dass es mal Unstimmigkeiten gibt und Konflikte auch mal körperlich werden in dem Alter, ist für uns verständlich. Leider ist dies aber mittlerweile ständig so. Nach kurzen Nächten mit der Kleinen und ewigen Streitereien mit dem Großen reagieren wir Eltern nun oft gereizt und laut. 
Wenn er mich schlägt und ich mich räumlich distanziere, um kurz durchzuatmen, weint und schreit er und läuft mir nach. Obwohl ich kaum die Nerven dazu habe, muss ich ihn dann trösten.

Wenn wir später, wenn sich alle wieder beruhigt haben, mit ihm sprechen wollen, möchte er nicht zuhören und/oder gibt keine Antworten.

Es muss sich also dringend etwas ändern! Ich weiß aber nicht, was wir noch machen können, um die Situation zu verbessern. Wir sind nun mal jetzt zu viert. Hilfe von Familie und Freunden haben wir leider wenig. Wie können wir ihn besser unterstützen, damit es ihm besser geht und wir als Familie friedlicher zusammen leben können? Vielen Dank für eure Inputs!

Liebe Grüße

Die Antwort
unserer Expertin.
Kleines Geschwisterkind wird abgelehnt
Lucie Scharfenberger — FamilyLab Deutschland

Wenn beide das Gleiche wollen

Liebe Eltern,

Ihr beschreibt sehr treffend, dass die Mobilität im zweiten Lebensjahr eine große Veränderung mit sich bringt. Nun entwickelt die jüngere Schwester immer mehr ihre Persönlichkeit mit eigenem Willen, dem man auch als größerer Bruder nicht einfach ausweichen kann. Plötzlich benutzt sie das eigene Spielzeug. An diesem Punkt und auch zukünftig, macht es einen großen Unterschied, ob das einfach so geschieht und wir sogar von dem älteren Geschwisterkind erwarten, dass es sein Spielzeug teilt, gerade wenn es „doch jetzt kein Baby mehr ist“ und die Greiflinge oder ähnliches „gar nicht mehr braucht“.

Stattdessen ist mein Vorschlag, sich mit dem älteren Kind zusammenzusetzen, um gemeinsam anzuschauen, welches Spielzeug dieses schon bereit ist, weiter zu schenken oder gemeinsam zu nutzen. Für die Entwicklung der Persönlichkeit gibt es Sicherheit, wenn klar ist, über welche Dinge ICH bestimmen kann, und dass ich gefragt werde, ob ich etwas teilen möchte. Gerade wenn die jüngere Schwester durch ihre Neugier die „alten Spielsachen“ wieder neu spannend macht, kann das bei ihrem Bruder das Bedürfnis erwecken, damit erneut frühere Spielphasen aufzugreifen und zu variieren. Es ist natürlich, wenn ältere Kinder „Baby und Kleinkind spielen“ und beim Essen oder Anziehen spielerische Unterstützung wünschen. Dennoch entscheidet ihr als Eltern, ob und wann ihr euch gerne darauf einlasst. Und realistischerweise solltet ihr dann auch mit Protest rechnen, wenn ihr nicht darauf eingeht, oder es auf einen anderen Zeitpunkt verschiebt.

Klarheit schaffen

Haben beide Kinder in ihrem gemeinsamen Spielbereich einen eigenen Platz, an dem sie Vorrang haben, sich zurückziehen können und das Geschwisterkind nicht jederzeit einfach mitspielen darf? Dies kann eine eigene Ecke sein, ein mit Spielgitter abgetrennter Bereich, oder ein höherer Tisch, an dem das jüngere Kind noch nicht sitzen kann oder darf, wenn der Bruder dort z.B. malt oder SEIN Bilderbuch auch mal allein oder nur mit einem Elternteil anschaut, ohne dass die jüngere Schwester auch nah dabei ist, umblättern will und stört.

Für viele Situationen im Tagesablauf empfehle ich, dass der oder die Erstgeborene immer zuerst an der Reihe ist, z.B. beim Essen schöpfen, zu Trinken einschenken, zu Ende erzählen dürfen, bevor auf das jüngere Kind reagiert wird, auf dem Schoß sitzen dürfen, ohne gleich Platz machen zu müssen, wenn das jüngere Kind auch auf den Schoß möchte. Kommt euch das bekannt vor, dass man oft automatisch dem jüngeren Kind Vorrang gibt? Aus systemischer Sicht ist es jedoch an zweiter Stelle und manches entspannt sich, wenn diese Tatsache sich auch im Alltag auswirkt.

Oft empfinden wir Erwachsene das als ungerecht und versuchen unser Bestes, um es möglichst immer und ständig jedem der Kinder recht zu machen oder in der Reihenfolge abzuwechseln. Selbst wenn ihr als Eltern darüber Buch führen würdet, haben die Kinder ihre eigene Wahrnehmung, in der sie in ihrer altersgemäßen, egozentrischen Weltsicht beständig mehr Wünsche haben, als ihr jemals erfüllen könntet. Diese Wünsche sind jedoch nicht die eigentlich wirklich wichtigen Grundbedürfnisse. Das merkt ihr daran, dass es den Kindern nicht besser geht, wenn ihr ihnen alles ständig recht zu machen versucht. Oft ist es das Gegenteil, das wieder Entspannung bringt.

Hierzu passt auch folgende Botschaft meines Lehrers Jesper Juul, die er mal in Bezug auf Zwillingseltern formuliert hat:

„Man kann zwei Kindern nicht dieselbe Aufmerksamkeit geben wie einem Einzelkind. Auch wenn sich Kinder bis zum sechsten Lebensjahr nach endloser Aufmerksamkeit sehnen und diese auch verlangen, benötigen sie jedoch glücklicherweise nicht so viel Aufmerksamkeit, wie sie gerne hätten. Die Herausforderung für Familien mit mehreren Kindern liegt also darin, sich der eigenen Kapazitäten und Grenzen von Tag zu Tag bewusst zu werden. Im Babyalter müssen wir den Bedürfnissen der Kinder den Vorrang geben. Schrittweise werden sich die Kinder dann an die Eltern und deren Bedürfnisse gewöhnen müssen. Und das tun sie auch. Sie lernen mit der Tatsache umzugehen, dass ihre Eltern persönliche Grenzen haben.“ 

Geschwisterkonflikte begleiten

Wenn ihr beispielsweise euren Sohn daran hindert, seiner Schwestern etwas ohne zu fragen wegzunehmen oder ihr weh zu tun, kann er sich durch eure klare Begleitung in dieser Grenze über seine Wut irgendwann auch wieder seinen Tränen öffnen. Ich erlebe das immer wieder als echtes Heilmittel: das lösende Weinen. Es ist nur leider oft erst nach dem Wutanfall möglich, wenn der Erwachsene die Nähe oder auch die passende Distanz auslotet, in der sich das Kind begrenzt und gleichzeitig in der Begleitung gehalten fühlt. Von daher erlebt euer Sohn einen großen Unterschied, ob ihr verbal schimpft, oder ob ihr ihm in der Grenze auch körperlich nahekommt.

Nach einem solchen Prozess kehrt oft für alle eine Entspannung zurück, in der der Konfliktanlass an Bedeutung verliert. So bekommen beide Kinder immer wieder im Alltag eure Aufmerksamkeit, und nicht nur in der 1:1-Zeit am Wochenende. Dabei ist es noch nicht einmal wichtig, ob oder wer die „Schuld“ für den Konflikt hat. Jedes Kind kann seine Sicht auf die Situation erzählen oder nonverbal seine Gefühle zeigen, ohne dem anderen dabei weh zu tun. Dadurch fühlen sich eure Kinder auch nicht in einer Rolle als Opfer oder Täter festgeschrieben, sondern gleichwürdig als Person. Dieses Erleben stärkt das Gefühl:

„So wie ich bin, bin ich geliebt, auch wenn ich mich gerade nicht gut verhalten habe.“

Während eines Geschwisterstreits kann euch als Eltern auch der Gedanke stärken, dass sich oft schon im Kindergarten etwas angestaut hat, das nun erst zuhause mit der Schwester herauskommt. Hier verstärkt euer Schimpfen über den aktuellen Anlass zuhause sogar noch die Spannung des älteren Bruders, so dass er in solch einem Moment dann sogar euch versucht zu hauen, weil er sich nicht gesehen fühlt. Wenn eure Begleitung jedoch den Raum öffnet, dass sich die dahinter liegende Spannung löst, kann euer Sohn in seinem Tempo vielleicht sogar über seinen eigentlichen Frust erzählen. Das ist dann nicht gerade dann, wenn ihr ihn zur Rede stellen wollt, aber vielleicht in einem entspannten Moment in seiner Tagesreflexion am Abend.

Eine fast schon „mediatorische“ Haltung ist im eigenen Stress oft nicht möglich, aber ihr spürt sicher den Unterschied, dass es auch euch guttut, wenn ihr nicht parteiisch und zum Polizisten oder Richter werdet. Ich empfinde auch die Reflexion unter euch als Eltern wertvoll, was ihr selbst als Kinder erlebt habt. Wie sind damals eure Eltern damit umgegangen, wenn sie sich durch euch herausgefordert fühlten, und wie habt ihr euch dann gefühlt? Was ahmt ihr gerne nach und welche anderen Werte verändern heute euer Verhalten?

Und zuletzt wünsche ich euch, dass ihr nach und nach ein soziales Umfeld aufbaut, in dem ihr Austausch und Unterstützung erlebt. Ob es eine Leih-Oma/Opa ist, oder andere Familien, wo die Kinder an unterschiedlichen Tagen zu Besuch sein dürfen und für euch dadurch Freiräume entstehen. Jetzt ist es an der Zeit, dass auch eure Bedürfnisse neben den Kindern wieder Raum bekommen.

Alles Gute!

Lucie Scharfenberger