Ehrlich gestellt.
Liebes Team der Elternberatung,
ich wende mich mit einer Frage zum Umgang mit typischen Spielsituationen bei Kleinkindern an euch.
Mein Kind ist 1,5 Jahre und zeigt auf dem Spielplatz häufig folgendes Verhalten:
Es kommt oft vor, dass mein Kind sein eigenes Spielzeug zunächst nicht benutzen möchte, es aber plötzlich wieder einfordert, sobald ein anderes Kind damit spielen möchte. Teilweise ist er richtig aufgelöst, traurig und wütend.
Ich bin mir unsicher, wie ich in solchen Momenten am besten reagieren kann, um sowohl mein Kind zu begleiten als auch Rücksicht auf die anderen Kinder zu nehmen. Habt ihr Tipps oder Strategien, wie wir als Eltern in solchen Situationen angemessen und unterstützend handeln können?
unserer Expertin.
Lieber Vater,
vielen Dank für diese spannende Frage. Ich kenne diese Situationen nur zu gut, denn sie begegnen mir häufig in meinen Kursen. Für uns Eltern sind sie oft gleich mehrfach herausfordernd: Zum einen sind wir in diesen Situationen verunsichert und fragen uns, gerade bei so öffentlichen Settings wie auf dem Spielplatz, was die anderen Eltern jetzt wohl über uns und unser Kind denken könnten.
Zum anderen kommen in solchen Momenten oft Erfahrungen und Gefühle aus der eigenen Kindheit hoch. Wie wurden wir als Kinder begleitet? Mussten wir teilen? Haben unsere Eltern mit Verständnis oder Unverständnis reagiert? Auch wenn uns diese Situationen nicht bewusst im Gedächtnis geblieben sind, unser Körper und der Hippocampus, der Teil unseres Gehirns, in dem unsere Erfahrungen gespeichert sind, haben nichts vergessen. Und nicht zuletzt sehen wir dann unser Kleinkind vor uns – völlig außer sich, überrollt von den eigenen Gefühlen, weinend oder wütend – und natürlich tut es uns leid. Dieser innere Impuls, unser Kind zu schützen und die Situation am besten schnell „auflösen“ zu wollen, ist tief menschlich. Wir möchten unser Kind nicht leiden sehen, gleichzeitig aber auch nicht die anderen Kinder oder Eltern vor den Kopf stoßen. Gleich eines vorweg und das ist mir in diesem Kontext sehr wichtig:
Für ein Kind in diesem Alter wäre es aus der Sicht der Evolution überhaupt nicht förderlich, ja sogar hemmend, wenn es sich permanent um andere Kinder kümmern und die eigenen Bedürfnisse hinten anstellen würde. Entwicklungsbedingt ist diese „MEINS-Phase“ für Kinder enorm wichtig, es muss sich ja erstmal als Nummer eins erleben, um soziale Erfahrungen mit Gleichaltrigen zu erleben und zu üben. Das eine Kind gibt das Spielzeug je nach Alter vielleicht freiwillig sofort zurück, ein anderes Kind will es nicht hergeben. Und zu diesem Üben gehört auch, dass dein Kind auf sein Sandspielzeug besteht (auch wenn es gerade nicht damit spielt).
„Der muss teilen lernen!“
Um uns besser in unser Kind hineinfühlen zu können, hilft es vielleicht, die Situation einmal auf die Erwachsenenebene zu übertragen:
Was für eine absurde Szene, oder? Doch für unsere Kinder sind solche Sätze oft Alltag. Es geht hier nicht um ein Handy, sondern um ein Sandspielzeug oder den geliebten Bagger, ein Kuscheltier, das Schmusetuch, die Puppe: Gegenstände, die für uns Eltern oft bedeutungslos sind, für unser Kind jedoch sind sie enorm wichtig und bedeuten die Welt.
Wenn wir diesen Vergleich im Hinterkopf behalten, fällt es oft leichter zu verstehen, warum unser Kind in diesen Situationen so heftig reagiert. Doch nun zurück zu deiner Frage: Wie können wir unser Kleinkind nun ganz konkret auf dem Spielplatz begleiten, wenn genau diese Situationen auftreten?
Im Folgenden ein paar konkrete Impulse und Schritte, die dir dabei helfen können:
Frustrationsrisiko verringern
Eine Möglichkeit wäre, bereits vorab eine kleine Entscheidung zu treffen: Manche Eltern erleben es als sehr entlastend, das absolute Lieblingsspielzeug zu Hause zu lassen – einfach weil der emotionale Wert so hoch ist, dass es auf dem Spielplatz fast zwangsläufig zu Konflikten kommt. Alles, woran dein Kind sehr hängt, bleibt also geschützt zu Hause.
Kommunikation mit dem anderen Kind
Wenn sich die Situation so ergibt, dass ein anderes Kind das Spielzeug deines Kindes nimmt, dein Kind es aber nicht teilen möchte, so ist es für uns Eltern eine gute Übung, in Worte zu fassen, was gerade geschieht, die Grenzen des Kindes zu akzeptieren und diese auch zu verteidigen. Das könnte beispielsweise so aussehen: „Das ist das Spielzeug von meinem Sohn oder meiner Tochter. Er oder sie möchte es im Moment nicht hergeben. Ich sehe, du möchtest auch damit spielen, du kannst es gerne später noch einmal versuchen.“
Hier geht es nicht darum, andere Kinder abzuweisen oder unfreundlich zu wirken, sondern darum, die Integrität (Grenze) des eigenen Kindes zu schützen, ohne dabei die Integrität des anderen Kindes zu verletzen. Dein Kind erlebt in diesen Momenten: Meine Bedürfnisse werden ernst genommen, ich werde ernst genommen. Ich darf Grenzen haben, und ein Erwachsener hilft mir, sie zu verteidigen, weil ich es selbst gerade noch nicht kann.
Kontakt mit den anderen Eltern
Je nach Situation ergibt sich vielleicht auch die Möglichkeit, mit den anderen Eltern ins Gespräch zu kommen. Oft hilft schon ein kurzer, wertschätzender Satz, um die Anspannung aus der Situation zu nehmen und ein gemeinsames Verständnis zu schaffen. Zum Beispiel: „Mein Kind ist gerade noch in der „MEINS-Phase“, das ist für ihn oder sie gerade wirklich wichtig.“ Viele Eltern reagieren darauf erleichtert, weil sie ähnliche Erfahrungen machen und dankbar sind, wenn jemand die Situation offen anspricht.
Unzufriedenheit akzeptieren
Und gleichzeitig kann es vorkommen, dass sich die Situationen nicht immer harmonisch und zur Zufriedenheit aller Beteiligten lösen lassen. Oft ist es für Kleinkinder einfach auch so frustrierend, wenn man zum Beispiel die Wippe oder Schaukel verlassen muss, weil ein anderes Kind schon länger wartet. Sätze wie: „Ja, ich kann dich verstehen, du hättest jetzt so gerne noch weiter geschaukelt.“ geben dem Kind das Gefühl, gesehen und ernst genommen zu werden. Wir sind als Eltern da, mit unserer Präsenz und Co-Regulation. Und natürlich müssen wir manchmal unser zeterndes Kleinkind unter lautstarkem Protest aus einer Situation nehmen und zur Seite heben, wenn es in seiner Wut andere Kinder bedrängt oder gefährdet. Das gehört dazu – diese Situationen kennen wahrscheinlich alle Eltern kleiner Kinder.
Doch – wie lernen Kinder das Teilen? Ganz bestimmt nicht, indem wir ihnen die Sachen aus der Hand reißen und sagen: „So, das teilst du jetzt mal!“ Ganz im Gegenteil, dieses Verhalten kann sogar verstärken, dass mein Kind eine Abneigung gegens Teilen entwickelt, weil es immer wieder die Erfahrung macht: Mir wird etwas Wichtiges weggenommen, ich muss zusammenhalten, was mir gehört. Teilen zu lernen ist ein Prozess und setzt grundsätzlich Freiwilligkeit voraus. Ungefähr ab dem 5. Lebensjahr steigt die Bereitschaft von Kindern, Dinge zu teilen deutlich an, die Voraussetzung ist jedoch, sie wurden nicht zum Teilen gezwungen. Kinder erleben vor allem, dass mit ihnen geteilt wird – von uns Erwachsenen, von Geschwistern oder Großeltern. Durch dieses Erleben wächst nach und nach die innere Bereitschaft, später selbst zu teilen.
Ich wünsche dir und deinem Kind noch viele gute, gemeinsame Spielplatzmomente – und Gelassenheit bei „Meins-jetzt-doch-wieder“-Situationen.
Herzlichst,
Sandra