Darum geht es
Die Kinder sind so laut – und zwar dauernd! Wie setzt man Grenzen bei Lautstärke, ohne selbst genauso laut zu werden?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Warum sind unsere Kinder so laut und wie halten wir das besser aus?

Wir sind eine 5-köpfige Familie, bei uns läuft es, wie es bei Familien mit drei Kindern im Alter von 8, 4 und fast 3 Jahren und arbeitenden Eltern und weit weg wohnenden Großeltern eben läuft…

Wir kriegen gerade so alles irgendwie auf die Reihe, sind oft überfordert, genervt und erschöpft. Die Kinder verhalten sich wie normale Kinder, sind laut, spielen, streiten, sind wütend, frustriert, fordernd und wir begleiten sie liebevoll, wie es unsere Kapazitäten erlauben, mal mehr, mal weniger geduldig.

Es klappt leider oft nicht gut, wir meckern und nörgeln häufig an den Kindern rum und ich bin deswegen oft unzufrieden mit mir selbst. Doch das sind alles Dinge und Situationen, an denen man arbeiten kann, die man reflektieren kann und versuchen, zu ändern.

Eine Sache, die für mich aber unlösbar scheint, beziehungsweise an die ich nicht positiv motiviert rangehen kann, ist die permanente Lautstärke, die unsere Kinder an den Tag legen. Ich merke es daran, wie häufig wir sie ermahnen und versuchen, die Lautstärke einzudämmen mit Hinweisen, Bitten, Erklärungen und wenn nichts mehr hilft, selber sehr laut werden, dass es ein Problem bei uns ist. Dieses selber laut werden geht sehr gegen meine Vorstellung und meinen Willen und passiert dennoch fast täglich.

Ich frage mich, wie sollen Kinder, deren gutes Recht es ist laut sein zu dürfen, egal ob im Spiel, oder in Emotionen oder im Streit miteinander oder um einfach (natürlich sofort!) gehört zu werden, denn verstehen, dass sie uns Eltern damit belasten? Wir stecken so viel weg, halten so viel aus, auf so vielen Ebenen, aber diese enorme Belastung über das Gehör fühlt sich für uns oft nicht auch noch aushaltbar an, überschreitet eine Grenze bei uns und es kommen viele negative Gedanken auf. Für die Kinder ist es aber das Normalste der Welt und die Lautstärke stört sie nicht, sie nehmen sie ganz anders wahr als wir.

Es scheint ungreifbar zu sein, weil es ganz natürlich und unumgänglich ist, denn es ist ja auch toll, dass Kinder sich mitteilen, kommunizieren und eine Stimme haben. Und bei drei Kindern ist es eben turbulent, doch so turbulent hätte ich es mir nie ausmalen können. 

Unsere beiden ruhigen Eltern-Gemüter können da einfach einpacken. Ich würde diesen Lautstärkepegel meinen Kindern zuliebe gern akzeptieren können, aber wir leiden beide tagtäglich immer wieder darunter, die Belastung ist groß. Die Lautstärke, die Tonlagen, das Tempo, das Durcheinander… Wie können wir damit besser umgehen?

Die Antwort
unserer Expertin.
Die Kinder sind so laut – ich halte das nicht aus!
Sabine Hertwig — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern,

zunächst einmal: Sie haben mein volles Verständnis und Mitgefühl. Meine eigene Geräuschempfindlichkeit war einer der Gründe, warum ich vor fast 30 Jahren meine geliebte Arbeit als Erzieherin in der Kita gekündigt habe. Nun können Sie als Eltern ihre Stelle nicht einfach kündigen. Und Sie haben schon alles selbst gesagt, was wichtig ist zu wissen: Kinder sind laut, sie wollen möglichst immer und sofort gehört werden, können ihre Emotionen noch nicht so gut regulieren und sind voller Energie und Lebensfreude.

Das macht Krach!

Und Sie haben drei in einem Alter, wo laut sein zum Alltagsgeschäft gehört und dass sie zu dritt sind heißt auch: Ich muss um Mamas und Papas Aufmerksamkeit kämpfen, weil da noch zwei Nebenbuhler sind. Also alles ganz normal und trotzdem sehr anstrengend.

Der sonstige Stresspegel

Wären Sie jetzt bei mir in der Praxis, würde ich Sie fragen, wo Sie Stress im Alltag reduzieren könnten. Denn: Je mehr Stress, desto mehr Anspannung und desto mehr Lautstärke bei Eltern und Kindern. Da ich Sie jetzt nicht persönlich fragen kann, möchte ich mit ein paar Fragen zur Reflexion beginnen. Vielleicht haben Sie diese schon für sich beantwortet, vielleicht ist ein neuer Gedanke dabei:

  • Haben Sie als Eltern genug Auszeiten? (wahrscheinlich nicht, da ja auch keine Familie in der Nähe ist). Wie können Sie diese ansonsten ermöglichen? Ein paar Ideen sind Babysitter, Kinder gegenseitig betreuen im Tausch mit befreundeten Familien, eine Ehrenamt-Oma, einzelne Auszeiten der Eltern (ein Tag in der Sauna für Mama, ein Tag mit den Kumpels für Papa oder Ähnliches)
  • Wie ist ihre Wohnung oder ihr Haus strukturiert? Haben die Kinder für sich allein Rückzugsräume? Sind die Zimmer übersichtlich oder überladen? Gibt es ausreichend Ordnung und Platz sowie geeignetes Spielzeug? Haben Sie als Eltern Rückzugsräume? Ich war schon in sehr engen und ausgesprochen unstrukturierten Familienräumen, in denen man gar nicht zur Ruhe kommen kann. Auch habe ich viele überladene Kinderzimmer gesehen. Deshalb diese Frage.
  • Dazu gehört auch: Gibt es genug Dämmung oder hallt es in den Räumen? Man kann Abhilfe schaffen mit Vorhängen, Teppichen und anderen Einrichtungstricks, die den Hall mindern.
  • Ist Ihr beruflicher Alltag oder andere Abläufe vielleicht zu entstressen? Ich weiß, das klingt oft unmöglich. Aber meine Erfahrung aus vielen Beratungen zeigt, dass Hektik, ständiger Zeitstress, Überforderung im Beruf oder auch zu viele Freizeittermine für sehr viel Unruhe und lautstarker Entladung von Stress führen. Hier lohnt es sich zu schauen, wo weniger vielleicht mehr ist.

Grundsätzlich möchte ich Sie ermutigen, nicht so streng mit sich zu sein. Sie haben den Wunsch, immer entspannt zu reagieren. Natürlich ist es nicht geeignet, zurückzuschreien, wenn man selbst Ruhe will, aber es ist auch menschlich. Wichtig ist als allererstes, dass Sie als Eltern überlegen, an welchen Stellen Sie für sich selbst Entspannung schaffen können. Was wäre ein erster kleiner Schritt? Wir denken oft zu groß und geben dann auf. Oft sind es kleine Dinge, wie zum Beispiel erstmal 10 Minuten unverhandelbare Pause, wenn Papa und Mama von der Arbeit nach Hause kommen.

Lautstärke-Tipps für den Alltag

Im Folgenden möchte ich Ihnen ein paar praktische Impulse geben, wie Sie ein ruhigeres Miteinander gestalten können. Vielleicht sind ein oder zwei Dinge dabei, die Sie mal ausprobieren können. Wichtig ist: Veränderungen brauchen Zeit und Wiederholung, also dranbleiben!

  • Ruhezeiten einführen: Die gute alte Mittagszeit oder die halbe Stunde nach dem Nachhausekommen. Jeder geht in sein Zimmer und macht etwas Ruhiges. Lesen, Hörspiel hören, malen, etc. Jesper Juul hat mal einer Mutter empfohlen zu sagen: „Ich mache jetzt eine halbe Stunde Mittagspause. Ich möchte auf keinen Fall gestört werden. Für nichts! Außer einer stirbt.“ Klarheit hilft! Der Gegenspieler von Klarheit ist die Stimme des schlechten Gewissens, die sagt: „Das kann ich meinen Kindern doch nicht antun, die brauchen mich. Immer.“ Doch, das können Sie! Denn es ist wie im Flugzeug: Man setzt erst sich selbst die Sauerstoffmaske auf und danach den Kindern. Wenn man selbst keine Luft hat, kann man nicht ruhig bleiben. Eine Sanduhr oder ein Timer können die Länge der Pause anzeigen.
  • Manche Räume können zu Ruheräumen erklärt werden, in denen man weder rennt, noch schreit. Zum Beispiel das Wohnzimmer.
  • Hilfreich ist auch Klarheit in der Sprache, zum Beispiel wenn alle Kinder auf einmal lautstark reden: „Ich höre jetzt erst deiner Schwester zu, dann bist du dran.“ Und dann wendet man sich idealerweise nur dem einen Kind zu. Vermeiden Sie indirekte Botschaften wie „Nicht alle auf einmal!“, „Ich kann jetzt nicht!“, oder „Du musst warten.“
  • Wichtig ist zudem, zu sagen, was man will, statt das, was man nicht will: Bei „Seid nicht so laut!“ hört das Gehirn „Seid laut!“ Weil unser Gehirn das Wort nicht nicht abbilden kann. Also sagen Sie eher: „Bitte etwas leiser sprechen.“ 
  • Statt selbst zu schreien, können Sie mit leiser Stimme auf die Lautstärke der Kinder reagieren: Das Kind sanft an die Schulter fassen, schhhhhhhhhh…….., ich kann dir besser zuhören, wenn du leiser sprichst!
  • Viele Eltern haben mir berichtet, dass sie oft selbst durch die Wohnung schreien, wenn sie etwas von den Kindern wollen. Damit werden sie zum Vorbild für lautes Sprechen. Besser ist es, hinzugehen, wenn man etwas von einem Kind möchte. Das kostet etwas mehr Kraft, zahlt sich auf Dauer aber aus. Zumal die Kinder so besser reagieren, wenn man persönlich hingeht.
  • Familienkonferenzen: Einmal die Woche kommt die Familie für ca. 20 -30 Minuten bei einer Auswahl besonderer Kaltgetränke und Salzstangen zusammen und spricht über die Themen der Familie: Was gefällt dir? Was beschäftigt dich gerade im Leben? Was soll sich ändern? Dabei geht ein Redestein um: Wenn einer spricht, sind alle aufmerksam. So können Kinder üben, sich zuzuhören und jeder steht mal voll und ganz im Mittelpunkt, ohne lautstark darum kämpfen zu müssen. Außerdem kann man in den Familienkonferenzen gemeinsam Regeln erarbeiten. Das ist immer besser, als wenn die Eltern welche vorgeben. Und wichtig: Es braucht Zeit und Übung, bis diese eingehalten werden. Zu viel Strenge ist demotivierend.
  • Wenn möglich, hilft es auch, wenn jedes Kind mal phasenweise „Einzelkind“ spielen darf: Heute mache ich ganz allein mit Papa ein Puzzle. Oder gehe mit Mama mal ganz allein ein Eis essen. Und nicht nur, weil es sich gerade so ergibt, sondern weil es eingeplant ist. Jetzt bin nur ich dran!
  • Nehmen Sie sich bewusst Zeit für Lautstärke: Gemeinsame Tobestunden (oder auch nur Minuten!). „Jetzt alle mit Geschrei auf Papa!!!“ Lautstärke darf auch mal sein und jetzt sind alle laut! Die Stopp-Regel hilft, Grenzen zu setzen, wenn es zu doll wird.
  • Und gaaaaaanz wichtig: Raus, raus und nochmals raus! Kinder brauchen Frischluft, Bewegung und Natur! Wann immer es geht. Mindestens jeden Tag ein Mal! Und draußen kann man auch mal schreien!

Und zu guter Letzt, wenn die Nerven blank liegen: Pause machen und den Raum verlassen. „Mir ist es gerade zu laut, ich gehe für eine viertel Stunde ins Schlafzimmer. Ich bin gleich wieder da.“ Die Angabe der Rückkehr ist hier wichtig und ebenso die Ich-Botschaft. Wenn möglich, ohne Vorwurf in der Stimme, sonst fühlen die Kinder sich falsch und verlassen.

„Wenn ihr laut sein wollt, geht in eure Zimmer oder nach draußen! Meine Ohren halten das nicht aus. Ihr dürft laut sein. Nur nicht hier.“

last but not least: Ohrstöpsel

Das ist kein schlechter Scherz, für Erzieher*innen gibt es mittlerweile spezielle Ohrstöpsel, die die hohen Frequenzen des Kindergeschreis rausfiltern und den Rest durchlassen. Ich finde, das ist eine gute Einrichtung. Ein mir bekannter Vater hat sich Ohrschützer aus dem Baumarkt aufgesetzt, wenn das Geschrei zu laut war. Airpods mit Geräuschdämmung und schöner Musik helfen auch.

Ich hoffe, da ist etwas für Sie dabei!

Herzliche Grüße
Sabine Hertwig