Ehrlich gestellt.
Unsere beiden Kinder sind fast 6 Jahre und 3,5 Jahre alt. Beide besuchen Kindergarten bzw. Krabbelgruppe. Die Abholsituation von der Kinderbetreuung ist leider seit langem sehr schwierig.
Der Jüngere ist meistens gut gelaunt beim Abholen, will getragen werden, manchmal läuft er im Gang vor der Gruppe vor mir davon. Er lässt sich aber gut wieder einfangen und zur Garderobe bringen. Beim Abholen gibt es einen kurzen Austausch mit der Pädagogin über den Vormittag.
Neben der Gruppe meines jüngeren Kindes ist der Schlafraum für die Mittagskinder, die schlafen zur Abholzeit schon, wir müssen daher besonders leise sein.
Der Ältere hatte lange Probleme beim Abholen, er war oft sehr wütend, dass ich schon da bin, ein paar Wochen haben seine Pädagogin und ich ihn fast aus der Gruppe tragen müssen. Er hat sich mit Händen und Füßen gewehrt. Wir haben vereinbart, ich komme, und er kann dann noch 3-5 Minuten fertig spielen und aufräumen (wir haben in Absprache mit der Pädagogin dafür eine Sanduhr dabei gehabt). Seit 3 Monaten braucht er das nicht mehr, er kommt, wenn er mich sieht, automatisch zu mir und verabschiedet sich bei der Pädagogin.
Und da geht die anstrengende Situation meist los. Der Ältere läuft plötzlich los, rennt Richtung Ausgang, rennt seinen Bruder um, andere Kinder. Rennt wieder zu seinem Platz, ist laut, dreht sich wild im Kreis. Manchmal läuft der Jüngere in die entgegengesetzte Richtung.
Phasenweise lasse ich ihn nur an der Hand zum Platz in der Garderobe gehen. Den anderen halte ich auch fest. Beide wehren sich, aber ich habe nicht die Kraft, beide immer einzufangen, zurück zu zerren. Zusätzlich braucht manchmal die Pädagogin noch etwas, eine Liste zum Ausfüllen liegt aus, wir müssen noch eine fehlende Kappe suchen, …
Die Kinder drehen immer weiter auf, ich versuche ruhig zu bleiben, aber das ständige hinterherlaufen ist anstrengend. Ich vermittle, dass hier nicht gerannt oder geschrien wird („hier gehen wir langsam und sind leise wie die Mäuse. Draußen vor der Tür könnt ihr dann laufen!“).
Der Ältere trödelt, zieht sich nicht an, der Jüngere rennt wieder weg, ich hinterher (er rennt auch raus, da ist eine Straße). Der Ältere tritt nach mir, wirft Schuhe.
Wenn dann endlich alle bereit sind, können sie auf der Fläche neben dem Kindergarten noch laufen, fangen spielen, manchmal mache ich noch Blödeleien.
Bevor ich beide abhole, versuche ich im Auto Musik zu hören, Atemübungen zu machen, ein ätherisches Öl aufzutragen und wohlwollend in die Situation zu gehen. Und ich habe immer einen Korb mit, damit dort alles landet, was wir mit heim nehmen, damit ich die Hände frei habe.
Sie sind kaum zu bändigen, ich wünsche mir so sehr, dass es leichter wird. Ich schäme mich auch, ich sehe niemanden, bei dem das Abholen so ein Theater ist. Jeden. Einzelnen. Tag. Zusätzlich werde ich inzwischen schnell wütend und selbst laut, fast schon grob, so will ich als Mama nicht sein.
Es gibt keine Alternative, niemand kann mir beim Abholen helfen, ich kann nicht später oder früher abholen.
unserer Expertin.
Erstmal vielen Dank für deine offene Schilderung. Schon beim Lesen konnte ich spüren, wie viel Kraft dich diese Abholsituation täglich kosten muss – und wie sehr du dir wünschst, dass es leichter wird. Das ist ein Gedanke, den ganz viele Eltern kennen: „Warum ist es bei uns so anstrengend, während es bei allen anderen so viel einfacher aussieht?“ Und genau deshalb möchte ich gleich am Anfang sagen: Du bist nicht allein damit. Was du beschreibst, ist eine Erfahrung, die viele Familien machen – auch wenn sie nicht immer so öffentlich sichtbar ist.
Unbändige Selbstregulation
Was hier zusammenkommt, sind verschiedene Dinge. Zum einen sind deine Kinder mit großer Wahrscheinlichkeit beide in der „Überkooperation“. Das heißt, dass sie sich im Laufe des Kindergartentages sehr viel angepasst, sehr viel kooperiert haben. Sie haben sich an Abläufe gehalten, haben Regeln beachtet, sich in die Gruppe eingefügt etc.
Und auch die Tatsache, dass dein älterer Sohn von alleine zu dir kommt und sich von der Erzieherin verabschiedet, ist ein Akt der Kooperation, den er jetzt seit drei Monaten schafft zu leisten. Dazu kommt, dass Kinder sich im Kindergarten den ganzen Tag in einer Gruppe aufhalten, was grundsätzlich anstrengend ist, weil viele Reize auf sie einprasseln. Wenn Kinder dann vom Temperament her eher empfindsam sind, ist es nochmal herausfordernder und sie versuchen, ihr Nervensystem im Anschluss – zum Beispiel durch Bewegung als Regulationsstrategie – wieder zu beruhigen. Das passiert unbewusst und Kinder zeigen dadurch, wie wunderbar kompetent sie für ihre psychische Gesundheit sorgen können.
Ein weiterer Faktor, der in diesem Zusammenhang eine große Rolle spielen kann, ist das Thema der Übergänge, also dem Wechsel von einer Situation in die nächste. Im Kindergarten sind sie eingebettet in eine Gruppe, haben Strukturen, die Erzieherinnen und Erzieher führen durch den Tag. Mit dem Erscheinen der Eltern kippt dann plötzlich die Verantwortung: Jetzt endet die institutionelle Zeit und das vertraute Familiensystem übernimmt. Kinder reagieren darauf oft mit einer Mischung aus Freude, Aufregung, Erschöpfung und Anspannung – und all das zeigt sich in Verhaltensweisen, die uns Erwachsene manchmal schlicht überfordern.
Gerade Kinder mit einem starken Temperament entladen diese Gefühle nach dem Abholen oft durch Rennen, Schreien, Herumturnen oder Widerstand beim Anziehen. Das wirkt nach außen wie „unbändig“, ist aber in Wahrheit ein Ausdruck von Überreizung und innerem Stressabbau. Und das Besondere:
Raum für Entlastung
Was kannst du konkret tun? Die wichtigste Frage, die wir uns als Eltern aus meiner Sicht tagtäglich stellen dürfen, ist: „Wie kann ich es mir und uns so leicht wie möglich machen?“
Dementsprechend feiere ich dich so sehr dafür, wie vorausschauend du dich im Auto nochmal selbst stärkst, deinem Nervensystem etwas Gutes tust und auch an ganz konkrete Dinge denkst, wie zum Beispiel einen Korb mitzunehmen, wo du einfach alles reinschmeißen kannst. Manchmal ist diese ganz bewusste Vorbereitung auf eine herausfordernde Situation schon das Beste, was wir tun können.
Was du zusätzlich noch ganz konkret machen kannst, wäre, die Situation mit den Erzieherinnen in einem Elterngespräch zu besprechen und ihnen zum Beispiel zu sagen, dass du in der Abholsituation keine Kapazitäten hast, um zusätzliche Dinge zu erledigen, wie Listen auszufüllen oder ähnliches. In Bezug auf dein Beispiel mit der Mütze könntest du überlegen, ob es an diesem speziellen Tag wirklich so wichtig ist, dass sie noch gesucht wird oder ob es eine andere Lösung gibt. Immer in dem Wissen, dass dich jede Kleinigkeit entlasten kann.
Außerdem könntest du mit den Erzieherinnen ins Gespräch gehen, ob es möglich ist, dass du deine Kinder an einer Stelle abholst, die weniger trubelig ist als die Kindergartengarderobe. Es handelt sich jetzt gerade um eine Phase, in der die Abholsituation anstrengend ist und ihr dürft da gemeinsam kreativ sein, wenn die Erzieherinnen dazu bereit sind. Manchmal finden sich nur kleine Anpassungen, die große Wirkung haben.
Und auch mit deinen Kindern – vor allem mit deinem älteren Sohn – kannst du gemeinsam nach Lösungen suchen. Du kannst ihnen zum Beispiel sagen, dass es sehr verständlich ist, dass sie sich in der Abholsituation bewegen möchten und dass das gleichzeitig für dich schwierig ist und ob sie Ideen haben, wie ihr damit umgehen könntet. Kinder haben oft erstaunliche Ideen, wenn wir sie ernst nehmen und sie in die Lösungssuche einbinden.
Anerkennen, was ist
Zum Abschluss möchte ich noch darauf eingehen, wie du dich selbst in solchen herausfordernden Situationen stärken kannst. Du beschreibst, dass du dich schämst, weil bei euch „jeden einzelnen Tag Theater ist“. Dazu möchte ich dir zwei Dinge mitgeben:
Das Erste ist: Scham ist ein sozialer Wächter. Sie signalisiert uns: „Gehörst du noch dazu?“ Deshalb fühlt sie sich so existenziell bedrohlich an. Aber in der Tiefe bedeutet sie nicht, dass du etwas falsch machst, sondern dass dir Zugehörigkeit wichtig ist.
Und das Zweite ist: Vergleiche sind gefährlich. Sie reißen uns aus unserer eigenen Realität und machen uns blind für das, was tatsächlich gut läuft. Und ich sage dir aus jahrelanger Erfahrung als Elternberaterin:
Diese beiden Aspekte sind Punkte, an die du dich selbst während der Abholsituation erinnern könntest. So könntest du dir zum Beispiel innerlich sagen: „Da ist sie wieder, die Scham.“. Das Gefühl sehen und anerkennen – ohne es größer oder kleiner zu machen. Wir wissen, dass alleine dieses Anerkennen von Gefühlen zur Regulierung unseres Nervensystems beiträgt.
Genauso könntest du dir innerlich sagen: „Bei uns ist die Abholsituation gerade herausfordernd. Andere Familien haben andere Herausforderungen.“ Damit wehrst du dich nicht gegen die Realität, sondern du erkennst sie an. Und sparst dadurch extrem viel Energie.
Und zuallerletzt die gute Nachricht: Es wird leichter werden. Deine Kinder werden immer mehr Impulskontrolle entwickeln und du wirst irgendwann möglicherweise halb lachend, halb weinend auf die Herausforderung von damals schauen. In der Zwischenzeit geht es weniger darum, die perfekte Lösung zu finden, sondern darum, möglichst viel Druck aus der Situation zu nehmen. Vielleicht gibt es Tage, an denen es trotzdem eskaliert – dann ist das kein Zeichen von Scheitern, sondern von entwicklungsgerechtem kindlichen Verhalten. Und dies sagt nichts über dich als Mutter aus. Sondern lediglich etwas über den Gefühlszustand deines Kindes.
In diesem Sinne: Sei liebevoll mit dir selbst, du machst das wunderbar.
Alles Liebe für dich und deine Familie!
Maria