Darum geht es
Wenn ich mich mit Freund*innen treffe, können wir uns kaum in Ruhe unterhalten, denn mein Kind redet dazwischen; immer und immer wieder! Was kann ich dagegen tun? Ich möchte, dass mein Kind versteht, dass es machmal einfach nicht reinreden soll!
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Neulich war ich mit einer Freundin und meinem Sohn im Café. Dabei hat sich wieder ein großes Problem gezeigt, das ich habe: Wenn ich mich mit anderen Erwachsenen unterhalte, redet mein Kind immer dazwischen. So war es auch im Café. Er stellt mir Fragen, oder erzählt mir etwas – fragt, wann wir nach Hause gehen, oder warum Kakao eigentlich braun gefärbt ist. Es scheint mir so, als will er vor allem meine Aufmerksamkeit haben und erreichen, dass ich das Gespräch beende. 

Wenn ich ihm dann sage, dass ich mich gerade unterhalte und gerade keine Zeit für ihn habe, fragt er trotzdem noch weiter nach. Das zieht mich total aus dem Erwachsenengespräch. Und am Ende weiß ich gar nicht mehr, worum es ging und das Treffen mit der Freundin leidet total darunter. Wenn ich ihm klar und deutlich sage, dass mich das stört, hilft das nichts. Nach kurzer Zeit geht es wieder von vorne los. 

Ignorieren kann ich mein Kind auch nicht, während es versucht mit mir zu sprechen, dann redet er weiter oder lauter oder zieht an meinem Oberteil. So ist jedes Gespräch unter Erwachsenen wirklich einfach anstrengend und frustrierend. Klar, es ist einfacher, wenn er gar nicht mit da wäre, aber manchmal geht das eben nicht. Keine Freundinnen treffen ist dann auch keine Option für mich. Wie kann mein Kind verstehen, dass es manchmal einfach nicht reinreden soll?

Die Antwort
unserer Expertin.
Unser Kind redet dazwischen
Dr. Desiree Bender — FamilyLab Deutschland

Der Austausch mit anderen Erwachsenen ist für uns Eltern sehr oft ein zentrales Bedürfnis: Oft ist es nicht möglich, dass wir solche Verabredungen ohne unsere Kinder einrichten können. Zugleich ist es wichtig, uns von der Erwartung und Hoffnung zu trennen, das Treffen werde so verlaufen, wie es das ohne Kind täte, denn das Kind ist anwesender Teilnehmer der gemeinsamen Situation und bringt sich mit seinen Bedürfnissen und persönlichen Grenzen in das Geschehen ein.

Entwicklungsgerechte Störungen

Je nach Alter und Entwicklung unserer Kinder ist es für unsere Kinder noch nicht möglich, unserem Bedürfnis, uns ruhig mit einem Erwachsenen in einem Café zu unterhalten, akzeptierend zu begegnen. Dies setzt voraus, dass sie sich selbst zurückhalten könnten, wenn sie uns etwas mitteilen möchten und dabei erkennen könnten, dass ihr Verhalten gerade unerwünscht ist. Mit unseren Rückmeldungen können wir unseren Kindern freilich mitteilen, dass wir uns ihr Verhalten anders wünschen, was zugleich jedoch nicht bedeutet, dass sie sich daran halten. Es geht hier grundlegend um die Einsicht, dass unsere Kinder selbst entscheiden, wie sie sich verhalten und es geht um den Raum, der sich eröffnet, wenn wir darüber sprechen, welche Einigung zwischen uns und ihnen gefunden werden kann, so dass es beiden gut gehen kann.

Jüngere Kinder (im Kleinkindalter) sind voll und ganz damit beschäftigt, was sie gerade wollen und brauchen und es ist gesund für sie, dass sie in diesem Alter auch genau diesen Fokus ausleben können. Zugleich brauchen sie Lernerfahrungen, die sie durch unsere Rückmeldungen erhalten, durch die sie Stück für Stück wahrnehmen:

„Ach, Mama möchte was anderes als ich. Wie doof!“

Dabei lernen sie, mit dieser Begrenzung ihres Wollens umzugehen. Es braucht – gerade bei Kleinkindern – und auch über dieses Alter hinaus über viele weitere Jahre hinweg in verschiedenen Entwicklungsstufen, viele kleine und große Lernerfahrungen für unsere Kinder, um zu verstehen, wo die Grenzen dessen liegen, was sie gerne gerade tun und ausleben möchten.

Die Fähigkeit, etwas zu tun, das jemand von einem erwartet, was zugleich abweicht von dem eigenen Wollen, wächst bei Kindern auch durch die Möglichkeiten, Frust zu erfahren und damit umzugehen. Dafür ist es von Wert, wenn unsere Kinder sich auch alleine beschäftigen können, doch hierzu brauchen sie diese Grenzen auch als Erfahrungsraum. Je präsenter wir als Spielpartner mit unseren Kindern sind, desto mehr verlernen sie, auch ganz für sich zu sein und zu spielen. Wir dürfen also auch bedenken, dass es Kindern, die sonst gewohnt sind, viel Aufmerksamkeit zu erhalten, schwerer fällt, mit der (für sie neuen) Erwartung zu kooperieren, dass wir nun nicht mit ihnen sprechen, sondern unsere Aufmerksamkeit ganz auf jemand anderen richten.

Vorhergehende Abmachungen

Die hier geschilderte Situation ist eine, in der wir als Eltern von unserem Kind erwarten, dass es mit dem, was wir uns von ihm wünschen, kooperiert. Damit nicht beide frustriert, wütend und traurig aus der Situation kommen, könntet Ihr vorher bereits Absprachen treffen, die eher für Kinder ab frühestens fünf Jahren geeignet sind und deren Erfolg auch vom Entwicklungsstadium des Kindes abhängt:

Die eigene Erwartung klar zum Ausdruck zu bringen, ist ein erster wichtiger Schritt: Oft ist Kindern nicht so bewusst, was wir von ihnen wollen, auch wenn wir meinen, es klar kommuniziert zu haben.

Das Kind in seinem potenziellen Bedürfnis, auch als Gesprächspartner in der Situation mit einer Freundin zu sehen, kann sowohl zuvor als auch in der Situation selbst geschehen: Was braucht das Kind, um mit unserer Erwartung zu kooperieren? Das Kind kann zum Beispiel vorher von uns bereits hören: „Mir ist es ganz wichtig, dass ich mich auch in Ruhe unterhalten kann und dabei möglichst nicht unterbrochen werde. Was würde es Dir denn leichter machen, dass Du Dich neben mir im Café beschäftigst und uns dabei miteinander reden lässt? Du könntest Dir vielleicht was ganz Tolles bestellen oder wir nehmen was zum Malen oder ein Puzzle mit, damit Dir nicht langweilig wird. Was meinst Du, welche Ideen hast Du?“ Auf diese Weise wird das Kind sowohl über die Erwartungen der Erwachsenen informiert als auch in den Prozess einbezogen und kann mitbestimmen.

Auch in der Situation selbst können wir, zumindest bei älteren Kindern ab dem Grundschulalter, daran erinnern, dass es uns wichtig ist, ungestört zu sprechen und klar umreißen, wofür wir nun zur Verfügung stehen und wozu nicht: „Jetzt möchte ich mich gerne unterhalten und Du kannst XY machen. Danach gehen wir zum Spielplatz und ich spiele mit Dir das, was Du magst“. Auch die Vereinbarung einer zeitlichen Begrenzung der Situation kann für das Kind hilfreich sein, wie „Wir bleiben hier noch bis der große Zeiger auf der 6 steht.“ Dazu gehört auch unsere bewusst kommunizierte Anerkennung und unser Dank dafür, dass es sich zurücknimmt, um uns Raum für unser Bedürfnis zu geben.

Zentral ist zu erkennen, wann das Kind ein echtes Bedürfnis hat und worum es ihm geht mit seinen Unterbrechungen: Was könnte ihm helfen, um sich leichter auf die Situation einstellen zu können, dass unsere Aufmerksamkeit sich nun auf jemand anderen richtet? Dies ist im Einzelfall zu klären.