Ehrlich gestellt.
Unser Sohn (fast 3), drittes Kind, treibt uns fast in den Wahnsinn. Bei allen Situationen, in denen er mitwirken soll (anziehen, wickeln, Zähneputzen, aber auch auch für ihn tolle Dinge wie rausgehen), will er immer erst noch zig Sachen erledigen – ein Auto holen, das Bobbycar parken, ein Buch wegräumen…
Es fällt ihm immer noch etwas Neues ein und es dauert ewig, bis er kommt.
Wir haben schon vieles versucht, aber im Endeffekt hilft nur, ihn irgendwann einfach zu schnappen, was für ihn aber oft ziemlich schlimm ist.
Was steckt da dahinter, wie können wir damit umgehen?
Vielen Dank im Voraus!
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
wahrscheinlich ist der Alltag mit 3 Kindern schon Herausforderung genug. Dementsprechend stressig wird es dann, wenn eines der Kinder in vielen Situationen – von ihnen beschriebene klassische Übergänge, die der Tag so mit sich bringt – nicht mitmachen, also kooperieren will und wir zu allem Überfluss vielleicht noch unter Zeitdruck sind.
Die Frage, was wohl hinter dem Verhalten des Kindes steckt, liegt nahe, und in diesen Situationen vergessen wir als Eltern oft, dass unsere Kinder ja mit dem Willen zur Kooperation auf die Welt kommen. Kinder wollen von Anfang an mit uns Eltern, mit den Menschen, die ihnen am meisten bedeuten, „zusammenarbeiten“; es uns recht machen, sich anpassen und wertvoll für uns sein.
Kooperation in der Autonomiephase
Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir, dass Kinder eher dazu neigen, überkooperativ zu sein, auf einer Skala von 0 bis 10 sind sie oft bei 11.
Doch fällt uns dieses kooperative Verhalten gar nicht sonderlich auf. Das sind diese Situationen und Momente mit unseren Kindern, in denen wir einfach das Gefühl haben, „es läuft“.
Mit seinen drei Jahren befindet sich Ihr Sohn gerade mitten in der Autonomiephase, das heißt, er löst sich langsam aus der völligen Abhängigkeit von Ihnen als Eltern, will vieles selbst machen, entdecken und entscheiden. Auch bei Ihrem Sohn dürfen Sie darauf vertrauen, dass er grundsätzlich mit Ihnen kooperieren will.
Gleichzeitig befindet er sich nun täglich in einem Spannungsfeld zwischen Integrität und Kooperation (wie im Übrigen wir Erwachsenen auch). Mit Integrität meine ich die Treue zu sich selbst, seine psychische und physische Unversehrtheit und sein Bedürfnis, sich auch nach seinen eigenen Vorstellungen entwickeln zu können, sein Ich, seine Gefühle und Bedürfnisse, das, was ihren Sohn ausmacht.
Genau wie bei uns Erwachsenen stellt sich für Ihren Sohn die Frage, ob er sich in den verschiedenen Situationen anpassen kann (zum Wohle der Gemeinschaft) oder ob er sich selbst treu bleiben muss. Wenn wir erleben, dass unsere Kinder nicht kooperieren, können wir davon ausgehen, dass dies die einzige Möglichkeit für sie darstellt, sich noch einigermaßen selbst treu zu bleiben: In diesen Fällen „Ja“ zu sich und „Nein“ zum Gegenüber zu sagen. Und für einen Dreijährigen, dessen Alltag ja von uns Eltern bestimmt und geführt wird (wir wissen, was wir vorhaben, wie wir den Tag gestalten, etc.), ist es vielleicht die einzige Möglichkeit, sich noch etwas treu zu bleiben, zumindest einen kleinen Anteil noch selbst „bestimmen“ zu können, wie von Ihnen beschrieben in Form von „ich räume jetzt erst noch mein Buch weg oder parke das Bobbycar um“. UND DANN mache ich wieder mit. Das Bedürfnis hinter seinem Verhalten ist Autonomie, also das Bedürfnis nach Selbstbestimmung.
Ratschläge für den Alltag
Sie schreiben, Sie hätten schon vieles versucht, und wenn ich es richtig verstehe, wünschen Sie sich friedvollere und harmonischere Wege, als ihn dann einfach „zu schnappen.“ Hier ein paar Gedanken und Impulse um einen Rahmen zu schaffen, indem Ihr Sohn seine Autonomie wahren und sich zur Kooperation entscheiden kann:
Zuerst einmal finde ich es wichtig, dass wir als Eltern uns in einer persönlichen Sprache an unsere Kinder wenden, wenn wir etwas von ihnen wollen. Ich sage „ich will“ oder „ich will nicht“, „ich mag“ oder „ich mag nicht“ oder „das ist mir wichtig“. Dadurch zeigen wir uns als Eltern, wir werden für die Kinder als Person spürbar und das Kind merkt, woran es ist. Natürlich spielt dabei auch unsere Haltung eine entscheidende Rolle und das Vertrauen in unsere Kinder, die ja grundsätzlich mitmachen wollen.
Um erst einmal den „Druck vom Kessel“ zu nehmen, hilft es, dass wir Erwachsene ein gutes Zeitmanagement haben. Zu wissen, wann wir los wollen und dafür, wenn möglich, genug Zeit einzuplanen, erspart Diskussionen. Ihrem Sohn kann es helfen, wenn Sie die geplanten Abläufe benennen, wie „du kannst noch so lange ein Buch anschauen / spielen / mit dem Bobbycar fahren, bis ich mir die Hose angezogen / die Brote geschmiert / abgewaschen habe, dann will ich los.“
So hat Ihr Sohn die Möglichkeit, sich darauf einzustellen. Dabei ist es gar nicht erforderlich, anschließend den Blickkontakt zum Kind zu halten, um auf seine Zustimmung zu hoffen, sondern es ist völlig in Ordnung, einfach Ihre Sachen erst einmal weiter zu erledigen.
Ihr Sohn hat nun die Möglichkeit, sich zur Kooperation zu entscheiden, anders als wenn Sie sagen würden: „Du ziehst dich jetzt an“. Wenn er sein Spiel nicht unterbrechen möchte, hier ein paar Ideen und Gedanken:
Sie könnten sagen: „Ich sehe, du bist noch ganz vertieft in dein Spiel und gleichzeitig möchte ich jetzt los. Nächstes Mal plane ich mehr Zeit dafür ein, aber heute habe ich es eilig, ich will, dass du deine Jacke anziehst.“ So fühlt sich Ihr Sohn gesehen und wahrgenommen.
In puncto Zähneputzen könnten Sie sich mal von Ihrem Sohn die Zähne putzen lassen, gemeinsam ein Zahnputzlied anstimmen (normalerweise kommen die Kinder dann sowieso), ein Spiel daraus machen und das Zähneputzen verbieten, dann natürlich empört sein, wenn er dann doch putzt.
Wenn wir alltägliche Aufgaben mit etwas Humor erledigen, machen sie nicht nur mehr Spaß, die Kinder machen dann auch oftmals besser mit und erleben sich als wirksam und wertvoll.
Erfahrungsgemäß ist auch das Wickeln bei den größeren Kindern oft mit Konflikten verbunden; sie auch hier mithelfen und wenn möglich auch den Zeitpunkt mitbestimmen zu lassen, hilft in vielen Fällen und erspart überflüssige Machtkämpfe. Wickeln im Stehen ist in diesem Alter oft die erste Wahl.
Auch können wir beim Anziehen eine kleine Auswahl (höchstens 2 Garnituren) Kleidung bereitlegen und unser Kind darf entscheiden, was es an diesem Tag anziehen möchte. Die angeführten Beispiele sind natürlich keine Garantie, sondern nur Inspirationen. Entscheiden Sie frei und authentisch, was sich für Sie stimmig anfühlt und eventuell eine Option sein könnte.
Und an Tagen, an denen wir einfach alles probiert, alle Register gezogen, Verständnis und Zeit eingeräumt haben und unser Kind trotzdem nicht mitmachen will, ja, an diesen Tagen können wir unser Kind auch ohne schlechtes Gewissen „einfach schnappen“ und tragen die Verantwortung für den aufkommenden Protest.
Denn entscheidend ist letztlich nicht, dass wir etwas über den Kopf des Kindes hinweg bestimmen, sondern wie generell unsere Haltung zum Kind ist, ob ich meinem Kind liebevoll begegnen kann oder genervt bin – das ist es, was unser Gegenüber spürt.
Ich wünsche Ihnen von Herzen gutes Gelingen!