Darum geht es
Stimmt etwas nicht mit uns? Unser Kind ist überreizt, ständig! Alles scheint bei uns schwerer und mühsamer zu sein als bei anderen und wir haben einfach keine Kraft mehr. Wie können wir mit unserem Leidensdruck umgehen?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo liebes Expertenteam,

ich schreibe, weil mein Mann und ich am Ende unserer Kräfte sind.

Wir haben einen 3,5 jährigen Sohn. Er war ein High Need Baby und seit seiner Geburt „piekst“ ihn gefühlt immer etwas. Zähne, Impfungen, Infekte, Entwicklungsschritte. Alles scheint bei ihm schwerer zu sein. Lange war er sehr unzufrieden.

Ich habe ihn kurz vor seinem 2. Geburtstag abgestillt und damit habe ich ihm sein einziges Mittel zur Regulation genommen (wir hatten ihm damals einen Schnuller nochmals angeboten, aber wie schon als Baby wollte er ihn nicht).

Er ist fast jeden Tag überreizt und überfordert, auch andere Personen (Großeltern und Freunde) sprechen uns darauf an. Er wird dann ganz wild und macht gefährliche Sachen, er haut und zieht an den Haaren, hört gar nicht mehr zu, wenn wir etwas sagen, rennt in gefährlichen Situationen plötzlich weg, klettert irgendwo hoch und will sich aus zwei Metern Höhe fallen lassen.

Wir haben schon so viel ausprobiert: kuscheln, lesen, spielen, eine Massage, körperliche Bewegung, Kinderyoga. Ich muss dazu sagen, dass er es noch nie mochte, zu spielen: weder Gesellschaftsspiele, noch puzzeln, bauen, Autos oder Ähnliches. Er geht aber seit wenigen Monaten vollkommen im Rollenspiel auf. Das Einzige, das ihm einigermaßen dabei hilft, runterzukommen, ist Fernsehen zu schauen, aber das fühlt sich erstmal nicht gut an und außerdem finde ich die Assoziation für seine Zukunft unglücklich. Er sagt schon selbst:

„Nur Fernsehen gucken hilft mir“.

Diese Überreiztheit gibt es nicht nur abends, sondern teilweise schon zwei Stunden nach dem Aufstehen. Die Überreiztheit ist nicht gebunden an körperliche oder geistige Aktivitäten, an Aufregungen, Medienkonsum oder Ernährung. Es ergibt für uns keinen Sinn, der Kinderarzt ist auch ratlos.

Er geht noch nicht in den Kindergarten. Mein Mann und ich teilen uns die Betreuung. Er hat auch nach wie vor starke Schlafprobleme. Mindestens einmal die Woche wacht er nachts gegen 1 Uhr auf und kann erst drei bis vier Stunden später wieder einschlafen. 90% der Nächte bleiben wir dabei im Bett und er bleibt auch liegen, aber er findet einfach nicht in den Schlaf.

Wir sind einfach nur müde und erschöpft und gleichzeitig handhaben wir täglich zig Wutausbrüche (welche ja normal sind, natürlich stark verstärkt durch seine Müdigkeit) und vor allem diese Überreiztheit, für die wir einfach keine Lösung finden.

Ein Beispiel: Wir waren letztens mit Freunden und ihren zwei Kindern im Urlaub und nach einer langen Wanderung waren alle müde. Die Kinder von unseren Freunden sind abends fast am Esstisch eingeschlafen, aber unser Sohn hat angefangen, auf der Bank zu hüpfen, auf den Tisch zu schlagen und hat bis fast 22 Uhr gebraucht, um einschlafen zu können.

Bis vor wenigen Wochen hatte ich genug Kraft, um fast immer ruhig zu bleiben, inzwischen werde ich fast täglich laut, weil ich auch so hilflos bin und mir wirklich denke: Wieso ist da so viel Unruhe?

Was stimmt nicht mit unserer Familie?

In einem Monat fängt er an, in den Kindergarten zu gehen. Wir haben uns für einen Waldkindergarten entschieden und hoffen, dass die Natur ihm hilft, sich auszugleichen.

Haben Sie vielleicht einen Tipp für uns? So kann es einfach nicht weitergehen.

Die Antwort
unserer Expertin.
Unser Kind ist überreizt
Dr. Maria Rockenfeller — FamilyLab Deutschland

Also erstmal freue ich mich sehr, dass du dich an uns wendest und Unterstützung suchst. Das hört sich für alle Beteiligten nach einer wirklich sehr herausfordernden Situation an und ich verstehe sehr gut, dass ihr erschöpft seid. Außerdem möchte ich dir rückmelden, dass ich ganz beeindruckt bin, wie reflektiert du mit der Situation umgehst und was du schon alles ausprobiert hast. Was für ein Glück, eine Mutter zu haben, die versucht, die Bedürfnisse hinter dem Verhalten ihres Kindes zu verstehen!

Unterstützung vor Ort

In Bezug auf meine Antwort möchte ich vorneweg sagen, dass ich als Familienberaterin keine Diagnosen stelle und ich die Situation aus der Ferne nicht umfassend einschätzen kann. Deshalb möchte ich euch vor allem ermutigen, euch vor Ort Unterstützung zu suchen. Ich habe das Gefühl, der Leidensdruck in eurer Familie ist schon seit langer Zeit sehr hoch und ich kann mir gut vorstellen, dass es euch sehr helfen würde, jemanden an eurer Seite zu haben. So könntet ihr beispielsweise in einem ersten Schritt zu einer Familienberatung bei euch vor Ort gehen. Manche Familienberater*innen besuchen die Familien auch zuhause, wo sie sich nochmal ein besseres Bild verschaffen können. So bekommt ihr eine erste Einschätzung dazu, ob und wenn ja, welche weiteren Schritte sinnvoll sein könnten. Das könnte zum Beispiel sein, eine Osteopathin oder Ergotherapeutin hinzuzuziehen oder euer Kind in einem sozialpädiatrischen Zentrum in euer Nähe vorzustellen. Vielleicht braucht es aber auch gar nicht mehr als die Familienberatung. In der Beratung könnt ihr zusätzlich dazu auch gemeinsam überlegen, was euch als Eltern aktuell gut tun würde. Was braucht jeder Einzelne, um die eigenen Ressourcen zu stärken und was braucht ihr als Paar, um die täglichen Herausforderungen als Team anzugehen?

Außerdem könnt ihr euch in der Beratung euren Blick auf euer Kind anschauen. Wenn die Gefühle, die mein Kind in mir auslöst, so unangenehm sind und der Alltag allgemein so unfassbar anstrengend ist, kann es schnell passieren, dass unser Fokus stark auf dem Negativen liegt. In der Familienberatung könntet ihr schauen, was parallel zu den Herausforderungen alles da ist, an kleinen Momenten der Leichtigkeit oder der Verbindung zwischen euch. Ihr könntet sehen, was ihr jeden Tag leistet und wie stolz ihr auf jeden gemeinsam durchgestandenen kleinen oder großen Wutausbruch sein könnt.

Das Wichtigste bei allem finde ich, dass euch bewusst ist, wie stark es ist, sich Unterstützung zu holen. Oft haben wir noch alte Glaubenssätze in uns, die uns sagen, wir müssten Dinge alleine schaffen. Und das Verrückte ist ja, das würden wir niemals sagen, wenn wir uns ein Bein brechen. Da gehen wir wie selbstverständlich zum Arzt.

Aber wenn in unserer Seele etwas weh tut, warten wir oft unnötig ab.

Ein anderer Grund fürs Abwarten oder Zögern kann auch Scham sein. Gerade, wenn wir uns fragen, was mit der eigenen Familie und dem eigenen Kind nicht stimmt – und das dann auch noch von Großeltern und Freunden rückgemeldet wird – kann große Scham ausgelöst werden. Auch bei Vergleichen mit anderen Familien – die so schnell passieren, wie bei euch zum Beispiel nach der Wanderung, und die gleichzeitig so gefährlich sind für das eigene Wohlbefinden – können wir schnell Scham empfinden. Und die Sache ist, dass wir bei Scham nicht das Gefühl haben, dass wir eine Sache falsch gemacht haben, sondern wir haben das Gefühl, wir SIND falsch. Unser Kind ist falsch, wir als Eltern sind falsch, unsere Familie ist falsch. Und das ist ein Gefühl, das wir Menschen kaum aushalten. Das liegt daran, dass uns dieses so extrem unangenehme Gefühl evolutionsbiologisch vor dem sicheren Tod bewahren sollte. Zugehörigkeit zur Gruppe war früher überlebenswichtig. Deshalb kann fehlende Zugehörigkeit oder ein gefühlter Ausschluss aus der Gruppe Scham auslösen. Und das beschreibe ich deshalb so ausführlich, weil wir wissen, dass der erste Schritt darin besteht, sich das bewusst zu machen und anzuerkennen. Im Gegensatz zu dem automatischen Impuls, das Gefühl weghaben zu wollen; indem ich zum Beispiel in die Wut gehe, so wie du es auch beschreibst. Die Wut ist ein wunderbarer Wächter der Scham und legt sich gerne mal darüber, damit wir dieses so existenziell bedrohliche Gefühl nicht fühlen müssen.

Den Gefühlen nachgehen

Wir können aber nur mit Gefühlen arbeiten, wenn wir sie erstmal erkennen. Am Ende deiner Anfrage hast du beschrieben, dass du dich zunehmend hilflos fühlst, es dir selbst immer schwerer fällt, ruhig zu bleiben und du häufiger laut wirst. In Belastungssituationen ist Wut häufig das Gefühl, das besonders schnell nach außen dringt.  Was könnte aber unter der Wut liegen? Das könnte auch Angst sein, weil wir vielleicht Sorge haben, dass etwas mit unserem Kind nicht stimmt. Oder Traurigkeit, weil unsere Vorstellung von einem harmonischen Familienleben enttäuscht wurde. Oder eben Hilflosigkeit, so wie du sie beschreibst. Hilflosigkeit ist ganz grundsätzlich ein sehr unangenehmes Gefühl für uns Menschen. Und es ist mir wichtig, in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass es zu einem kaum aushaltbaren Gefühl werden kann, wenn wir diese Hilflosigkeit aus anderen Zeiten kennen. Weil ich beispielsweise als Kind regelmäßig das Gefühl hatte, bestimmten Menschen gegenüber hilflos zu sein. Das können die eigenen Eltern sein, Geschwister, Lehrkräfte, Mitschüler*innen; oder weil ich (andere) traumatische Erfahrungen gemacht habe. Und auch hier gibt es ja wundervolle Menschen, deren therapeutische Unterstützung wir in Anspruch nehmen können; immer in dem Wissen, dass es für jedes Gefühl einen guten Grund gibt und dass es Sinn machen kann, näher hinzuschauen.

Als Letztes möchte ich dich noch bestärken, dass du dich – ganz egal welche Antworten du in dem Unterstützungsprozess bekommen wirst – daran erinnerst, dass dies EINE mögliche Information über dein Kind ist und dass dein Kind so viel mehr ist als das. Egal ob es sich um Diagnosen oder um soft labels zum Temperament, wie Gefühlsstärke oder Hochsensibilität handelt. Versuch, solche Einschätzungen als Anlass zu nutzen, dein Kind besser zu verstehen. Je besser wir als Eltern erkennen, woher die Belastungen kommen, desto nachhaltiger können wir ihnen als Familie begegnen. Und vor allem: Sei dabei liebevoll mit dir selbst. Es sagt nichts über deinen Wert als Mutter aus, dass du ein Kind hast, dessen Verhalten sich in manchen Bereichen von dem anderer Kinder unterscheidet. Auch wenn das leider gesellschaftlich immer noch so weit verbreitet ist. Um das nicht nur auf kognitiver Ebene zu verstehen, sondern auch wirklich zu fühlen, kann es auch helfen, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und auszutauschen. Und so auch zu spüren, dass man nicht alleine ist.

Ich wünsche euch von Herzen alles Gute für euren weiteren Weg!

Maria