Darum geht es
Unser 3,5-jähriger Sohn hat Wutanfälle und schlägt dabei um sich, was schwer zu begleiten ist. Außerdem behauptet er nach dem Streit, Papa hätte ihn gehauen, obwohl das gar nicht stimmt…
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo liebes Team,

ich habe eine für uns sehr dringliche Frage. Mein Sohn ist 3,5 Jahre alt und hat, natürlich, immer mal kleine und größere Wutanfälle. Diese versuchen wir so gut es geht zu begleiten. Der Kleine schlägt dann aber auch schon mal um sich. Hier wäre meine erste Frage, wie kann man hier am besten reagieren? Auch um deutlich zu machen, dass es einem weh tut und so weiter.

Dann meine zweite Frage, wenn dies geschieht, versucht man ihn davon abzuhalten, ohne dass man ihm dabei weh tut selbstverständlich. Jetzt das große Problem: Wenn dies zwischen meinem Mann und meinem Sohn passiert ist, kommt der Kleine dann oft zu mir gelaufen und behauptet, mein Mann hätte ihn geschlagen. Derzeit auch schon recht eloquent, mit „Papa hat mich zuerst geschlagen“. Dies ist aber wirklich nicht der Fall gewesen. Das belastet meinen Mann sehr.

Habt ihr da vielleicht Tipps für mich?

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Sohn hat Wutanfälle
Dr. Desiree Bender — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern,

Wut ist für uns als Eltern ein so intensives wichtiges Thema: Wie begleiten wir Wut, wenn wir selbst als Kinder unsere Wut nicht lebendig leben und fühlen durften oder konnten? Wie, wenn wir selbst keinen konstruktiven Umgang mit unserer Wut erlernen durften? Wut ist ein so wichtiges Gefühl für alle Menschen! Es ist ein starkes Gefühl, das zu den Basisemotionen gehört und macht uns handlungsbereit, indem es viel Energie im Körper mobilisiert, wenn etwas für uns nicht stimmig ist. Insbesondere wenn eine Grenze von uns übergangen wurde, werden wir wütend.

Nach der Wut kommt oft Traurigkeit darüber, dass es war, wie es war. Wut als natürliche Reaktion des Körpers und der Psyche auf gefühlte Bedrohungen ist Teil unseres emotionalen Selbstschutzes. Wut ist von außen, also von einem anderen Menschen betrachtet, nicht unbedingt nachzvollziehbar oder rational und zugleich ist sie in dem Moment so wichtig, damit wir uns mit ihrer Handlungsenergie für das einsetzen, was uns wichtig ist, um uns zu wehren oder für uns einzustehen. Dass die Wut dabei subjektiv ist und irrational sein kann und Euer Kind dann zum Beispiel sagt, es sei geschlagen worden, könnte damit zusammenhängen, dass es das Gefühl hatte, seine Wut oder das, worum es ihm gerade geht, sei nicht voll von seinem Vater akzeptiert worden.

Die Botschaft im Wutausbruch

Es ist für ein Kind im Alter von dreieinhalb Jahren entwicklungspsychologisch betrachtet ganz natürlich, seine Wut körperlich auszudrücken, weil Impulskontrolle, Selbstkontrolle und Sprache noch in Entwicklung begriffen sind. Daher erleben Kinder Wut oft auch ungebremst und ungefiltert, weil der Teil ihres Gehirns, der für Selbstregulation zuständig ist, sich ebenfalls noch entwickelt. Das macht es umso wichtiger, wie wir ihre Wut begleiten. Wut als Gefühl, das zeigt: „Hier passt etwas nicht für mich!“, enthält für Eltern eine sehr wichtige Information: Das Kind drückt sein inneres Erleben deutlich aus und braucht als Antwort Aufmerksamkeit, Zuwendung, Verständnis und zugleich integre Führung und gegebenenfalls Grenzen. Wichtig ist, dass wir Wut und zum Beispiel ein „um sich schlagen“ nicht als Respektlosigkeit uns gegenüber bewerten, sondern als ein starkes Gefühl, welches das Kind noch nicht regulieren kann, da ihm die kognitiven Werkzeuge zur Verarbeitung noch fehlen.

Körperliche Ausbrüche sind Versuche, die hohe Energieansammlung, die mit der Wut einhergeht und zugleich eine Art Handlungsaufforderung enthält, loszuwerden und zu bewältigen. Sie sind ein Ausdruck von Überforderung. Es ist so wichtig, dass wir als Erwachsene in der Situation für die Kinder eine innere Haltung der Gleichwürdigkeit einnehmen: Die Gefühle und Bedürfnisse sind ebenso wichtig und wertvoll wie die der Eltern und verdienen Anerkennung und Empathie, auch wenn zugleich das Verhalten des Kindes („um sich schlagen“) nicht erwünscht und akzeptabel ist. Wie viele Erwachsene können nicht angemessen mit ihrer Wut umgehen? Es ist nicht überraschend, wenn unsere Kinder aus diesem starken Gefühl heraus gelegentlich um sich schlagen. Wir brauchen hier Zeit, Geduld, Verständnis und eine gute Portion Annahme dafür, dass das gerade das Beste ist, was unser Kind zu geben hat.

Unsere Reaktion als Eltern und unsere Nervensysteme

Wichtig ist in einer solchen Situation also zweierlei: Sich selbst in seinen Gefühlen genau so wahr- und ernst zu nehmen wie die Gefühle des Kindes und sich und dem Kind liebevoll zu begegnen. Bevor mit dem Kind gesprochen wird, ist es als erster Schritt sehr wichtig, dass die innere Haltung und das innere Fühlen der Eltern auch den Worten entspricht, die sie dem Kind sagen. Das heißt, zuerst ist es wichtig, für sich zu prüfen, was die Wut des Kindes in uns selbst auslöst und sich fragen: „Was brauche ich, wenn mein Kind so wütend wird, um mich gut zu regulieren und wertungsfrei und zugewandt auf mein Kind und sein ausgedrücktes Gefühl zu blicken?“ Das sollten die beiden Elternteile unabhängig voneinander tun, denn auch unsere Prägungen aus der Kindheit können unterschiedlich sein. So kann es in Eurer Situation sinnvoll sein, dass der Vater auch für sich prüft: Wie liebevoll, gefühlsanerkennend und zugleich klar bin ich in der Begrenzung der Wut meines Kindes? Kommt bei mir selbst auch Wut auf? Agiere ich aus ihr heraus? Das Kind spürt, aus welcher Energie unsere Handlungen als Eltern kommen und es kann sein, dass es mit seinem Satz genau diese Ebene anspricht. Das heißt, auch wenn ein Kind nicht faktisch gehauen wurde, könnte es sein, dass es mit seiner Aussage „Papa hat mich zuerst gehauen“, mit euch teilen möchte, wie sich das Verhalten seines Vaters angefühlt hat. Was kann helfen, damit das Kind euer Verhalten im Konflikt anders wahrnimmt?

Der Führungsstil, der für Eltern an dieser Stelle empfehlenswert ist, sollte nicht verletzen und das Gefühl der Wut nicht infrage stellen, kritisieren oder weghaben wollen, sondern verbindend wirken. So kann die Situation des Wutausbruchs als Situation des Verbindungsaufbaus genutzt werden, da das Kind sich selbst in dem Moment der Wut nicht mehr im Einklang mit sich selbst und mit Euch befindet. Es braucht die schiere Anerkennung seiner Not und seines Gefühls. Eine authentische und verbindende Formulierung könnte an dieser Stelle zum Beispiel folgendermaßen aussehen: „Ich sehe, du bist sehr wütend. Du darfst wütend sein. Aber ich kann nicht zulassen, dass du mich schlägst. Ich bin hier und ich helfe dir.“ Dies kann durchaus Zeit brauchen. Wenn das Kind voll in seiner Wut ist, wird es Euch nicht hören können, doch sobald es wieder „ansprechbar“ ist, kann es hilfreich sein, so etwas zu sagen. Dies ist der zweite Schritt. Auf diese Weise erhält das Kind die Spiegelung seiner Emotionen, den entsprechenden korrekten Begriff für das innere Gefühl, das es durchlebt. Es spürt eine Grenze, doch zugleich auch Verbindung, und enthält durch all das ein Gefühl von Sicherheit. 

Es geht hier darum, das emotionale Spektrum des Kindes zu begleiten – nicht zu kontrollieren – und es damit ganz anzunehmen, wie es gerade ist. Wir brauchen dabei auch nicht infrage zu stellen, ob die Gefühlsreaktion unseres Kindes der Situation angemessen ist oder nicht, denn für unser Kind ist es tatsächlich das Beste, was es gerade in diesem Moment geben kann. Die körperliche Integrität sollte für alle geschützt sein: Grenzen setzen kann dabei ganz ruhig, klar und standhaft stattfinden. Wenn das Kind beispielsweise schlägt, könnte man sanft die Hände festhalten und sagen: „Ich lasse nicht zu, dass du mich schlägst. Ich halte deine Hände fest, bis du dich beruhigt hast.“ Dabei ist dies ein schützendes Festhalten und sollte nur so lange andauern wie nötig.

Nun dürfen wir zuvor jedoch verstehen, dass uns diese Möglichkeiten sehr oft nicht zur Verfügung stehen und uns solch ein rationales, durchdachtes und bewusstes, zudem für uns neues Handeln biologisch überhaupt nicht möglich ist: Unser autonomes Nervensystem ist so gebaut, dass es sich oft anstecken lässt von starken Erregungen anderer. Hinzu kommen unsere eigenen frühkindlichen Prägungen. Wir haben vielleicht die Erfahrung gemacht, dass wir selbst in der Kindheit nicht wütend sein durften, weil unsere Bezugspersonen damit nicht umgehen konnten. Auf Basis dieser erlernten Dysregulation unseres Nervensystems in solchen Situationen, in denen unser Kind wütend wird und unser Nervensystem sich erinnert fühlt an die eigene Kindheit, ist uns all das oben beschriebene sinnvolle Verhalten überhaupt nicht zugänglich, weil unser Gehirn, unser Nervensystem und unsere Körperreaktionen einfach nur aus einem Notzustand agieren.

Also: Sicherheit vermitteln und Verbindung anbieten ist schön und sinnvoll und braucht zugleich zuallererst die entsprechenden Kapazitäten in uns. Es ist nur möglich, dass wir unserem Kind diese Ressourcen anbieten, wenn wir selbst in einem regulierten Zustand da sind oder aktiv dafür sorgen können, uns dorthin zu bringen. Wenn unser Kind uns durch seine Aufregung selbst in innere Anspannung versetzt und unser autonomes Nervensystem entsprechend mit Erregung reagiert, fehlen uns diese inneren Kapazitäten, um dem Kind gerade Stabilität zu bieten. Wir dürfen uns also stets zuerst um uns selbst kümmern, uns selbst regulieren und von diesem stabilen Standpunkt aus wird erst Schritt für Schritt durch ein inneres Umlernen eine solche Begleitung wie die oben beschriebene möglich.

Zunächst einmal geht es in solch einem Moment erst einmal nur um uns selbst. Es gilt, einen Check-in zu machen, sich selbst zu beobachten und zum Beispiel folgende Fragen zu beantworten, um zu verstehen, wo wir selbst stehen und von da aus, was wir brauchen könnten. Es geht um die Einnahme einer Haltung neugieriger, interessierter Selbsterforschung:

  1. Was löst die Wut des Kindes in der Situation in mir situativ aus? Wie geht es mir innerlich, wie angespannt, angeregt, überfordert, hilflos fühle ich mich vielleicht?
  2. Wozu bin ich überhaupt in der Lage? Habe ich Strategien, um mich selbst durch diese Situation zu führen? Habe ich überhaupt Zugriff auf bewusstes Handeln oder reagiere ich aus dem Notzustand meines auf Überlebensmodus eingestellten, aktivierten Nervensystems? 

In Beziehung bleiben – zu sich und zum Kind

Nach dem Wutanfall des Kindes (und der möglichen eigenen Not, die mit hoch kam), ist es als letzter Schritt sehr wertvoll, in Beziehung zu bleiben und nicht zu belehren, auch uns selbst nicht. Insbesondere kommt hier häufiger Traurigkeit hoch, die wieder eine empathische Begleitung braucht: „Puh, das war anstrengend für dich, du scheinst traurig zu sein jetzt, magst du eine Umarmung?“ Das Hintergrundwissen, dass das Kind aus innerer Not agiert hat und sein Bestes gegeben hat, ist als innere Haltung für Eltern oft hilfreich. Zu dem Kind könnte man zum Abschluss der Situation sagen: „Es war schwer für dich gerade. Wollen wir zusammen rausgehen oder ein Buch anschauen?“ Der Übergang hinein in etwas Schönes wird so aktiv von den Eltern gestaltet.

All das gilt auch für uns selbst! Wir brauchen in der Rückschau empathische Begleitung. Wir können hier ebenso zu uns selbst sprechen, uns selbst eine Umarmung schenken, in uns selbst anerkennen, dass wir eben unser Bestes gegeben haben und dass wir ebenfalls in innere Not kamen. Wir könnten uns gemeinsam „bemuttern“, uns beiden einen Kakao kochen, dem Kind neben uns und sozusagen dem Kind in uns, das die Not des Kindes womöglich auf eine Weise miterlebt hat, dass es nun auch noch einmal gehalten werden mag. Sanftheit mit uns selbst bringt hier wieder Kontakt und Beziehung und öffnet den Raum, auch so unserem Kind im Hier und Jetzt zu begegnen. Es ist schlichtweg nicht möglich, uns selbst in alledem zu überspringen.

Wenn Euer Umgang mit der Wut Eures Kindes und Euren eigenen inneren Reaktionen sich verändert, wird sich auch beim Kind etwas verändern und die Aussage, dass Papa zuerst geschlagen habe, verflüchtigt sich dann womöglich. Ihr könntet die Aussage auch ernst nehmen und das Kind einmal fragen: „Für dich hat sich das eben so angefühlt, als hätte Papa geschlagen. Das war bestimmt richtig blöd. Was könnte er denn machen, dass es sich für dich besser anfühlt?“

Wenn wir mit Wut in uns und in der Folge mit dem Kind so konstruktiv umgehen, lernt es langfristig durch wiederholte Erfahrungen, in denen wir konsistent Wut überwiegend annehmend und zugleich begrenzend begleiten, dass seine Wut Raum haben darf und es zugleich klare Grenzen im Ausagieren derselben gibt. Es lernt, dass seine erwachsenen Bezugspersonen emotional präsent sind und sich nicht entziehen, sondern angemessen reagieren. Auf diese Weise lernt es durch Euch als Vorbilder, seine eigene Wut konstruktiv zu regulieren und zu zeigen, wie genau das gehen kann.

Wir sind keine Roboter, sondern Menschen, und Kinder brauchen Menschen als Eltern. Selbst wenn wir ganz tolle Vorbilder sind, dauert das Erlernen einer konstruktiven, sozial verträglichen Emotionsregulation eine ganze Kindheit und Jugend lang und auch wir fangen in uns ja jetzt gerade erst, inspiriert durch unsere Kinder, mit Üben an.

Macht Fehler, verzeiht Euch und geht miteinander weiter!

In dieser unaufgeregten Haltung können wir auch sanfter und verzeihender mit Situationen umgehen, in denen wir uns selbst wünschen, anders reagiert zu haben. Viel Freude wünsche ich Euch bei der Entdeckung Eurer persönlichen Wege!