Darum geht es
Beim „Begleiten“ von Wutausbrüchen kursieren viele Missverständnisse. Worauf kommt es dabei wirklich an? Wie können wir Wut begleiten, wenn es wirklich körperlich wird?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Ich bin mittlerweile wirklich verzweifelt. Wir haben zwei Söhne, 3,5 Jahre und 10 Monate alt. Unser großer Sohn ist gerade in der Autonomiephase und teilweise so voller Wut, dass ich es kaum noch begleiten kann.

Oft schwankt die Stimmung so schnell hin und her, dass ich selbst nicht mehr mitkomme. In einem Moment gut gelaunt, dann schlägt er – für mich aus dem Nichts – seinen Bruder. Und er lässt sich nicht stoppen. Ich komme dann in eine Spirale aus „Nein“ und „Stopp“, versuche, seinen Bruder in Sicherheit zu bringen, um mich dann wieder um die Bedürfnisse des Großen zu kümmern. Ich bin allerdings mit den beiden sehr viel allein und zerreiße mich dann zwischen beiden. Irgendwann schreien alle Kinder und ich bin morgens um 7 Uhr eigentlich schon fertig mit den Nerven.

Jetzt kommt aber noch dazu, dass der ältere Sohn nun mir gegenüber auch sehr körperlich wird.

Sobald etwas nicht funktioniert, wie er sich das wünscht, richtet sich seine komplette Wut gegen mich. Er schlägt auf mich ein, spuckt nach mir und beschimpft mich als „scheiß kack Mama“.

Ich kann das kaum aushalten und weiß gar nicht, wie ich reagieren soll. Ich versuche mich zu schützen und irgendwie sein Bedürfnis zu sehen. Aber mir fällt es unglaublich schwer, so mit ihm in Verbindung zu bleiben.

Meist glätten sich die Wogen nach 20 Minuten wieder, aber ich habe noch keinen Weg gefunden, ihn zu begleiten und gleichzeitig eine Grenze bei mir zu ziehen.

Wahrscheinlich ist das Verhalten von ihm sehr normal und dennoch komme ich damit kaum zurecht, ohne wütend zu werden. Was kann ich tun, um es besser auszuhalten und ihm alternative Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen?

Die Antwort
unserer Expertin.
Kann man diese Wut überhaupt begleiten?
Heidy de Blum — FamilyLab Deutschland

Liebe Mama,

Vielen Dank für deine offenen Worte und diese Frage. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit kann ich sehr gut nachempfinden und ich bin mir sicher, viele andere Eltern auch.

Gerne möchte ich einen genaueren Blick auf deine Situation werfen und ich hoffe, dass ein paar Gedanken dabei sind, die dir den Alltag ein bisschen leichter machen werden.

Aus meiner Erfahrung heraus, gibt es einige Missverständnisse, wenn es darum geht, dass wir den Wutanfall unserer Kinder begleiten sollen. Allein dieser Begriff „begleiten“ – stellt viele Eltern vor ein großes Fragezeichen. Was bedeutet denn begleiten? Es klingt wie eine zusätzliche Aufgabe, die wir meistern müssen und an der wir oft das Gefühl haben zu scheitern, wenn wir keinen ruhigen, gelassenen Weg finden. Somit ist es dann ein weiterer Punkt auf der To-Do-Liste, den wir noch lernen müssen. Und das kommt mit Sicherheit auch daher, dass wir vielleicht auch schon viel dazu gehört haben. Wir sollen geduldig bleiben, Gefühle spiegeln, Gefühle annehmen, unseren Kindern zeigen, dass sie das Kissen, aber nicht den Bruder schlagen dürfen und so weiter und so weiter. Puh – das erhöht den Druck noch mehr.

Die Realität fühlt sich doch eher wie ein absolutes Chaos an und mit Sicherheit nicht wie friedliches „Begleiten“.

Was kannst du also tun, wenn die Wut deinen Sohn und auch dich überrollt? Hier ein paar ganz konkrete Ideen:

Erstens: Schutz

Dein Sohn kann gerade nicht anders handeln und deshalb ist es wichtig, dass du dich und deinen jüngeren Sohn schützt, damit alle heil bleiben. Das kann je nach Kind ganz unterschiedlich aussehen. Bei manchen Kindern reicht es vielleicht, in einen anderen Raum zu gehen, bei anderen muss ich vielleicht körperlicher werden und Hände und Füße festhalten, damit keiner verletzt wird. Es kann je nach Situation auch notwendig sein, eine schützende Barriere zu schaffen, vielleicht ein Kissen oder auch eine Tür.

Das fühlt sich nicht besonders toll an, aber auch das ist eine Grenze, die vielleicht notwendig ist, damit alle unversehrt bleiben.

Wenn du merkst, es gibt gerade keinen anderen Weg, dann braucht es manchmal mehr als ein zärtliches Halten der Hände – denn ein Kind mit 3,5 Jahren hat eben ganz schön viel Kraft.
Wenn dich die Wut so sehr überrollt, dass du deinem Sohn nicht mehr zugewandt bleiben kannst, dann ist es wichtig, dass du ihn auch davor schützen kannst.

Im Besten Fall ist es möglich, diesen Schutz zu gewähren, ohne das Kind dafür schlecht zu machen, wie es gerade handelt. Denn letztendlich kommt es hier wirklich nur auf die innere Haltung an.

Mir hilft es, wie ein Mantra mit mir selbst zu reden (innerlich oder laut) – „Mein Kind ist gerade in Not, es kann nicht anders handeln und ich handle hier zum Schutz und nicht gegen mein Kind.“ – So, oder welche Worte eben für dich passend sind.

Es ist nicht immer einfach und je nachdem, wie es uns gerade geht, wird es uns nicht gelingen, immer in einer solchen Haltung zu bleiben. Das ist einfach nur menschlich.

Reflektiere für dich: Kann ich in der Wutsituation noch erwachsen Handeln? Oder bin ich selbst so in meiner Wut gefangen, dass dies grundsätzlich gar nicht möglich ist?

Es gibt hier nicht immer einen Weg, der für alle zufriedenstellend ist. Manchmal bedeutet es einfach, die Bedingungen so zu schaffen, dass keiner von euch dreien verletzt wird.

Wenn es regelmäßig der Fall ist, dass dich die Wut regelrecht überrollt und du keinen Zugang mehr zu den erwachsenen Anteilen in dir hast, dann möchte ich dir auf jeden Fall ans Herz legen, dir professionelle Unterstützung zu holen.

Zweitens: Selbstregulation

Hier kannst du ansetzen und gleichzeitig ein wundervolles Vorbild für deinen Sohn sein. Was brauchst du, damit dein Nervensystem nicht in den absoluten Stresszustand hochfährt?

Wenn du selbst nie gelernt hast, mit deiner eigenen Wut umzugehen, dann ist es jetzt deine absolute Chance, denn deine Jungs werden dir unzählige Möglichkeiten geben.

Es gibt vieles, was dabei helfen kann: Atemtechniken, Bewegung – Hüpfen, Boxen, Tanzen, frische Luft (Fenster auf), ins Kissen schreien (das wird ja oft Kindern angeboten, ist aber als Erwachsene genauso möglich) – der Fantasie sind keine Grenzen gelassen. Versuche, Dinge zu finden, die zu dir in diesen herausfordernden Situationen passen. Sobald alle geschützt sind, kannst du dich zuerst um deine Emotionen kümmern und dann um die deiner Kinder.
Es ist essenziell, dass du zuerst lernst, was du für dich tun kannst.

Das ist es, was dein Sohn braucht: ein Gegenüber, das einen Weg hat, das eigene Nervensystem zu beruhigen. So kann er sich in dein Gefühl einklinken und merken – Wut ist ok, Wut darf sein, Wut zeigt mir, wo meine Grenzen beachtet werden müssen und die Welt dreht sich trotzdem weiter.

Wut setzt viel Kraft in uns frei, deshalb braucht es meistens auch einen körperlichen Ausdruck.

Diese zwei Punkte sind meines Erachtens die wichtigsten, wenn es darum geht einen Wutanfall zu begleiten – SCHUTZ und SELBSTREGULATION – das sind die beiden Säulen, die uns tragen.

Drittens: Prävention

Wir können auch schon im Vorhinein aktiv werden: Entlastung, Entlastung, Entlastung – je mehr Unterstützung du bekommst, umso besser kannst du mit den stürmischen Momenten und Phasen im Alltag umgehen. Betreibe radikale Selbstfürsorge. Wer kann dich im Alltag unterstützen? Mit welchen Freunden kannst du dich umgeben, um nicht immer komplett alleine zu sein? Was kann dir deinen Alltag wirklich erleichtern? Wie kannst du dich gut um dich selbst kümmern? Jedes kleine bisschen zählt!

Warum ist das so unglaublich anstrengend?

Auf der einen Seite haben wir die Wut deines Sohnes, der diese Emotion sehr körperlich ausdrückt und auf der anderen Seite haben wir deine eigene Wut, die entsteht, wenn du mit diesem Verhalten konfrontiert wirst.

Wut können wir als eine Art Wächter verstehen. Wut zeigt uns ganz klar: „Hey – so will ich das nicht. Hier ist meine Grenze überschritten. Das darf so nicht sein!“ Wut ist also eine Emotion, die uns dabei hilft, auf uns aufzupassen, die unglaubliche Kräfte freisetzen kann, um unsere Grenzen aufzuzeigen und diese zu schützen.

Was für eine wichtige Emotion – Wut ist der Hüter unserer Grenzen!

Die meisten Eltern (vor allem auch Mamas) sind allerdings eher so aufgewachsen, dass diese hilfreiche Emotion überhaupt nicht willkommen war.
Ich weiß natürlich nicht, wie es bei dir war – aber vielleicht kannst du mal in dich hinein spüren. Bei vielen Mamas, mit denen ich arbeite (mich eingeschlossen), war es so, dass Wut am besten einfach schnell wieder verschwinden sollte. Es war nicht erlaubt, nicht gewünscht und nicht geduldet, dass man als Kind diese Emotion zeigte und gar noch körperlich wurde.

Meist gab es Ablehnung oder vielleicht sogar Bestrafung, wenn diese Emotion hochkochte.

Wir haben also nie gelernt, dass wir dieses Gefühl auch wertschätzen können und dass es eigentlich eine wichtige Funktion hat. Wir haben nie gelernt, mit Wut konstruktiv umzugehen. Viele haben eher gelernt, dass dieses Gefühl nicht sein soll. Wir haben tief in uns abgespeichert, dass es etwas Bedrohliches ist, das ganz schnell wieder weg muss.

Im Weiteren gehe ich von der Hypothese aus, dass es bei dir vielleicht auch so oder so ähnlich sein könnte. Es ist nur eine Vermutung, denn ich habe keine Möglichkeit nachzufragen.

Was passiert jetzt also, wenn du und dein Sohn wie von dir beschrieben aufeinandertreffen? Dein Kind zeigt seine Wut ungehemmt. Er hat entwicklungsbedingt keine andere Möglichkeit, als seinem Gefühl lautstark und körperlich Luft zu machen. Seine Grenzen werden regelmäßig übertreten – das liegt einfach in der Natur der Dinge.

Er hat einen kleinen Bruder, mit dem er seit 10 Monaten auf einmal seine Mutter teilen muss. Natürlicherweise gibt es da auf einmal mehr Stopps und Grenzen und mit Sicherheit vieles, was ihm überhaupt nicht passt. Und dann springt irgendwann sein Wächter an und zeigt mit allem, was er hat, dass er es so überhaupt nicht möchte!

Und damit trifft er dich, einen erwachsenen Menschen, der tief im Inneren spürt: Wut ist etwas Bedrohliches. Wut darf man nicht zeigen, das ist nicht erwünscht.
Selbst, wenn wir heutzutage (zum Glück) rational immer wissen, dass alle Gefühle wichtig und erlaubt sind, so ist das etwas rein Rationales. Unser Gefühl springt an und meldet uns etwas ganz anderes zurück.
Hinzu kommen dann auch noch weitere Umstände, die nicht unbedingt förderlich sind, um in stressigen Situationen gelassen zu bleiben, wie Schlafmangel, der Aufschub der eigenen Bedürfnisse zugunsten der Bedürfnisse der Kinder, das viele Alleinsein mit den beiden Kindern.

Und zusätzlich der Anspruch, den Wutanfall deines Sohnes gut, gelassen und friedlich zu begleiten… Schon die innere Enttäuschung, diesem hohen Anspruch vielleicht nicht gerecht zu werden, ist ein weiterer Faktor, der es erschwert, souverän zu bleiben.

Wenn die großen Gefühle deines Sohnes und der Ausdruck dieser Emotionen dich treffen (im wahrsten Sinne des Wortes), dann ist in dir vielleicht genauso viel los wie im Inneren deines Sohnes.

Und hier kommen wir zum Knackpunkt. Ja, viele Ideen, wie wir die Wutanfälle unserer Kinder begleiten können, hören sich richtig gut an und doch sind sie vielleicht gar nicht umsetzbar.

In deiner Situation musst du dich bei jedem Wutanfall um 3 Menschen kümmern: um deinen älteren Sohn, der nicht weiß wohin mit seinen Gefühlen, um deinen jüngeren Sohn, der zunächst nur Schutz braucht und um dich selbst, denn nur wenn du ruhig und gelassen bleiben kannst, dann kannst du die Situation gut begleiten.

Nachdem die Wut euch wieder verlassen hat, könnt ihr gemeinsam schauen, was die Botschaft dahinter war.

Was will uns der Wächter sagen? Was brauche ich? Was braucht mein Sohn? Wann spüre oder respektiere ich meine eigenen Grenzen nicht?

Hab Geduld mit dir und deinem Sohn – ihr habt beide die Möglichkeit viel zu lernen und lernen bedeutet eben auch Fehler machen, ausprobieren, suchen und den eigenen Weg finden. Und denk dran, es geht nicht darum, das „perfekte“ Begleiten zu erlernen. Im Akutfall geht es erstmal nur um Schutz und Selbstregulation und im Nachgang haben wir Zeit zu erforschen, was uns in Zukunft noch mehr entlasten kann, damit wir für den nächsten Wutanfall gut gestärkt sind.

Ich wünsche dir alles Gute auf deinem Weg und dabei, deinen Wächter und den deiner Söhne besser kennenzulernen.