Darum geht es
Mein Kind hat Angst vor einer Operation. Die Behandlung wird unter Vollnarkose stattfinden, weil sie panische Angst vor Ärzten hat, aber ich bin selbst überfragt, wie ich sie gut begleiten soll!
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo! Ich würde mich gern mit folgender Frage an die Elternberatung wenden:

Ich muss bald mit meiner Tochter, die gerade 3 geworden ist, in eine Zahnklinik für eine Behandlung unter Narkose.

Sie hat panische Angst vor Ärzten, insbesondere dem Zahnarzt, daher ist die nötige Behandlung nur auf diesem Weg – also unter Vollnarkose – umsetzbar. 

Aber das bringt natürlich dennoch Herausforderungen mit sich. Die ganze Situation vor Ort, die Untersuchungen vorab, das Legen der Zugänge. Alles wird mit viel Angst und Panik bei ihr verbunden sein und ich selbst bin auch in Sorge. Ich frage mich immer wieder, wie ich es schaffen soll, für sie der „Fels in der Brandung“ zu sein und diese großen Gefühle in diesem Ausnahmezustand so zu begleiten, dass meine Tochter bestenfalls sogar gestärkt aus der Situation herausgehen kann…

Ich denke, ich kann ganz gut meine Ängste und Sorgen von denen meiner Tochter unterscheiden. Dennoch bin ich ratlos, wie ich am besten mit meinen Sorgen und meiner Anspannung sowohl vor dem Termin, als auch bei der Behandlung selbst umgehen soll, um ihr dennoch Ruhe, Zuversicht und Stärke zu vermitteln.

Ich bin alleinerziehend und die einzige Vertrauensperson, also dass jemand anderes mit ihr dorthin geht, ist leider auch keine Option. Was kann ich tun?

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind hat Angst vor einer Operation
Dr. Sara Badawi — FamilyLab Deutschland

Hallo und lieben Dank für Deine Frage!

Puh, da habt ihr ja wirklich einen harten Weg vor euch! Ich verstehe deine Sorgen sehr gut und möchte dir gerne rückmelden, dass schon alleine die Gedanken, die du dir machst, unglaublich wertvoll sind und sicherlich einen guten Teil dazu beitragen, dass du deine Tochter sehr gut auf diesem Weg begleiten wirst.

Schwierige Erfahrungen gehören dazu

Bei uns Eltern steht immer der Wunsch an oberster Stelle, dass unsere Kinder eine glückliche Kindheit verbringen und wir Sie am liebsten vor sämtlichem Leid und schlechten Erfahrungen schützen. Das ist nicht immer möglich. Und muss es auch nicht.

Die gute Nachricht ist:

Wir Menschen sind so insgesamt eine doch recht robuste Spezies und zum Glück auch für schlechte Erfahrungen „gebaut“

Daher dürfen wir das Vertrauen haben, dass unsere Kinder auch schwierige Zeiten gut durchstehen können ohne daran kaputt zu gehen. Traue deinem Kind die Erfahrung zu!

Es gibt so viele Beispiele für schwierige Schicksale: Ein Kind erleidet einen Verlust, verliert einen geliebten Menschen für immer oder ein Elternteil wird schwer krank oder verletzt und ist kurz- oder langfristig nicht verfügbar. Ein anderes hat selbst einen Unfall, wird schwer krank oder muss eine Operation durchstehen. Man denke nur an Kinder in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten.

Was du in Deinem Fall konkret tun kannst

Sprich mit deiner Tochter darüber und stehe für sie ein!

Sprich mit deiner Tochter darüber, was passieren wird. Und dass du – komme was wolle – immer dabei sein, auf sie aufpassen und für sie da sein wirst.

Und mach das dann auch!

Häufig erleben wir im Gesundheitswesen (und da spreche ich aus jahrelanger eigener Erfahrung in Kinderarztpraxen und Kinderkliniken), dass Ärzte/Ärztinnen und Pflegepersonal selbst häufig nicht aushalten können, dass Kinder leiden. Daher kommt unter anderem die Idee, den Kindern vorher nicht zu sagen, dass es jetzt etwas wehtun wird. Sie beispielsweise auf Impfungen nicht vorzubereiten. Oder gar die Eltern rauszuschicken, wenn eine Prozedur wie Zugang legen oder Ähnliches ansteht. Das ist wenn man ehrlich ist meist gar nicht so sehr im Sinne des Kindes, sondern eher ein etwas egoistisches Motiv, sich selbst vor emotionalen Situationen, wo es um Empathie, Anteilnahme und Trost geht, zu schützen. Da brauchst du mitunter starke Schultern und ein breites Kreuz, um klar sagen zu können:

„Ich möchte mein Kind nicht alleine lassen und bleibe hier, bis die Narkose wirkt und ich möchte spätestens da sein, sobald sie die Augen wieder aufschlägt.“

„Ich möchte bei allen Prozeduren anwesend sein und mein Kind begleiten.“

„Ich möchte wissen, ob es eine alternative Untersuchungsmethode gibt, die nicht schmerzhaft ist, oder ob das hier nun wirklich sein muss.“

Nimm ihre Angst ernst und bringe ihr Verständnis entgegen.

Vermutlich kommt die „panische Angst“ deiner Tochter, die du schilderst, von ihren bisherigen Erfahrungen mit Ärzten und Ärztinnen.

Gerade in den ersten beiden Lebensjahren sind ja planmäßig sehr häufige Arztbesuche und häufige Impfungen für Kinder vorgesehen. Da haben die meisten Kinder (verständlicherweise!) Angst und es braucht im Anschluss viel Einfühlungsvermögen seitens der Ärzte/Ärztinnen und ein paar gute Erfahrungen für das Kind, um das Vertrauen wieder herzustellen, dass nicht bei jedem Arztbesuch ein Pieks stattfindet.

Du bist die bestmögliche Begleitung für dein Kind!

Dieser Rat gilt für alle Eltern, alleinerziehend oder nicht: Auch wenn du weitere Vertrauenspersonen in deinem Umfeld hättest – du als primäre Bindungsperson bist sicherlich die bestmögliche Begleitung und Unterstützung für dein Kind. Die Option, dass jemand anderes die Begleitung übernimmt, ist nicht im Sinne deines Kindes.

Und jetzt kommt auch hier die gute Nachricht: du als Mama oder Papa darfst dir die Begleitung deines Kindes zumuten. Du wirst das schaffen! Ganz sicher!

Plan dir danach ganz liebevoll etwas Schönes ein, um dich zu erholen!

Manchmal ist es toll für die Kinder, danach eine Überraschung als Belohnung zu bekommen. Oder einen Wunsch erfüllt zu bekommen. Einfach als Erinnerung für das Erlebte und Durchgestandene. Aber bitte nicht als Erpressung „Wenn du tapfer bist und nicht weinst, bekommst du…“

Begleite die Gefühle und hab Vertrauen in dein Kind!

Weinen, schimpfen, schreien gehört dazu und soll sein. Besprich alles. Das Sprechen wird dich selbst auch beruhigen. „Ich halte dich jetzt. Wir schaffen das zusammen. Jetzt wird es einen Pieks geben, aber ich weiß, du schaffst das. Wir schaffen das. Wir haben es bald geschafft. Nur noch kurz aushalten. Noch ein wenig aushalten.“

Vielleicht hilft dir der Gedanke und die Vorstellung des psychotherapeutischen Begriffs „Containment“: Die Vertrauensperson begleitet die heftigen Gefühle des Kindes, die es selbst noch nicht aushalten kann, indem es sie aufnimmt, „contained“ und in für das Kind verträglicheren Portionen wieder zurückgibt. „Das ist schlimm, ich weiß. Du wirst das schaffen. Du bist nicht allein, auch wenn du dich gerade so ausgeliefert und ohnmächtig fühlst. Ich bin bei dir. Das ist gemein, dass du das aushalten musst.“

Ein Dialog wird im akuten Moment nicht zustandekommen, aber deine Sprache hilft deinem Kind. Du kannst das auch vorher üben für dich selbst, indem du dir Sätze auswählst und sie schonmal laut aussprichst.

Und versuch nicht, dein Kind zu überzeugen, dass das alles ja sinnvoll ist und für die Gesundheit sein muss und erwarte sein Einverständnis. Schaffe lieber ein klares Bewusstsein dafür, dass das eine schwierige Zeit wird, in der du deine Tochter begleiten wirst und ihr vertraust und daran glaubst, dass sie es gut schaffen wird.

Ich wünsche Dir und Deiner Tochter von Herzen alles Gute!