Darum geht es
Mein Mann kann schlecht damit umgehen, wenn bei den Kindern negative Gefühle wie Wut, Trauer oder Frust auftreten. Für ihn ist „funktionieren“ wichtig – das Kind soll sich zusammenreißen, nicht jammern, nicht weinen. Aber ich wünsche mir einen ganz anderen Umgang!
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo liebes Beratungsteam,

ich wende mich an euch, weil ich oft innerlich hadere und mir Sorgen mache, was bestimmte Erziehungssituationen mit unseren Kindern machen könnten – vor allem in Bezug auf den Umgang mit Gefühlen.

Seit der Geburt unseres ersten Kindes (er ist jetzt 3 Jahre alt, unser zweites Kind ist 11 Monate) beschäftige ich mich täglich intensiv mit Themen rund um Erziehung, kindliche Entwicklung, Ernährung und Gesundheit – einfach weil es mir wichtig ist und ich auch Freude daran habe. Mein Mann arbeitet Vollzeit, hat verständlicherweise weniger Zeit und Energie, sich so tief mit allem auseinanderzusetzen.

Was mir große Bauchschmerzen bereitet: Mein Mann hat kaum Toleranz für Gefühle wie Wut, Frust oder Weinen. Für ihn ist „funktionieren“ wichtig – das Kind soll hören, nicht jammern, nicht weinen, sich „zusammenreißen“. Wenn unser Sohn Gefühle zeigt, kommen oft Sätze wie „Hör auf zu weinen!“, „Es gibt keinen Grund zu weinen!“, „Du beruhigst dich jetzt auf der Stelle!” oder „Geh auf dein Zimmer, wenn du weinen willst!“. Auch Wutausbrüche beantwortet er meist mit lautem Schimpfen. Ich selbst versuche dagegen, unsere Kinder in ihren Gefühlen zu begleiten, ihnen zu zeigen, dass alle Emotionen sein dürfen, und einfach da zu sein. Ich merke aber, dass diese gegensätzlichen Haltungen bei mir zu innerem Konflikt führen – und möglicherweise auch bei unseren Kindern.

Ich habe meinem Mann schon einige Male etwas dazu gesagt, vorsichtig und immer im passenden Moment – aber es kommt selten an oder wird schnell abgeblockt. Ich habe Angst, dass unser Sohn langfristig lernt, dass er seine Gefühle nicht zeigen darf – und ich will nicht irgendwann zurückblicken und bereuen, nicht deutlicher gewesen zu sein.

Deshalb meine Fragen an euch: Was macht dieses Verhalten mit unseren Kindern auf Dauer?

Wie kann ich meinem Mann liebevoll, ohne Vorwurf und auf Augenhöhe klarmachen, dass Gefühle nicht „weg-erzogen“ werden können? Und wie schaffen wir es vielleicht als Eltern, einen gemeinsamen Weg im Umgang mit Emotionen zu finden?

Außerhalb dieses Themas klappt unsere Zusammenarbeit gut – mein Mann ist liebevoll, engagiert und in vielen Bereichen sehr präsent. Umso mehr wünsche ich mir, dass wir auch hier zueinanderfinden.

Die Antwort
unserer Expertin.
Keine Toleranz für negative Gefühle
Dr. Desiree Bender — FamilyLab Deutschland

Liebe Mama,

danke für Deine wunderbare Schilderung, auch Eurer Ressourcen als Eltern. Es ist so wertvoll, dass Du die Aspekte benennst, die Dich besorgen und hier genau hinsehen möchtest und zugleich den Blick offen hältst für die Bereiche Deines Mannes, in denen Du ihn als liebevoll, präsent und engagiert erlebst. Auch wie Du ihm begegnen magst und von welch großer Verantwortungsbereitschaft gegenüber Euren Kindern Dein Brief zeugt, zeigt Deine innere liebevolle Haltung ihm gegenüber. Das sind Schätze in Eurer Partnerschaft und gemeinsamen Elternschaft, von der Ihr alle viel zehren könnt!

Ausgehend von dieser tragfähigen Basis, lass uns genauer hinsehen, wo Entwicklungspunkte für Euch liegen, die Du in Deinem ausgeprägten Bewusstsein für die Bedürfnisse aller achtsam anstoßen könntest.

Verständnis für Deinen Partner  

Zunächst einmal ist es vielleicht hilfreich, Deinen Mann gut zu verstehen. Er ist zugewandt und liebevoll, nur beim Thema Gefühle „steigt er aus“. Damit meine ich, dass er das Kind in seiner Zugewandtheit ebenso innerlich verlässt wie sich selbst. Aus meiner Wahrnehmung heraus, wird dies an seinen Reaktionen sichtbar und daran, dass er im Hier und Jetzt nicht mehr präsent bleiben kann; dies deutet möglicherweise auf eine tief verankerte Schutzstrategie in ihm hin.

Als Erwachsene sind wir erst dazu in der Lage, mit den Gefühlen von Kindern feinfühlig umzugehen, wenn wir innere Strategien haben, unsere eigenen Gefühle zu sehen und zu respektieren. Dazu braucht es für ihn wahrscheinlich neue Wahrnehmungsweisen von sich und anderen, die erst entwickelt werden dürfen. Außerdem ist eine Gefühlsbereitschaft wichtig, also die innere Bereitschaft eines Menschen, sich mit den eigenen Gefühlen und den Gefühlen anderer in Kontakt zu bringen – ohne zu flüchten, zu kontrollieren oder zu bewerten. Diese Bereitschaft scheint aktuell bei ihm seltener da zu sein als bei dir. Insbesondere in Situationen, in denen Gefühle in der eigenen Kindheit nicht da sein durften, geraten wir als Eltern in innere Not, wenn nun unsere Kinder Traurigkeit oder Wut ungebremst und frei aus sich herausfließen lassen – mit allem, was dazu gehört.

Kommunikation 

Wie bei jedem Menschen gilt auch für deinen Mann, dass sich sein Umgang mit Gefühlen im Verlauf seiner Biographie bis heute entwickelt hat. Seine typischen Reaktionen auf die „negativen“ Emotionen Eurer Kinder sind nicht nur Verhaltensweisen im Jetzt, sondern sie haben eine Entstehungsgeschichte, einen „Rattenschwanz“, der wie bei uns allen wahrscheinlich bis in seine Kindheit zurückreicht.

Nun geht es für Dich darum, ihm vor diesem Hintergrund achtsam, liebevoll und zugewandt zu begegnen. Deine liebevolle Kommunikation mit ihm kann für ihn wiederum eine heilsame Erfahrung sein, in der er spürt: Ich werde wahrgenommen, gesehen, geachtet und meine Würde wird erhalten. Gemeinsam entwickeln wir uns für unsere Kinder weiter und erfahren dabei, vom Partner ganz angenommen zu sein. So fällt es leichter, auch die Kinder mit allem anzunehmen, was sie sind und gerade zeigen. Und hier beginnt tiefer Frieden: Wenn wir uns selbst, die anderen und das, was gerade da ist, voll und ganz annehmen. An diesem Ort sind wir ganz präsent.

Worauf kommt es nun in der Kommunikation mit ihm an? Nach dem, was er offenbar in Bezug auf Gefühle bislang gelernt hat und unbewusst danach handelt, kann es sinnvoll sein, wenn Du Raum für seine eigene Geschichte schaffst. Dabei ist eine interessierte, zugewandte und wertfreie Haltung wichtig. Von hier aus kann er sukzessive und in kleinen Entwicklungsschritten Selbstmitgefühl und Veränderung in dem von Dir geöffneten Raum gehen.
(Wie) durfte er selbst früher Gefühle zeigen? Wie war das mit Traurigkeit, Wut, Weinen und Toben?
Hat er eine Idee, woher seine starke Ablehnung gegen das Weinen kommt? Dazu braucht es sicherlich immer wieder Austausch und auch die Abklärung seiner Bereitschaft, dort hinzuschauen und sich Dir gegenüber zu öffnen, sodass ihr einander gleichwürdig begegnen könnt.

Gib ihm Zeit!

Im Folgenden ein Formulierungsvorschlag der verschiedenen Dimensionen, die Eure Gespräche haben könnten, inklusive des Aspekts, was das gefühlsablehnende Verhalten langfristig mit Euren Kindern machen könnte:

„Ich möchte etwas mit dir teilen, was mir schwerfällt, mir jedoch wichtig ist. Nicht, weil ich dich kritisieren will, sondern weil ich dich liebe, und wir gemeinsam Eltern sind.

Ich merke in manchen Momenten, dass ich innerlich unruhig werde, wenn unser Sohn weint oder wütend ist – und du dann versuchst, das sofort zu stoppen oder ihn wegzuschicken. Ich würde gerne mit dir darüber sprechen und für dich da sein, weil das nach großem inneren Stress in dir aussieht und auch, weil ich das von mir selbst kenne, wie überfordernd sich das manchmal anfühlen kann mit den Kindern. 

In mir kommt dann die Sorge hoch, dass unser Sohn lernt, seine Gefühle sind nicht in Ordnung und er sich irgendwann nicht mehr zeigt und das wünsche ich mir anders für ihn. Ich möchte, dass er ganz sein kann und sich von uns angenommen fühlt mit allem, was er fühlt. Mir ist wichtig, dass wir dem inneren und äußeren Gefühlsleben bei uns und unseren Kindern mit Respekt, Neugier und Menschlichkeit begegnen und ich wünsche mir, dass wir das miteinander lernen. Warum mich das besorgt, ist, dass Kinder durch dieses Verhalten lernen, dass Weinen falsch ist oder ihre Wut nicht okay ist. Unser Sohn kann auch lernen: „Ich muss mich beherrschen, sonst verliere ich die Verbindung zu Papa“ und passt sich dann aus Angst vor Ablehnung an. Ich möchte nicht, dass er so den Zugang zu seinen Gefühlen verliert, was sich auf spätere Beziehungen in seinem Leben auswirken kann. Ich wünsche mir, dass er erlebt: Ich bin mit all meinen Gefühlen willkommen und nicht: Ich bin nur akzeptiert, wenn ich „funktioniere“.

Ich weiß nicht, wie es sich für Dich anfühlt und ich wünsche mir, dass wir gemeinsam darüber sprechen können – ohne „richtig und falsch“. Ich will dich nicht verändern und wir haben viel Zeit. Ich wünsche mir nur, dass du verstehen kannst, was mir wichtig ist – und warum.“

Haltung und Leichtigkeit

Durch diese Initiative könnt ihr einen Weg beschreiten,  der bei den allermeisten von uns viele kleine und größere Prozesse und Schritte umfasst. Dann begegnest du Deinem Mann in der Haltung „Ich will dich nicht verändern, ich liebe dich so wie du jetzt bist. Ich will dich verstehen und gemeinsam mit dir wachsen.“ Wenn wir eine solche Haltung annehmen, sind wir und unsere Kinder bereits vollkommen und geliebt. Ihr seht Eure Entwicklungspunkte, geht sie gemeinsam an und diese Haltung trägt Leichtigkeit und Frieden in sich. Lasst Entwicklungspunkte dabei nicht zu einer gefühlten Schwäche, sondern zu Eurer Stärke werden!