Ehrlich gestellt.
Unsere (gerade) 5-Jährige tut sich enorm schwer selbst in Beschäftigung zu kommen oder überhaupt mal Zeit mit sich zu verbringen. Beispielsweise gestern: Ich sage ihr, ich gehe kurz hoch und beziehe das Bett neu. Nach zwei Minuten, als ich gerade am Fertigwerden bin, höre ich Schritte auf der Treppe und sie kommt hoch.
Ihre 2,5-jährige Schwester bekommt es schon öfter hin zu merken, dass wir gerade keine Zeit oder Lust haben, und sucht sich was zum Spielen.
Wir haben eine offene Wohnküche, wobei das Wohnzimmer eher Kinderzimmer ist, da dort viele verschiedene Spielmöglichkeiten sind. Aber selbst das hilft nicht, dass sie sich mal selbst beschäftigt. Der Mal-Couchtisch ist voll mit Malsachen, sie schafft es nur in den seltensten Fällen selbst, sich daraus zu bedienen. Die Spielsachen werden nicht bespielt. Am ehesten wird die kleine Schwester geärgert, damit man wieder Aufmerksamkeit bekommt.
Sie ist so kreativ, hat so tolle Ideen, wenn es aber an die Umsetzung geht, kommt aber regelmäßig: „MaPa, du sollst das machen!“ Es laugt uns einfach so aus, ständig in Bereitschaft zu sein. Dass sie nicht in ihr Kinderzimmer geht und wir wirklich mal Pause haben, nun gut, das ist dann wohl so.
Was vermutlich auch reinspielt, sie war als Baby ein High-Need-Baby und dies zieht sich jetzt einfach durch. Von ihr kommt kein Impuls, etwas zu ändern, und wir wissen nicht, wie wir das angehen sollen.
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
zunächst erstmal herzlichen Dank für Ihre Frage und Ihr Vertrauen! Tatsächlich ist mir als Familientherapeutin dieses Thema nicht unbekannt. Gerne gebe ich Ihnen ein paar Anregungen, wie Sie die Situation für alle verbessern können.
Zunächst: Sie schreiben, dass Ihre Tochter ein High-need-Baby war. Das heißt, dass sie als Eltern mit Ihrer erstgeborenen Tochter wahrscheinlich viel damit zu tun hatten, die Bedürfnisse Ihres Babys zu erfüllen. Das war auch noch gut möglich, da sie das erste Kind war und all Ihre Aufmerksamkeit auf ihr ruhen konnte (Anmerkung zu Ihrer zweiten Tochter: Diese hat von Beginn ihres Lebens an erfahren, dass Ihre Zeit durch zwei geteilt wird, weshalb sie vermutlich früher gelernt hat, sich allein zu beschäftigen).
Das gewohnte Maß an Aufmerksamkeit
Eltern setzen in den ersten Jahren den Referenzwert und Standard dafür, wie viel Aufmerksamkeit ein Kind üblicherweise bekommt. In der Regel bekommen die Erstgeborenen davon mehr, weil es für die Eltern ganz neu ist, Eltern zu sein, sie unsicher sind, alles richtig machen wollen und ja oft auch diese Zeit besonders intensiv erleben (wollen). Da wir Menschen Gewohnheitstiere sind, entsteht im Kind die Erfahrung: So viel Aufmerksamkeit geben mir meine Eltern und so wird es bleiben. Wenn wir etwas über lange Zeit erleben, entsteht die Erwartungshaltung, dass es immer so weiter geht. Das ist normal. Außerdem lernt das Kind: Das ist also die Art, wie meine Eltern mir ihre Liebe zeigen. Das heißt: Dieses Maß an Aufmerksamkeit ist gleichgesetzt mit dem Gefühl, geliebt zu sein. Nun ist das aber nicht zwangsläufig Liebe, sondern vielmehr ein Muster, das sich entwickelt hat, zumal Sie als Eltern diese Aufmerksamkeit ja nicht immer ganz freiwillig geben.
Nun befinden Sie sich in der Situation, dass Sie gerne etwas an dem Maß der Aufmerksamkeit für Ihre Tochter verändern wollen. Dagegen protestiert sie naturgemäß, da sie ja, wie oben erklärt, daran gewöhnt ist und diese Art von Liebe weiter erwartet. Jetzt kommt es auf Ihre Haltung an: Können Sie aus voller Überzeugung sagen: „Wir wollen gerne etwas verändern und dir weniger Aufmerksamkeit geben!“? Möglicherweise zuckt es jetzt in Ihnen, weil es ja „hart“ ist, dem Kind Aufmerksamkeit zu entziehen. Damit es leichter für Sie wird, möchte ich Ihnen gerne ein paar Hinweise geben, warum es wichtig ist, dass Sie mit guten Gewissen sagen: „Ich will jetzt nicht mit dir spielen!“
Reduzierte Aufmerksamkeit ist wertvoll
Kinder brauchen mit zunehmendem Alter weniger Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Mit zunehmender Selbständigkeit können sie immer mehr Verantwortung für sich übernehmen und Dinge auch allein bewältigen. Wenn wir einem Kind zu lange Dinge abnehmen, die es eigentlich selbst tun kann, wird es hilflos. Das scheint in Bezug auf das Alleinspielen bei Ihrer Tochter bereits so zu sein, dass sie tatsächlich nichts mit sich anzufangen weiß.
Weniger ist mehr
Kinder brauchen dringend das Erlebnis von Selbstwirksamkeit und die Erfahrung von Flow in ihrem Spiel. Wenn Kinder das nicht können, haben sie oft zu viele Außenreize bekommen und hatten nicht die Möglichkeit, eigene Impulse zu entwickeln. Das ist heute leider oft der Fall, da Kinder auch in der Kita häufig Impulse von außen bekommen, unter pädagogischer Beobachtung stehen und wir überhaupt in einer Zeit leben, in der es auch durch Vereine und sonstige Aktivitäten ständig Programm gibt. Glücklicherweise schreiben Sie, dass Ihre Tochter sehr kreativ ist.
Alles beginnt mit Langeweile
Wie kann man dem Kind helfen, in die Eigeninitiative zu kommen? Dazu gibt es nur einen Weg: die Langeweile! Langeweile ist die Brutstätte für Kreativität. Sie ist der Ausgangspunkt für eigene Ideen und Impulse. Für Kinder (und Erwachsene) ist dieses Gefühl zunächst sehr unangenehm, weil uns Aktivität mehr befriedigt. Aber Langeweile ist der einzige Weg, den Raum freizumachen, dass eigene Impulse überhaupt entstehen KÖNNEN. Das Gefühl von Ruhe und Leere brauchen wir, um die eigene innere Stimme wieder hören zu können. Und die ist zunächst ganz leise, wenn man noch nicht gelernt hat, ihr zu lauschen. Was braucht Ihre Tochter nun von Ihnen?
Authentische Kommunikation
Ihre Tochter benötigt zunächst eine „Regierungserklärung“ von Ihnen, damit sie einordnen kann, dass ab jetzt etwas anders wird und sie sich trotzdem Ihrer Liebe sicher sein kann. Denn jetzt hat sie vielleicht das Gefühl, dass Mama und Papa sie nicht mehr so lieb haben, weil sie ja nicht mehr so viel mit ihr spielen wollen.
Sie könnten sagen:
„Liebe Tochter, bisher haben wir immer ganz viel Zeit mit dir verbracht und ganz viel mit dir gespielt. Das war unser Verständnis davon, dir zu zeigen, wie lieb wir dich haben. Nun merken wir aber, dass wir das nicht mehr schaffen. Wir brauchen auch Zeit für uns und haben nicht immer Lust, mit dir zu spielen. Außerdem glauben wir, dass du groß genug bist, um das auch alleine zu schaffen. Wir haben bisher immer nachgegeben, wenn du geweint hast. Das wollen wir jetzt nicht mehr. Wir haben dich genauso lieb wie immer und wir werden dich trösten, wenn du traurig bist. Aber wir werden nur noch mit dir spielen, wenn wir es wirklich wollen und nein sagen, wenn wir nicht wollen.“
Es ist sehr bedeutsam, dass Sie diese Botschaft in einem ruhigen und guten Moment an Ihre Tochter richten, also dann, wenn sie aufnahmefähig und auch Sie in entspannter Stimmung sind. Ihre Tochter braucht Ihre AUTHENTISCHE und persönliche Aussage. Persönlich ist nicht: „Ich kann jetzt nicht mit dir spielen, weil ich kochen muss.“ Das ist die Aussage eines Menschen, der keine Verantwortung für seine Entscheidung übernimmt und das spüren Kinder. Dann machen sie weiter und der Kampf wird sehr lang und von viel Schererei begleitet. Ehrlicher und klarer ist es: „Ich habe jetzt keine Lust, mit dir zu spielen. Ich möchte kochen, mit Papa reden, ein Buch lesen, …“
Solche Aussagen fallen Eltern sehr schwer, weil sie lieblos erscheinen. Sie dürfen das auch gerne freundlich sagen, aber bestimmt. Sie werden überrascht sein, dass die Kämpfe relativ schnell weniger werden.
Entscheidend ist, dass Sie dies ohne schlechtes Gewissen tun und wissen, dass Ihre Tochter ein bisschen Zeit braucht, sich an die neue Ehrlichkeit zu gewöhnen. Jesper Juul hat immer gesagt, dass Kinder etwa 15 Minuten echte Aufmerksamkeit der Eltern am Tag brauchen. Das mal als Richtwert für Ihr Gewissen als gute Eltern.
Es ist für Beziehungen zwischen Eltern und Kindern äußerst schädlich, wenn Eltern ständig über ihre Grenzen gehen und mit ihren Kindern spielen, obwohl sie keine Lust haben. Oft werden dabei innere Rabattmarken geklebt, so nach dem Motto
Es ist selten gut, wenn wir gegen unsere Bedürfnisse handeln. Das Gegenüber erlebt sich dann als Belastung und für die Missstimmung verantwortlich, auch wenn das für Ihre Tochter zurzeit das geringere Übel zu sein scheint im Vergleich damit, Langeweile zu haben. Aber auf lange Sicht ist das nicht gut für ihr Selbstwertgefühl, wenn ihre Eltern verstimmt mit ihr Zeit verbringen. Und Kinder lernen übrigens nur Empathie, wenn sie mit echten Menschen zu tun haben, die für ihre Bedürfnisse und Grenzen eintreten, auch wenn das unangenehm ist. Sonst erziehen wir Kinder, die vorwiegend um sich kreisen.
Frust aushalten
Ihre Tochter benötigt Hilfe bei der Bewältigung ihres Frustes, der entstehen wird, wenn sie ein persönliches „Nein“ von Ihnen erfährt. Sie wird wütend werden und vielleicht noch lauter schreien. Dann bleiben Sie möglichst RUHIG und ihrer Nähe, und sagen in etwa: „Ja, das ist jetzt blöd. Langeweile ist ein ganz doofes Gefühl. Und wir sind auch blöd, weil wir jetzt nicht mit dir spielen wollen.“
WICHTIG: Keine Ideen oder Anregungen und vor allem keine weiteren Erklärungen, warum sie jetzt nicht mit ihr spielen. Das dient in der Regel nur dazu, das elterliche schlechte Gewissen zu beruhigen, indem man sich umfangreich erklärt. Leider gießen solche Erklärungen nur Öl ins Feuer.
Dazu braucht es eine Co-Regulation durch Sie. Und die besteht in RUHE, darin innerlich klar zu sein und einem freundlichen In-der-Nähe-bleiben. Sie können sagen: „Du kannst zu mir kommen, dann tröste ich dich.“ Wann und ob Ihre Tochter dazu bereit ist, hängt von ihr ab. Kinder brauchen dazu oft ein bisschen Zeit. Am besten ist es, wenn die Eltern sich nicht auf das Kind, sondern auf sich selbst konzentrieren und alle Kraft dafür aufwenden, sich selbst zu beruhigen und klar zu bleiben. Durch diesen Kampf müssen Sie vielleicht mehrmals durch, bis es für alle klar ist. Bisher sind Sie offensichtlich eingeknickt, um Ihre Ressourcen zu schonen. Das ist sehr verständlich und menschlich, aber in diesem Prozess der Veränderung wenig hilfreich. Jetzt geht es darum, etwas Neues zu etablieren und das braucht etwas Fokus und Kraft. Auf längere Sicht wird es dann aber für alle leichter.
Aus langjähriger Erfahrung könnte ich Ihnen viele Beispiele nennen, wo ähnliche Kämpfe in relativ kurzer Zeit aufgehört haben, weil die Eltern sich die Zeit genommen haben, ein paar wenige Mal sehr bewusst durch diesen Prozess der Ablösung zu gehen. Eine gute Voraussetzung fürs Durchhalten ist, dass Sie wirklich an Ihre Grenzen kommen und authentisch sagen können: „Ich will das so nicht mehr“. Erlauben Sie sich das vollkommen. Das macht den Weg frei für eine echtere Beziehung zu Ihrer Tochter, für Ihre eigene Entwicklung als Eltern, die auch wieder ein bisschen mehr an sich denken und erst recht für die Entwicklung Ihrer Tochter zu einem selbstwirksamen Menschen.
Und zu guter Letzt: Es spricht ja nichts dagegen, sich mal einen halben Tag Mama- oder Papa-Zeit mit der Tochter zu nehmen, wenn alle Lust und Freiraum dafür haben. Und diese Zeit dann zusammen richtig genießen!