Ehrlich gestellt.
Liebes Beratungsteam,
mich beschäftigt derzeit das Thema Schuleintritt im Sommer. Meine Tochter kommt dieses Jahr in die Schule. Sie wird im Mai sechs Jahre alt und es gibt so einige Dinge, die sie einfach nicht selber machen will. Ich betone das WILL, denn ich weiß ganz genau, dass sie es eigentlich alleine kann. In erster Linie ist hier der Toilettengang zu nennen, was sie schon sehr lange selbstständig kann, aber einfach nicht alleine machen will. Jedes Mal wartet sie außerdem so lange, bis es wirklich ganz dringend ist und dann unbedingt jemand von den Erwachsenen mitkommen muss, weil sie es alleine nicht schaffen würde. Ich frage mich, wie das in ein paar Monaten in der Schule funktionieren soll. Dort kann nicht immer jemand mitkommen und ich weiß sie kann es, weil in der Kita zum Beispiel klappt es auch problemlos alleine. Nur zu Hause müssen Mama oder Papa oder Oma oder Opa immer mitkommen. Ich habe schon oft mit ihr darüber gesprochen und ihr versucht das zu erklären. Manchmal weigere ich mich auch einfach mitzukommen und sage, dass sie dann eben in die Hose machen müsse, auch wenn ich weiß, dass das natürlich nicht der richtige Weg ist. Ich bin aber mittlerweile so oft genervt davon und weiß nicht mehr, wie ich ihr das kindgerecht vermitteln soll.
Auch mache ich mir Sorgen, dass sie sich nicht sehr lange auf eine Sache konzentrieren kann und auch das Stillsitzen (z.B. beim Essen) fällt ihr sehr schwer. Ist das normal in dieser Phase? Es steht natürlich auch noch die Schuluntersuchung an und ich habe schon die Sorge, dass sie es vielleicht sehr schwer in der Schule haben wird, weil es schon eine krasse Veränderung für die Kinder bedeutet. Ich mache mir einfach sehr viele Gedanken. Vielleicht könnt ihr mir ein bisschen die Sorge nehmen.
Liebe Grüße von einer verzweifelten Mama
unserer Expertin.
Danke, dass Du Dich mit Deinen Sorgen und Ängsten zeigst, mit denen Du nicht alleine bist. Wenn es um den Schuleintritt unserer Kinder geht, schauen wir noch einmal mit einem prüfenden Blick auf sie und vergleichen ihr aktuelles So-Sein mit dem, was vonseiten der Schulen gemeinhin von Kindern erwartet wird. Viele Eltern sind besorgt, wenn es um die Einschulung ihres Kindes geht, da sie sich wünschen, dass das Kind bereits über die Kompetenzen verfügt, die es braucht, um den schulischen Anforderungen gerecht zu werden. Eigentlich sind viele Kinder vor Schuleintritt auf einem Entwicklungsstand, der in dem einen oder anderen Bereich noch nicht dem entspricht, was sie bräuchten, um direkt gut in der Schule zurechtzukommen. Solange wir einen bestimmten Entwicklungsstand beim Kind noch nicht erkennen können, fragen wir uns häufig, ob und wann es den nächsten Schritt gehen wird. Tatsache ist:
Kinder wachsen mit und an ihren Aufgaben.
Die Anforderungen der Schule und vor allem die anderen Kinder mit ihren jeweiligen Besonderheiten und in ihrer Individualität sind es, die eine große Rolle dabei spielen, diese Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen durch den Aufenthalt in der Schule zu erlernen. Kinder werden in ein neues System sozialisiert, sie sind neuen Erwartungen ausgesetzt, die vertreten werden von Fachpersonen, die wiederum wissen, dass die Kinder auch erst in der Schule das Setting und den Kontext vorfinden, den sie brauchen, um sich an bestimmte Anforderungen zu adaptieren und ihren eigenen Weg darin zu finden. Kinder erleben sich in der Schule ganz neu, als Teil einer Gruppe, die miteinander lernt, die nächsten Entwicklungsschritte zu gehen, um in dem neuen Kontext gut bestehen zu können. Sie dürfen miteinander und voneinander lernen und wir Eltern dürfen uns im Vertrauen und Loslassen üben: Die Lehrkräfte vor Ort haben meist schon viele Kinder begleitet und wissen, dass Schulanfänger*innen eine ganze Zeitlang brauchen, um sich auf verschiedenen Ebenen an das neue System und die Erwartungen zu gewöhnen. Sehr viele Kinder sind in verschiedenen Bereichen herausgefordert:
Für die einen ist es die bloße Anzahl anderer Kinder, die Lautstärke, der nötige Vertrauensaufbau zu einer neuen Erwachsenen, die Angst der Ablösung von den Eltern, Konzentrationsfähigkeit, die sie noch nicht „schulreif“ aussehen lassen.
Wir Eltern dürfen unser Vertrauen in Fachkräfte stärken, die diese Vielfalt an Kindern und unterschiedlichen Entwicklungsphasen kennen. Wenn Sorgen bestehen bleiben, ist es immer sinnvoll, in einer zugewandten, positiven Art und Weise mit der Klassenleitung zu sprechen und sie zu äußern, sodass ihnen begegnet werden kann. Wenn wir unser Vertrauen in die Schule und die dort arbeitenden Menschen stärken, stärken wir auch unsere Kinder und investieren in eine geglückte Bindungsübergabe von uns an die Lehrkräfte vor Ort.
Wenn wir gerade in einem sorgenvollen Blick sind, wie es hier in deiner Anfrage deutlich wird, wende den Blick bewusst auf Dein Kind im Hier und Jetzt. Lass ihn frei werden von der Entwicklungsperspektive „es müsste doch schon…“. So können wir auch auf die Toilettensituation bei euch schauen:
Suche nach Rückversicherung
Gerade wenn ein Kind etwas bereits kann, geht es hier um etwas anderes. Der Wunsch nach Begleitung auf die Toilette ist nicht selten. Zunächst ist die Aussage „Komm mit“ oder „Ich möchte mit DIR gehen“ an Beziehung orientiert. Deine Tochter sucht in dem Moment Verbindung und vielleicht auch Sicherheit und Rückversicherung. Die Toilette ist ein Ort, an dem Körperlichkeit, Loslassen und Verletzlichkeit zugleich präsent sind. Wenn Deine Tochter hier vertraute Menschen zur emotionalen Unterstützung um sich haben möchte, sucht sie womöglich nach dem Gefühl von „Ich bin nicht alleine, ich werde begleitet“ und fragt damit indirekt: „Bist du für mich da, wenn ich Dich brauche?“
Dass es in der Kita anders ist, kann folgende Gründe haben: Zum einen nutzen Kinder oft den Raum Kita, um sich in ihrer Selbständigkeit und Autonomie selbst als „groß“ zu erleben. Es kann auch sein, dass Kinder dies bisweilen überfordert und die Strukturen in der Kita auch phasenweise Überkooperation mit sich bringen und sie den Raum zu Hause zur Entlastung, Erholung und Orientierung für den Ausdruck von Bedürftigkeit erlebt. Zum anderen sind ihr Vertrauensverhältnis und ihre Bindung natürlicherweise zu Eltern und Großeltern deutlich ausgeprägter und anderer Qualität als jene zu den ErzieherInnen. Ich werte es als Ausdruck einer gesunden Entwicklung von Körpergrenzen, Umgang mit Intimität, Scham und einem Verständnis von „privaten Situationen“.
Hinzu kommt: Da Dich das Thema kognitiv, emotional und auf Verhaltensebene beschäftigt, spürt sie auch das. Dadurch kann Verunsicherung bei ihr entstehen. Gerade wenn sie wahrnimmt, dass ihrem Bedürfnis nicht mit aller Selbstverständlichkeit nachgekommen wird, kann eine kämpferische Dynamik zwischen Kind und Eltern entstehen. Wenn wir als Eltern an dieser Stelle innerlich an einem anderen Stresspunkt sind, zum Beispiel mit der „Schulfähigkeits-Brille“ auf unser Kind zu blicken, gehen wir aus dem Kontakt im Hier und Jetzt und es bekommt nicht die Antwort, die es sucht. Deine Tochter möchte vielleicht wissen:
„Darf ich bei Dir auch wieder klein sein? Liebst Du mich auch, wenn ich nichts leiste? Bleibst Du bei mir, wenn ich Dich brauche?“
Wenn Du die Toilette und ihren Wunsch als Einladung zur Bestätigung einer sicheren Beziehung zwischen Euch siehst, fällt es Dir vielleicht leichter, dem Wunsch nachzukommen. Wenn der Widerstand vonseiten der Erwachsenen verschwindet und das Kind die Sicherheit und Nähe erfährt, nach der es sucht, erledigen sich solche Themen oft von alleine nach einer Weile.
Unsere Aufgabe als Eltern ist es, zu geben, was sie brauchen und nicht das, was sie wollen. Es kann auch eine Einladung sein, sich darüber auszutauschen, und dem Kind dabei zu helfen, das Bedürfnis zu verbalisieren. Du könntest Formulierungen anbieten wie: „Hast Du gerne jemanden bei Dir auf der Toilette, weil Du nicht alleine sein magst?“ oder: „Fühlt sich das besser an, wenn ich bei Dir bin, wenn Du auf der Toilette bist und loslässt?“
Eine Einladung zu einer Reflexionsfrage zum Hineinspüren in Dich möchte ich Dir noch auf den Weg geben: Was macht Dir die größte Angst in Bezug auf die Einschulung Deines Kindes? Was wäre, wenn Dein Kind es schwer haben wird, wie Du befürchtest? Erforsche das einmal neugierig in Dir und nimm Dir womöglich jemanden an Deine Seite. Ängste verändern sich durch neugierige Zuwendung. Wichtig ist:
Wenn Du Dich mit ihr beschäftigst, wird Dein Kind freier davon und muss sie nicht mehr indirekt mittragen.
Vertrauen in die Entwicklung
Das tiefere Thema unter Deiner Frage ist Vertrauen. In Dich und ins Kind. Nicht selten liegt in der Sorge ums Kind nämlich die Angst, dass wir selbst das Kind nicht gut genug auf diesen Übergang vorbereitet hätten. Wenn Du in Dich und Dein Kind vertraust, fühlt es sich gestärkt, den Schritt in die Schule und den Übergang zu bewältigen. Kinder schaffen Entwicklungsschritte und die Bewältigung von Anforderungen, die von ihrer Umgebung an sie gestellt werden leichter, wenn sie das Gefühl haben, auch zugleich wieder Zuflucht, Schutz und Zuspruch in den Armen ihrer Eltern zu finden. Oft geht die Entwicklung eines Bereiches damit einher, dass auch wieder mehr Bindung zu den Bezugspersonen als Rückversicherung gesucht wird. Auch hier stärkt es Kinder, wenn wir diese liebevoll und bedingungslos schenken.
Noch eine andere Ebene, die wir nicht vernachlässigen sollten, ist die sachliche Entscheidung, ob Dein Kind für eine Einschulung zum nächsten Schuljahr bereit ist. Es gibt die von Dir angesprochene Schulärztliche Schuleingangsuntersuchung, die zumindest einen Teil der Schulfähigkeit medizinisch prüft. Auch Erzieher*innen im Kindergarten sind für diese Einschätzung mit zuständig und können oft valide abschätzen, ob die Schulfähigkeit erreicht ist oder das Kind noch ein Jahr bräuchte. Der häusliche Kontext und die dort gelebten familialen Beziehungsverhältnisse unterscheiden sich in vielen Hinsichten von jenen in Betreuungs- oder Bildungsinstitutionen wie Kitas oder Schulen.
Alle Kinder sind in ihrer Entwicklung auf dem Weg in die Schulreife und Schulfähigkeit hinein. Entwicklung verläuft asynchron und nicht gleichmäßig in allen Bereichen. Ein Teil der Reife (z.B. stillsitzen) kann auch in der Schule sukzessive erlernt werden. Es ist nicht zu unterschätzen, was die neuen Anforderungen für Kinder bezüglich Entwicklung und auch Anpassung mit sich bringen können. Kinder stellen sich neuen Herausforderungen und wachsen daran: sich an Regeln halten lernen, andere aussprechen lassen, die eigenen Impulse wahrnehmen, doch nicht jederzeit ausleben, die Perspektive anderer übernehmen lernen, Mitgefühl und Konfliktfähigkeit, die eigenen Gefühle wahrnehmen und verbalisieren lernen. All das sind Fähigkeiten, die sich mit Schuleintritt durch den neuen Kontext auf eine neue Weise weiterentwickeln können. Falls Probleme auftreten, gehen wir sie aktiv an (und erst dann!), suchen Gespräche und lösen sie gemeinsam. Wenn Kinder zeigen, dass sie herausgefordert sind, handelt es sich dabei um Entwicklungschancen für Kinder und alle begleitenden Erwachsenen. Die Erwartungen von Lehrkräften, strukturelle Anforderungen und die Orientierung an Mitschüler*innen sind ein neues Erfahrungs- und Entwicklungsfeld für Kinder, das jedes auf seine Art wachsen lassen wird. Wir als Eltern dürfen uns auf unsere wichtigste Aufgabe fokussieren: Nähe, Sicherheit, Zuversicht und Liebe zu vermitteln, hilft bei jedem Entwicklungsschritt, auch und gerade bei Übergängen in mehr Selbständigkeit.
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