Ehrlich gestellt.
Liebes Beratungsteam,
ich bin Papa von 2 Gründschülern (11 und fast 9) und einem Kita-Kind (fast 5) und seit geraumer Zeit merke ich, dass mich die Langeweile meiner Kinder oft sehr aufregt. Ich versuche, für viel Verständnis zu haben und ich glaub, das klappt auch oft wirklich gut, aber bei der Langeweile hört mein Verständnis irgendwie auf.
Ich meine damit nicht, dass ich es nicht ertragen kann, wenn meine Kinder nach einem Schultag oder irgendeiner anderen Aktivität einfach nur auf dem Sofa sitzen, um sich zu erholen. Ausruhen muss sein und zwar immer, wenn das gebraucht wird. Aber diese Langeweile, dieses fehlende Interesse, sich mit der Welt auseinanderzusetzen (so fühlt es sich für mich nämlich an!)… Damit kann ich schwer umgehen. Oft sage ich dann etwas wie: „Mensch, als ich Kind war früher, ich hab mich hingesetzt und hab Sammelkarten abgepaust, wenn ich nicht mit meinem Gameboy spielen konnte. Ich bin draußen rumgelaufen und hab irgendwas in unserer Straße gemacht. Bücher gelesen, Geschichten ausgedacht.” Teil der Wahrheit ist natürlich auch, dass ich uneingeschränkten Zugang zum Fernseher hatte.
Und nachdem ich meinen Kindern neulich wieder meinen Unmut über die Langeweile geäußert hatte, habe ich danach auch gesagt: „Ok, ich hab natürlich auch nicht die ganze Zeit Sammelkarten abgemalt, sondern auch stundenlang Fernsehen geschaut.” Ich habe als Grundschüler wirklich viel Zeit vor Nachmittags-Serien verbracht. Und doch habe ich das Gefühl, dass ich selbstständig in Beschäftigungen und Leidenschaften und Spielideen eintauchen konnte.
Ich kann mittlerweile den Satz „Langeweile ist wichtig, weil nur dann kann Kreativität entstehen.“ irgendwie nicht mehr hören, weil er sich nicht so zuverlässig bewahrheitet.
Mein Problem ist, denke ich, dass ich das Gefühl habe, meine Kinder entdecken und leben keine Leidenschaften. Und ich finde das total wichtig. Gleichzeitig frage ich mich, ob wir hier mit Medien und Bildschirmzeit zu restriktiv sind (sie haben in der Regel 3x 45 Minuten in der Woche ) – und ob das Zocken, das Abtauchen in andere Welten und Abenteuer erleben am Bildschirm, bei meinen Kindern nicht auch vielleicht eine Leidenschaft und ein Ausdruck von Kreativität sein kann. Und gleichzeitig habe ich natürlich als Vater den Anspruch, dass ich meine Jungs in diesem Bedürfnis nach Abenteuer und aufregenden Welten und Herausforderung gut versorgen möchte. Denn es ist auch so: Sie sind bei allem dabei und haben Lust und Begeisterung für Klettern, Boot fahren, Geocachen, Fußballspielen, Badminton oder Paddel-Tennis spielen. Generell: neue Dinge ausprobieren. Aber halt initiiert von mir. Ich wünsche mir da mehr Motivation aus meinen Kindern heraus. Und in mir schwingt gleichzeitig die Frage mit: Kommt die Langeweile daher, dass unser Leben zu bequem ist? Wie kann ich meinen Jungs mehr Abenteuer verschaffen? Und gleichzeitig: Wie kann ich mit der Langeweile besser umgehen? Wie kann ich besser auf sie reagieren? Wie kann ich sie unterstützen, Leidenschaften zu entwickeln – ohne, dass ich Aktivitäten initiieren muss? Achso, ich persönlich kenne das Gefühl von Langeweile nicht und kann mich auch wirklich schwer erinnern, es als Kind gefühlt zu haben. Liegt wahrscheinlich am Fernseher und am Computer. Alles nicht so einfach. Ich würde mich über eine Antwort sehr freuen!
PS: Vielleicht auch interessant: Ich glaube, ich hab immer viel zu viel mit meinen Kindern gespielt in den ersten sieben Jahren und lerne erst beim dritten Kind, da gut „nein“ zu sagen. Hat den schönen Vorteil, dass ich wieder mehr Bücher lese, weil Zeit frei wird.
unseres Experten.
Lieber Papa,
in deinem Text steckt so viel, dass es mir wirklich schwer fällt, mich auf einen Aspekt zu fokussieren und es wird etwas sehr ehrliches in ihm sichtbar. Du beobachtest deine Kinder und gleichzeitig dich selbst.
Es liegt für mich über deinen Zeilen eine Stimmung von Fürsorge, Irritation und der tiefe Wunsch, dass deine Kinder ein Leben führen, das sich für sie lebendig anfühlt.
Hier entsteht die Spannung.
Denn das, was du bei deinen Kindern als Langeweile erlebst, scheint bei dir etwas zu berühren. Nicht nur im Hier und Jetzt, sondern vor allem in deiner Geschichte. Es scheint an deinem Verständnis von „lebendig sein“ zu kratzen. Vielleicht lohnt es sich für uns, genau bei diesem Aspekt kurz zu verweilen.
Gleichwürdigkeit – Langeweile ist wichtig
In deiner Beschreibung ist Langeweile kein leerer Zustand, sondern das Fehlen von Lebendigkeit, innerer Stillstand. Wenn ich das so direkt beschreibe, empfinde ich es mehr als nachvollziehbar, dass dich dieses Thema bewegt.
Deine Reaktion ist vollkommen nachvollziehbar: Du möchtest, dass deine Kinder sich spüren, dass sie Begeisterung empfinden, dass sie motiviert sind.
Gleichzeitig bedeutet Gleichwürdigkeit in der Begleitung aber auch, dass wir das Erleben unserer Kinder ernst nehmen, selbst dann, wenn wir da nicht mitschwingen können oder eine innere Abwehrreaktion empfinden. Vielleicht ist die Langeweile deiner Kinder überhaupt kein negativ empfundener Zustand, kein Mangel, sondern vielmehr ein Innehalten, ein Suchen und ein „sich neu ausrichten“.
Es liegt keine Wertung in der Betrachtung der Langeweile.
Integrität – Parallele Wirklichkeiten
„Ich persönlich kenne das Gefühl von Langeweile nicht […]“, schreibst du.
Ich habe diesen Nebensatz von dir gelesen und gedacht: Was für ein spannender und passender Abschluss eines reflektierten Leserbriefs! Aber das ist kein einfacher Nebensatz, das ist ein Schlüssel zu deinen Fragen.
Wenn uns ein Zustand fremd ist, dann entsteht als erstes Irritation und Abwehr. Diesem Zustand trotzdem Raum zu geben, ist unglaublich schwer. Wir wollen ihn verändern oder beenden.
Dieses Empfinden ist völlig ok und es kann schon beim Beobachten der Langeweile deiner Kinder entstehen.
Deine Kinder kennen diesen Zustand. Und sie dürfen ihn erleben, ohne dass ihr Zustand sofort „korrigiert“ wird. Integrität verstehe ich in diesem Zusammenhang als Nordstern für die Betrachtung der Parallelität dieser beiden Gefühle: Langeweile bei deinen Kindern und Irritation oder Genervtheit bei dir.
Du darfst Irritation erleben und dich mit dieser auseinandersetzen. Die Langeweile deiner Kinder darf ebenfalls einfach da sein; beides, ohne dass die Wirklichkeit des Gegenübers ersetzt oder bewertet werden sollte. Vielleicht ist das die größtmögliche Integrität: das Empfinden und Erleben der eigenen Kinder auszuhalten, das wir selber kaum greifen können. Und dass es dir so schwerfällt, dich in solchen Situationen in deine Kinder einzufühlen, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass du in einer sehr anderen Lebenswelt großgeworden bist. Dafür lohnt sich ein kurzer Blick auf die Generationen:
Xennials, Digital Natives und die Welt dazwischen
Dies ist reine Hypothese, aber ich vermute, du gehörst wie ich zur sogenannten Mikrogeneration der Xennials, also jener Jahrgänge, die analog aufgewachsen sind und die Digitalisierung aktiv miterlebt haben.
Meine Kindheit war geprägt von draußen spielen, Basteln, Lesen, Fantasiewelten – und gleichzeitig von sehr viel Fernsehen, ersten Konsolen, später Computer und Internet.
Wir kennen beides: Lange Nachmittage ohne Struktur und mediale Dauerbeschallung. Analoge Kreativität und digitale Faszination.
Diese Mischung hat unsere Wahrnehmung von Langeweile stark geprägt. Viele Xennials beschreiben Langeweile rückblickend nicht als Leere, sondern als Möglichkeitsraum. Als etwas, das man mit eigenen Ideen füllt. Auch deshalb ist das Bild vom „kreativen Kind in der Langeweile“ so stark in dieser Generation verankert.
Deine Kinder wachsen hingegen als Digital Natives auf.
Das verändert nicht nur ihr Freizeitverhalten, sondern auch ihre innere Erlebniswelt. Für viele Kinder heute ist Langeweile kein offener Raum, sondern ein unangenehmer Zwischenzustand, ein Moment ohne Reiz, ohne Impuls, ohne Verbindung. Die Schwelle, selbst in die Initiative zu gehen, liegt höher, weil ihr Nervensystem an eine viel dichtere Reizumgebung gewöhnt ist. Da es, wie mir scheint, diese Eigeninitiative ist, die du vermisst, lohnt es sich auch, die höhere Schwelle dafür mit im Kopf zu haben.
Beziehung statt Bewertung – Präsenz
Du hast extra darauf hingewiesen, dass es Sätze gibt, die du nicht mehr hören kannst. Das kann ich gut nachvollziehen. Aber da wir gerade bei dem Bereich „Aushalten“ waren, möchte ich noch auf den einen anderen Bereich der Langeweile blicken.
Kinder entwickeln ihre Eigeninitiative meist nicht aus verbaler Aufforderung heraus. „Jetzt räum endlich mal wieder dein Zimmer auf“, wird bei deinen Kindern wahrscheinlich genauso „gut“ funktionieren, wie bei meinem 😉
Die Eigeninitiative kann oft nur aus einem inneren Prozess heraus entstehen. Dieser Prozess braucht etwas, was für die meisten Erwachsenen ihr Leben lang nur schwer auszuhalten bleibt: Leere.
Überhaupt nicht spirituell oder defizitär gemeint, sondern als Zustand des Übergangs. Wenn dieser Zustand nicht von dir gefüllt wird, sondern in Beziehung begleitet wird, kann die Situation sich qualitativ wandeln.
Anstatt zu sagen: „Überleg dir doch mal worauf du Lust hast!“, können wir vielleicht mit einem „Ich sehe, dass es für dich gerade nichts zu passen scheint.“ etwas anderes anbieten.
Wir präsentieren keinen vermeintlichen Lösungsansatz und laden unsere Gegenüber zur Selbstwahrnehmung ein. In dieser Leere kann etwas eigenes entstehen.
Authentizität – Bitte bleib du selbst
Um Langeweile zu begleiten, musst du sie definitiv nicht gut finden. Deine Kinder brauchen dich in deiner reflektierten Echtheit. Ihr alle profitiert von einem authentischen Umgang mit euren inneren Empfindungen.
„Puh, ich merke, dass mich das echt unruhig macht, wenn ich sehe, dass ihr euch langweilt. Ich kenne dieses Gefühl – Langeweile – irgendwie gar nicht.“
Mit solchen Worten könntest du dich deinen Kindern gegenüber erklären, ohne sie zu korrigieren. Du bleibst bei dir und setzt dich mit ihnen in Beziehung. Beide Perspektiven dürfen nebeneinander stehen. Ganz ohne Bewertung des Gegenübers. Nicht im Widerstreit. Ganz ohne richtig und falsch, aber in der Begegnung.
Verantwortung – Raum lassen und halten
Die moderne Rolle als Vater kann manchmal sehr schwierig erscheinen. Du hast beschrieben, dass du dich in der Vergangenheit oft als Initiator empfunden hast und das Gefühl hattest, du müsstest quasi deine Kinder „anschieben“.
Das kann sich anstrengend anfühlen, vor allem wenn sich diese Mechanismen einspielen und zur Gewohnheit, zur Erwartungshaltung werden. Du musst nicht die Leerstellen füllen, sondern für deine Kinder den Rahmen halten, in dem im Sinne ihrer Selbstverantwortung etwas entstehen kann. Vielleicht heißt das in eurem Fall, weniger Impulse, weniger Vorschläge und mehr Vertrauen. Vertrauen im Sinne von: „Ich bin da. Ich traue euch Entwicklung zu!“
Ich glaube, dass das eine Form von Führung sein kann, die durch Präsenz und nicht durch Aktivitäten hervorsticht.
Lebendigkeit und eigene Kindheit
Die Beschreibungen deiner erlebten Kindheit sind geprägt von Bewegung, Fantasie, draußen sein und Eigeninitiative. Das stellt dein inneres Referenzmodell dar, definiert vielleicht zum Teil dein Verständnis von „kindlicher Lebendigkeit“.
Kinder wachsen heute in einer anderen Welt auf. Ihre Welt beinhaltet mehr Reize, mehr Struktur und andere Möglichkeiten. Was von außen betrachtet still wirkt, kann sich von innen sehr aktiv anfühlen.
Digitale Räume können Spannung, Verbindung und Selbstwirksamkeit ermöglichen. Die Nutzung ist nicht per se unkritisch zu betrachten, aber sie sollte in meinen Augen Teil der Wirklichkeit unserer Kinder und nicht der Gegenpol unseres Referenzraums sein.
Dein Entwicklungsraum
Du schreibst, dass du beginnst, dich selbst wieder stärker zu spüren und öfter Nein sagst.
Das ist bedeutsam. Vielleicht lernst du gerade für dich selber (auch in der Rolle als Vater), nicht sofort zu reagieren, nicht jede Leere zu füllen und zu überbrücken und dich selber ein Stück zurückzunehmen. Ohne dich dabei zu entziehen.
Das ist ein leiser, aber nicht weniger kraftvoller Unterschied!
Generationswechsel – Langeweile
Vielleicht darf in eurer Familie ein langsamer Bedeutungswechsel im Hinblick auf die Langeweile entstehen. Langeweile nicht als pädagogisches Werkzeug, nicht als Problem, viel mehr als ein Zwischenraum, ein Übergang oder als Moment der Orientierung. Etwas wirklich unbewertetes Offenes. Etwas ohne Aussage über die Lebendigkeit deiner Kinder, sondern etwas, dem ihr gemeinsam bei seiner Veränderung zuschauen dürft.
Deine Kinder wachsen mit einem wachen und reflektierten Vater auf. Einem Vater, der hinschaut, der sich betrachtet. Einem Vater, der verstehen will. Das ist wertvoll.
In meinen Augen geht es bei euch weniger darum, die Langeweile deiner Kinder zu verändern, sondern deine Beziehung zu ihr zu verwandeln.
Ich habe das Gefühl, dass du schon mitten in diesem Prozess bist. Wenn Du beginnst, die Langeweile nicht mehr als Störung zu sehen, sondern als Teil ihres inneren Prozesses, entsteht etwas Neues: Raum.
In diesem Raum können wundervolle Dinge entstehen, welche sich nicht erzwingen ließen. Eigene Ideen, eigene Interessen, eigene Formen von Lebendigkeit.
Im eigenen Tempo deiner Söhne, mit einem Vater an ihrer Seite, der authentisch begleitet.
Jérôme Avé
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