Ehrlich gestellt.
Hallo,
ich wende mich an euch, weil ich nicht mehr weiter weiß. Ich habe zwei Töchter, 2 und 4, und mit der Älteren gerate ich ständig aneinander.
Es sind verschiedenste Situationen, meist passiert es, wenn sie Unterstützung bei etwas braucht. Dabei dränge ich meine Hilfe nicht auf, sondern biete sie wenn dann nur an, wenn ich sehe, dass sie zum Beispiel einen Reißverschluss nicht zubekommt. Meistens gelingt es mir eine Weile, durch mehrere Situationen hindurch ruhig zu bleiben, bis mir irgendwann die Hutschnur reißt. Ich bin in diesen Momenten irrational wütend und es tut mir immer Leid, aber wenn ich selbst angeschrien oder körperlich angegriffen werde, obwohl ich nichts Schwieriges verlange, sondern im Zweifelsfall nur helfen will, brennt mir irgendwann eine Sicherung durch. Ich fahre von Natur aus schnell aus der Haut, ich will das aber in diesem Ausmaß weder vorleben, noch meiner Tochter antun.
Ja, unser Alltag ist anstrengend – mein Mann und ich sind beide berufstätig und teilen uns die Kinderbetreuung ziemlich gleichberechtigt auf. Nein, es bleibt zu selten Zeit für Sport oder für mehr als ab und zu einen Abend alleine mit Freunden. Ich möchte aber auch viel Zeit mit meinen Kindern verbringen, gerade solange sie noch so jung sind.
Ich suche ziemlich verzweifelt nach ganz praktischer Hilfestellung dabei, im Umgang mit meiner 4-Jährigen nicht ständig aus der Haut zu fahren. Es hilft auch nicht, dass sie seit jeher eher ein „Papa-Kind“ war und ist, und die gefühlte Ablehnung, die mir dadurch häufig widerfährt („Das soll der Papa machen“), macht mich traurig – und enttäuscht mich, denn ich reiße mir für unsere Kinder echt ein Bein aus. Gleichzeitig befürchte ich, dass mein Brüllen ihre Ablehnung verständlicherweise verstärken könnte.
Wenn ihr also praktische Tipps für eine Verhaltensänderung meinerseits habt, wäre ich sehr dankbar.
P.S. Natürlich bringt mich die 2-Jährige auch ab und zu auf die Palme, aber es ist kein Vergleich zu dem, wie ihre große Schwester mich triggert.
unserer Expertin.
Ich finde es beeindruckend mutig, dass du so offen und ehrlich schreibst, denn mehr Eltern, als man meinen mag, teilen deine Not. Sie wollen es so gut machen, geben so viel, und geraten in Überforderung, die sich dann entlädt. Dieses Thema wird meist tabuisiert und niemand traut sich, darüber zu sprechen. Durch deine Offenheit zeigst du anderen, dass sie mit ihrer Not nicht alleine sind und schaffst damit die Möglichkeit, dass auch andere vielleicht den Mut finden, sich zu zeigen und sich gemeinsam auf den Weg zu machen. Denn Menschen entwickeln sich am besten im freundlichen Kontakt mit anderen Menschen.
Du hättest gerne praktische Tipps, und ich fürchte, das funktioniert nicht.
Diese Verhaltensweisen werden im Gehirn vor allem durch unsere unbewusste mittlere limbische Ebene gespeist, und die ist eben unbewusst. Also wirklich unbewusst.
Wenn ich dir jetzt ein paar Tipps geben würde, hättest du vermutlich hinterher nur das Gefühl, unfähig zu sein, weil du dir alle Mühe gibst, doch dein Verhalten auf lange Sicht nicht verändern kannst.
Was ich dir stattdessen anbieten kann, sind ein paar Gedanken, die dir vielleicht helfen, wie du einen Weg daraus finden kannst. Ich hoffe, das ist eine gute Idee für dich.
Wie heftig ist meine Reaktion wirklich?
Zunächst einmal halte ich es für sinnvoll zu schauen, wie heftig deine Reaktion ist. Denn manchmal ist es so, dass es in uns drin so laut und heftig ist, nach außen jedoch ganz anders wirkt. Eine Mutter meinte in einer Beratung, sie würde ihre Tochter (3 Jahre alt) so oft anschreien. Als die Tochter auf den Schoß wollte, sagte die Mutter zu ihr: „Nein, ich will das jetzt nicht.“ Aus meiner Sicht war das eine sehr klare Reaktion, wunderbar geeignet zur eigenen Abgrenzung, ohne die Tochter zu beschädigen, doch die Mutter meinte: „Siehst du, schon wieder.“
Um die innere Lautstärke und Heftigkeit von der äußeren zu unterscheiden, ist es hilfreich, Außenstehende zu fragen. Also wenn du zum Beispiel deinen Mann fragst, wie heftig deine Reaktion auf ihn wirkt, und wenn ihr auch schaut, welche Körperreaktionen deine Tochter dabei zeigt, ist das ein guter Indikator dafür, wie heftig dein „Aus der Haut fahren“, wie du es nennst, ist.
Und ja, Verhaltensweisen von Eltern sind hin und wieder ungünstig. Wir meckern unsere Kinder an, weil sie ihren Saft über den Schlafanzug gekippt haben, oder sind ungeduldig, weil sie so lange zum Anziehen brauchen. Das ist nicht optimal, und sicherlich wäre es gut, sich hier weiter zu entwickeln. Doch aus meiner Sicht ist das, wenn man es mit einer Ampel vergleicht, orange. Kinder sind ja auch für Herausforderungen gemacht und das Einüben von Streit und wie man sich hinterher wieder in Verbindung bringt, sind wichtige Erfahrungen. Was nicht bedeutet, dass wir das mit dem Streit extra trainieren müssten, ich glaube, im Alltag gibt es dafür ohnehin genug Gelegenheiten.
Doch wenn ein Kind täglich angeschrien wird, Eltern erlebt, wie sie außer sich vor Wut sind, ist die Ampel auf Rot. Für ein so junges Kind ist das eine existenzielle Bedrohung, denn sein essenzielles Grundbedürfnis nach Sicherheit ist nicht erfüllt.
Ich selbst wurde als Kind angeschrien, und diese Angst, die sich in meinem ganzen Körper ausgebreitet hat, meine Versuche nicht zu atmen, still zu halten, um den Ausbruch zu überstehen, das ist auch nach 50 Jahren immer noch spürbar.
Und wenn du zu dem Schluss gekommen bist, dass dein Verhalten deiner Tochter gegenüber wirklich sehr heftig ist, dann ist es für mich nicht leicht, so deutliche Worte zu wählen, ich wäre gerne vorsichtiger, doch ich glaube, es hilft dir und deiner Tochter nicht weiter, wenn ich das Verhalten bagatellisiere. Deshalb mute ich dir meine Gedanken zu, in der Hoffnung, dass ich damit nicht zu grob bin, und dass du auch herauslesen kannst, dass es mich sehr freut, dass du dich hier auf den Weg gemacht hast und du das deiner Tochter nicht antun willst. Ich finde, du bist eine sehr mutige Mutter!
Die Schwiegermutterfrage
Zunächst finde ich es wichtig herauszufinden, ob du eine Reststeuerung in diesen Momenten hast, also ob du noch willentlich darauf einwirken kannst, und die Situation verlassen kannst, bevor du sie anschreist.
Ich nenne das die „Schwiegermutterfrage“. Also wenn du dir vorstellst, deine Schwiegermutter, deine eigene Mutter, deine Chefin, dein Chef stünde vor dir oder irgendjemand, vor dem dir ein Ausbruch sehr unangenehm wäre:
Diese Frage habe ich für mich selbst entwickelt, denn manchmal war ich versucht, meine Kinder schlecht zu behandeln, so nach dem Motto: „Wenn du dich so blöd verhältst, habe ich auch keine Lust mehr!“ Mir war das Muster klar, denn in meiner Kindheit hatte ich oft das Gefühl, die Einzige zu sein, die sich um Freundlichkeit und Kontakt bemüht. Und manchmal hatte ich bei meinen Kindern das Gefühl, ich bin die Einzige, die sich hier anstrengt, und sie machen nicht mit. Reine Übertragung, doch wenn man in den Kindermodus rutscht, kann man das nicht sehen. Deshalb habe ich für mich eine Warnlampe entwickelt, die in diesen Momenten aufleuchtete, und auf der stand: „Einer muss hier erwachsen bleiben, und das bin ich.“ Denn eins wusste ich ganz genau: Ich wollte meinen Kindern auf alle Fälle Freundlichkeit und Kontakt anbieten, jederzeit, unabhängig davon, wie sie sich verhalten.
Deshalb weiß ich, dass man manchmal glaubt, ein Recht darauf zu haben, auch blöd zu sein, wenn der andere nicht mitmacht. Doch das ist ja eine kindliche Haltung. Das ist wie ein Zug, der in die falsche Richtung fährt, da hilft nur aussteigen. Ich habe dann immer Wäsche sortiert, um mich aus dieser Schleife aktiv raus zu katapultieren. Also wenn bei uns sämtliche Wäsche sortiert war, hatte ich einen schweren Tag.
Vielleicht ist es aber auch in solchen Momenten eher wie bei einem Lichtschalter. Der legt sich um, und dann ist es dunkel, ohne dass man darauf willentlich Einfluss nehmen kann.
Einen sicheren Rahmen schaffen
Wenn es so ist, wird eine Veränderung Zeit brauchen. Dann finde ich es sehr wichtig, zu schauen, wie man jetzt einen sicheren Rahmen für deine Tochter schaffen kann. Vielleicht könnt ihr als Eltern gemeinsam überlegen, wie ihr durch die Umstellung von Arbeitszeiten und Betreuungszeiten oder durch die Mithilfe von Omas, Opas und Freunden dafür sorgen könnt, dass du in besonders stressigen Zeiten nicht alleine bist. Umgebe dich mit Menschen, die dir und deiner Tochter guttun.
Vielleicht klingt das jetzt ein bisschen drastisch, doch ich glaube, wir dürfen nicht unterschätzen, wie heftig das auf ein vierjähriges Kind wirkt. Ich finde, wenn man die kleine Kinderhand in die eigene nimmt, kann man spüren, wie zart und zerbrechlich so junge Kinder sind. Deine Tochter braucht Schutz.
Wenn der Schutz deiner Tochter etabliert ist, geht es darum zu schauen, wie man hier vorankommen und das eigene Verhalten verändern kann.
Du schreibst, du würdest „irrational wütend“ werden. Verena König schreibt in ihrem Buch „Bin ich traumatisiert?“ dazu: „Fast jedes Verhaltensmuster, das dir heute Schwierigkeiten macht und das du loswerden möchtest, war früher einmal eine lebensrettende Strategie. Es geht darum, dass das, was in dir versehrt wurde, endlich einen Platz in Sicherheit und Wohlwollen bekommt. Dann wird es friedlich, dann wird es freundlich, dann wird es lebendig in dir.“
Ich glaube, es wäre eine gute Idee, Begleitung durch eine Traumatherapeutin oder einen Traumatherapeuten zu suchen, denn wenn unsere Gefühle, Gedanken, Verhaltensweisen einer Situation nicht angemessen sind, rühren sie meist von etwas Altem her.
Und wenn du dich auf den Weg machst, ist es, denke ich, für deine Tochter gut zu hören, dass du jetzt die Verantwortung dafür übernimmst und damit aufhören willst. Vielleicht erzählst du ihr ein bisschen darüber, was ihr als Eltern verändern wollt, und was du machen wirst, um damit aufzuhören.
Bleib dran. Ich denke, wer so mutig ist wie du, schafft auch den Rest.
Ich grüße dich ganz herzlich
Nicole