Darum geht es
Klare Regeln, geduldige Gespräche – und trotzdem fährt er einfach weiter. Was steckt hinter dem Verhalten eines Dreijährigen, der Grenzen immer wieder testet? Und wie gehen wir damit um, wenn wir merken: „Ich sage Stopp, aber mein Kind macht weiter!“
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Wir haben aktuell das folgende Problem: Es werden regelmäßig Grenzen überschritten und ich bin einfach nur überfragt, wie ich damit umgehen soll – schließlich möchte ich ohne Bestrafung arbeiten. Gespräche mit meinem fast 3-Jährigen führen mich aber leider auch nicht weiter.

Wir haben zum Beispiel beim Fahrradfahren klare Regeln: Er darf vorfahren, aber nur bis zur nächsten Laterne – sind keine zur Orientierung da, hat er bisher immer angehalten, wenn wir ihm das gesagt haben (und er für unser Empfinden zu weit weg ist).

Jetzt ist es seit etwa. 3 Wochen so, dass er sich absolut nicht an die Regeln hält. Wir erklären ihm das jedes Mal ganz geduldig, aber bereits bei der nächsten Laterne fährt er einfach weiter. Was mache ich nun? Ihm androhen, dass er kein Fahrrad mehr fahren darf, ist ja nun auch nicht der richtige Weg; ihm das Fahrrad wegnehmen in dem Moment auch nicht. Reden hilft nicht und es wird dann leider auch gegebenenfalls gefährlich.

Und so zieht es sich durch den gesamten Alltag – er hat Wasser im Mund und spuckt dies auf eine Person. Man sagt ihm, er soll es bitte lassen – die Person ihm gegenüber möchte nicht angespuckt werden. Das Wasser soll bitte in seinem Mund bleiben!

5 Minuten später wieder das gleiche. Was mache ich nun? Das Wasser wegnehmen? Eigentlich ja wieder keine Option?

Schwierig – aktuell zweifle ich einfach an der ganzen Erziehung und frage mich: Das kann doch nicht der richtige Weg sein?!

Ich freue mich über Hilfestellung!

Die Antwort
unserer Expertin.
Ich sage Stopp, aber mein Kind macht weiter!
Sabine Hertwig — Familientherapeutin

Liebe Eltern,

erst einmal herzlichen Dank für Ihre Offenheit. Ihr Sohn befindet sich altersgemäß gerade in der Phase der Autonomieentwicklung, in der es darum geht, täglich die Grenzen ein kleines Stückchen zu verschieben. Das machen Kinder nicht, um ihre Eltern zu ärgern, sondern weil sie im Forschermodus unterwegs und in der Hochphase der Entwicklung sind. Nie wieder lernen Kinder so schnell und so viel wie in den ersten 5 Lebensjahren.

Und Sie haben völlig recht, weder Bestrafung noch lange Gespräche helfen in dieser Zeit wirklich weiter. Kinder brauchen jetzt (und später auch!) Eltern, die sehr klar in ihren Worten und in ihrem Verhalten sind. In diesem Alter möchten Kinder schon ganz Vieles allein machen, was sie aber aufgrund ihrer Reife und Fähigkeiten noch nicht immer können. So kann ein Kind zum Beispiel nicht einschätzen, wie gefährlich der Straßenverkehr ist. Jetzt kommt es darauf an, wie Sie Führung übernehmen, ohne die Integrität des Kindes zu verletzen. Zunächst ist es aber wichtig zu überlegen, wo Ihre persönlichen Grenzen verlaufen bzw. wie Sie die Situation einschätzen: Sie schreiben, dass Ihr Sohn sich nicht mehr an die Laternenregel hält. Müsste gemäß seiner Entwicklung vielleicht der Radius erweitert werden? Vielleicht gelten jetzt zwei Laternen oder andere Wegpunkte als Längenmaß? Manchmal kann man auch ein Spiel daraus machen: „Jetzt darfst du bis zum dem Baum fahren, jetzt bis zum Briefkasten, etc.“

Oder fährt Ihr Sohn einfach über die Straße? Das klingt nicht so. Allerdings könnte ich es gut verstehen, wenn Sie so oder so noch nicht möchten, dass er bis zur Straße vorfährt. Und falls sein Sturm und Drang zu groß ist, um seine Fahrradfahrfreude zu regulieren, fährt er vielleicht eine Zeitlang nur in der Natur oder auf Plätzen ohne Verkehr.

Wenn Sie wissen, was Sie wollen und was Sie ihm zutrauen können, geht es um die Umsetzung:

Meiner Erfahrung nach reden Eltern oft zu viel und der Wortschwall prallt an den Ohren des Kindes ab. Oder aber Eltern erklären sehr viel, weil sie hoffen, das Kind ist einsichtig und verhält sich dann verantwortungsvoll. Damit verbunden ist der gute Wunsch, das Kind einzubeziehen und nicht zu verletzen. Ein fast Dreijähriger ist allerdings noch sehr von seinen Impulsen gesteuert und voller Taten- und Entdeckungsdrang. In diesem Zustand ist das Gehirn nicht immer so empfänglich für viele Worte und der kognitive Teil des Gehirns ist in diesem Alter ohnehin noch nicht so weit entwickelt, wie der emotionale bzw. impulsive Teil. Elterliche Aussagen sollten deshalb kurz und knapp sein: „Stopp, ich möchte, dass du mit dem Fahrrad stehen bleibst.“ Oder: „Stopp, hör auf! Ich will nicht, dass du XY mit Wasser bespuckst.“ Mehr nicht.

Wenn Ihr Kind gesund ist, wird es sich nicht immer an Ihre Aufforderungen halten, sondern ausprobieren, was möglich ist und wo die Grenzen wirklich verlaufen. Schließlich geht es ja zum einen darum, den persönlichen Aktionsradius zu erweitern und zum anderen, die Eltern und ihre Grenzen kennenzulernen. In der akuten Situation kommt es darauf an, Ruhe zu bewahren und nicht zu drohen, wie etwa: „Wenn du das noch mal machst, nehme ich dir das weg…“ Solche Aussagen erzeugen bei Kindern Widerstand und führen oft zur Wiederholung des Verhaltens und meist geradewegs in einen Machtkampf.

Besser ist es, sehr ruhig und in wenigen Worten zu sagen: „Mir ist das ernst. Ich will das wirklich nicht. Ich erschrecke mich, wenn du so weit vorfährst.“ Und dann nehmen Sie ihm spätestens nach der 2. Aufforderung in aller Ruhe das Fahrrad oder das Glas aus der Hand.

Verzichten Sie auf weitere Erklärungen, warum Sie die Sachen jetzt wegnehmen. Das sind oft Versuche, das schlechte Gewissen zu beruhigen und verwässern Ihre Klarheit dem Kind gegenüber. Bleiben Sie ruhig und eindeutig, das dürfen Eltern sich meiner Meinung nach heute viel mehr trauen. Ihr Sohn weiß außerdem schon längst, weshalb er nicht vorfahren oder andere nicht bespucken soll, deshalb muss er es nicht nochmal hören.

Wenn Ihr Sohn dann protestiert, bleiben Sie idealerweise ruhig und freundlich und sagen: „Ja, das ist jetzt doof und das ärgert dich. Wir machen eine kleine Pause. Später bekommst du das Fahrrad bzw. das Glas wieder.“

Wohlwollend bleiben Sie mit Ihrem Kind in Kontakt, auch wenn es wütend wird. Wohlwollend heißt: Ich bleibe dabei, wenn du wütend bist, ohne viele Worte. Ich bleibe freundlich und gelassen und gebe dir die Zeit, deinen Ärger zu verdauen. Wenn ein Kind außer sich ist, braucht es Eltern, die präsent bleiben, ohne es zu sehr körperlich oder verbal zu bedrängen. Im wütenden Zustand braucht das Kind Zeit, sich zu regulieren und die Co-Regulation durch die Eltern in Form von wohlwollender Nähe und Verständnis.

Sätze wie: „Ich habe dich ja gewarnt, du sollst auch auf mich hören“ dienen eher der Selbstberuhigung als der Beruhigung des Kindes.

Dann schauen Sie, wann die Lage sich beruhigt hat, und dann bekommt Ihr Sohn Fahrrad oder Glas wieder – ohne Kommentar und ohne weitere Ermahnungen.

Daraus lernt Ihr Sohn: Meine Eltern übernehmen Verantwortung für mich und ihre Wünsche.

Jetzt mögen Sie vielleicht denken: Das ist ja eine Strafe! Nein, eine Strafe ist es, wenn Sie vorher drohen und schimpfen. So ist es ein klares, ruhiges und bestimmtes Handeln ohne viele Worte, die Kinder nur verwirren würden.

Entscheidend ist, dass Sie persönlich sind („Ich will das nicht“, „Ich erschrecke mich…“) und Ihre Grenzen und Wünsche mit gutem Gewissen und Entschiedenheit vertreten. Das fällt vielen Eltern heute schwer, weil sie stets Sorge haben, das Kind zu übergehen und zu verletzen. Kinder brauchen aber Eltern, die einerseits die Bedürfnisse, Gefühle und Wünsche des Kindes einbeziehen, andererseits aber für Schutz, Orientierung und sogar auch für ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen sorgen.

An klarem Elternverhalten können Kinder sich orientieren und vor solchen Eltern können sie natürlichen Respekt haben! Und Ihr Sohn bleibt intakt, weil seine Würde gewahrt wurde.