Ehrlich gestellt.
Liebes Familylab-Team, nachdem ich sonst immer still und begeistert mitlesen, wende ich mich heute an euch, weil mich ein kürzliches Elterngespräch im Kindergarten meiner Tochter sehr verunsichert hat und ich mir eine fachliche Einschätzung wünsche.Meine Tochter ist vor einem Monat 4 Jahre alt geworden. Anlass des Gesprächs war die Beobachtung der Erzieherinnen, dass sie im Kindergarten zu anderen Kindern wiederholt Sätze gesagt habe wie:
„Die Erzieherin XY mögen wir nicht“,
„Die Erzieherin XY ist doof, oder?“ oder
„Das Kind XY ist eine doofe Schwester.“
Auch in den Bringsituationen habe ich vereinzelt ähnliches Verhalten beobachtet. So wollte meine Tochter manchmal nicht an einer bestimmten Erzieherin vorbeigehen, versteckte sich hinter mir und – so die Rückmeldung der Erzieherin – habe dabei „gequengelt“ und die Erzieherin „provokant angelächelt“.
Bisher habe ich dieses Verhalten vor allem als Ausdruck eines für meine Tochter noch schwierigen Übergangs zwischen Zuhause und Kindergarten verstanden. Mir ist es daher wichtig, ihr morgens genügend Zeit zu geben, um gut anzukommen. In der Regel bringe ich sie in den Gruppenraum, wir hängen gemeinsam den Rucksack auf und verabschieden uns dort. Meist gelingt ihr der Abschied inzwischen gut, gelegentlich kommt sie noch einmal zu mir zurück. Dann überlegen wir gemeinsam, was sie spielen möchte, und sie geht anschließend wieder in die Gruppe.
Die Erzieherinnen äußerten im Gespräch die Einschätzung, dass meine Tochter einen engeren Rahmen und mehr Grenzen benötige, insbesondere in der Bringsituation. Sie schlugen vor, den Abschied kürzer zu halten und beim Zurückkommen klar zu sagen: „Nein, ich gehe jetzt.“
Sie finden das Verhalten (also die gelegentlichen Äußerungen über die Erzieherinnen und andere Kinder) „besorgniserregend“ und haben geäußert, dass sie darüber schockiert waren.
Dieses Gespräch hat mich sehr verunsichert. Ich frage mich nun:
Warum verhält sich meine Tochter so? Wie kann ich ihr helfen? Und wie können sich die Erzieherinnen in der konkreten Situation verhalten?
Setze ich meiner Tochter zu wenig Grenzen?
Trage ich Verantwortung dafür, dass sie solche Aussagen über andere Kinder oder Erzieherinnen macht?
Ist dieses Verhalten für Kinder in ihrem Alter entwicklungsbedingt üblich?
Reicht es aus, wenn ich ihr zu Hause weiterhin vermittle, wie wichtig mir ein freundlicher Umgang ist, und dass sie mir oder den Erzieherinnen sagen darf, wenn sie etwas stört?
Oder wäre tatsächlich ein klarerer, stärker begrenzender Umgang – insbesondere beim Abschied – hilfreicher für sie?
Bisher hatte ich das Gefühl, mit dem Ansatz „so wenig Grenzen wie möglich, aber so viele wie nötig“ gut zu fahren. Nun bin ich unsicher, ob ich meine Tochter damit ausreichend unterstütze oder ihr möglicherweise zu wenig Orientierung gebe.
Über eure Einschätzung und Anregungen würde ich mich sehr freuen.
unserer Expertin.
Liebe Mama,
beim Lesen Deiner Anfrage ist mir gleich zu Beginn folgender Gedanke gekommen: Wahnsinn, was ein kleines Wort wie „doof“ auslösen kann! Lass uns gemeinsam doch schauen, was dahinter stecken kann.
Entwicklungspsychologie und Sprachentwicklung
Deine Tochter ist 4 Jahre alt und benutzt den Begriff „doof“ verschiedenen Personen und wahrscheinlich auch Situationen gegenüber. Zuerst einmal: Das ist in diesem Alter durchaus üblich. Und trotzdem gibt es eine starke Reaktion bei den Erzieherinnen, weshalb du deine Frage gestellt hast. Auch ich habe eine Frage:
Wie beobachtest Du das bei Euch zu Hause im Alltag, wenn sie mit etwas unzufrieden ist oder einem anderen Menschen gegenüber etwa Sympathie oder Antipathie verspürt oder mit dessen Verhalten nicht einverstanden ist?
Ich selbst habe drei Kinder und ich erinnere mich an eine Phase, in der alles „doof“ war. Dann war das Kind doof, das im Kindergarten einen Turm umgeworfen oder gehauen hat, die Erzieherin war doof, die etwas verboten oder immer gesagt hat, dass man leiser sein soll. Es war doof, wenn es von mir am Nachmittag nicht drei Kugeln Eis, sondern nur zwei gab und wenn Papa abends später nach Hause kam, war er auch doof, aber wahrscheinlich nicht, weil sie Ihren Papa doof fanden, sondern weil er keine Zeit mehr hatte mit Ihnen zu spielen.
Unterschiedliche Situationen und Personen, aber immer dasselbe Wort „doof“, was auch mit der Entwicklung der sprachlichen und emotionalen Fähigkeiten zu tun haben kann.
Die Kinder lernen erst, ihre Gefühle und Wahrnehmungen differenziert auszudrücken und den unterschiedlichen Erfahrungen, konkretere Bedeutungen zu geben. So kann ein „XY ist doof“ eine Sammelbezeichnung für sehr unterschiedliche Erfahrungen sein.
Dahinter könnten sich Gefühle wie Frust, Ärger, Unsicherheit oder auch Enttäuschung verbergen.
Wenn Deine Tochter zum Beispiel sagt: „Das Kind XY ist eine doofe Schwester“, solidarisiert sie sich vielleicht mit dem Geschwisterkind, das etwas mit seiner Schwester erlebt hat, was Deine Tochter als doof einstuft. Vielleicht meint Sie damit eher ungerecht und fühlt einfach mit.
Es kann sicher helfen, gemeinsam mit Deiner Tochter auf Spurensuche zu gehen, was genau sie damit meint. Ihr also zu helfen, Ihre Gefühle und Erfahrungen zu benennen. Auf Deine Frage hin, ob dieses Verhalten für Kinder in diesem Alter entwicklungsbedingt üblich ist, sage ich, dass das ein Prozess des Heranwachsens und aus meiner Sicht vollkommen normal ist.
Vielleicht schimpft eine Erzieherin öfter mit Ihr oder anderen Kindern oder setzt Grenzen und Sie empfindet diese als streng und muss diese Grenzsetzung von anderen außerhalb des eigenen Familiensystems zunächst lernen einzuordnen und zu verstehen.
Weiterhin zu Hause Eure Werte und damit einen freundlichen, respektvollen Umgang vorzuleben, ist sicher für Euer Familiensystem sehr wichtig und gibt Eurer Tochter Orientierung und dazu gehört auch, ausdrücken zu dürfen, was einen stört, was man mag und was nicht.
Interessant wäre es herauszufinden, wie das in der Kita gelebt wird, da mein Eindruck ist, dass die Aussagen Deiner Tochter stark bewertet werden, aber nicht wirklich hinterfragt wird, was dahinterstecken kann. Aus Kita-Perspektive sollte es ein Anliegen sein, die Situationen eher zu beobachten und mit dem Kind gemeinsam in den Austausch zu gehen. Also ein aufrichtiges Interesse wäre hier gut, für Eure Tochter und Eure Familie. Zugleich wäre es sinnvoll zu verstehen, warum die Aussagen deiner Tochter so eine große Wirkung auf die Fachkräfte haben. Geht es darum, dass die Erzieherinnen sich persönlich angegriffen oder herausgefordert fühlen? Welche Entwicklung befürchten Sie? Ein Anschlussgespräch kann diese Fragen eventuell aufklären.
Für Dich und Deine Tochter konkret im Alltag könnte ein kleines Ritual helfen, wie ein kurzes Gespräch am Abend, vor dem zu Bett gehen, um herauszufinden, was genau Sie bewegt, sie zu stärken das zum Ausdruck zu bringen und sie dabei zu begleiten, dass es zu Hause so und in der Kita anders sein darf.
Übergänge wie die Bringsituation
Lass uns gern noch gemeinsam einen Blick auf die Vorschläge der Fachkräfte werfen. Du schreibst, dass die Erzieherinnen über einen engeren Rahmen und mehr Grenzen auch in Bezug auf die Bringsituation gesprochen haben.
Gerade in Übergangssituationen ist eine klare Abgrenzung im Kita-Alltag oft schwierig, da Grenzen häufig fließend sind und sich nicht immer eindeutig festlegen lassen.
Ich finde es gut, wenn sie sich daran orientieren: „Was braucht das Kind oder die Beziehung gerade?“ Und nicht: „Was muss das Kind lernen?“
Kinder von Anfang an als kompetente Persönlichkeiten wahrzunehmen, die Sicherheit, Verlässlichkeit und echte Beziehung brauchen, hört sich zunächst gut an, das aber zu leben und in den Kita-Alltag zu integrieren ist nicht so leicht. Das weiß ich aus meiner Erfahrung als Kita-Betreiberin gut.
Die Frage, die sich mir stellt, ist, welches Bild vom Kind lebt die Kita deiner Tochter, was genau wünscht sich das Team – auch in Bezug auf euch Eltern? Sollt Ihr eher die stillen Beobachter sein? Oder aktive Begleiter im Alltag? Gibt es eine gemeinsame individuelle Gestaltung von Übergangssituationen oder geht es eher um die Einhaltung von Regeln?
Fühlst Du Dich als Mama willkommen? Oder hast Du das Gefühl, Du sollst schnell wieder weg?
Ich habe es oft so erlebt, dass die Pädagog*innen gerne mit den Kindern „ihre Routinen“ leben möchten und die Eltern damit lieber wieder schneller aus dem System haben wollen. Nicht unbedingt, weil sie die Eltern nicht da haben, sondern weil sie ihren Alltag beginnen wollen.
Dass die Übergangssituationen bereits einer der wichtigsten Bestandteile des Kita-Alltags sind, ist schon lange bekannt, aber wie das vertrauensvoll gestaltet wird, so dass es allen Beteiligten gut geht, ist immer abhängig von der Beziehungsqualität, Offenheit und einem ehrlichen Austausch.
Es könnte deswegen sinnvoll sein, zwischen den Bedürfnissen des Kindes und den Bedürfnissen der Einrichtung zu unterscheiden.
Wenn Deine Tochter morgens zum Beispiel mehr Zeit benötigt, dann wäre eher die Frage: Wie könnt Ihr diese gemeinsam gestalten? Also auch zu Hause schon? Oder auf dem Weg zur Kita? Und wie weit sind die Bezugspersonen bereit mitzugehen?
Ich habe selbst bei uns einen Entwicklungsprozess in Übergangssituationen miterlebt und wir empfehlen den Eltern immer noch, schon die Zeit vor der Abgabe in der Kita als Start des Übergangs zu verstehen. In der eigentlichen Abgabesituation kann dann ein vorbereitetes und klares „Ich gehe jetzt“, dem Kind natürlich Entschlossenheit und Orientierung geben, wie es jetzt zwischen den zwei Lebenswelten weitergeht.
Klarheit ist auch in der Abholsituation hilfreich. Viele Eltern unterhalten sich gerne noch mit anderen Erwachsenen und schaffen damit eine unklare Situation: Die Kinder sehen zwar, dass wir Eltern vor Ort sind. Sie hören auch, dass jetzt Abholzeit ist. Und doch stehen die Erwachsenen rum und scheinen entspannt zu quatschen. Für Kinder ist das ein unklares Signal. „Wenn meine Eltern noch quatschen, kann ich ja auch noch ein bisschen spielen.” Und schon rennt das Kind wieder weg. Denn die Klarheit, die es braucht, fehlt.
Hier müssen wir also genau schauen: „Was braucht das Kind gerade?“ und „Was brauchen wir Erwachsenen gerade?“ – und was ist in der Abholsituation wichtiger? So kann es eine gute Entscheidung sein, das Gespräch mit der anderen Mutter außerhalb der Kita weiterzuführen.
Doch jedes Kind hat eigene Bedürfnisse – und dies gilt es gemeinsam mit den Pädagog*innen zu besprechen und im Idealfall individuell anzupassen. Während manche Kinder von einem kurzen Abschied profitieren, darf Deine Tochter mehr Zeit brauchen, in welcher du trotzdem präsent bei ihr bist.
Das Gespräch mit den Fachkräften als Blick auf Ressourcen
Du hast vom Gespräch mit den Erzieherinnen deiner Tochter geschrieben. Hier scheinen vor allem die problematischen Verhaltensweisen im Mittelpunkt gestanden zu haben. Und an deinen Fragen, ob Du verantwortlich bist, dass deine Tochter gewisse Aussagen trifft oder du zu wenig Grenzen und Orientierung vorgibst, fühle ich eine große von außen an dich herangetragene Verunsicherung. Ein Perspektivwechsel würde sich lohnen: Welche Stärken und Ressourcen Deiner Tochter nehmen die Erzieherinnen denn wahr? Wurden diese im Gespräch überhaupt benannt?
Konkret könntet ihr mit folgenden Fragen auf die Suche nach diesen Ressourcen gehen:
- Wie gelingt meiner Tochter der Kita-Alltag außerhalb der beschriebenen Situationen?
- Welche positiven Beziehungen hat sie zu Kindern und Erzieherinnen?
- Welche Entwicklungsschritte hat sie in letzter Zeit gemacht?
Und natürlich: Worauf kann aufgebaut werden, um sie in ihren Herausforderungen zu unterstützen?
Dieser Blick auf die Ressourcen ist ebenso wichtig wie auf die Herausforderungen. Das sage ich sowohl als Mutter als auch als Kita-Betreiberin. Denn nur so kann die wichtigste Frage beantwortet werden: Was braucht deine Tochter gerade?
Und was das ist, findet Ihr nur heraus, wenn ihr Verhalten im Gespräch ausreichend im Kontext ihrer Entwicklung, der Übergangssituation und ihrer eigenen vorhandenen Ressourcen betrachtet wird.
Wenn vor allem die Problemwahrnehmung der Erwachsenen im Vordergrund steht, wird es schwieriger, Lösungsansätze und Unterstützung für deine Tochter zu finden. Denn dann geht es primär um die Erwachsenen. Nicht um dein Kind. Abschließend möchte ich dir empfehlen, nochmals mit der Kita in den Austausch zu gehen und diese Punkte zu besprechen. Dabei brauchst du nicht an dir und deiner Wahrnehmung zweifeln.
Ich wünsche Dir, dass Du auf Deine Intuition als Mama vertraust, die Stärken Deiner Tochter im Blick behältst und gemeinsam mit der Kita einen Weg findest, der ihrer Entwicklung, ihren Bedürfnissen und Eurer Beziehung gerecht wird.
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