Ehrlich gestellt.
Liebes Team,
mich beschäftigt seit einiger Zeit ein Thema, was ihr in eurer Elternberatung bislang glaube ich noch nicht angesprochen habt und zwar, wie es ist, wenn man die Elternschaft bereut.
Bei mir ist das der Fall. Ich habe zwei Kinder im Alter von 5 und 2,5 Jahren, und könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich mich, mit dem Wissen von heute, nicht mehr für Kinder entscheiden. Ich glaube, dass diese Denkweise in der Gesellschaft immer noch ein großes Tabuthema ist, aber ich glaube, dass es vielen Eltern, und in meinem Fall insbesondere Müttern, ähnlich geht.
Es wird als großes Ziel einer jeden Frau angesehen, Kinder zu bekommen und darin die Erfüllung zu finden. Meine beiden Kinder sind absolute Wunschkinder, doch vor ungefähr zwei Jahren habe ich festgestellt, dass mich die Rolle der Mutter einfach nicht so erfüllt, wie ich es mir erhofft hätte und auch erwartet habe: die immer gut gelaunte Mutter, die ihre Kinder liebt, alles für sie tut, sich komplett zurücksteckt und gleichzeitig noch den Haushalt geregelt bekommt, arbeiten geht und eine vorbildliche, liebende Ehefrau ist. All diese Idealbilder soll eine Frau erfüllen und das ist einfach in der Realität nicht zu schaffen. Aber genau dieses Bild wird in der Allgemeinheit noch vertreten.
Zwar ändert sich das gerade und Frauen entscheiden sich vielleicht eher bewusst gegen Kinder, aber als bei mir und meinem Mann das Thema Familienplanung aufkam, hat niemand mal gesagt: „Habt ihr euch das wirklich gut überlegt?“
Sondern alle in unserem Umfeld – inklusive uns selber – fanden es völlig normal. Das gehört doch einfach dazu. Das war einfach der nächste logische Schritt in unserer Beziehung. Wirklich tiefgründige und ehrliche Gedanken haben wir uns darüber nicht gemacht, warum auch?
Heute bin ich in Therapie und versuche mich in der Rolle als Mutter immer mehr zurechtzufinden. Es fällt mir aber immer wieder sehr schwer, durch die ständige Fremdbestimmung und die ständigen emotionalen Belastungen durch die Kinder. Ich versuche, sie liebevoll und auf Augenhöhe zu erziehen, doch das bringt mich ständig an meine emotionalen Grenzen, und ich fühle mich oft überfordert. Ich habe dann oft den Gedanken, dass ich das alles eigentlich gar nicht mehr will. Meinem Mann geht es nicht so, aber er hat meiner Ansicht nach auch nicht den größten Teil der Care-Arbeit zu leisten, und der allseits bekannte Mental Load liegt meiner Meinung nach auch zu über 70 % bei mir und auch bei Frauen im Allgemeinen. Ich habe keine konkrete Frage an dich und das Beratungsteam. Ich dachte nur, dass ich mit diesem Thema vielleicht auch andere Frauen ansprechen und dass es okay sein sollte, diese Gefühle zu haben und es wichtig ist, darüber offen zu sprechen, damit man Hilfe findet. Ich danke dir und dem Team für die ganz tollen Angebote in der Elternberatung und Paarberatung. Ich lese die Artikel immer mit sehr großem Interesse und versuche daraus immer wieder für mich neue Ansätze zu finden und mit meiner Mutterrolle besser in einen Einklang zu kommen.
Liebe Grüße
unserer Expertin.
Liebe Mama,
Zuerst möchte ich mich bei dir bedanken, dass du dieses Thema hier ansprichst. Es ist ein sehr komplexes Thema und es ist auch mit sehr viel Scham und Stigmata belegt.
Für mich ist es ein bisschen schwierig, auf deine Frage zu antworten, da du ja keine wirkliche Frage mitgebracht hast. Deshalb hoffe ich, dass es in Ordnung ist, wenn ich ein bisschen allgemeiner auf das Thema „Regretting Motherhood“ eingehe – in der Hoffnung, dass sich durch deine Schilderungen und meine Antwort vielleicht einige Mamas wiederfinden und verstanden fühlen.
Es ist nun schon zehn Jahre her, dass die Studie „Regretting Motherhood“ von Dr. Orna Donath veröffentlicht wurde. Die Israelin hat für diese Studie 23 Mütter aus verschiedenen sozialen Schichten im Alter von Mitte 20 bis Mitte 70 befragt.
Diese Mütter hatten eine Gemeinsamkeit, sie konnten die folgende Frage mit einem klaren „Nein“ beantworten:
„Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, mit Ihrem heutigen Wissen und Ihrer Erfahrung, würden Sie dann nochmal Mutter werden?“
Vor allem in Deutschland gab es hitzige Diskussionen zu diesem Thema und noch heute fällt es vielen Müttern schwer, sich zu diesen Gefühlen des Bereuens zu bekennen. Es gab viele Erkenntnisse aus der besagten Studie und auch aus den resultierenden Diskussionen im Anschluss. Für viele Mütter war es erleichternd zu hören, dass es auch andere Frauen gibt, die ähnliche Gefühle haben.
Widersprüchliche Gefühle
Die Gründe, die die Mütter schildern, warum sie ihre Mutterschaft bereuen, sind sehr individuell. Auch die Art und Weise des Umgangs damit ist unterschiedlich und reicht von leisen Zweifeln bis hin zu tiefgreifendem Bedauern.
Gesellschaftlicher Druck, Überforderung, fehlende Unterstützung, finanzielle Nöte, das Gefühl von eingeschränkter Autonomie und so viele weitere Faktoren können dazu beitragen, dass Mütter es bereuen, Kinder bekommen zu haben.
Doch unabhängig davon ist es emotional ein noch komplexeres Phänomen, denn was alle Mütter in der Studie berichteten, ist dass sie Liebe für ihre Kinder empfinden und gleichzeitig eben auch eine andere Palette an Emotionen, die sich teils auch widersprüchlich anfühlen können.
Die Studie war ein wichtiger Anstoß und selbst Orna Donath war überrascht, wie viele Diskussionen vor allem in Deutschland ausgelöst wurden. Ich glaube, es hat sich schon viel getan, auch wenn es sich manchmal vielleicht nicht so anfühlt. Damals war es ein riesiges Tabu, das diese Studie auf einmal ganz bewusst benannt hat. Heute ist es immer noch nicht einfach, aber ich höre, dass immer mehr Mütter sich trauen, auch über die Schwierigkeiten des Mutterseins zu sprechen, es wird über Care-Arbeit diskutiert und über ein überhöhtes Bild der „perfekten Mutter“.
Dies ist ein so wichtiger Schritt.
Ich glaube, dass für alle Mütter hilfreich ist zu hören, dass Mutterschaft mit so vielen – eben auch widersprüchlichen – Gefühlen einhergeht. Die Studie befasste sich ausschließlich mit Müttern, die über viele Jahre das Gefühl des Bereuens mit sich trugen und öffnete aber damit auch die Möglichkeit für alle Mamas, sich darüber auszutauschen, dass das Leben als Mama eben nicht immer so ist, wie es uns so manche Werbung immer gezeigt hat.
Das empfinde ich als wertvoll, denn so können wir die gesellschaftlichen Erwartungen hinterfragen und auch die Stigmatisierung reduzieren.
Und ich denke, so wird es auch dazu kommen, dass sich junge Frauen in Zukunft durchaus bewusst überlegen, ob sie wirklich Mutter sein möchten oder nicht und ich vermute sogar, dass viele dies bereits tun – ohne wissenschaftliche Studien zu diesem Thema zu kennen.
Wie finden wir uns in der Lage zurecht?
Als zweiten Aspekt möchte ich gerne noch den Blick auf das Thema „Eigenverantwortung“ lenken. Für mich ist dieser Wert ganz eng damit verbunden, zu erforschen, wie ich wieder in meine Kraft kommen kann.
Eigenverantwortung bedeutet, dass ich die Verantwortung für mein eigenes Verhalten und meine Gefühle übernehme. Ich finde du hast ein tolles Beispiel dafür gegeben. Du hast gemerkt, wie sehr es dich belastet, du hast wunderbar beschrieben, wie es dazu gekommen ist und welche Gefühle in dir arbeiten und du hast beschrieben, dass du dir deshalb einen Therapieplatz gesucht hast.
Das ist für mich eine Möglichkeit, wie wir Verantwortung übernehmen und uns gut um uns selbst kümmern können. Für mich ist es auch unabhängig davon, ob wir grundsätzlich mit Gefühlen von Reue zu tun haben oder es vielleicht Phasen im Leben als Mutter gibt, in denen wir so in der Überforderung gefangen sind, dass wir am liebsten unseren Koffer packen würden.
Es braucht eine große Portion Mut, denn es sind Gefühle, für die wir uns selbst verurteilen und zudem auch in der Gesellschaft verurteilt werden. Verständlich, wie extrem schwierig es ist, sich diese Gefühle einzugestehen und dann auch noch zu überlegen, wie man damit umgehen kann.
Dabei muss es natürlich nicht immer Therapie sein – dies kann für viele eine gute Unterstützung sein, aber es gibt viele Möglichkeiten um herauszufinden, wie wir unsere Eigenverantwortung leben können. Vielleicht helfen zum Beispiel Gespräche mit vertrauten Personen oder in Selbsthilfegruppen?
Es ist wichtig, die eigenen Gefühle ernst zu nehmen und nur durch dieses Ernstnehmen ist es möglich, auch Selbstmitgefühl zu entwickeln. Es ist okay, sich überfordert oder unsicher zu fühlen. Man darf sich selbst erlauben, auch negative Gefühle zu haben, ohne sich dafür zu verurteilen. Der Austausch mit anderen kann entlastend sein, wenn wir merken, wir sind nicht allein mit diesem Gefühlscocktail, den wir mit uns tragen, seitdem wir wissen, dass wir Mama werden.
Ich glaube, dass diese Akzeptanz uns auch die Möglichkeit gibt, zu erforschen, wie wir unser Leben so gestalten können, dass wir unsere ganz individuelle Reise als Mutter so erleben können, dass sie zu uns passt. Es ist in Ordnung, sich dafür Unterstützung zu suchen und sich selbst mit Freundlichkeit zu begegnen.
Und wir dürfen hier ganz ehrlich mit uns selbst sein. Wie geht es mir als Mutter denn wirklich gut? Wie viel Zeit will ich mit meiner Familie verbringen? Wie viel Zeit brauche ich, um mich außerhalb der Mutterrolle zu spüren und Erfüllung und Freiheit zu erleben?
Warum erlaube ich mir dies vielleicht auch gar nicht?
Dies sind ein paar Fragen, die wir uns alle als Mama stellen dürfen. Das bedeutet nicht, dass es für alle einen Weg geben wird, bei dem das Gefühl, das Muttersein zu bereuen, „verschwinden“ wird.
Aber vielleicht wird der Weg dadurch ein wenig einfacher und angenehmer und die Last wiegt nicht mehr so schwer.
Und wenn wir diese Hoffnung wieder spüren können, dann kann es auch wieder möglich werden, sich auf die positiven Aspekte und kleinen Momente im Alltag zu konzentrieren, um wieder Freude und Verbundenheit zu empfinden.