Darum geht es
Kleinkinder die erst etwas unbedingt wollen, es dann mit einem lauten „NEIN!“ und Wutanfall doch ablehnen: Das kann einen schonmal fast um den Verstand bringen. Wie geht man damit um?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Ich stehe vor einem Problem und ich merke, dass ich mit meinen Strategien nicht mehr weiter komme.
Unser 3 jähriger Sohn ist sehr willensstark. Er hat eine Meinung und die tut er gerne kund. Das finde ich auch völlig in Ordnung und ich habe den Eindruck, dass wir ihm genügend Zeit, Raum und Aufmerksamkeit schenken, um sich frei zu entfalten, seinen Interessen nachzukommen und eine Meinung zu bilden. Dennoch zeigen wir ihm natürlich Grenzen auf und erklären ihm immer wieder, dass es gewisse Dinge gibt, die er nicht entscheiden kann, weil er ein Kind ist und wir dies für ihn tun müssen. Zum Beispiel, dass wir entscheiden, wann Schlafenszeit ist, er aber das Buch oder das Hörspiel aussuchen darf, welches wir zum einschlafen lesen oder hören.

Nun kommt es aber immer häufiger vor, dass er von sich aus etwas einfordert, wir ihm die Möglichkeit des Handelns geben und er sich plötzlich umentscheidet und „Nein“ sagt. Dies wiederholt sich dann zwei, drei Mal bis ich dann maximal genervt bin und mein wütender „Erziehungsautomat“ anspringt. Mein Sohn steigert sich dann in einen Wutanfall hinein, weint und tobt, weil er seinen Willen nicht bekommen hat.

Heute Morgen nach dem Zähneputzen wollte er mit seinem Zahnputzbecher den Mund ausspülen. Ich habe ihm den Becher gereicht, er wollte ihn nicht nehmen. Ich habe ihn zurück gestellt, er wollte ihn haben. Das ging dann einige Male hin und her, bis ich entschieden habe, dass es reicht und ihm erklärt habe, dass ich jetzt das Badezimmer verlasse. Daraufhin ist er regelrecht „explodiert“. Ich habe irgendwann entnervt zurück geschrien und habe mich richtig über mein eigenes Verhalten erschrocken. So möchte ich natürlich nicht sein, merke aber, dass mich dieses hin und her inzwischen so schnell wütend macht, dass ich keine Geduld und auch keine Ideen mehr habe, wie ich aus dieser Situation heraus komme.

Bei meinem Mann kommt dieses Verhalten unseres Sohnes manchmal auch vor, jedoch bin ich diejenige, die häufiger so krasse Wutausbrüche begleiten muss. Oft in Übergangssituationen wie dem Fertigmachen für die Kita oder beim Abholen oder auch bei Verabschiedungen, wenn einer von uns das Haus ohne unseren Sohn verlässt.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Verhalten unseres Sohnes völlig altersgerecht und angemessen ist und diese Phase wahrscheinlich irgendwann endet, dennoch wünsche ich mir eine Hilfestellung wie ich besser reagieren kann und nicht immer der doofe „Erziehungsautomat“ anspringt.

Die Antwort
unserer Expertin.
Erst ewiges Hin-und-Her, dann Kleinkind-Wutanfall
Sandra Kleber — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern,

leider ist es im Familienalltag nicht immer möglich, in Führung  und gleichzeitig noch beliebt bei unseren Kindern zu sein. Dass Kinder eine liebevolle Führung durch uns Erwachsene brauchen, steht ja außer Frage. Sie kommen ohne Erfahrung auf die Welt und sind „Lernende“, daher ist es enorm wichtig, dass wir uns dieser Verantwortung auch bewusst sind und diese Führung aktiv an- und übernehmen.

Ich finde es wunderbar, dass Sie Ihrem Sohn einerseits einen stabilen Rahmen bieten (was geht für uns und was nicht) und ihm dabei aber gleichzeitig genügend Raum für Autonomie lassen. Dabei hat er die Möglichkeit, sich selbst und Sie als Eltern kennenzulernen. Wo sind meine eigenen Grenzen, wo sind die Grenzen meiner Eltern? Ihre persönlichen Grenzen kommunizieren Sie ja, wie in Ihrer Schilderung beschrieben, schon sehr klar, wenn Sie beispielsweise sagen: „Dann verlasse ich jetzt das Badezimmer.“ Und natürlich stoßen wir mit unseren Entscheidungen nicht immer auf die Zustimmung des Kindes und sind dann mit großen Gefühlen wie Wut und Frustration konfrontiert. 

Gefühle wollen gefühlt werden

Viele Eltern, die ich begleiten darf, sind sich einig, dass alle aufkommenden Gefühle beim Kind sein dürfen und willkommen sind. Bei positiven Gefühlen wie Freude oder Begeisterung ist dies auch meist kein Problem für uns Eltern. Anders wird es bei üblicherweise negativ bewerteten Gefühlen wie Frustration, Wut oder gar Aggression. Auch Traurigkeit zu begleiten fällt uns als Eltern oft so schwer.

Die Aussage „Gefühle wollen gefühlt werden und nicht verdrängt, sonst hießen sie ja Gedränge.“, finde ich dabei sehr stimmig, auch im Hinblick auf uns Eltern. Sie beschreiben ja so gut, wie sie die Wut bei sich selbst spüren und wahrnehmen. Ein erster Schritt in diesen Momenten wäre für mich, erstmal MEIN Gefühl wahr- und anzunehmen, ob Wut oder Frustration, und mir zu erlauben, dies so zu fühlen. Mit einem wohlwollenden, liebevollen Blick auf MICH SELBST, so wie wir auch unsere Kinder begleiten möchten. Ja, wir dürfen auch uns gegenüber gütig und gleichwürdig sein!  

Wut ist ja ein sehr kraftvolles, energiegeladenes Gefühl und sie darf zu uns gehören und da sein. Sie zeigt an, dass bestimmte Bedürfnisse bei uns selbst oder unserem Kind gerade nicht erfüllt sind. Oft sind es Bedürfnisse aus der Gegenwart, wie Zeitdruck, Ärger im Job, Müdigkeit oder auch unerfüllte Bedürfnisse aus der Vergangenheit. Diese zeigen sich meist, indem wir die Wut sehr stark, kräftig und explosionsartig erleben. Wenn wir ein wütendes Kind vor uns haben, haben wir es immer mit zwei Kindern zu tun: dem Kind, das vor uns steht und dem Kind, das wir selbst einmal waren. Somit kommen wir in diesen Momenten mit den Erfahrungen unserer eigenen Kindheit in Berührung. Mit den schönen, aber auch mit den verletzten Anteilen in uns. Wenn wir Eltern werden, und das ist wirklich ein Geschenk, dürfen wir uns selbst nochmal auf eine ganz neue Weise kennenlernen.

Alte Wut in uns Eltern

Leider waren bei vielen in der Kindheit Gefühle wie Wut oder Frustration nicht gerne gesehen oder gar nicht erlaubt, wir haben vielleicht erfahren, dass es nicht gut ist, so zu fühlen und unsere übernommene Strategie aus der Kindheit heißt: Wut ist nicht gut, ICH bin nicht gut wenn ich so fühle. Also lautet unsere Strategie: Unterdrücken.

Unser Gehirn ist so ein hochkomplexes Organ, doch leider kann es in stressigen Momenten nicht zwischen Gegenwart und Vergangenheit unterscheiden. Das heißt, in solchen von Ihnen beschriebenen Konfliktsituationen greifen wir automatisch auf Strategien aus unserer Kindheit zurück. Und wenn bei mir selbst die Wut als Kind nicht sein durfte, so werde ich im Hier und Jetzt fast automatisch auch wütend, sobald mein Kind dieses Verhalten zeigt. Mein erster Impuls ist dann: Das darf nicht sein, schnell weg mit diesem Gefühl. Im Zusammensein mit unseren Kindern kann schon das Bewusstsein darüber ein erster Schritt sein, anders zu reagieren und zu begleiten.

Der „Erziehungsautomat“ ist ja in diesem Fall nichts anderes, als ihre eigenen Erfahrungen als Kind und so finde ich, gar nicht so doof, sondern die Möglichkeit diese Erfahrungen zu reflektieren, anzunehmen und sich schließlich mit ihnen auszusöhnen. Auch unsere Eltern haben immer ihr Bestes gegeben. Wir sollten uns in solchen Situationen immer wieder fragen, wieviel der aktuellen Gefühle gehören in die momentane Situation und welche stammen vielleicht aus der Vergangenheit.

Leider können wir in punkto Konflikte nicht jede Klippe „umschiffen“ und das wäre auch nicht sinnvoll. Konflikte gehören zum Leben dazu und bieten wichtige Lernmöglichkeiten für uns und unsere Kinder – auch solche scheinbar sinnlosen und nervigen Streits über das Hinstellen und Nehmen des Zahnputzbechers.

Hier ein paar Gedanken von meiner Seite, wie wir stressige Situationen dennoch besser begleiten können:

Erstmal atmen! Das mag für manche banal klingen, aber es kann einen wirklich großen Unterschied machen, wenn wir es schaffen, uns in einem stressigen Moment erstmal bewusst auf die Atmung zu konzentrieren.

Wenn die Wut in uns hochkocht, der „Erziehungsautomat“ dabei ist, anzuspringen, und wir kurz davor sind unserem Kind ein „Kannst du dich denn nicht EIN EINZIGES MAL zusammenreißen!“ an den Kopf zu werfen, dann ist ein tiefer, bewusster Atemzug Gold wert. Der funktioniert nämlich wie eine Art Pufferzone, ein Innehalten, ein „kurzer Besuch bei uns selbst“, der uns erlaubt, etwas Abstand zu den eigenen Gefühlen aufzubauen. So schaffen wir uns die wichtigen Sekunden, in denen wir uns noch fragen können: „Ok, ich bin jetzt offenbar selbst total frustriert und aufgebracht. Was brauche ich? (als Erstes!) Was braucht mein Kind? Wie möchte ich mich verhalten?“

Manchen Eltern hilft es dafür auch, sich zu bewegen: einmal den ganzen Körper durchschütteln, kurz im Nebenraum Hampelmann machen und ins Kissen brüllen oder vielleicht innerlich von 20 rückwärts zählen. Je nach Situation können es verschiedene Handlungen sein – eben das, was gerade zu einem passt –, die es uns ermöglichen, trotz der in uns aufkommenden Gefühle die nötige Ruhe zu bewahren.

Total hilfreich finde ich dabei das Bewusstsein darüber, dass die Wut oder die Frustration gerade BEI MEINEM KIND ist, also gar nicht bei mir!

Nicht ICH bin verärgert und wütend, sondern mein Kind.

Diese klare Abgrenzung ermöglicht mir, emotional zugewandt und mitfühlend zu bleiben, ohne selbst in dieses Gefühl einzutauchen. Ich fühle dieses Gefühl nicht, ich nehme es bei meinem Kind von außen wahr und kann es begleiten und co-regulieren. Wenn wir es als Eltern schaffen, liebevoll und zugewandt  zu bleiben, haben wir in diesem Moment passiv eine große Vorbildwirkung: Unser Kind fühlt sich auch in dieser Ausnahmesituation gesehen und angenommen, es wird nicht bewertet für sein Gefühl, wir sind einfach nur da, als helfende Hand. Hier zeigen wir, dass solch großen Gefühlen, Konflikten, heruntergefallenenen Gläsern oder herben Enttäuschungen eben auch mit Worten, tiefen Atemzügen oder vielleicht einem herzhaften Schrei ins Sofakissen begegnet werden kann; eben mit diesen sozial verträglicheren Möglichkeiten der Selbstregulation, die wir unseren Kindern im Laufe der Jahre beibringen wollen.  

Durch unsere Ruhe in ihrem Sturm lernen Kinder nach und nach, mit diesen starken Gefühlen umzugehen. Darauf dürfen wir vertrauen.

Ich wünsche Ihnen von Herzen gutes Gelingen!

Sandra Kleber