Darum geht es
Die Kita hat eine ADHS-Diagnostik empfohlen. Wie gehen wir nach dem ersten Schock damit um? Was wenn es tatsächlich ADHS ist – und was wenn nicht?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo liebes Beratungsteam,

Ich bin momentan wirklich sehr beunruhigt. Unser Sohn (Einzelkind) ist jetzt 5 1/2 Jahre alt. Wir hatten schon so im Alter von ca. 2 1/2 eine Phase, in der er oft gehauen hat. Sowohl Kinder als auch mich. Ich würde unseren Sohn als temperamentvoll, willensstark, „wild“ beschreiben. Er kann gut alleine mit sich spielen (was er sich dann selbst aussucht) und selbst beschäftigen, wenn ich z.B. Sport mache. Er spielt gerne mit Figuren und alles, was mit Kämpfen zu tun hat . Er will gerne bestimmen und bei Spielen gewinnen. Wenn wir viel Besuch oder unbekannte Leute zu Hause haben, setzt er „störendes“ Verhalten öfter ein, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Er selbst sagt immer, er will ein Bösewicht werden, das beunruhigt mich auch.

Letztes Jahr im Sommer wurde er dann deutlich „ruhiger“ und wirkte einfach so, als wenn er nun „größer“ geworden sei. Dies hat auch der Kindergarten rückgemeldet. Generell liefen die Entwicklungsgespräche im Kindergarten immer recht positiv.

Zu Hause ist unser Sohn hauptsächlich mit mir, da mein Mann beruflich sehr eingespannt ist. Ich habe schon immer viel über bedürfnisorientierte Erziehung gelesen und diese auch angewandt. Generell würde ich sagen, es fällt mir schwer, meine Grenzen zu spüren und zu halten. (Woran ich aber immer mehr arbeite). Unser Sohn hat kurz nach seinem 5. Geburtstag seinen 1. Zahn verloren und ich würde sagen, dass es ca. zu der Zeit angefangen hat, dass er vermehrt Schimpfworte sagt, haut (vor allem mich), eine schlechte Impulskontrolle und Frustrationstoleranz hat.

Ein paar Beispiele: Wenn er etwas schreibt, hat er eine klare Vorstellung, wie der Buchstabe aussehen soll – sieht er dann nicht so aus, wird er wütend, weint und schreit, man darf ihm auch nicht helfen dabei.

Wenn ich mit ihm spiele und es nicht so ist, wie er sich das vorstellt oder er mir gesagt hat, wie ich es spielen soll, wird er wütend und haut mich oder sagt Schimpfworte.

Er hat eine Freundin, die sehr schnell auf „ärgern“ reagiert. Also ärgert er sie „gerne“ und haut sie auch teilweise.

Manchmal denke ich, er will dann eine klare Grenze, denn sie „wehrt“ sich nicht. Diese Beispiele treten nicht jedes Mal auf in den jeweiligen Situationen. Letztens kam die Kindergärtnerin (Montessori Kindergarten) auf mich zu. Sie meinte er hätte zu einem Kind gesagt: „Dann töte ich dich.“

Die Erzieherinnen fanden dies sehr bedenklich und wir kamen dann ins Gespräch, in dem es dann unter anderem um die Impulskontrolle und Frustrationstoleranz ging. Er wäre sehr impulsiv und aktiv, hätte sehr viele Gefühle, braucht klare Strukturen und Grenzen.

Sie hat dann eine Diagnostik bezüglich ADHS angeraten.

Ich bin erstmal aus allen Wolken gefallen, zumal vorher nie so was erwähnt wurde.

Ich hatte bei vorherigen Gesprächen auch regelmäßig gefragt, ob er sich an die Regeln hält etc. Dies wurde immer bejaht und es gab auch nie größere „Probleme“. Nach dem ersten Schock habe ich natürlich in Ruhe nachgedacht.

Das Hauen macht er hauptsächlich bei mir. Bei meinem Mann (er ist deutlich „strenger“ als ich) nicht.

Ich habe jetzt angefangen, deutlichere Grenzen zu setzen und konsequenter zu sein. Mittlerweile ist das Hauen weniger geworden und wenn es zu Frust kommt z.B. in unserem Spiel haut er nicht mehr direkt, sondern kontrolliert sich. Dafür sagt er dann aber vielleicht Schimpfworte.

Auch vor dem Treffen mit seiner Freundin sage ich ihm jetzt, dass ich nicht will, dass er haut. Auch das klappt besser. Mittlerweile entschuldigt er sich nach „unangemessenem“ Verhalten von selbst.

Trotzdem bin ich beunruhigt und habe „Angst“ vor einer möglichen ADHS Diagnose.

Was soll ich machen? Eigentlich wäre es mir prinzipiell zu früh, um sowas testen zu lassen. Wenn er es nicht hat, wie gehe ich am Besten mit ihm um? Ich will nicht ständig drohen! Ich habe ein Belohnungssystem eingeführt. Wenn er nicht haut, bekommt er am Abend einen Sticker, wenn er 3 hat, darf er eine Aktivität aussuchen.

Vor allem ist mir wichtig, dass sein Selbstwert nicht leidet.

Vielleicht ist es auch mein Fehler. Ich hatte als Kind immer das Gefühl nie gut genug zu sein, so wie ich bin und wollte das für ihn nie und habe ihn daher immer so gelassen wie er ist und war wohl nicht konsequent genug.

Ich hoffe ihr könnt mir ein bisschen weiter helfen

Die Antwort
unserer Expertin.
Braucht mein Kind eine ADHS-Diagnostik?
Beate Kuhlmann — FamilyLab Deutschland

Liebe Mama,

was du schreibst ist für mich sehr nachvollziehbar – sowohl deine Ängste vor einer möglichen Diagnostik (und dem Ergebnis) als auch die Unsicherheiten im Umgang mit dem Verhalten deines Kindes. Vielen Eltern geht es ähnlich, das weiß ich aus meiner früheren Arbeit in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis, in der ich viele Kinder getestet habe, als auch aus meiner jetzigen Beratungsarbeit. Du bist also nicht alleine.

Ich möchte dir auf 2 Fragen antworten: Was ist, wenn es kein ADHS ist? Was ist, wenn es ADHS ist?

Was ist, wenn es kein ADHS ist?

Du schreibst – und darin sehe ich eine große Ressource – aus dem ersten Schock über die Diagnostik-Empfehlung ist bei dir ein Nachdenken entstanden, das dich dazu geführt hat, über deine frühen Prägungen nachzudenken und deinem Kind gegenüber mit klaren Grenzen aufzutreten. Dazu möchte ich dich ehrlich beglückwünschen!

Jesper Juul sagte:

„Kinder legen mit ihrem Verhalten den Finger in die Wunde.“

Deine Wunde ist die kindliche Verletzung deiner Integrität, indem deine wichtigen Bezugspersonen Grenzen so kommuniziert haben, dass du gefühlt hast: Ich bin nicht ok. Du hast daraus den Schluss gezogen, Begrenzungen an sich sind negativ und wolltest dein Kind vor dieser Erfahrung schützen. Das ist sehr plausibel. Aber: Da du bedürfnisorientiert sein möchtest, ist die Gefahr, dein Kind zu verletzen, eher gering. Aber die Gefahr, dass dein Kind nicht ausreichend lernt, Frustgefühle zu integrieren, ist sehr hoch. Die Folge davon können Aggressionen sein, weil dein Kind dich damit möglicherweise immer wieder fragt: „Und wer bist du? Ich brauche deine Grenze, um mich zu orientieren und mich in unserer Beziehung ok zu fühlen.“ 

Du erlebst jetzt: Wenn du mit deinen Grenzen in Kontakt bist und sie auch äußerst, reagiert er auf dich und kann sich besser steuern. Er ist körperlich nicht mehr so aggressiv und kann sich sogar regulieren, wenn du ihm im Vorfeld sagst, was du von ihm willst. An dieser Stelle plädiere ich sehr dafür, zu sagen „ich will“ und nicht „ich möchte“, weil dein Sohn so spürt, dass es wirklich wichtig für dich ist und du es ernst meinst.

Wenn dann Frust entsteht, kannst du ihn begleiten: „Du wolltest das Spiel anders spielen. Das ist echt doof für dich, aber ich habe nur noch 10 Minuten Zeit, dann muss ich mit dir los.“ Sollte er dann beleidigend werden, könntest du ruhig sagen: „Stopp, ich will nicht, dass du so mit mir sprichst!“ Kurz und klar, am besten mit einem Gefühl der Sicherheit statt eines schlechten Gewissens. Dein Kind sollte durch deine persönliche Sprache (Ich-Botschaften) in seiner Integrität geschützt werden UND deine Grenzen erfahren, damit es lernt, was sein Verhalten bei anderen auslöst. So entsteht Mitgefühl und auch Kompromissbereitschaft, ohne die wir in Gruppen nicht zurechtkommen und uns wertvoll fühlen können. Hier scheinst du also mit der Veränderung in deinem Verhalten auf dem richtigen Weg zu sein! Dass er sein Verhalten im Nachhinein erkennt und sein Bedauern zum Ausdruck bringt, stimmt mich sehr zuversichtlich, dass ihr gut in Beziehung seid.

Die Diagnose ADHS sollte erst mit Erreichen des 6. Lebensjahres bzw. mit Eintritt in die Schule gestellt werden – aus gutem Grund, denn vorher können die 3 typischen „Leitsymptome“ (Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität) nämlich entwicklungsbedingt noch völlig normal sein. Bei fünfjährigen Kindern ist es nicht ungewöhnlich, dass sie Schwierigkeiten haben, ihre Aufmerksamkeit über längere Zeit auf eine Sache zu richten oder dass sie sehr lebhaft und energiegeladen sind. Auch impulsives Verhalten, wie etwa schnelles Handeln ohne nachzudenken, kann in diesem Alter häufig vorkommen, ohne dass es auf ADHS hinweist. Auch die Eigenart deines Sohnes, gewinnen und bestimmen zu wollen, kann altersbedingt sein und zum Erlernen von Akzeptanz und Autonomie gehören.

Für eine in Phasen verlaufende Entwicklung spricht, dass er letztes Jahr ruhiger war und die Erzieherinnen lange kein Problem mit ihm hatten. Äußerungen wie „Ich töte dich“ oder „Ich will ein Bösewicht werden“, können übersetzt heißen, dass er mit etwas überfordert ist und möchte, dass die Situation aufhört oder dass er sich wünscht, Macht zu haben. (Macht bedeutet Kontrolle bedeutet Sicherheit). Auf keinen Fall empfehle ich, diese Äußerungen 1:1 zu übersetzen. 

Was ist, wenn es ADHS ist?

Zunächst möchte ich dich einladen, zu schauen, was dir bei einer möglichen ADHS-Diagnose Angst macht. Befürchtest du, dass dein Kind das Gefühl bekommt, es ist krank, falsch, schuld, nicht ok…? Befürchtest du die dann folgenden Entscheidungen, was die richtige Förderung betrifft?

Was es auch sein mag, aus meiner Erfahrung in der ADHS-Diagnostik und Begleitung von Eltern weiß ich: Gute Praxen lassen die Familien nicht allein und klären auf über die Möglichkeiten, die zur Verfügung stehen. Gemeinsam wird dann in der Beratung nach einem individuell passenden Weg gesucht. Und gut informiert zu sein, mindert meiner Erfahrung nach Ängste.

Nicht jedes Kind, das früh wild und temperamentvoll ist, hat ADHS. Aber: Kinder mit ADHS waren in der Regel früh wild und temperamentvoll. Da ich mittlerweile viele Familien mit Teenagern berate, bei denen ein ADHS nicht behandelt wurde, sehe ich, dass dies häufig dazu führt, dass die Jugendlichen sich selbst „behandeln“ mit allen möglichen Substanzen oder Medienkonsum, weil sie nicht wissen, wie sie sonst ihr Nervensystem entspannen können.

Meiner Erfahrung nach ist es auch nicht so, dass alleine die Testung einen negativen Effekt auf das Selbstwertgefühl der Kinder hat. Und wenn der Test negativ ist, sind alle froh. Wenn er positiv ist, kann gezielt ein Konzept der Unterstützung entwickelt werden. In der Schule wäre dann auch ein Nachteilsausgleich möglich.  

Mein Fazit ist: Da du einen deutlichen Entwicklungsschub bei deinem Sohn in Richtung Frustrationstoleranz und Impulskontrolle erkennen kannst, liegt es nahe, dass das Kommunizieren deiner Grenzen eine wirkliche Hilfe für ihn ist und dass er erreichbar ist. Hier würde ich weiter Erfahrungen sammeln, die Leitsymptome im Blick behalten und mit Kita, Kinderärztin sowie zukünftiger Schule im Austausch bleiben. Sollte es in der Schule zu Auffälligkeiten kommen, die ihn am Lernen hindern, kannst du überlegen, ob eine Testung in Frage kommt. Auch dazu kannst du dich von Fachärzt*innen oder den Lehrer*innen beraten lassen.

Und zu guter Letzt: Kinder mit ADHS sind nicht „defekt“, sondern haben häufig eine andere Art, die Welt zu erleben und mit ihr zu interagieren. Sie brauchen klare, verständliche Grenzen und gleichzeitig Raum, um ihre eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen.

Kinder ohne ADHS auch!