Ehrlich gestellt.
Hallo liebes Team,
mein Sohn wird im Mai vier Jahre alt. Er sagt bestimmt 50 mal am Tag Mami, manchmal sogar ohne konkret etwas wissen oder sagen zu wollen. Wie eine permanente Rückversicherung meiner Nähe und Bindung. Das geht sogar so weit, dass er, wenn mein Mann mit ihm spielt, was baut, die beiden Spaß haben, er mittendrin aufsteht und zu mir (im anderen Zimmer) geht, um mir das zu zeigen.
Wenn Freunde bei uns am Wochenende zu Besuch sind (auch Freunde aus der Kita, die er jeden Tag sieht), möchte er, dass ich immer mitspiele. Das mache ich manchmal, aber oft sage ich ihm, dass ich auch mit meinen Freunden reden möchte und er sich gern auf meinen Schoß setzen kann. Ich mache also Angebote, trotzdem in Verbindung mit ihm zu sein. Das will er aber nicht. Ich soll mit ihm spielen!
Ich soll am liebsten von früh bis spät mit ihm spielen. Wenn ich das nicht kann oder möchte und nein sage, verhält er sich so traurig, wütend und verzweifelt, als ob er sich meiner Liebe und unserer Verbindung nicht sicher ist.
Er lässt sich von niemandem außer von meinem Mann und mir gern auf den Arm nehmen, auch nicht von den Großeltern. Er ist aber sehr neugierig und offen, liebt Kontakt zu anderen Kindern, hat Freundschaften und spielt sehr gern. Übergänge fallen ihm sehr schwer, vor allem der Wechsel morgens zur Kita. Er sagt, dass er mich dort vermisst. In die Kita und die Erzieherinnen habe ich großes Vertrauen und wir sprechen uns gut ab. Wenn er dann dort ist und der Abschied geschafft ist, spielt er sehr gerne und ist super kontaktfreudig mit anderen Kindern. Ich habe den Eindruck, dass er auf dem Spielplatz viel mutiger ist, wenn ich nicht dabei bin. Sobald ich da bin, will er ständig Hilfe von mir.
Ich mache mir Vorwürfe und ich frage mich, ob ich Schuld an seinem An-Mir-Klammern bin, weil ich in der Schwangerschaft recht belastet war: Ich hatte Konflikte wegen der Schwangerschaft mit meiner Chefin, meine Mutter hatte einen Schlaganfall, dann kam eine sehr beängstigende Geburt unter strengen Corona Auflagen, eine Woche auf der Neonatologie, und danach war er ein Schreibaby… in dieser Zeit habe ich oft geweint, war besorgt und erschöpft, teilweise sogar während des Stillens.
All das musste mein Sohn miterleben und wahrscheinlich hat er dadurch nie das Gefühl entwickeln können, sicher bei mir zu sein…?
Hab ich diese unsichere Bindung verursacht und was kann ich tun?
Vielen Dank und liebe Grüße
Lara
unserer Expertin.
Liebe Lara,
vielen Dank für deine Fragen. Gerne schaue ich mit dir auf das Verhalten deines Kindes und auf die Gedanken, die du dazu formuliert hast.
Vieles, was du beschrieben hast, passt zu einem 4 jährigen Kind, manches macht dir Sorgen. Einige dieser Sorgen sind mit den Erfahrungen verbunden, die du am Schluss deiner Anfrage formuliert hast. Ich möchte dir hier erst einmal sagen, wie berührend deine klare, fast nüchterne Schilderung der Ereignisse ist. Du warst in der Schwangerschaft sehr starken Herausforderungen ausgesetzt, die sehr viel Engagement und Fürsorge gefordert haben. Konflikte am Arbeitsplatz zum Übergang in den Mutterschutz können stark belasten. Ist es doch vielen Schwangeren ein wichtiges Anliegen, ihre beruflichen Aufgaben gut abzuschließen oder zu übergeben. Wenn das nicht im Guten geschehen kann, wird der Stress noch höher.
Ein schwieriger Start
Wenn in dieser Zeit die eigene Mutter erkrankt, ist auch das emotional belastend. Die Ängste um sie haben dich bestimmt sehr mitgenommen und angestrengt. Vielleicht musstest du auch einiges organisieren, was Energie gekostet hat. Bestimmt hast du auch an dein Baby gedacht und dir Sorgen um die Wirkung des Schreckens gemacht. Ich hoffe für deine Mutter und dich, dass ihr euch über diese Zeit der Sorge umeinander einmal in Ruhe unterhalten könnt. Bestimmt wollte sie dir auf ganz andere Weise während der Schwangerschaft und des Mutter Werdens beistehen und nahe sein. Und wahrscheinlich hast du dir von ihr Zuwendung und Unterstützung erhofft? Darüber kann man meist erst sprechen, wenn die Genesung gut vorangeschritten ist. In die Ängste und Sorgen mischen sich nämlich unweigerlich auch irrationale Gefühle wie Wut oder Anschuldigungen, die den Zugang zu Vertrautheit und Nähe beschweren können. Ein offenes Gespräch dazu kann wohltuend sein.
Und zu allem auch noch die Geburt deines Kindes unter strengen Corona Auflagen. Viele Frauen haben mir von wirklich furchtbaren Geburtserfahrungen in dieser Zeit erzählt. Egal wie nötig die Auflagen waren, es hätte oftmals eine bessere Kommunikation und Erleichterungen für die Väter und nahen Familienangehörigen gebraucht. Leider gibt es nicht genug Angebote, diese tiefgreifenden Erfahrungen in sicherer Umgebung und mit wohlwollenden Fachpersonen nachzuarbeiten. Sehr viele Eltern würden davon profitieren. Konntest du denn dazu mit deiner Hebamme oder einer Vertrauensperson sprechen? Das würde ich dir sehr ans Herz legen.
Als Mutter eines Kindes, das zu früh auf die Welt kam, kann ich mich sehr gut an die Zeit auf der Neonatologie erinnern. Egal wie lange es her ist, diese Gefühle der Hilflosigkeit dem Baby gegenüber, können wie aus dem Nichts auftauchen. In den Beratungen erlebe ich oft, wie die Gedanken und Sorgen über die Auswirkungen auf die Gesundheit und die zukünftige Entwicklung des Kindes überwältigend sein können. Und auch in dieser Zeit kamen für dich und deinen Mann noch die Maßnahmen der Pandemie dazu, danach die Kontaktbeschränkungen in den ersten Monaten zuhause, dazu ein Baby, das sich nicht leicht beruhigen ließ. Das unstillbare Schreien, bei dem kaum ein Angebot der Eltern zur Beruhigung führt, ist eine erschöpfende Grenzerfahrung.
Liebe Lara, ja, es war unglaublich anstrengend, was du und dein Mann und euer Sohn bisher gemeistert habt. Und weil es so war, wurden bestimmt Fehler gemacht, und ja, das können Kinder aushalten. Denn so wie du es beschreibst, warst du und dein Mann für euer Kind da. Ihr habt Wege gefunden, diese schwierige Zeit miteinander zu bewältigen, da lief nicht alles rund, das kann es nicht, und ihr habt das Beste gegeben. Und du hast dich mit der Theorie der Bindungsentwicklung beschäftigt. Das lese ich aus deinen Fragen heraus.
Beziehungsangebote stärken die Bindung
Lass uns also schauen, was Beziehungen ausmacht, was Verbindung schafft.
Das junge Baby ist abhängig von der sogenannten Feinfühligkeit der Eltern. Diese Feinfühligkeit beschreibt, wie Eltern die Signale des Kindes erkennen lernen, und prompt und zuverlässig auf die Grundbedürfnisse, zum Beispiel nach stillen, schlafen, schreien, erkunden, kommunizieren, beruhigen, etc. eingehen können. Daraus schöpft das Kind die Sicherheit, die es braucht, um sich weiterentwickeln zu können. Wenn der Start schwer war, ist Feinfühligkeit für das Baby die richtige Form der Begleitung. Das Baby holt sich dabei immer das Beste von den Eltern. Es ist eher die Energie der Mutter beziehungsweise der Eltern, die sich erschöpft, wenn so viele Anforderungen des Alltags und unverdaute Erlebnisse nach Aufmerksamkeit rufen.
Nun, nach vier Jahren scheint sich vieles eingespielt zu haben und einiges ist zur Ruhe gekommen. In diesem Alter liegen die Entwicklungen stark im Bereich der Sprache, des Zeitverständnisses, oft wird ein Wechsel zwischen dem Autonomiebedürfnis „Selber machen!“ und einem weniger starken körperlichen Nähebedürfnis beobachtet. Nun ist vorlesen und Geschichten erzählen wertvoll, auch gemeinsames Aktivsein, spielerisches Raufen, Singen, etc.
An den Menschen in der direkten Umwelt (Familie, Nachbarn, Kita etc.) entdeckt das Kind nun verschiedene Interessensgebiete der Erwachsenen und Kinder, beobachtet verschiedene Reaktionsweisen und es entwickelt langsam die Fähigkeit, sich in andere hineinversetzen zu können. Eine gleichwürdige Kommunikation in der Familie bietet eine tragfähige Grundlage für weiteres Wachsen.
Du beschreibst euer Kind sehr klar und einfühlsam. Was dich noch beunruhigt ist deine Einschätzung, er wäre unsicher gebunden, weil der Start so schwer war und er so sehr an dir hängt.
Um eine Bindungsstörung diagnostizieren zu können, bedarf es differenzierter Untersuchungen von Fachpersonen. Das wäre hier aus der Ferne unredlich. Wenn dich das wirklich sorgt, spreche mit einer/m Fachberater*in. Unter der Bezeichnung „sicher oder unsicher gebunden“ wird vieles missverstanden, einiges hineininterpretiert. Was ich hier gerne zitieren möchte, sind neue Anmerkungen zur derzeitigen Diskussion, die der Kinderarzt und Forscher Dr. Herbert Renz-Polster gerade in seinem Blog veröffentlicht hat:
„…die frühen Bindungserfahrungen scheinen kein Schicksal zu sein. Die ersten Bindungserfahrungen mögen das Kind auf einen Weg bringen, »doch es ist ein Weg mit außerordentlich vielen Abzweigungen und Kreuzungen«, wie der Entwicklungspsychologe Jerome Kagan vermerkt.
Das alte Bild, nach dem Bindung eine Impfung fürs Leben darstellt oder gar eine Art Kapital, von dem wir unser Leben lang zehren, ist also überholt. Bindungserfahrungen wirken weiter, aber ihr Nachhall ist gedämpft und er bricht sich an jeder neuen Lebensstufe, in jeder neuen Lebenswelt, in die wir eintreten. Bemühen wir noch einmal Jerome Kagan: »Es stimmt, dass das, was in den ersten drei Jahren passiert, sehr wichtig ist. Aber genauso wichtig ist, was in den nächsten drei Jahren passiert. Und so weiter.«
Ich finde, das ist ein riesen Grund um Bindung positiv zu sehen: Kinder können sich gut entwickeln – auch wenn es um sie herum nicht optimal läuft. Und das ist gut so, denn die Welt ist nicht optimal. Ein Mensch, der als Säugling auf der Intensivstation lag, muss deshalb später nicht beziehungsunfähig sein….“
Nähe und Distanz als Lernfeld
Nun möchte ich dir anbieten, einmal mit den Augen deines Sohnes zu schauen:
Du schreibst: 50 mal am Tag Mami, manchmal sogar ohne konkret was wissen oder sagen zu wollen. Meine Vermutung ist, dass ihm das Wort und die Art, wie er Mami ausspricht, ein Wohlgefühl gibt. Wie eine Liebeserklärung. Diese Rückversicherung, wie du es nennst, ist für ihn noch wichtig auf seinem Weg in die Selbständigkeit. Ohne dich schafft er es schon gut, aber wenn du da bist, ist es schöner.
Das könntest du nun unterstützen, indem du ihm freundlich antwortest, „ja, das willst du mir zeigen“ und dich dann wieder deinem Vorhaben zuwendest. Und wenn er nicht weggehen will, bleibst du dennoch bei dem, was dich gerade beschäftigt. Er spielt so gerne mit dir, damit hast du ihm schon so viel gegeben. Nun ist vielleicht der Schritt nötig, ihm nur das anzubieten, was du wirklich geben willst. Ich glaube, er erforscht gerade deine Grenzen. Denn es kann sein, dass du wegen der Sorge „nicht genug da gewesen zu sein“, nun zu wenig zeigst ,„dass du gerade nicht für ihn da sein willst oder kannst“.
Mit vier ist die Interaktion mit der Umwelt sehr spannend. Jeder Mensch ist anders, das interessiert ihn. Also ist es vielleicht ein spannendes Lernfeld für deinen Sohn, zu erleben, dass man hier in der Familie für sich sein darf. Auch die Mama. Das kann ihn manchmal auch verärgern oder frustrieren. Du beschreibst ja auch, dass er dann ganz traurig oder wütend wird. Das gehört da hin. Es sind seine Gefühle. Die sollte er haben dürfen, ohne dass du ein schlechtes Gewissen bekommst. Wertvoll für dich kann nun der Blick zu dir sein. Was lösen diese Gefühle bei dir aus? Wie durftest du als Kind diese großen Gefühle erleben? Es scheint, du koppelst daran den Blick zurück zu „deinem Versagen“, zu „nicht genug sein“ und das tut nicht gut. Wenn du dir erlaubst, diese schwierige Zeit für dich zu bearbeiten, wird die Beziehung für dich und für deinen Sohn entspannter. Die Stimmung verändert sich dadurch.
Dein Weg, ihm Angebote zu machen, wie du es beim Besuch von Freunden beschreibst, ist wunderbar. Er hat die Wahl, zu dir zu kommen und aufzutanken, wenn es langweilig wird, zieht er bestimmt wieder weiter.
Auch am Spielplatz ist er es gewohnt, dass du dich kümmerst. Nun könnt ihr gemeinsam auf Entdeckungsreise gehen, was an diesem Ort spannend ist, und wenn er nichts für sich findet und nur mit dir sein will, dann beende es, und geh wohin, wo es dir gut geht und zeige ihm deine Welt, in der er einfach dabei sein kann. Ebenso die schwierigen Übergänge passen in seine Entwicklungsphase. Bestätigung für seine Gefühlswelt kann ihm guttun, Vermissen ist ein echtes Gefühl. Erkennt man es an, ist es leichter zu ertragen. Da könnt ihr euch für später verabreden und euch aufeinander freuen.
Du siehst, ich möchte dich einladen, die Welt des 4-Jährigen voller Neugierde zu erkunden und den suchenden Blick des Versäumten oder des Vorwurfs von ihm abzuwenden. Es ist so erleichternd, mit „neuen Augen“ zu schauen.
Dir wünsche ich Raum für Selbstfürsorge, du hast so viel geleistet, das darf Anerkennung in dir finden.
Mit herzlichen Grüßen
Astrid Draxler