Ehrlich gestellt.
Hier mein Anliegen: Unsere ältere Tochter ist 4.5 Jahre und sie hat vor einem Jahr ein Geschwisterchen bekommen. Ich lese wirklich viel zum Thema bindungsorientiert erziehen und wir haben sie auch bis vor 1 Jahr sehr bedürfnisorientiert begleitet (teilweise eventuell auch zu wenige Grenzen gesetzt…).
Seit ihre Schwester auf der Welt ist, gibt es immer wieder Situationen, die uns an die Grenze bringen und wo wir denken, dass wir durchgreifen müssen. Sie ist manchmal so aggressiv ihrer Schwester oder uns gegenüber, dass wir manchmal keine andere Wahl haben, als sie in ihr Zimmer zu bringen und die Tür zu schließen. Dann schreit sie das Haus zusammen und versucht mit aller Kraft gegen die Tür zu knallen, um sie zu öffnen. Ich versuche ihr dann zu erklären, dass wir uns und ihre Schwester schützen müssen (sowohl im Moment als auch außerhalb des Moments) und dass sie natürlich wütend sein darf, aber wir einen anderen Weg finden müssen, ihre Wut auszudrücken. Allerdings habe ich das Gefühl, es kommt nicht wirklich an. Wir versuchen auch sonst alle Tipps bezüglich Begleitung bei der nachgeburtlichen Geschwisterkrise umzusetzen (z.B. 1:1 Zeit mit ihr gemeinsam verbringen und das zu spielen, was sie möchte etc.), aber manchmal entwickle ich fast schon eine Abneigung ihr gegenüber und habe das Gefühl, dass wir uns immer weiter entfernen.
Sie lässt sehr schwer Nähe zu, d.h. wenn jemand versucht, sie zu umarmen oder anderweitig mit Körperkontakt zu regulieren, wird es nur noch schlimmer. Selbst wenn wir versuchen einfach ihre Wut in Worte zu fassen und ihr auf diese Weise nah zu kommen, eskaliert es meistens noch mehr. Daher ist unsere Verzweiflung auch so groß: wir wissen, dass sie die Kontrolle verliert über ihr inneres Lenkrad, aber wir haben auch nach 4,5 Jahren keine Idee, wie wir sie wieder in die Fahrbahn leiten können. Was kann ich tun, um wieder mit ihr in Verbindung zu kommen? Und ist es absehbar, dass es irgendwann besser wird?
Danke und herzlichste Grüße!
unserer Expertin.
Hey!
Vielen Dank für deine Frage und den Mut, sie zu stellen und dir Rat zu holen. Denn ich bin mir sicher, dass ganz viele Familien sich hier wiederfinden werden.
Es gibt Momente im Familienleben, in denen wir wirklich an unsere Grenzen stoßen. Du erlebst gerade genau so einen Moment mit deiner Tochter.
Ich spüre aus deiner Frage deine tiefe Liebe zu deinem Kind – und auch deine Verzweiflung. Du möchtest sie verstehen, du möchtest ihr helfen, aber ihre Wut scheint euch auseinanderzutreiben. Und es macht etwas mit dir, dass sie Nähe ablehnt. Das ist völlig verständlich.
Was passiert, wenn ein Geschwisterkind geboren wird?
Es gibt ein besonderes Phänomen, wenn kleine Geschwister geboren werden. Die großen Geschwister werden mit der Geburt auch plötzlich so richtig „groß“. Und das ist faszinierend.
Von einem Tag auf den anderen ist da dieses hilflose, bedürftige Mini-Wesen in der Familie, und plötzlich werden die älteren Geschwister so „erwachsen“.
Sie zeigen oft, dass sie helfen können, rücksichtsvoll sind und liebevoll mit dem Baby umgehen. Denn, das hast du zwar nicht geschrieben, aber ich bin mir sicher, dass ihr Momente habt, in denen ihr sagt: „Kannst du mir mal das Spucktuch geben?“ und die große Tochter stolz und verantwortungsvoll mithilft.
Die Kehrseite ist: Wir gewöhnen uns schnell daran. Und dann erwarten wir das auch. Dauerhaft. Wir vergessen, dass unser „großes“ Kind in Wirklichkeit auch erst vier Jahre alt ist.
Und genau das kann ein Problem sein. Denn auch wenn wir es vielleicht nicht laut sagen, tut es uns doch innerlich gut, wenn die Große einfach groß ist. Wenn sie wenig braucht. Wenn sie „vernünftig“ ist.
Dann bekommt sie eine Botschaft mit, die unausgesprochen mitschwingt: „Sei groß und vernünftig. Belaste uns nicht. Wir haben mit dem Baby genug zu tun.“
Hier kommt das Dilemma: Ein Kind, das groß behandelt wird, weil es sich oft so zeigt, wird dennoch in seinen Bedürfnissen nicht plötzlich erwachsen. Es bleibt ein Kleinkind. Mit dem tiefen Wunsch nach Verbindung, nach Halt, nach Sicherheit.
Die Botschaft hinter der Wut
Eines ist wichtig zu verstehen: Das Verhalten deiner Tochter ist sinnvoll. Sie zeigt mit ihren „Angriffen“, dem Schreien und Wüten, dass ihr etwas fehlt.
Deine Tochter sendet mit ihrer Wut keine Ablehnung.
Sie sagt nicht: „Ich will dich nicht.“
Sie sagt: „Ich kämpfe gerade. Seht ihr mich? Bin ich hier genauso sicher und wichtig wie meine kleine Schwester?“
Oft ist Wut nur ein Signal dafür, dass ein Kind in Not ist, dass es sich verunsichert fühlt, dass es nicht genau weiß, wo sein Platz ist.
Und es ist so verständlich, dass du als Mutter dann an deine Grenze kommst und dass du selbst hilflos bist, weil du eigentlich nur Frieden und Harmonie möchtest, aber stattdessen ein schreiendes Kind vor dir hast, das sich gegen alles wehrt.
Wut als Bindungsruf
Es ist wichtig, dass du weißt: Wut ist kein Zeichen von Distanz. Wut ist ein Versuch der Verbindung. Sie kämpft mit aller Kraft darum, gesehen zu werden – und sie setzt ein starkes Signal.
Das Problem ist, dass wir als Eltern oft anders darauf reagieren, als die Wut es braucht. Wenn ein Kind tobt, sich gegen Türen wirft, um sich schlägt, dann denken wir: „Wir müssen das stoppen, das darf so nicht sein!“ Aber was wäre, wenn Wut nicht „weg muss“ – sondern gehört werden will?
Nicht „Fahrbahn leiten“, sondern Verbindung stärken
In deiner Frage hast du geschrieben, dass ihr sie wieder „in die Fahrbahn leiten“ wollt. Und ich verstehe genau, was du meinst.
Aber was, wenn der Weg nicht zurück in eine „Fahrbahn“ führt, sondern genau das, was du im gleichen Satz schreibst: „In eine tiefe Verbindung“?
Es geht nicht darum, ihre Wut zu „managen“, sondern darum, sie in ihrer Not nicht allein zu lassen. Du hast es selbst so schön beschrieben: Sie verliert die Kontrolle über ihr inneres Lenkrad. Und in diesen Momenten braucht sie keine Erklärungen. Sie braucht ein Gegenüber, das hält.
Warum die Trotzphase dazugehört
Sie muss spüren: „Ich bin nicht weniger wichtig, nur weil jetzt noch jemand da ist.“ Und ja, das ist anstrengend.
Aber es bedeutet auch: Dein Kind ist gesund. Es hat ein klares Gefühl für seine eigenen Grenzen und Bedürfnisse. Ihr habt das in den letzten Jahren gut gemacht!
Wenn Nähe nicht möglich ist
Du sagst, dass sie körperliche Nähe ablehnt. Das ist okay. Manche Kinder brauchen in diesen Momenten erstmal nur das Wissen, dass der Erwachsene sagt:
Ich sehe dich.
Deine Wut ist mir nicht zu viel.
Du bist nicht allein.
Manchmal hilft es, weniger zu sagen. Einfach in ihrer Nähe zu bleiben. Ohne Druck, ohne Erwartung. Ohne, dass die Wut weggemacht werden soll. Und wenn das gespürt wird, dann kann sich das Kind auch in den Arm schmiegen.
Deine eigenen Grenzen achten
Ich finde es bewundernswert, dass du so reflektierst, dass du dein eigenes Gefühl der Abneigung gegen dein Kind bemerkst. Danke, dass du das teilst. Und lass dir gesagt sein: Das ist kein Versagen – das ist ein Warnsignal für dich, weil es sehr anstrengend ist, als Eltern beiden Kindern gerecht zu werden.
Ich finde, wenn du auch nur eine feine Spur dieses Abneigungsgefühls bemerkst, dann ist es klug, dieses Gefühl als Signal zu nehmen:
Wenn ich jetzt alleine weitermache, gerate ich an meine Grenze.
Wenn du Unterstützung hast, nutze sie – nimm dir eine Pause, tanke neue Kraft. Wenn nicht, dann sorge generell ganz besonders gut für dich.
Wird es besser?
Ja. Aber nicht, weil Wut einfach verschwindet.
Sondern weil ihr euch fragt: „Was brauchst du? Wie kannst du dich sicher fühlen?“
So lernt deine Tochter, dass sie mit allem, was sie fühlt, willkommen ist – dass sie gehört und gesehen wird.
Sie spürt, dass sie genauso wichtig bleibt, auch wenn ihr eure Aufmerksamkeit aufteilen müsst. Dass sie nichts an sich „wegsperren“ muss, um geliebt zu sein.
Und auch du erkennst, dass es nicht darum geht, sie „zurück in eine Bahn zu führen“, sondern einfach bei ihr zu sein – mit Geduld und Verbindung.
Denn Verbindung heilt. Immer.