Ehrlich gestellt.
Mein Sohn ist 7,5 Monate alt, wir wohnen mit meinen Eltern und meiner Schwester und ihrer Tochter + Mann auf einem Hof beziehungsweise einem Haus, weshalb die Kinder sehr nah aufwachsen.
Meine Schwester erzieht sehr anders als ich und das ist für mich schon schwer, da sie ihre Tochter (2,5) auf die Beine oder den Arm haut, sie anschreit und ihr mit Liebesentzug droht und emotional manipuliert. Das finde ich ganz furchtbar zu sehen und tut mir sehr leid. Ich kann auch nicht mit meiner Schwester reden, weil sie bei sowas total kritikunfähig ist.
Mein Problem jetzt ist aber noch ein anderes. Ihre Tochter legt selbst oft aggressives Verhalten an den Tag (was ja irgendwie auch wenig überraschend ist), nur leidet da nun mein Kind drunter. Sie hat ihn eigentlich sehr lieb und nimmt ihn ständig in den Arm und küsst ihn, was mir an sich eigentlich auch zu viel ist, aber manchmal drückt sie ihn einfach so fest, dass man ihr sagen muss, dass sie aufhören soll. Und dann drückt sie ihn vor Wut auf den Boden oder schubst ihn um oder kratzt ihn. Manchmal ist das auch einfach so ganz plötzlich. Er krabbelt jetzt und läuft an der Hand. Wenn er krabbelt, schmeißt sie sich oft einfach auf ihn drauf und wenn er läuft, hängt sie sich an seine Beine oder schüttelt ihn und ich habe dann ja die Hände voll und kann nicht eingreifen. Da nehme ich ihn so schnell ich kann einfach hoch. Das ist aber bei den anderen Attacken aber schwer. Eigentlich sitze ich, wenn wir uns bei unseren Eltern treffen, nur noch direkt neben meinem Kind und habe die Arme oben, damit sie ihm nicht plötzlich irgendwas auf den Kopf wirft oder ihn haut oder kratzt oder tritt. Oder zerdrückt.
Ich habe versucht, sie zu fragen, was sie braucht. Das kann sie mir noch nicht so gut beantworten, auch wenn sie sprachlich sehr weit ist. Ich habe sie auch schon mal lauter angesprochen und gesagt, dass ich das verbiete oder nicht erlaube. Dann sagt mir meine Schwester aber, das wäre doch zu doll. Sie schreitet aber nicht immer ein. Und manchmal haut sie sie und sagt, ihre Tochter dürfe meinen Sohn nicht hauen, was ich sehr paradox finde. Letztens habe ich gar nichts gesagt, aber habe halt nicht glücklich geschaut, da wurde mir gesagt, ich würde böse gucken, was ich relativ normal finde, wenn meinem Baby weh getan wird.
Ich würde gern mit meiner Schwester ein konsistentes, konstruktives gemeinsames Vorgehen erarbeiten, wie wir die Situation behandeln, nur weiß ich nicht, was wir tun können.
Vielleicht können Sie uns helfen?
unserer Expertin.
Hallo, hab Dank für deine Frage. Viele Eltern, die eng mit anderen Menschen zusammenwohnen, stellen sich die Frage, wie sie mit „Erziehungsdifferenzen“ gut umgehen können.
Für mich ist die Kernfrage dabei: Wie will ich Gemeinschaft leben? Denn ich zeige Kindern durch die Art und Weise, wie ich anderen Menschen begegne, gerade auch im Konflikt, wie ich mir ein Zusammenleben vorstelle. Kinder schauen sich ganz genau ab, wie die Erwachsenen in einer Gemeinschaft miteinander und mit den Kindern umgehen. Das ist ein sehr tiefer Eindruck, der auf der unbewussten Ebene abgespeichert wird und unser Beziehungsverhalten steuert. Insofern ist die Beantwortung dieser Frage ganz entscheidend, denn auf diese Weise tragen wir Erwachsenen viel dazu bei, wie Kinder später Beziehungen gestalten werden, ob im Miteinander oder im Gegeneinander.
Meine Eltern haben ein Gegeneinander gelebt, und ich habe viele Jahrzehnte meines Lebens damit verbracht, die Beziehungen, die ich zu mir selbst und anderen gestalte, immer besser in ein Miteinander zu verwandeln. Deshalb finde ich deine Frage wunderbar, denn dein Sohn ist noch ein Baby und du hast die Chance, hier für dich eine gute Antwort zu finden und das zu leben, was du ihm mitgeben möchtest.
Die Hand ausstrecken
Die Joker, um hier voranzugehen, sind dabei aus meiner Sicht die Beziehungen, die du zu deiner Schwester und zu deiner Nichte hast.
Wenn es meine Schwester wäre, wollte ich ihr, nachdem was du beschrieben hast, sagen, wie es mir mit ihrem Verhalten geht. „Mich schmerzt es zu sehen, wie du deiner Tochter begegnest. Wenn ich erlebe, wie du sie anschreist oder kühl behandelst, kann ich das kaum aushalten, und ich würde mir von Herzen wünschen, dass du dir anschaust, was du da machst.“ Damit hätte ich meine Gedanken auf den Tisch gestellt und es wäre jetzt an ihr zu schauen, ob sie davon etwas nehmen möchte oder kann.
Es liegt nicht in der Natur des Menschen, Kinder schlecht zu behandeln, und wenn Menschen Kinder schlecht behandeln, dann, weil sie selbst verletzende Erfahrungen gemacht haben.
Was sie dann brauchen, sind Menschen, die sie nicht dafür verurteilen, sondern die ihre Hand ausstrecken und schauen, wie gemeinsame Wege gelingen. Oder wie Jesper Juul es ausgedrückt hat: „Eisberge bringt man nur durch Wärme zum Schmelzen.“
Und vielleicht kannst du einer dieser Menschen für deine Schwester sein und Wärme reinbringen, auch wenn sie sich schädigend ihrer Tochter gegenüber verhält. Dahinter stünde die Botschaft, auch für die Kinder in eurer Gemeinschaft: Ich bleibe auf der freundlichen Seite, ich biete dir ein Miteinander an, ich gehe nicht auf das Spielfeld der Verurteilung und Abwertung, sondern schaue immer, was ich dazu beitragen kann, dass diese Welt ein kleines bisschen freundlicher wird.
Das wird dir vermutlich nicht immer gelingen, ich übe auch noch. Manchmal rutsche ich in den Gedanken: „Ja, aber der andere müsste doch sein Verhalten verändern, schließlich…“ Doch der andere Mensch macht, was er macht. Und für mich ist die einzig sinnbringende Frage, zu überlegen, was ich dazu beitragen will, um hier einen Unterschied zu machen. Und du kannst Licht ins Dunkel bringen, weil du all das wahrnimmst und eine andere Idee hast von gelingenden Beziehungen. Und deshalb fände ich es auch gut, wenn du dich einmischst.
Einmal habe ich mich erschrocken, weil der ältere Bruder dem Baby mit der Schaufel auf den Kopf hauen wollte. Ich habe ihn angeschrien: „Mensch, was machst du denn!“ und ihm wütend die Schaufel aus der Hand gerissen. Was hätte mir geholfen? Für mich wäre es gut gewesen, wenn du als Erwachsene mir gesagt hättest: „Hey, stopp. Das ist mir zu heftig.“ Damit hättest du mich wieder runtergebracht.
Und wenn man dann hinterher, wenn alle sich wieder beruhigt haben, miteinander spricht – Wie war es für dich, dass ich mich eingemischt habe? Wie wollen wir zukünftig in solchen Situationen miteinander umgehen? Was wäre gut für mich, was für dich? – dann könnte ein gemeinsamer Weg beginnen.
Wenn du einschreitest, hört deine Nichte auch: Es ist nicht in Ordnung, so behandelt zu werden. Dann können Kinder spüren: Ich bin nicht alleine, da gibt es auch noch andere Menschen in der Gemeinschaft, die auf mich aufpassen, an die ich mich halten kann. Wenn man von den wichtigsten Menschen im Leben schlecht behandelt wird, ist man sehr einsam. Deshalb ist es so hilfreich, wenn da noch andere Erwachsene sind.
Lernchancen für eure Kinder
In der Beziehung zu deiner Nichte liegt vielleicht dein größter Joker: Sie kann von dir lernen, wie du dir eine wertschätzende, warme Beziehung vorstellst. Das ist aus meiner Sicht auch der Mehrwert von Gemeinschaft. Auf diese Weise gleichen wir unsere jeweiligen Defizite aus. Was dem einen Menschen noch nicht gelingt, hat vielleicht der andere im Angebot.
Wenn du deine Nichte freundlich stoppst, wenn sie die Grenzen deines Sohnes überschreitet, ist das für sie ein wertvolles Angebot, auch für deinen Sohn, der auf diese Weise erlebt, dass er bei dir sicher ist.
Denn sie ist ja gerade erst am Beginn ihres Lernweges, zu verstehen, was in anderen Menschen vorgeht, wo deren Grenzen verlaufen, wie sie genügend Impulskontrolle aufbauen kann, um sich auch bremsen zu können… All das kann sie entwicklungsbedingt noch nicht, und sie braucht neben Zeit und Zutrauen auch freundliche Begleitung auf ihrem Weg, all das zu lernen.
Wenn du ihr zeigst, wie sie mit einem Baby umgehen kann, so dass es auch für das Baby eine schöne Zeit ist, hilft ihr das, gute Wege zu finden. Bei meinem ersten Baby hatte ich selbst als Erwachsene nicht wirklich eine Idee, wie ich mit meinem Baby sprechen kann. Ich habe meiner Hebamme zugehört, und das war so hilfreich für mich! Ihre freundliche Art, mit dem Baby in Interaktion zu gehen, hat mich tief geprägt. Ich glaube, es ist hilfreich, wenn du ihr zeigst, welche Berührungen Babys mögen, welche Spiele, woran man sehen kann, wenn ein Baby nicht mehr mag…
Und deine Freundlichkeit führt dazu, dass sie es so schnell wie möglich lernen kann. Wenn wir mit ihr schimpfen, führt es nur dazu, dass sie sich schuldig fühlt und dann länger braucht, um es zu lernen.
Wenn sie wütend ist und ihn schubst oder auf den Boden drückt, braucht es oft mehr als Worte, weil so junge Kinder sich in solchen Situationen nur schwer selbst stoppen können. Dann ist es gut, wenn wir uns dazwischen schieben und sie daran hindern, zu kratzen oder zu hauen, ohne Vorwurf, dass sie es noch nicht können, einfach als freundliche Information: „Stopp, das ist mir zu doll. Ich habe den Eindruck, du…“ Und dann biete ich ihr Worte an, die beschreiben, was ich denke, was gerade in ihr los ist.
Kurz: Ich freue mich, dass du Wege suchst, wie du zu deiner Schwester und Nichte gute Beziehungen gestalten kannst, und auch deinem Sohn den Schutz bieten kannst, den er braucht, denn dieser Wille, zu einem freundlichen Miteinander zu kommen, ist aus meiner Sicht einer der wichtigsten Zutaten für gelingende Beziehungen.
Ich danke dir dafür und sende dir herzliche Grüße
Nicole
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