Darum geht es
Wie kann mein Kind Empathie lernen? Ich möchte es nicht für die Gefühle anderer verantwortlich machen. Zugleich muss mein Kind aber doch irgendwie lernen, dass sein Verhalten Konsequenzen für andere hat?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Unsere Tochter ist 2 Jahre alt. Es gab „Probleme“ beim Zähneputzen und es kam dann zu einer Situation, in der meine Tochter mir ins Gesicht gehauen hat.

Ich habe die Situation dann schnell verlassen, da ich sehr wütend wurde (ich versuche viel an mir und meinen Themen zu arbeiten). Mein Mann, der schon dabei war, hat dann weiter gemacht. Ich saß danach im Wohnzimmer und konnte mich langsam wieder runter fahren. Nach längerer Zeit kamen mein Mann und meine Tochter dann runter und mein Mann sagte so etwas wie „Willst du Mama mal ein Küsschen geben? Die ist traurig, weil du sie gehauen hast.“, zu unserer Tochter. 

Ich habe im späteren Verlauf des Tages meinen Mann darauf angesprochen und ihm mitgeteilt, dass ich nicht möchte, dass er sowas zukünftig zu ihr sagt. Dass ich es so verstehe, dass wir unsere Kinder nicht für unsere Gefühle (oder die Anderer) verantwortlich machen sollen. Mein Mann hat das auch verstanden und mich dann aber gefragt, wie wir ihr denn aber Empathie und so weiter beibringen sollen. Dass er versteht, dass man zum Beispiel nicht sagt: „Wenn du dem Opa kein Küsschen gibst, ist er traurig.“, aber wenn unsere Tochter zum Beispiel beim Spielen einem anderen Kind das Spielzeug immer wieder weg nimmt, dass man ihr dann doch erklären und sie lernen muss, dass das andere Kind dann traurig wird und sie in dem Fall dafür ja sozusagen verantwortlich ist, weil sie das Spielzeug immer wieder klaut. Dass unsere Tochter ja schon irgendwie lernen muss, dass ihr Verhalten gewisse Konsequenzen hat, wie jedes Verhalten. Und dass sie dann im besten Fall natürlich da auch, wenn sie von der Entwicklung her so weit ist, Empathie entwickeln kann. 

Wir sind bei dem Gespräch letztendlich dann nicht weiter gekommen, weil ich leider auch keine Antworten parat hatte und auch überlegt habe, wie man damit umgehen soll. 

Vielleicht habt ihr ja ein paar Impulse. 

Die Antwort
unserer Expertin.
Wie entwickelt mein Kind Empathie?
Annette Sperling — FamilyLab Deutschland

Liebe Mama,

Wie kann ein Kind lernen, Empathie zu entwickeln? Diese grundsätzliche Frage lese ich aus Deiner Anfrage heraus – das ist eine wichtige Frage und ich freue mich darauf, dir eine Antwort zu geben. Ich finde es sehr stimmig, dass Du die Zahnputz-Situation verlassen hast, als Du gemerkt hast, dass die Wut in Dir aufsteigt. Das ist kein Beziehungsabbruch, sondern Verantwortung. Du als Erwachsene darfst Dich und Dein Kind schützen, um nicht aus einer Überforderung heraus verletzend zu werden.

Deine spätere Irritation über den Satz deines Partners „Mama ist traurig, weil du sie gehauen hast“ ist für mich ebenfalls gut nachvollziehbar. Du hast gespürt, dass ein kleines Kind nicht die Aufgabe bekommen sollte, die Gefühle der Erwachsenen zu regulieren, sich für sie verantwortlich zu fühlen oder sie „wiedergutzumachen”. Und gleichzeitig steckt in der Frage deines Mannes ein wichtiger Kern:

Wie lernt ein Kind, dass sein Verhalten auch andere Menschen betrifft?

Wie lernt ein Kind Empathie, wenn Eltern darauf verzichten wollen, diese Sätze zu sagen? Nur so viel vorab: Empathie wächst nicht aus einem schlechten Gewissen heraus. Der Weg zu Empathie führt nicht über Schuld und nicht über Scham. Lass uns das gemeinsam anschauen.

Der Entwicklungsstand mit 2 Jahren

Schauen wir uns einmal an, was ein zweijähriges Kind in Bezug auf Empathie bereits kann und gelernt hat.

Wir wissen heute: Empathie entwickelt sich Schritt für Schritt. Ein zweijähriges Kind nimmt die Stimmung seiner Bezugsperson häufig sehr genau wahr, kann sie aber noch nicht sicher einordnen. Es lernt erst nach und nach, zwischen seinen eigenen Gefühlen und denen anderer Menschen zu unterscheiden, emotionale Zusammenhänge zu verstehen und das eigene Verhalten darauf abzustimmen.

Empathie kann man Kindern nicht einfach beibringen. Sie wächst langsam in Beziehungen. Ein Kind braucht viele Erfahrungen, in denen seine eigenen Gefühle wahrgenommen, ernst genommen und begleitet werden. Erst auf dieser Grundlage entwickelt sich nach und nach die Fähigkeit, auch die Gefühle anderer Menschen besser zu verstehen. Dafür braucht es Zeit, Reifung und Erwachsene, die ihm helfen, seine innere Welt zu ordnen.

Was bedeutet das für euren Alltag? Wie entsteht Empathie überhaupt?

Empathie wächst nicht durch Erklärungen oder Belehrungen. Sie entsteht in den vielen kleinen Beziehungsmomenten des Alltags. Wenn Du zum Beispiel sagst: „Ich glaube, du warst gerade richtig wütend, oder?“ oder „Das hat mir wehgetan. Ich brauche jetzt einen kleinen Moment.“, erlebt Dein Kind: Gefühle dürfen da sein und man kann über sie sprechen. So entwickelt sich mit der Zeit die Fähigkeit, die eigenen Gefühle und später auch die Gefühle anderer Menschen besser zu verstehen.

Empathie wächst dort, wo Kinder sich sicher fühlen. Nicht dort, wo sie beschämt werden oder Angst haben, etwas falsch gemacht zu haben. Sie entwickelt sich in Beziehungen, in denen Kinder erleben: Meine Gefühle haben Platz. Ich werde begleitet. Auch schwierige Momente dürfen sein.

Weg von Schuld, hin zu Führung

Ein zweijähriges Kind handelt noch stark aus dem Moment heraus. Es ist überwältigt, impulsiv und noch nicht in der Lage, Gefühle, Impulse und die Wirkung des eigenen Verhaltens zuverlässig zu steuern. Das bedeutet: Das Kind braucht Führung.

Das kann so aussehen: „Ich lasse mich nicht hauen.“ Oder: „Du bist wütend. Ich halte deine Hände fest.“ Das Kind erlebt dadurch: Die Gefühle sind da und dürfen auch da sein. Gleichzeitig ist nicht jedes Verhalten in Ordnung.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob wir Schuld erzeugen oder Orientierung geben. Ein Satz wie „Ich bin traurig, weil du mich gehauen hast.“ kann bei einem kleinen Kind Druck oder Stress auslösen. Es versteht vielleicht: Ich bin verantwortlich für Mamas Gefühle. Ich bin schuld.

Hilfreicher könnte sein: „Du hast mich gehauen. Das hat wehgetan. Ich bin weggegangen, um mich zu beruhigen.“ Das ist klar, ehrlich und verantwortlich. Das gibt Orientierung.

Dein Mann könnte sagen: „Mama ist weggegangen, weil sie wütend war und sich beruhigen musste. Das ist gut so. Jetzt sind wir wieder zusammen.“

Vielleicht habt ihr noch den Impuls, etwas über das Verhalten eurer Tochter zu sagen. Oft reicht es aber völlig aus, wenn ihr bei euch bleibt. Zum Beispiel: „Ich möchte nicht geschlagen werden.“ oder „Ich will nicht, dass geschlagen wird.“
So macht ihr Eure Grenze deutlich, ohne Eure Tochter für Eure Gefühle verantwortlich zu machen.

Genau so wächst Empathie: durch Erfahrung, Begleitung und Vorbilder. Diese Orientierung ist ein fruchtbarer Nährboden für Empathie. Schuld und Scham sind es nicht.

Wenn Dein Kind einem anderen wiederholt Spielzeug wegnimmt, brauchst Du nicht zu sagen: „Jetzt hast du das andere Kind traurig gemacht.“, um Empathie entstehen zu lassen. Du kannst zuerst handeln und ordnen: „Stopp, das Spielzeug war gerade bei dem anderen Kind. Du möchtest die Schaufel auch haben. Sollen wir mal sehen, was wir spielen können, bis die Schaufel frei ist?“

Empathie wächst vor allem, wenn Kinder selbst Empathie erfahren. Wenn ihre Wut gesehen wird, ohne ihr Verhalten einfach laufen zu lassen. Wenn Erwachsene klar begrenzen, ohne zu beschämen, und Konflikte nicht mit Schuld, sondern mit Beziehung beantworten.

Konsequenzen des eigenen Handelns

Dein Mann spricht davon, dass eure Tochter lernen muss, dass „ihr Verhalten gewisse Konsequenzen hat“. Dies ist gut nachvollziehbar. Er möchte, dass sie zu einem mitfühlenden und sozial kompetenten Menschen heranwächst. Vielleicht steckt dahinter auch die Sorge, etwas zu versäumen, wenn man ihr solche Zusammenhänge nicht ausdrücklich erklärt. Diese Sorge kennen viele Eltern.

Tatsächlich lernt Eure Tochter aber in jeder einzelnen Begegnung mit Euch etwas über das Zusammenleben und dabei eben auch über die „Konsequenzen ihres Verhaltens“. Sie erlebt, wie Ihr auf ihr Verhalten reagiert, wie Konflikte gelöst werden und wie nach schwierigen Momenten wieder Verbindung entsteht. All diese Erfahrungen fügen sich nach und nach zu einem inneren Bild davon zusammen, wie Beziehungen funktionieren. Genau darin wächst Empathie. Nicht, weil sie erklärt wird, sondern weil sie erlebt wird. Ohne Belehrung, Moralisierung oder Beschämung.

Mit zwei Jahren gehört es zur Entwicklung, auszuprobieren und zu beobachten, welche Reaktionen das eigene Verhalten hervorruft. Die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren und die Folgen des eigenen Handelns wirklich mitzudenken, entwickelt sich erst mit zunehmender Hirnreife. Eure Tochter hat dafür noch viel Zeit.

Mit zunehmendem Alter gelingt es Kindern immer besser, sich in andere hineinzuversetzen. Dann können wir sie dabei begleiten, den Blick auch auf das andere Kind zu richten: „Schau mal, jetzt hat sich das Kind erschreckt. Was könnten wir tun, damit es gut weitergeht?“

Auf dieser Grundlage wächst die Fähigkeit, sich selbst und andere wahrzunehmen. Kinder lernen Mitgefühl nicht dadurch, dass sie Verantwortung für die Gefühle anderer übernehmen. Mitgefühl wächst, wenn sie erleben: Gefühle dürfen sein, Konflikte gehören zum Leben und Beziehungen halten auch schwierige Momente aus. So lernen Kinder ganz nebenbei – ohne Belehrung und Beschämung, aber mit Orientierung und Klarheit –, Konflikte nicht nur auszuhalten, sondern auch zu bewältigen.

Ihr seid mit Euren Gedanken und Eurer reflektierten Haltung auf einem guten Weg, Eure Tochter in ihrer Entwicklung zu einem empathischen und starken Menschen zu begleiten. Ihre und Eure Stärke entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Übung. 

Viel Freude dabei!