Ehrlich gestellt.
Nachdem ich nun zum 56. Mal in Folge (8 Wochen lang) meinen Sohn erst nach zwei bis zweieinhalb Stunden Einschlafbegleitung ins Bett gebracht habe, bin ich an einem Punkt angekommen, wo ich so nicht mehr weiter machen kann und will.
Wir befinden uns mitten in der Autonomiephase. Bisher ist jede Phase meines bald 3 jährigen Sohnes sehr extrem verlaufen, jedoch ist die jetzige Episode von allen die schlimmste und längste. Tägliche Wutanfälle und Diskussionen für alles mögliche. Derzeit sind sie etwas weniger geworden zum Glück, wäre da nicht die Angst vor dem Abend und der Nacht.
Seit 8 Wochen kämpfen wir damit, meinen Sohn zum Schlafen zu bekommen. Vorher hat es nie so lange gedauert, doch von heute auf morgen dauert es zwei bis drei Stunden. Sandmännchen, Bücher, singen, Unterhaltungen, all das wird gemacht und wenn dann wirklich endgültig Schluss sein soll, wird wieder diskutiert und es gibt Theater ohne Ende. Es wird geschrien, getreten, gestrampelt, abgelenkt was das Zeug hält, Hauptsache es muss noch nicht geschlafen werden.
Ich merke jedes Mal, wie ich innerlich immer wütender werde, denn nach dem ganzen Akt bleibt keine Minute freie Zeit mehr für einen selbst. Ich starte immer ruhig und gelassen in den Abend und irgendwann fällt es mir einfach schwer ruhig zu bleiben. Er akzeptiert einfach kein Nein. Wenn er jedoch bei seiner Oma schläft oder sie ihn bei uns zuhause in sein Bett legt, wenn wir nicht da sind, klappt alles innerhalb von Minuten und er schläft durch. Bei uns wäre das ein Traum.
Was kann ich machen, damit er auf uns hört und nicht jeden Abend so in die Länge zieht? Ich bin wirklich sehr am verzweifeln und greife nach jedem Strohhalm. Ich hoffe, Sie können mir helfen.
unserer Expertin.
Liebe Mama,
Ich kann gut nachempfinden, dass du gerade so eine herausfordernde Zeit beim Einschlafen mit deinem Sohn hast. Das kann sehr anstrengend sein, besonders wenn alles, was du versuchst, nicht zu funktionieren scheint.
Es ist vollkommen verständlich, dass du an einem Punkt angekommen bist, an dem du dir eine Veränderung wünschst. Das, was du gerade erlebst, klingt sehr herausfordernd, und du bist nicht allein mit diesen Gefühlen. Die Autonomiephase kann für alle Beteiligten ein echter Prüfstein sein – besonders, wenn es um das Thema Schlafen geht.
Dr. Herbert Renz-Polster sagte einmal:
Das bedeutet, dass es wichtig ist, diese Verbindung zu pflegen und deinem Kind das Gefühl zu geben, dass du da bist, egal wie turbulent die Situation gerade ist. Hier sind einige Ansätze, die dir helfen können, dein Kind in Ruhe beim Einschlafen zu begleiten:
Aufopfern tut nicht gut
Zu einer positiven Beziehung gehört auch, dass beide Seiten glücklich sind. Sprich, langfristig gesehen ist es auch für das Kind nicht schön, wenn es merkt, dass Mama oder Papa zwar neben einem liegen, aber eigentlich gar nicht da liegen wollen, und sie eigentlich ganz andere Dinge im Kopf haben, die erledigt werden müssen. Stellen wir uns mal vor, wir tauschen unser Kind mit unserem Partner, wie fühlt es sich an, zu wissen, dass der oder die andere zwar neben einem liegt, aber eigentlich gar nicht da sein möchte. Und noch weiter gedacht, was machen wir unseren Kindern dadurch vor? „Hey Schatz, ich liege jetzt hier ruhig neben dir, aber eigentlich platze ich vor Wut, da ich total am Ende meiner Kräfte bin und einfach meine Ruhe haben möchte?“ Dieses abendliche Aufopfern kann für beide Seiten nicht gesund sein. Und es ist Zeit, einen für beide Seiten tauglichen Kompromiss zu finden.
Es ist wichtig zu erkennen, dass dein Sohn in einer Entwicklungsphase ist, in der er seinen Willen ausdrücken und deine persönlichen Grenzen kennenlernen möchte. Diese Wutanfälle und das „Nicht-hören-wollen“ sind Teil seines Entwicklungsprozesses. Es ist wichtig, dies aber vom Einschlafen zu trennen. Denn bei der Einschlafbegleitung geht es ums Schlafen und nicht ums Erziehen.
Kinder werden nicht selbstständig dadurch, dass man von heute auf morgen die Einschlafbegleitung ändert. Sie brauchen Rückhalt, Vertrauen und Sicherheit, um einschlafen zu können und es im nächsten Schritt dann auch selbstständig zu lernen. Wir Eltern brauchen zu der Tageszeit meist einfach Zeit für uns. Unsere Akkus sind leer, die Geduld ist kaum noch vorhanden und wir sehnen uns nach der Couch und nach einem Zauberstab, mit dem wir die noch anstehenden Hausarbeiten einfach wegzaubern können. Aber wie kann ich das nun vereinen? Wie schaffe ich es, meinen Bedürfnissen ebenso wie denen meines Kindes in einem angemessenen Kompromiss zu begegnen? Es wäre doch so einfach, wenn es schon ohne viel Zutun meinerseits einschlafen würde.
Ab wann kann ich denn von meinem Kind erwarten, dass es alleine einschläft?
Für diese Frage gibt es leider keine wirkliche Antwort. Denn Kleinkinder sind genetisch so programmiert, dass sie am liebsten nie allein einschlafen. Allein sein bedeutet aus evolutionsbiologischer Sicht „Gefahr!“. Unsere Aufgabe in der Einschlafbegleitung ist es daher, ihnen Sicherheit zu geben. Denn so lernen Kinder je älter sie werden und in ihrem individuellen Tempo, dass abends zuhause im Bett wirklich keine Gefahrensituation vorherrscht. Sie fühlen sich am wohlsten mit viel Körperkontakt, durch den das Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet wird. So fühlt sich das Kind entspannt und kann mit einem Gefühl von Geborgenheit einschlafen.
Daher sollte die Zeit rund ums Einschlafen möglichst bindungspositiv gestaltet werden. Das bedeutet, alle Änderungen, die bei der Einschlafbegleitung hin zum selbstständigen Schlafen unternommen werden, sollten gemeinsam und feinfühlig überdacht sein. Je älter unsere Kinder werden, desto mehr kann ich das Bedürfnis nachvollziehen, dass dein Sohn selbstständig einschläft. Was wir bei einem Baby oder hilflosen Einjährigen als Eltern noch gerne gemacht haben, fällt uns bei einem fordernden Dreijährigen natürlich schwerer. Man ist genervt und es ist für alle Beteiligten eine unzufriedenstellende Situation. Daher ist es wichtig einmal ganzheitlich zu überlegen, wo wir ansetzen können, um eine Verbesserung zu schaffen.
Äußere Faktoren
Wie ist euer Alltag organisiert? Seid ihr viel an der frischen Luft? Denn nur dann produziert der Körper das wichtige Schlafhormon. Macht dein Sohn noch Mittagsschlaf oder ist es vielleicht an der Zeit, diesen wegzulassen? Habt ihr genug Ruhe im Alltag, so dass er auch einfach mal Zeit für freies Spiel und „runterfahren“ hat. Oftmals ist unser Alltag so voll mit Kita, Hobbys und Verpflichtungen, dass es uns so auch schwerer fällt, abends zur Ruhe zu kommen. Es lohnt sich, sich selbst mal zu beobachten und zu überlegen: Wann haben wir denn wirklich mal Ruhe als Familie, ohne ständig von einem Termin zum nächsten zu planen und zu rennen.
Auch ein festes Einschlafritual kann deinem Kind Sicherheit geben, vielleicht eine Geschichte lesen, ein beruhigendes Lied singen oder gemeinsam tief durchatmen. Wie ich gelesen habe, habt ihr da schon so einiges probiert. Vielleicht kannst du etwas finden, dass euch beiden gefällt und regelmäßig wiederholt werden kann. Sprich, nicht etwas, das „man so macht“, sondern etwas, das du von Herzen und mit Begeisterung gern tust; so gern, dass du es trotz der anstrengenden Phase abends gelassen – vielleicht sogar mit Freude – angehen kannst.
Ich hatte mit meinen beiden Töchtern auch so eine Phase, gegen Abend sind die zwei nochmal so richtig doll aufgedreht. Sie waren überhaupt gar nicht ins Bett zu kriegen. Ich hatte dann immer noch den Haushalt und unseren Hund, der dringend raus musste, im Kopf. Irgendwann sind wir dazu übergegangen, dass wir die beiden Mädels einfach mit auf die späte Abendgassi-Runde genommen haben. So konnten die Zwei ihre Energie loswerden und wir hatten, beziehungsweise haben (das Ritual hat sich bis heute gehalten) eine unglaublich wertvolle Zeit mit großartigen Gesprächen draußen bei Wind und Wetter. Vorher hatten mein Mann und ich uns immer extra so aufgeteilt, dass einer die Kinder ins Bett bringt und der andere den Hund versorgt.
Ich erzähle dir das, weil ich glaube, dass wir manchmal einfach eine kleine Veränderung in unserem Alltag brauchen, um uns und unsere Kinder wieder genießen zu können. Mehr noch, ich glaube sogar, dass es auch einen Sinn hat, dass unsere Kinder sich manchmal so verhalten, um uns zu zeigen, dass es nun wieder an der Zeit ist, mehr auf uns zu schauen und wieder die Dinge zu fokussieren, die uns Eltern glücklich machen. Denn wenn wir etwas mit Begeisterung gerne machen, dann sind unsere Kids die ersten, die wir damit anstecken. Mittlerweile sind unsere abendlichen Gassi-Runden meine absoluten Glücksmomente. Und glaub mir, ich war auch mehr als verzweifelt, mit meinen zwei aufgedrehten Mädels, die sich gegenseitig immer mehr ansteckten und hochpushten je später der Abend wurde. Und es müssen keine Abendspaziergänge sein. Ich bin mir sicher, dass es etwas gibt, das ihr gemeinsam als euer individuelles Ritual etablieren könnt.
Und denk daran, jeder Abend kann anders sein. Manchmal wird auch dieser Plan nicht aufgehen und ihr beide braucht eine Alternative für diesen Tag. Manchmal benötigt dein Kind einfach mehr Zeit oder Nähe, oder doch noch eine warme Milch, weil es nicht genug zum Abendessen hatte. Immer geduldig zu sein, ist schwer und quasi unmöglich, aber es hilft, sich bewusst zu machen, dass nicht jeder Abend gleich verlaufen kann und muss. Wenn du merkst, dass du dich gestresst fühlst, nimm dir kurz einen Moment für dich. Es macht wirklich einen riesigen Unterschied für die nächste Stunde des Abends, wenn du am Anfang erstmal inne hältst und dir klar darüber wirst, was du brauchst, um da besser durchzukommen. Wo zwickt der Schuh? Vielleicht erstmal etwas wirklich bequemes anziehen? Noch eine Tasse Tee kochen? Schnell doch diese eine Mail beantworten, die eigentlich nur fünf Minuten Zeit braucht, aber dir unendliche Kopfschmerzen bereitet, solange sie nicht beantwortet wurde? Danach kannst du dich mit mehr Geduld und Zugewandtheit auf den vielleicht wieder echt langen Abend mit deinem Kind einlassen. Falls du einen Partner an deiner Seite hast, wäre es großartig, wenn ihr euch dabei gegenseitig unterstützt. Man merkt ja, wann der oder die Andere mit den Nerven oder Kräften am Ende ist, und könnte dann bewusst einspringen, wenn es die eigenen Ressourcen erlauben.
Es ist immer wieder erstaunlich und nicht selten zu hören, dass es bei Oma und Opa anscheinend besser funktioniert. Dies kann aber mehrere Gründe haben, denn natürlich hast du als Mama viel mehr im Kopf und zu tun, als wenn Oma und Opa ab und zu das Kind übernehmen. Wir Eltern nehmen das dann oft persönlich und beziehen es auf uns und vergessen in den Momenten, dass es einfach ein Unterschied ist, ob ich die Kinder immer um mich habe und für sie sorge, sprich den ganzen Alltag mit Kind organisiere, oder als Oma und Opa aushelfe.
Oft ist es bei den Großeltern so, dass es weniger Druck oder Ablenkung und dafür viel mehr Aufmerksamkeit für das Kind gibt, da sie die Zeit ja nur für ihren Enkel eingeplant haben. Zudem kooperieren die Kinder oftmals mehr, sprich natürlich zeigt dein Sohn bei dir viel früher und unbefangener seine Gefühle und lässt sie raus. Bei Oma und Opa reißt er sich vielleicht mehr zusammen. So erklärt sich auch das Phänomen bei Abholsituationen, wenn Kinder, nachdem sie woanders eine gute Zeit hatten, beim Erscheinen von Mama oder Papa erstmal alles rauslassen. Oma und Opa standen auch bei uns schon oft da, frei nach dem Motto: „Also bei uns waren die Kinder den ganzen Tag glücklich, keine Ahnung was jetzt auf einmal los ist, wo ihr da seid“. Oftmals haben Großeltern auch andere Herangehensweisen oder einfach die Fähigkeit aufgrund von mehr Zeit, eine entspannende Atmosphäre zu schaffen, die Ruhe und Sicherheit gibt.
Es ist in Ordnung, frustriert zu sein – erkenne, dass dies Teil der Reise des Elternseins ist. Wir alle lernen und wachsen durch diese Herausforderungen. Vertraue darauf, dass ihr diese Phase meistern werdet und dass sich das Einschlafen mit eurer Veränderung wieder entspannen wird. Das beginnt mit dieser einfachen, aber sehr wertvollen Frage: Was kann ich ändern, damit die Einschlafsituation auch für mich zu einer schönen Zeit wird? Die Antworten darauf können zu unkonventionellen Lösungen führen, aber am Ende geht es darum, deine eigenen Bedürfnisse nicht in so krassem Maße für die deines Kindes unterdrücken zu müssen, damit du der Einschlafbegleitung nicht mit Anspannung, sondern Gelassenheit entgegenblicken kannst.
Gib dir und deinem Kind die Zeit, die ihr braucht. Ihr seid gemeinsam auf diesem Weg, und ich hoffe, dass ich Dir mit meinen Worten ein paar neue Impulse geben konnte, so dass es für beide Seiten wieder entspannter wird.
Herzliche Grüße,
Britta