Ehrlich gestellt.
Ich wende mich an euch, weil ich mich sehr nach einem harmonischen Familienleben sehne und wir stattdessen völlig am Ende sind und mein Mann oft die Kontrolle verliert.
Wir haben 3 Söhne und leben unseren Traum. Mein Mann und ich sind sehr verliebt und seit 5 Jahren verheiratet. Zusammen eine Familie zu gründen, war unser großer Traum. Unsere Familie bedeutet uns alles. Dass es nicht immer einfach ist, ist mir total bewusst und wir haben vor allem das letzte Jahr sehr viel an uns gearbeitet und viele Erfolge erzielt!
Eine Sache bekommen wir allerdings nicht in den Griff: Die täglichen Auseinandersetzungen, Diskussionen und Streitereien mit dem mittleren unserer drei Söhne. Er ist 6 Jahre alt und fordert uns täglich heraus. Neben seiner humorvollen und sehr zärtlichen Art ist er auch total neugierig und wissbegierig. Er hat sehr viel Energie und will alles ausprobieren. Er kennt dabei aber keine Grenzen und verspürt keine Angst. Dadurch bringt er sich oft in Gefahr und wir sind ständig in Alarmbereitschaft. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er alles liebt, was gefährlich ist. Er rast beim Fahrradfahren, schaut aber nicht nach vorne, er stellt sich an Klippen so nah an den Rand, dass mir das Herz stehen bleibt, er rennt davon und lacht sich dabei schlapp, rennt ins Meer, obwohl er noch nicht schwimmen kann und die Wellen viel zu stark sind und so weiter.
Seine Eigenschaften machen ihn sehr besonders und wir wollen ihn auf keinen Fall verändern. Wir verstehen, dass er sich mehr auspowern muss als vielleicht andere Kinder und versuchen, ihm das so gut es geht zu ermöglichen. Das ist soweit okay. Was aber für uns oft extrem herausfordernd ist, ist, dass er nur selten auf uns hört. Egal wie oft wir etwas sagen, auch wenn wir lauter werden oder in unserer Verzweiflung Dinge androhen, es scheint ihn absolut nicht zu interessieren. Immer öfter rutschen uns schlimme Sätze raus wie, dass er Schuld daran ist, dass der Tag so anstrengend war oder wir bestimmte Dinge nicht genießen können oder dass er wahnsinnig ist. Wir wissen, dass wir sowas nicht sagen dürfen, aber wir sind mit unseren Nerven völlig am Ende. Vor allem mein Mann und unser Sohn geraten sehr oft aneinander und sie sagen sich im Streit sehr gemeine Sachen. Mein Mann wird inzwischen so schnell wütend und schreit ihn an. Das alles bricht mir das Herz. Ich ertrage das nicht.
Wir führen viele Gespräche mit unserem Sohn, entschuldigen uns auch im Nachhinein für die Dinge, die wir im Affekt gesagt haben und nehmen uns gemeinsam neue Vorsätze vor. Aber am nächsten Tag geht der ganze Wahnsinn wieder von vorne los. Das ist für unsere ganze Familie so belastend und ermüdend. Ganz abgesehen davon, wie herausfordernd das Ganze ist, wenn andere Familienmitglieder oder Freunde dabei sind…
Meine Frage an euch: Was können wir machen? Wie können wir es schaffen, dass er auf uns besser hört? Wie gehen wir damit um, dass er sich so oft in Gefahr bringt und wir immer davon ausgehen müssen, dass er was gefährliches macht? Brauchen wir professionelle Hilfe? Wo bekommen wir diese?
Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen!
unserer Expertin.
Liebe Mama,
vielen Dank für Deine Offenheit und Dein Vertrauen.
Wenn Ich Eure Familiensituation lese, so fühle ich mich sehr an meine eigene erinnert, mit unserem mittleren Sohn (heute ist er 15), der so ziemlich jede Grenze überschritten hat, die sich ihm geboten hat. Einmal hat er einen recht großen Stein nach seinem Bruder geworfen, was schlimm hätte ausgehen können. Ich erinnere mich, dass ich sehr erleichtert war, dass nichts passiert war, aber vor allem sehr in Sorge, weil ich nicht wusste, was er uns sagen will, wie groß seine Not ist.
Wenn ich es aus heutiger Sicht reflektiere, hat er die Grenze, mich und seinen Vater gesucht, seinen Platz, Halt und Orientierung. Er wollte uns als Menschen spüren und nicht in unseren Rollen als Eltern. Oft habe ich seine Bedürfnisse nicht verstanden oder einzuordnen gewusst, heute verstehe ich, dass ich für ihn nicht greifbar war oder zu wenig positiv präsent (Darauf gehe ich später näher ein).
Mathias Voelchert, der Gründer von familylab Deutschland sagte in seinen Seminaren:
Dieser Satz inspiriert mich immer wieder im Umgang mit Kindern oder Menschen im Allgemeinen.
Du beschreibst Deinen Sohn liebevoll als lebendig, zärtlich, wissbegierig, neugierig, energetisch. Euch als Paar beschreibst Du als einander liebevoll zugewandt und glücklich, Euren Traum einer Familie zu leben. Eine erste Frage, die sich mir stellt, ist, wie sich Euer Sohn aktuell fühlt?
Stört er Eure Idylle? Fühlt er sich gesehen mit dem, was er alles kann? Welches Bedürfnis steckt hinter seinem Agieren?
- „Mama, Papa, liebt Ihr mich?“
- „Mögt Ihr mich, selbst wenn ich mich offenbare?“
- „Stoßt Ihr mich dann weg oder darf ich dann immer noch in enger Beziehung mit Euch sein?“
Auf Deine Frage hin, was können wir machen, dass unser Sohn besser hört, muss ich leider antworten, dass ich es nicht weiss. Ich kann mir vorstellen, dass bei Eurem Sohn ankommt, mit mir stimmt etwas nicht, ich bin schuld, dass Mama und Papa sich ärgern und sich Sorgen machen. Unterbewusst tragen wir Erwachsenen oft dazu bei, dass das unerwünschte Verhalten des Kindes sich noch verstärkt.
Kinder kooperieren immer, aber das, womit sie kooperieren, sind nicht immer die Wünsche der Eltern. Die Frage ist: Womit kooperiert Euer Sohn? Mit Eurer Angst? Euren Bedenken? Oder ist dieser Platz in der Familie gerade frei? Warum geht er an die Grenze, die für Euch kaum oder nicht auszuhalten ist und ihn auch in reelle Gefahren bringt? Sein „Spiel“ ist ein Weg, sein inneres Bewegtsein zum Ausdruck zu bringen. Ist er herausfordernd oder herausgefordert?
Die Spuren der Kinder zu lesen und richtig zu interpretieren ist eine wichtige und zugleich schwierige Aufgabe für uns Eltern.
Kinder wollen uns nicht stören; sie wollen keine Aufmerksamkeit, der Aufmerksamkeit wegen, sie wollen Beziehung, sie wollen teilhaben.
Deswegen wäre ein Ansatz, Eure Beziehungen in der Familie anzusehen. Deine Beziehung zu Deinem Sohn, zwischen Deinem Mann und Deinem Sohn, Dir und Deinem Mann, sowie zwischen den Geschwistern untereinander.
Du schreibst, dass Euer Sohn 6 Jahre alt ist. Geht er bereits in die Schule? Oder steht der Systemwechsel erst an? Mit dem Beginn der Schule liegt eine andere Norm an und das spüren die Kinder. Wenn sie noch länger im Kindergarten sind, fallen sie manchmal aus dem Rahmen, weil dieser eigentlich zu klein geworden ist, sie wollen weiterziehen. Da kann ein halbes Jahr bis zum Schulstart schon sehr lang sein. Es bleibt eine Sache der Perspektive.
Positive Präsenz
Ich möchte Euch einen Vorschlag machen, den ich präventiv für sehr hilfreich halte. Es geht dabei darum, die eigenen Sorgenbilder kennenzulernen, zu überdenken und auf eigene Wirklichkeitskonstruktionen zu achten. Wie oft benutzt Ihr zum Beispiel so absolute Worte wie „immer“ oder „nie“? Denn wenn wir ein anderes Ergebnis wollen, müssen wir anfangen, irgendwas anders zu machen. Und das beginnt meist schon in unseren eigenen inneren Bildern und Ansichten.
Fragt euch doch einmal selbst, wie oft Euer Sohn ein „Nein!“, „Stopp!“, „Mach das nicht!“, „Um Gottes Willen!“ in Situationen hört, die Euch sorgen oder in denen Ihr Euch wünscht, er würde sich anders verhalten.
Wenn wir uns von einem Nein zum nächsten hangeln, geraten wir in einen Fokus der Hoffnungslosigkeit und es entwickeln sich Feindseligkeiten zwischen Eltern und Kindern, wie Du es beschrieben hast.
Wenn unsere Kinder im Spiel versunken sind, lassen wir sie meist in Ruhe und gehen unseren Tätigkeiten nach, schreiben noch schnell eine Mail oder machen etwas im Haushalt. Das ist normal und vollkommen in Ordnung. Wir reagieren meist dann, wenn sich nun etwas verändert, wenn Geschwister sich streiten, das Kind sich wehgetan hat oder beginnt zu quengeln.
Um aus dieser Dynamik auszusteigen, kann es helfen genau dann zu den Kindern gehen, wenn sie uns nicht herausfordern und dafür sorgen, dass sie uns in einem anderen Rahmen erleben. Das meine ich mit positiver Präsenz.
Nehmt Euch also eine Karaffe Wasser, ein Glas, geht zu Eurem Sohn und setzt Euch einfach zu ihm, kommt zur Ruhe und seid da. Wenn er Euch fragt, was Ihr da macht, dann könnt Ihr sagen: „Ich interessiere mich für das, was Du tust.“
Hier geht es zunächst nur um das Beobachten, denn erst aus der Beobachtung verstehen wir das Handeln und die Initiativen des Kindes. In Stresssituationen selbst gibt es meist keine Lösungen, aber indem Ihr neue Wege schafft, kann sich Euer Sohn anders zeigen und Ihr geht mit ihm in Beziehung, obwohl Ihr Euch an anderer Stelle über ihn ärgert.
Vielleicht entspannt das bereits Eure Gesamtsituation und Du und auch Dein Mann stärkt jeweils Eure individuelle Beziehung zu Eurem Sohn.
Oft sind es wir Mamas, die sich sorgen, dass der Vater zu rau mit den Kindern umgeht, sich im Ton vergreift und Ihnen damit schadet. So ging es mir zumindest damals, als es gehäuft zu Auseinandersetzungen zwischen meinem Mann und meinem mittleren Sohn kam.
Ich möchte Dich gerne ermutigen beiden, Deinem Mann und Deinem Sohn Ihre Beziehung zuzutrauen.
Damit verliert an Gewicht, was gesagt wird, und es geht stattdessen darum, wie es gesagt wird, der gemeinsame Prozess, die Beziehungsgestaltung, ist wichtiger als der Inhalt. Da darf man auch einmal wütend sein und sagt Dinge, die einem leidtun. Wichtig ist, dass wir das erkennen – Fehler auf beiden Seiten dürfen passieren – und wir es wieder reparieren.
Wenn Ihr Euren Sohn in reeller Gefahr seht, ist es selbstverständlich, dass Ihr ihn zurück- oder festhaltet und ihm klar „Stop“ sagt, ohne großartige intellektuelle Erläuterungen.
Hier geht es um seine Sicherheit und vielleicht gibt es hier gleichzeitig Möglichkeiten zu bestaunen, was er bereits alles kann.
Heute stelle ich fest, dass immer, wenn ich wirklich authentisch war, also auch mal wütend, schreiend, traurig, wenn ich geweint oder herzlich gelacht habe, den besten Zugang zu meinen Kindern gefunden habe beziehungsweise finde. Mittlerweile – jetzt ist mein mittlerer Sohn in der Pubertät – fragt er mich: „Mama, was stört Dich denn jetzt, warum bist Du so aufgebracht?“
Ich bin tatsächlich manchmal überrascht, wie empathisch er ist und wie wir unsere Themen dann auf der Beziehungsebene gut lösen können. Auch er spiegelt mir mein Verhalten und gibt mir die Gelegenheit, darüber nachzudenken.
Und jetzt, wo ich das schreibe, fällt mir selbst wieder auf, dass ich gerne wieder mehr Situationen schaffen möchte, in denen wir uns genießen und ich positiv präsent bin.
Zuguterletzt: Du hast gefragt, ob Ihr professionelle Unterstützung braucht. Darüber kann ich nicht entscheiden, aber so wie Du Eure Überforderung beschreibst, halte ich es für ratsam. Ein kompetenter Blick von außen kann sehr hilfreich sein, Eure Situation und das Verhalten Eures Sohnes besser einschätzen zu können. Das kann eine Familienberatung sein oder vielleicht ein Gespräch mit der Kinderärztin Eures Vertrauens, die euch lokale Beratungsangebote vermitteln kann. Oft denken Eltern, sie müssten solche Herausforderungen mit sich selbst ausmachen und bleiben deshalb auf sich allein gestellt. Aber das muss nicht sein! Gerade dann, wenn die Belastung sich über einen längeren Zeitraum zieht und nicht nur eine „Phase“ ist, muss man da nicht alleine durch, sondern darf den Mut haben, sich Hilfe zu holen.
Ich hoffe, ich konnte Euch ein paar Impulse geben und wünsche Eurer Familie alles Liebe.