Darum geht es
Meine Schwiegermutter erzieht anders, kommentiert alles und macht unsere Regeln zunichte. Wie wahren Eltern ihre Linie, ohne die Familienbeziehungen zu beschädigen?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo,

Ich habe eine Frage die mich seit der Geburt meiner Tochter (2,5 Jahre) beschäftigt. Ich habe ein wirklich sehr schwieriges Verhältnis zu meiner Schwiegermutter. Wir werden in diesem Leben definitiv keine Freunde mehr. Sie hat eine respektlose Haltung mir gegenüber und versucht, mich in jeder Situation zu torpedieren in Bezug auf meine Tochter. Sprich, sie fällt mir ins Wort, wenn ich mit meiner Tochter etwas bespreche und sie versucht, meiner Tochter auch Ansagen zu machen, was ich gar nicht möchte.

Zum Beispiel: „In die Pfütze wird nicht gesprungen!“ Ich versuche gar nicht, auf sie einzugehen, sondern wende mich an meine Tochter und sage ihr, dass es voll ok ist und sie solche Sachen mit mir besprechen kann.

Wie kann ich meiner Schwiegermutter klar machen, dass sie sich zurückzuhalten hat?

Am liebsten würde ich diese Frau gar nicht mehr kommen lassen, aber ich will auch nicht der Grund sein, warum meine Tochter kein gutes Verhältnis zu ihr aufbauen kann, weil ich weiß das ich dieses Recht nicht habe.

Also meine eigentliche Frage ist: Wie kann ich deutliche Grenzen aufzeigen und wie kann ich meine Tochter unterstützen, da ihr Umgang leider auch mit ihr sehr schroff und lieblos ist?

Die Antwort
unserer Expertin.
Konflikte mit meiner Schwiegermutter
Britta Kolbe — FamilyLab Deutschland

Liebe Mutter,

ich danke Ihnen für die Frage, die sicherlich auch viele andere Mütter bewegt. Ihre Haltung, dass Sie Ihrer Tochter die Beziehung zur Oma trotz aller Differenzen ermöglichen wollen, möchte ich erstmal wertschätzen. Denn so kann sie im besten Fall lernen, dass Menschen verschiedene Werte und Haltungen haben dürfen und es ihnen trotzdem gelingt, tolerant miteinander umzugehen – auch innerhalb einer Familie. Genau dort fordert es uns aber manchmal auch am meisten heraus, denn gerade im engsten Kreis wünschen wir uns doch so Einigkeit und Harmonie. 

Unterschiedliche Biographien, unterschiedliche Perspektiven

Aber wie gelingt es uns, unserem Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen und dabei eigene Grenzen aufzuzeigen, ohne uns unterzuordnen oder anzupassen? Dafür möchte ich gerne beide „Seiten“ betrachten, zunächst die Ihrer Schwiegermutter:
Sie hat ihre ganz eigene Lebensgeschichte und vertritt Werte und Ansichten, die sie für richtig hält und gegebenenfalls über Jahrzehnte so gelebt hat. Vielleicht hat sie auch im Laufe ihres Lebens das eigene Bauchgefühl überhört und sich gesellschaftlichen Normen gebeugt. Was sie innerlich wirklich bewegt und aus welchen Gründen sie sich so verhält, wie Sie schildern, können wir nur vermuten. Im Kontakt mit Ihnen und Ihrer Tochter greift sie auf ihr eigenes, persönliches Wertesystem zurück. Ich vermute, dies richtet sich nicht bewusst gegen Sie! Sondern sie lebt es so, wie sie es für sich als stimmig erachtet.

In der anderen Position finden wir Sie, mit Ihren Ideen, Vorstellungen und Wünschen für ein respektvolles familiäres Miteinander und die Begleitung Ihrer Tochter, die sicherlich zeitgemäßer und bindungsfreundlicher sind! Und neben den pädagogischen Ansätzen gibt es sicherlich noch viele weitere Themen, in denen Sie beide sehr unterschiedlich sind. Hier prallen nun zwei Welten aufeinander, die darum ringen, welche die bessere ist. Sie wünschen sich, Ihre Schwiegermutter möge anders sein, stimmiger mit Ihrem Weltbild. Ihre Schwiegermutter wünscht sich vermutlich genau das Gleiche. Das liegt unterschwellig in der Luft und lässt wenig Raum für gegenseitigen Respekt.

Das offene Gespräch suchen

Mein Vorschlag: Bitten Sie Ihre Schwiegermutter in einem ruhigen Moment um ein Gespräch unter vier Augen. Hören Sie ihr zu und teilen Sie sich mit – auch Ihre Grenzen! Zum Beispiel:

„Ich bin dir dankbar, dass dir unsere kleine Familie wichtig ist und du Zeit mit uns verbringst. Allerdings merke ich, dass ich dabei zunehmend angestrengt bin, da wir beide häufig aneinandergeraten. Ich möchte gerne, dass wir alle eine möglichst entspannte Zeit miteinander haben, daher suche ich dieses Gespräch. Mir liegen im Miteinander und in der Erziehung diese und jene Werte besonders am Herzen.“

Und dann erzählen Sie von sich und Ihren Ansätzen. „Ich glaube, dir sind da andere Dinge wichtig, und es interessiert mich, was. Magst du mir davon erzählen? Was ist dir für unser Miteinander wichtig? Und in der Erziehung? Wie hast du es denn bei deinem Sohn (Ihrem Mann) gehandhabt?“

Hören Sie ihr zu und zeigen Sie sich, nennen Sie Ihre Grenze, was Sie möchten, und was nicht, möglichst in Ich-Botschaften. Im besten Fall ergibt sich daraus ein Austausch auf Augenhöhe, in dem sich beide zuhören und etwas voneinander erfahren, und auch ein paar Regeln geklärt werden können.

Beispielsweise: „Ich bitte dich, dass du mich respektierst und meine Sichtweisen und meine Erziehungsansätze akzeptierst. Ich werde versuchen, mich nicht einzumischen, wenn du mit meiner Tochter im Gespräch bist. Ebenso bitte ich dich, dass du dich heraushältst, wenn ich ihr gerade etwas sage. Können wir das bitte miteinander vereinbaren?“ Vielleicht können Sie anhand von Beispielen ein paar weitere konkrete Dinge besprechen.

Wohlmöglich nimmt eine offene Aussprache die Spannung und es gelingt Ihnen beiden zukünftig besser, sich gegenseitig zu respektieren. Und Ihnen ermöglicht es vielleicht, Ihre Schwiegermutter „so sein zu lassen“. Wenn diese beim nächsten Spaziergang Ihre Tochter wieder vor der Pfütze warnt, so könnten Sie dies mit einem tiefen Atemzug hinnehmen. Und wenn Sie allein mit Ihrer Tochter unterwegs sind, darf sie die Pfütze erkunden. Machen Sie sich keine Sorgen, dass Ihre Tochter dies nicht unterscheiden kann – schon sehr kleine Kinder können wunderbar mit verschiedenen Regeln umgehen. Sie wird lernen:

Bei Oma darf ich nicht in die Pfütze springen, bei Mama schon.

Wenn Sie Ihre Tochter stärken möchten, dann „sehen“ Sie sie! „Heute beim Spaziergang wollte Oma ja nicht, dass du in die Pfütze springst. Ich habe gesehen, dass dich das verunsichert oder geärgert hat, denn ich erlaube es dir ja immer.“ Dann hören Sie zu, was Ihre Tochter dazu sagt. „Ja, das fandest du schade, weil die Pfütze so schön groß war. Oma mag es vielleicht einfach nicht, wenn du nass und dreckig wirst, und für mich ist es total ok. Menschen sind da unterschiedlich, weißt du?“ 

Und zum „schroffen Umgang“ der Oma: Bleiben Sie mit der Aufmerksamkeit bei sich und leben Sie Ihre Werte und bereichern damit die Entwicklung Ihrer Tochter. Diese wird im Laufe ihres Lebens ein ganz eigenes Gespür dafür bekommen, wie sich herzliche und auch weniger herzliche Beziehungen anfühlen. Und das ist ok. Geben Sie ihr Ihre liebevolle Zuwendung – das ist ganz viel wert! Das Verhalten der Oma wird Ihre Tochter vielleicht hier und da frustrieren, doch das kann sie aushalten, wenn sie bei Ihnen Halt und Wärme findet. 

Sollte Ihre Schwiegermutter sich trotz Ihrer Aussprache weiterhin respektlos zu Ihnen oder Ihrer Tochter verhalten, so müssen Sie gegebenenfalls deutlichere Grenzen ziehen, den Kontakt minimieren oder – wenn es für Sie nicht mehr erträglich ist – auch abbrechen: „Ich habe versucht, gut mit dir auszukommen und dir deutlich zu machen, was mir wichtig ist und was ich nicht mehr möchte. Ich erlebe leider, dass sich von Deiner Seite nichts geändert hat. Das finde ich sehr schade. Ich habe momentan keine andere Lösung, als den Kontakt zu dir zu minimieren.“ 

Ich wünsche Ihnen sehr, dass dies nicht nötig ist, sondern dass sich die Spannungen zwischen Ihnen und Ihrer Schwiegermutter legen. Wenn sich die Stimmung bessert, wird das auch für Ihre Tochter spürbar. Kleine Kinder haben sehr feine Antennen für die Emotionen, die zwischen Menschen schwingen. Wenn Sie einen gelassenen Umgang miteinander erreichen, ersparen Sie ihrer Tochter damit auch einen Loyalitätskonflikt, denn sie darf Sie beide trotz aller Unterschiedlichkeit liebhaben und lernt:

So eine Oma habe ich – und so eine Mutter.

Aus all den verschiedenen Wertesystemen, die Ihre Tochter in den nächsten Jahren kennenlernt, und es werden noch einige hinzukommen, wird sie sich dann irgendwann ihr eigenes Wertesystem aufbauen. Und hoffentlich zurückblicken auf eine Familie, in der unterschiedliche Haltungen ok sind. Oder – in der mitunter klare Grenzen gezogen werden, um sich selbst treu zu bleiben.

Ich wünsche Ihnen dreien alles Gute!